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Full text of "Bericht über die Verhandlungen der Naturforschenden Gesellschaft in Basel"

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Fibrarp of the Museum 
er 
 COMPARATIVE ZOÖLOGY, 
AT HARVARD COLLEGE, CAMBRIDGE, MASS. 


Founded by private subscription, in 1861. 


The gift of LOUIS AGASSIZ. 


No. Fond 


as. 


Br Ei" Ir 


BERICHT 


ÜBER DIE 


VERHANDLUNGEN 


NATURFORSCHENDEN GESELLSCHAFT 


IN 
BASEL 
vom August 1840 bis Juli 1842. 


N N aa a a 


BASEL, 


gedruckt bei Wırurrm Haas. 


"1843. 


I. PHYSIK un CHEMIE. 


D. 2. Dec. 1840. Herr Prof. Scuönsem stellt alle 
Beobachtungen zusammen, welche bis jetzt über die Elec- 
trieitätserregung durch Dampfbildung angestellt worden 
sind und nimmt hiebei sanz besonders auf die in neuester 
von englischen Physikern und namentlich von ArnstrAnG 
gemachten Erfahrungen Rücksicht. Der Referent ist ge- 
neigt mit einigen andern Naturforschern die besprochenen 
Erscheinungen eher der Ausdehnung des stark gespannten 
Dampfes, als der Verdichtung des letztern zu flüssigem 
Wasser zuzuschreiben; ob er es gleich für wahrschein- 
lich hält, dass auch beim Uebergang des dampfförmigen 
Zustandes eines Körpers in den flüssigen Electricität ent- 
bunden werde. In dieser Beziehung macht er auf den Um- 
stand aufmerksam, dass während eines Gewitters sehr häu- 
fig nach stattgefundenem Blitze der Regen reichlicher fällt, 
‚als er es vorher gethan; und meint, dass diese Thatsache 
genügend durch die Annahme sich erkläre: es werde in 
Folge einer raschen Verdichtung von Wasserdampf in der 
Atmosphäre Rlectrieität entbunden. 


Herr Prof. Scuöngem theilt den Inhalt eines Briefes 
des Herrn Grove aus London mit, in welchem dieser Phy- 
siker seine neuesten Untersuchungen und Beobachtungen 
über den sogenannten voltaischen Lichtbogen bespricht und 
woraus erhellt, dass dieses Phänomen sehr wesentlich be- 
dingt wird, erstens durch die Natur des positiven Poles 


A 


einer Säule und zweitens durch das Medium , welches der 
fragliche Lichtbogen durchschlägt. Je flüchtiger und oxidir- 
barer besagter Pol ist und je grösser dessen Affinität zu 
dem umgebenden Medium, um so glänzender ist das in 
Rede stehende Phänomen. Ebenso glaubt Herr Grove aus 
einer grossen Anzahl von Versuchen den Schluss ziehen zu 
dürfen, dass der positive Pol, wenn z.B. aus Zink beste- 
hend, mit eben so viel Sauerstoff sich vereinige, als in der 
gleichen Zeit Sauerstoff in einem in die Säule eingeschal- 
teten Voltameter sich entbindet. Der Referent ist nicht 
der Ansicht, dass ın dem fraglichen Falle der Uebergang 
des Stromes von einem Pole zum andern ebenso vermittelt 
werde, wie diess geschieht bei der gewöhnlichen Electro- 
Iyse, d. h. durch eine Reihe von chemischen Zerlegungen 
und Wiederzusammensetzungen, indem die Umstände, un- 
ter welchen der volta’sche Lichtbogen entsteht, eine solche 
Ansicht nicht gestatten; es dürften jedoch nach Herrn Prof. 
Scuöxgsin die Grove’schen Resultate der Vermuthung Raum 
geben, dass der durch die Oxidation eines Equivalentes 
von Zink in jeder der Erregungszellen der Säule erregte 
Strom auch an dem positiven Zinkpole ein Equivalent die- 
ses Metalles auflokert und nach dem negativen Pole führt. 
Dem Urtheil des Referenten zufolge liegen aber noch nicht 
genug Thatsachen vor, um eine solche Folgerung aus den- 
selben mit völliger Sicherheit ziehen zu können. 


D. 9. Jun. 1841. Herr Prof. Scwönseın theilt eine No- 
tiz mit, gemäss welcher die zinnernen Pfeifen einer vor 
etwa acht Jahren im Entlibuch gebauten Kirchenorgel jetzt 
an manchen Stellen durchlöchert sind; ohne dass hiezu ir- 
gend eine mechanische Ursache das Geringste beigetragen 
hätte. Zuerst sind die zerfressenen Stellen ganz klein, sie 
werden aber schnell grösser, haben nahezu die Form ei- 
nesKreises und zeigen an ihrem Rande zakige Erhöhungen 


- 
[27 


und Vertiefungen. Ein einer solchen Pfeife entnommenes 
Zinnstück von etwa 9 Zoll im Gevierte hat vier solcher 
eingefressener oder ausgefallener Oeffnungen, von welchen 
die grösste einen Durchmesser von einem Zolle, die klein- 
ste einen von etwa drei Linien hat, Das Zion der besag- 
ien Orgelpfeifen wird für englisches ausgegeben. Hr. Prof. 
‚ Scuöxzein hält dafür, dass mit diesem Zinne kleine Theil- 
chen eines minder oxidirbaren Metalles mechanisch ver- 
 mengt seyen, welche mit jener Substanz und der Feuch- 
tigkeit der Luft geschlossene volta’scheKreise bildeten und 
und hiedurch das Zinn durch den Sauerstoff des zersetz- 
ten Wassers oxidirt werde. 


D. 18. Zug. Herr Prof. Schönseın weist durch eine 
Reihe von Versuchen nach, dass die GChromsäure in ihrem 
volta’schen Verhalten eine grosse Uebereinstimmung zeigt 
mit Chlor, Brom und Jod, wie auch mit den Hyperoxiden 
des Margons, des Bleies und des Silbers. Wasser z. B. 
in welchem Chromsäure gelöst ist, verhält sich zu reinem 
Wasser, wie wässriges Chlor zu reinem Wasser. Wird 
wässrige Chromsäure durch eine porose Scheidwand von 
reinem Wasser getrennt und verbindet man beide Flüssig- 
keiten durch einen Platindraht, so scheidet sich bald Chrom- 
oxid aus der wässrigen Chromsäure ab. 


Elektrochemische Untersuchungen. 
Erste Abtheilung. 


D. 19. Jan. 1842. Herr Prof. Scuönseım, über die 
volta’sche Polarisation fester und flüssiger 
Körper. Schon vor einigen Jahren erwähnte ich in ei- 
ner meiner Arbeiten über die sogenannte Polarisation fe- 
ster und flüssiger Leiter der Thatisache, dass Wasser , 


6 


durch welches der Strom einer Säule gegangen, nur dann 
polarisirt erscheine, wenn dasselbe durch Platin zur Kette 
geschlossen werde. In neuester Zeit habe ich diese in- 
teressante Erscheinung zum Gegenstande weiterer Unter- 
suchungen gemacht, und bin hiebei zu einigen Ergebnissen 
gelangt, welche mir der Mittheilung nicht ganz unwertlı zu 


seyn scheinen. 


Um möglichst zuverlässige Resultate zu erhalten und 
alle störenden Einflüsse auszuschliessen, bediente ich mich 
bei meinen Versuchen des destillirien Wassers, das einen 
Grad chemischer Reinheit hatte, wie derselbe nur immer 
erreichbar ist. Das Galvanometer, das ich zu meinen 
Strombeobachtungen benutzte, hatte 2000 Drahtwindungen, 
und war somit schon für sehr schwache hydroelektrische 
Ströme empfindlich. Die gebrauchten Elektroden hatten 
zwei Zoll Länge, fünf Linien Breite, wurden immer vor 
Anstellung des Versuches mit grösster Sorgfalt gereinigt, 
und nie trocken, sondern immer mit chemisch reinem Was- 
ser ‚benetzt, in die zu untersuchende Flüssigkeit einge- 
taucht. 


Zwei kleine, mit Wasser gefüllte Glasgefässe, deren 
flüssiger Inhalt durch eine thierische Membran von einan- 
der geschieden war, wurden einige Secunden lang mit den 
Polen einer kräftigen Säule in leitende Verbindung gesetzt, 
unter welchen Umständen eine schwache, aber doch noch 
wahrnehmbare Wasserzersetzung eintrat. Wurden hierauf 
Goldstreifen in die Flüssigkeiten beider Gefässe getaucht, 
und brachte man jene in Verbindung mit dem Galvanome- 
ter, so zeigte bei wenigstens fünfzig Versuchen die Magnet- 
nadel dieses Instrumentes auch nicht die geringste Ablen- 
kung. Ein gleich negatives Resultat ergab sich auch, wenn, 
anstatt des Goldes, Silber- oder Kupferstreifen in Anwen- 
dung gebracht wurden. Tauchte man dagegen in die frag- 


7 


lichen Flüssigkeiten Platinstreifen ein, so trat ein sehr 
merklicher Strom auf, von einer Richtung entgegengesetzt 
derjenigen, in welcher der Strom der Säule durch das 
Wasser der beiden Gefässe gegangen war. Es verhielt sich 
somit der Theil des Wassers, welcher mit dem positiven 
Pol der Säule in Berührung gestanden hatte, negativ ge- 
gen den Theil des Wassers, in welches der negative Pol 
eingetaucht gewesen. Stellte ich in dasjenige Glas, dessen 
Flüssigkeit mit dem positiven Pol der Säule communicirt 
hatte, einen Platinstreifen, in das andere Gefäss einen 
'Goldstreifen, so vermochte eine derartige Vorrichtung, mit 
dem Galvanometer verbunden, die Magnetnadel auf keine 
merkliche Weise abzulenken. Verwechselte ich aber diese 
Streifen, so erhielt ich sofort einen Strom von einer Rich- 
tung, übereinstimmend mit derjenigen, welche die mit 
zwei Platinstreifen erhaltene Strömung zeigte. 

Hatte die Elektrolyse des Wassers in den Gefässen ei- 
nige Zeit gedauert und in ziemlich merklichem Grade statt- 
gefunden, so entstand ein secundärer Strom von der an- 
gegebenen Richtung, selbst in dem Falle, wo in das mit 
dem positiven Pol in Verbindung gestandene Gefäss, an- 
statt eines Goldstreifens, einer von Silber oder Kupfer oder 
selbst von Eisen gebracht wurde, während in dem andern 
Gefäss ein Platinstreifen stand. 

Dieses Resultat muss um sa auffallender erscheinen, 
als selbst in destillirtem Wasser das Silber, Kupfer und 
Eisen positiv gegen das Platin sich verhalten. 

Es lag mir nun zunächst daran auszumitteln: ob der 
Sitz des beobachteten secundären Stromes nur in dem 
Theile des Wassers liege, welcher mit dem negativen Theile 
der Säule communicirt hatte, oder ob vielleicht auch das 
Wasser des andern Gefässes, in welchem der positive Pol 
gestanden, zu dem fraglichen Stromphänomen etwas bei- 
trage. 


Zu diesem Behufe wurden die beiden Gefässe von ein- 
ander getrennt, nachdem der Strom der Säule einige Zeit 
' durch ihren flüssigen Inhalt gegangen war, und stellte man 
das Gefäss, in welchem während der Elektrolyse Wasser- 
stoff sich entbunden hatte, in ein Glas, das gewöhnliches 
chemisch reines Wasser enthielt. Es ist kaum nöthig zu 
sagen, dass beide Flüssigkeiten auch wieder durch ein 
Membran von einander getrennt waren. Bei Verbindung 
dieser letzteren mit dem Galvanometer erhielt ich vollkom- 
men dieselben Resultate, welche mir früher die ungetrenn- 
ten Gefässe geliefert hatten. Es verhielt sich nämlich die 
mit dem negativen Pole verbunden gewesene Flüssigkeit 
positiv gegen das gewöhnliche chemisch reine Wasser, falls 
ich in jene einen Platinsireifen eintauchte, in volta’scher 
Hinsicht aber gänzlich indifferent, wenn andere Metalle an 
die Stelle des Platins gesetzt wurden. 


Brachte man den Theil der Flüssigkeit, welcher mit 
dem positiven Pol der Säule in Berührung gestanden hatte, 
in leitende Verbindung (vermittelst einer Membran) mit ge- 
wöhnlich chemisch reinem Wasser, so lieferten weder Pla- 
ün-, noch Gold-, noch Silber- oder Kupferstreifen einen 
Strom. 


Diese 'Thatsachen scheinen nun zu dem Schlusse zu 
berechtigen, dass nur dasjenige Wasser , welches mit dem 
negativen Pol communicirt hat, den Grund der secundären 
Stromerscheinung enthält; der Theil des Wassers aber, in 
welchem der positive Pol getaucht, nichts zu dem fragli- 
chen Phänomen beiträgt. 


Vermuthend, dass bei dieser Stromerscheinung der 
durch die Elektrolyse entbundene Wasserstoff die Haupt- 
rolle spiele, schüttelte ich chemisch reines Wasser mit 
Wasserstoffgas, das auf chemischem Wege dargestellt wor- 
den war, und combinirte Volta’sch diese Lösung mit rei- 


9 


nem Wasser. Verband ich nun beide Flüssigkeiten ver- 
mittelst Platinstreifen mit dem Galvanometer, so trat eine 
starke Ablenkung der Nadel im Sinne der Wasserstoftlö- 
sung ein, d.h. letztere war positiv gegen das gewöhnliche 
Wasser. Liess ich einen Platinstreifen in besagter Lösung 
stehen, und brachte ich in das reine Wasser einen Strei. 
fen von Gold oder von Silber, oder von Kupfer oder Ei- 
sen, so ging auch unter diesen Umständen noch ein Strom 
vom wasserstoffhaltigen zum ‘reinen Wasser, wobei es sich 
jedoch von selbst versteht, dass bei Anwendung von Gold- 
oder Silberstreifen ein stärkerer Strom erhalten wurde, als 
der war, welchen Kupfer- oder Eisenstreifen lieferten. 


Setzte man die letzt erwähnien Flüssigkeiten durch 
gleichartige Metallstreifen, z. B. durch goldene, silberne, 
kupferne, in leitende Verbindung mit dem Galvanometer, 


so wurde dieses nicht merklich affhıeirt. 


Da aus den voranstehenden Angaben erhellt, dass Was- 
ser, welches in Verbindung mit dem negativen Pole einer 
Säule gestanden, in volta’scher Hinsicht genau so sich ver- 
hält, wie eine künstlich gemachte. Wasserstofflösung, so 
dürfte auch wohl gefolgert werden, dass in beiden Flüs- 
sigkeiten es der Wasserstoff sey, welcher die nächste Ur- 
sache der in Rede stehenden Stromerscheinuns: enthält. 


Wenn es nun scheint, als ob die Berührung zwischen 
einer Wasserstofflösung und gewöhnlichem Wasser "eine 
elektrische Spannung zur Folge habe, d.h. als ob jene Lö- 
sung positiv, das blosse Wasser negativ werde bei ihrem 
Contact, so lässt sich aus einigen der angeführten That- 
sachen deutlich abnehmen ,' dass dem doch nicht so sey. 


Würden nämlich beide Flüssigkeiten es vermögen, für 
sich allein schon in entgegengesetzte elektrische Zustände 
zu treten, so müssten jene nothwendig einen Strom lie- 
fern, mit welchem Metalle man sie auch zur Kette schlösse. 


10 


Nach den vorhin erwähnten Erfahrungen entsteht aber bei 
Anwendung von Gold, Silber, Kupfer etc. als Schliessungs- 
mittel kein Strom; was zeigt, dass die Wasserstofflösung 
und Wasser keinerlei Art von elektromotorischer Wirkung 
auf einander ausüben. 

Um mit den erwähnten Flüssigkeiten Ströme zu erhal- 
ten, ist es eine unerlässliche Bedingung, dass Platin in die 
Wasserstofflösung eintauche; woraus erhellt, dass dieses 
Metall, der Wasserstoff und das Wasser in einer eigen- 
thümlichen , ausnahmsweisen volta’schen Beziehung zu ein- 
ander stehen, und Platin in dieser Hinsicht von Gold, Sil- 
ber, Kupfer, Eisen und wahrscheinlich von allen übrigen 
metallischen Körpern sich unterscheidet. Ob einige der 
sogenannten Platinmetalle, z. B. das Iridium, unter den 
oben erwähnten Umständen ähnlich dem Platin wirken, 
habe ich noch nicht ausgemittelt, vom Palladium jedoch 
weiss ich, dass es sich wie Gold, Silber etc. verhält. 

Von der Ansicht ausgehend, dass der in hydro-elek- 
trischen Ketten auftretende Strom nicht aus dem blossen 
Contact heterogener Materien, unabhängig von Stoffsverän- 
derung, sondern aus einer chemischen Thätigkeit entsprin- 
ge, kann ich auch nicht umhin, den durch Platin, Was- 
serstoff und Wasser erzeugten Strom von einer chemischen 
Ursache abzuleiten. 

Aber welche chemische Thätigkeit soll denn wohl statt- 
finden, wenn die drei letztgenannten Materien in gegensei- 
tiger Berührung stehen? Der dermalige Stand des chemi- 
schen Wissens lässt uns in der That nicht einsehen, wel- 
che Art von Wechselwirkung unter den angegebenen Um- 
ständen Platz greifen sollte, und wir müssen sagen, dass 
die erwähnten Stoffe völlig unwirksam in chemischer Be- 
ziehung zu einander sich verhalten. 

Man könnte vielleicht aber annehmen, dass die kleine 
‚Menge des im Wasser gelösten Sauerstoffs unter dem Ein- 


11 


fluss des Platins mit dem Wasserstoff, der in der gleichen 
Flüssigkeit enthalten ist, zu Wasser sich vereinigt und dass 
in dieser chemischen Thätigkeit die Quelle des beobachte- 
ten Stromes läge. Ich selbst hegte früher diese Meinung, 
bin aber davon aus mehr als einem Grunde zurückgekom- 
men. 

Mir ist keine einzige Thatsache bekannt, welche den 
Beweis lieferte, dass in Folge der Vereinigung freien 
Sauerstoffs mit freiem Wasserstoff, oder irgend eines iso- 
lirten Elementes mit einem andern isolirten einfachen Stoff 
eine volta’sche Strömung einträte. Und dann machen es 
die Untersuchungen FAranAay’s und diejenigen einiger an- 
dern Physiker im hohen Grade wahrscheinlich, dass in 
den sogenannten hydro-elektrischen Ketten nur dann ein 
volta’scher Strom entsteht, wenn in denselben ein elektro- 
Iytischer Körper eine chemische Zersetzung erleidet, wenn 
also z. B. das Wasser seinen Sauerstoff oder die Salzsäure 
ihr Chlor an ein Metall der Kette abtritt. 

Mag dem aber seyn wie ihm wolle, so liegt eine That- 
sache vor, die auf das Ueberzeugendste darthut, dass in 
dem vorliegenden Falle der beobachtete Strom seinen Ur- 
sprung nicht in einer directen Oxydation des Wasserstoffs 
nimmt. Kocht man nämlich das Wasser, ehe man in ihm 
Wasserstoffgas auflöst, sorgfältigst aus, und entfernt man 
ebenfalls vor dem Versuche alle Luft von den Platinstrei- 
fen; ist also weder in der Wasserstofflösung, noch an den 
Platinelektroden freier Sauerstoff vorhanden, so geht nichts 
destoweniger von der letztgenannten Flüssigkeit zum rei- 
nen Wasser ein Strom, dessen Stärke um Nichts vermehrt 
wird, wenn man auch in die. Wasserstofflösung atmosphä- 
rische Luft oder reines Sauerstoffgas einführt. Da die An- 
oder Abwesenheit von Sauerstoff in der besagten Wasser- 
stofflösung keinen Einfluss auf das erhaltene Resultat aus- 
übt, so sind wir wohl auch berechtigt zu schliessen, dass 


12 


der auftretende Strom seine Entstehung nicht der Verbin- 
dung des Wasserstoffs mit freiem Sauerstoff verdankt. 


Sollte vielleieht die in Rede stehende Stromerschei- 
nung aber doch nicht in irgend einem Zusammenhange 
stehen mit dem so merkwürdigen Vermögen des Platins: 
schon bei gewöhnlicher Temperatur die Afünität zwischen 
Sauerstoff und Wasserstoff zu erregen und deren chemi- 
sche Verbindung einzuleiten ? 

Die Chemiker haben uns bis jetzt nur zwei Verbin- 
dungen dieser Elemente kennen gelehrt: das Wasserstoff- 
superoxyd und das Wasser. Es ist nun aber nichts we- 


niger als eine chemische Unmög 


andere Oxydationsstufen des Wasserstoffes gebe, und na- 


lichkeit, dass es auch noch 


mentlich auch eine solche, in der sich weniger Sauerstoff 
als isn Wasser finde, also ein sogenanntes Wasserstoff- 
suboxyd. Es wäre ferner möglich, dass der im Wasser 
gelöste Wasserstoff durch die Anwesenheit des Platins be- 
stimmt würde, mit einem Theile jener Flüssigkeit sich zu 
verbinden und damit ein Suboxyd zu bilden. 


Wenn es nun eine bekannte Thatsache ist, dass in der 
Regel das Suboxyd eines Radicals zu einer höheren Oxy- 
dationsstufe des letzteren positiv sich verhält, so kann die 
Vermuthung nicht sehr gewagt genannt werden, dass auch 
das vermuthete Wasserstoffsuboxyd zum Wasser in der ge- 
nannten volta’schen Beziehung stehe. 


Nehmen wir aber an: das Platin, in Folge seiner ei- 
genthümlichen Wirkung auf den Wasserstoff, bewerkstelli- 
ge in dem Wasser, welches jenes Element gelöst enthält, 
die Bildung eines solchen Suboxyds, so würde sich die 
oben besprochene Stromerscheinung ganz einfach aus die- 
ser Hypothese erklären, und würden wir durch letztere 
namentlich auch die Thatsache begreifen, dass Gold, Sil- 
ber und Kupfer in der erwähnten Wasserstoffkette keinen 


13. 


Strom zu verursachen im Stande sind, weil eben diesen 
Metallen das (katalytische) Vermögen abgeht, aus Wasser- 
stoff und Wasser ein Suboxyd zu. erzeugen. 


Ich kann nicht umhin, an diesem Orte eine Thatsache 
zu besprechen, welche nach meinem Erachten einen Zu- 
sammenhang mit dem eben jetzt in Rede stehenden Gegen- 
stand zu haben scheint, Gold, Silber und Kupfer zeigen, 
nachdem sie in reinem Wasser als negative Elektroden ge- 
dient haben, positive Polarität. Die Ursache dieses Zu- 
standes kann nun wohl nicht in einer an diesen Metallen 
haftenden Wasserstoifschicht liegen; denn wenn dieselben 
in eine Atmosphäre von Wasserstoffgas gehalten oder auf 
irgend eine andere Weise mit diesem Elemente in Berüh- 
rung gesetzt werden, so verändern sie unter solchen Um- 
ständen ihren volta’schen Charakter durchaus richt, wäh- 
rend, wie diess meine früheren Versuche gezeigt haben, 
das Platin unter diesen Verhältnissen beinahe augenblick- 
lich die positive Polarität erlangt. 


Wenn nun aber der Wasserstoff das Gold, Silber und 
Kupfer nieht positiv zu polarisiren vermag, wie kommt es 
denn, dass diese Metalle als negative Elektroden bei der 
Elektrolyse des reinen Wassers dennoch positiv werden? 
Letztere Substanz kann bei ihrer Zerlegung anscheinend 
nichts anderes am negativen Pole absetzen als Wasserstoff, 
und da dieses Element keinen volta’schen Einfluss auf die 
genannten Metalle ausübt, sollte denn der blosse Durch- 
gang des Stromes durch dieselben verändernd auf ihren 
elektromotorischen Charakter einwirken? 


Dass dem nicht so ist, habe ich früher durch Versu- 
che nachgewiesen, erhellt aber schon aus dem einfachen 
Umstande, dass Platin, wie Gold, Silber und Kupfer als 
negative Elektroden nur dann positive Polarität erlangen, 
wenn sie in eine elektrolytische Flüssigkeit eintauchen. Es 


JA 


muss also diese Polarität von irgend einer auf die negative 
Elektrode abgelagerten Materie herrühren. 

Es ist eine wohlbekannte Sache, dass bei der Elektro- 
lyse häufig secundäre chemische Producte sich bilden, und 
es sind in der That die meisten Verbindungen, welche der 
sinnreiche BEcquEreL auf volta’schem Wege dargestellt hat, 
derartige Erzeugnisse. Ich halte es sogar für sehr wahr- 
scheinlich, dass bei jeder Elektrolyse solche secundäre Pro- 
ducte entstehen. & | 

Indem nun das reine Wasser durch einen Strom zer- 
legt wird und Wasserstoff an der negativen Elektrode auf- 
tritt, könnte es gar wohl geschehen, dass ein Theil dieses 
Elementes mit Wasser zu Wasserstoffsuboxyd sich verbän- 
de, ganz in derselben Weise, wie z. B. der am positiven 
Pole ausgeschiedene Sauerstoff mit dem Oxyd eines in der 
Zersetzungszelle vorhandenen Bleisalzes zu Hyperoxyd sich 
verbindet. 

Da der Wasserstoff im Augenblick, wo er den Sauer- 
stoff des Wassers verlässt, im nascirenden Zustande sich 
befindet, so ist er auch in dieser Beschaffenheit fähig, che- 
mische Verbindungen einzugehen, in welche derselbe als 
gasförmiger Körper nicht einzutreten vermöchte. Nehmen 
wir nun an, dass bei der Elektrolyse des Wassers auf der 
negativen Elektrode Wasserstoffsuboxyd sich bilde, so wird 
es begreiflich, warum Gold, Silber und Kupfer, als nega- 
tive Pole in Wasser functionirend, eben so gut positiv po- 
lar werden als das Platin. 

Vorausgesetzt es entstehe wirklich unter den angeführ- 
ten Umständen ein solches Suboxyd, so fragt es sich, wel- 
che chemische Wirkung dasselbe auf reines Wasser aus- 
übe, um mit diesem einen Strom erzeugen zu können. 

In dem Augusthefte des Philosophical Magazine von 
1839 habe ich mich umständlich über eine Kette ausge- 
sprochen, in welcher die elektromotorischen Elemente rei- 


. | 28 
nes Wasser und Blei- oder irgend ein anderes Metallsu- 
peroxyd sind, Substanzen also, welche nach der Annahme 
der Chemiker für sich allein durchaus nicht auf einander 
zu wirken vermögen, und dennoch, wenn zur Kette ge- 
schlossen, einen Strom erregen. Da eine Kette aus 
Wasser und Wasserstoffsuboxyd gebildet genau entgegen- 
gesetzt wäre derjenigen, welche aus Wasser und Bleihy- 
peroxyd besteht, so beziehe ich mich hier auf die fragliche 
Abhandlung, und bemerke nur noch, dass nach meinem 
Dafürhalten ein Theil des im Suboxyde enthaltenen Was- 
serstoffs dieselbe Beziehung zum Sauerstoff des reinen Was- 
sers hat, in welcher ein Theil des im Bleihyperoxyd ent- 
haltenen Sauerstoffs zum Wasserstoff des gewöhnlichen 
Wassers steht. 

Es ist weiter oben bemerkt worden, dass Wasser , 
welches mit dem positiven Pol einer Säule in Berührung 
gestanden, in welchem also Sauerstoff entbunden worden 
ist, gegen gewöhnliches Wasser in volta’scher Hinsicht voll- 
kommen indifferent sich verhalte, selbst in dem Falle, wo 
beide Flüssigkeiten durch Platin zur Kette geschlossen - 
werden. 

‘ Nach meinen Erfahrungen sind aber Platin und Gold, 
nachdem sie im reinsten Wasser als positive Elektroden 
gedient haben, in einem auffallenden Grade negativ polar 
gegen gewöhnliches Gold und Platin. Worin hat nun die- 
ser Zustand der fraglichen Metalle seinen Grund? Muar- 
rEuccı giebt zwar an, dass Platin, welches einige Zeit in 
einer Atmosphäre von Sauerstoffgas sich befunden habe, 
eine negative Polarität zeige; mir ist es aber noch nicht 
gelungen, ein solches Verhalten zu beobachten, obgleich 
ich schon oft das letztgenannte Metall, wie auch das Gold 
in chemisch reinen Sauerstoff brachte. Ich kann daher 
wohl kaum die negative Polarität, welche die erwähnten 
Metalle als positive Elektroden in reinem Wasser erlangen, 


16 


jenem Elemente zuschreiben, und muss die Ursache des 
fraglichen Zustandes in einer andern Materie suchen. 


Es könnte sich nun allerdings als secundäres Product auf 
dem positiven Pol während der Elektrolyse des Wassers etwas 
Wasserstoffsuperoxyd bilden, indem nämlich ein Theil des 
an diesem Pole freiwerdenden Sauerstoffs mit dem ihn um- 
gebenden Wasser in Verbindung träte. Wie aber Becaue- 
reL schon gezeigt hat, verhält sich das genannte Hyper- 
oxyd zum Wasser abnorm, d. h. nicht negativ, wie diess 
die Mehrzahl der Hyperoxyde thut, sondern positiv. Ei- 
nige Versuche, die ich selbst mit dem oxydirten Wasser 
angestellt, haben mir die Angaben des französischen Phy- 
sikers vollkommen bestätigt, und es kann somit das Was- 
serstoffsuperoxyd nicht wohl die Ursache der beobachteten 
negativen Polarität der positiven Gold- und Platinelektro- 


den seyn. 


Da die Chemiker annehmen, dass das Gold und Platin 
direct nicht oxydirbar seyen, und der an ihnen während der 
Elektrolyse des Wassers an ihnen ausgeschiedene Sauer- 
stoff nicht einmal spurenweise mit denselben sich verbin- 
de, so würde bei Voraussetzung der Richtigkeit dieser An- 
nahme, die in Rede stehende Polarität auch nicht von den 
Oxyden dieser Metalle abgeleitet werden dürfen. DerARıve 
ist allerdings anderer Meinung, und behauptet geradezu, 
. dass Gold und Platin, als positive Pole einer Säule die- 
nend, sich zu oxydiren vermöchten. Wir werden weiter 
unten die Angaben des verdienten Genfer Physikers ge- 
nauer prüfen, und hier nur bemerken, dass wir bis jetzt 
noch nicht dessen Ansicht theilen können. 


Aus meinen frühern Untersuchungen über die Natur 
des elektrischen Geruchs hat sich ergeben, dass während 
der Elektrolyse des Wassers, am positiven Pole eine gas- 


17 


formige Substanz sich entbinde, welche das Vermögen be- 
sitzt: ım Golde und im Platin augenblicklich eine starke 
negative Polarität hervorzurufen, ganz in derselben Weise, 
wie diess Chlor und Brom zu thun im Stande sind. 


Von welcher chemischen Natur nun auch jene riechen- 
de Materie seyn mag, so scheint mir kaum ein Zweifel 
darüber obzuwalten, dass sie es eben ist, welche das aus- 
serordentliche elektromotorische Vermögen dem Gold und 
Platin ertheilt, während diese Metalle als negative Elektro- 
den innerhalb des Wassers functioniren. 


Ehe ich den Gegenstand der volta’schen Polarisation 
verlasse, kann ich nicht umhin, noch auf einen merkwür- 
digen Unterschied aufmerksam zu machen, welcher zwi- 
schen sauerstoffhaltigen und halogenhaltigen Elektrolyten 
stattfindet, 


Lässt man durch zwei Gefässe, welche z. B. mit Chlor- 
oder Bromwasserstoffsäure gefüllt sind und durch eine 
thierischeMembran unter einander in leitender Verbindung 
stehen, auch nur einen Augenblick den Strom einer Säule 
gehen, so werden dieselben, wie ich diess schon ander- 
wärts bemerkt habe, einen secundären Strom liefern, d.h. 
sich polarisirt zeigen, mit welchen Metallen sie auch zur 
Kette geschlossen werden mögen. Trennt man die besag- 
ten Gefässe, nachdem sie längere oder kürzere Zeit mit 
der Säule in Verbindung gestanden, von einander ab, und 
bringt dasjenige derselben, welches mit dem positiven Pol 
communieirt ‚hatte, in volta’sche Gombination (vermittelst 
einer thierischen Membran) mit gewöhnlicher Salzsäure 
. oder Bromwasserstoffsäure, so erhält man beim Schliessen 
einer so beschaffenen Kette einen Strom, der von der ge- 
wöhnlichen Salzsäure zu der andern Flüssigkeit geht. Ob 
Platin, ob Gold, Silber oder Kupfer benutzt wird, um be- 
sagte Flüssigkeiten mit dem Galvanometer zu verbinden, ist 

2 


18 


gleichgültig; man erhält immer das gleiche Stromresultat. 
Wird das Gefäss, in welchem der negative Pol gestanden 
hatte, mit gewöhnlicher Salzsäure Volta’sch verbunden, so 
erhält man von dieser Kette nur in dem Falle einen Strom, 
wo dieselbe durch Platin geschlossen wird, und dieser se- 
cundäre Strom geht‘ von der mit dem negativen Pol in 
Verbindung gestandenen Salzsäure zu der gewöhnlichen 
Salzsäure. Es ist jene gegen diese positiv. 


Aus den zuletzt angeführten 'Thatsachen erhellt, dass 
der Zustand, welchen ein Strom in reinem Wasser oder 
in einer wässrigen Lösung eines Oxyelektrolyten hervor- 
ruft, verschieden ist von demjenigen Zustand, in welchen 
die Salzsäure oder die wässrige Lösung eines halogenhalti- 
gen elektrolytischen Körpers durch einen Strom versetzt 
wird. In der ersten Art von Flüssigkeiten trägt nur der- 
jenige Theil zur Erzeugung des secundären Stromes bei, 
welcher mit dem negativen Pole der Säule communieirt 
hat; während bei der zweiten Art von Elektrolyten auch 
der Theil derselben noch elektromotorisch wirkt, der mit 
dem positiven Pol in Berührung gestanden. 


Wie ich mich durch eine grosse Anzahl von Versu- 
chen überzeugt habe, liegen die hervorgehobenen Verschie- 
 denheiten des Verhaltens -beider Arten von Flüssigkeiten 
einzig und allein in dem Umstande begründet, dass Chlor 
und Brom gegen gewöhnliches Wasser in einem ausgezeich- 
neten Grade negativ sich verhalten und diese Elemente am 
positiven Pole auftreten, wenn die elektrolytische Flüssig- 
keit Chlor-, Brom- oder Fluorwasserstoffsäure oder die 
wässrige Lösung eines Haloidsalzes ist. 


Haben wir es mit reinem Wasser oder mit der wäss- 
rigen Lösung einer Sauerstoffsäure zu thun, so erscheint 
an dem positiven Pole nur Sauerstoff, und dieser verhält 
sich gegen Wasser in volta’scher Hinsicht völlig indifferent. 


19 


Es kann daher auch eine wässrige Lösung desselben mit 
reinem Wasser keine wirksame Kette bilden. 

Nun entwickelt sich aber, wie diess in meiner Ab- 
handlung über den elektrischen Geruch angegeben ist, an 
der positiven Elektrode während der Elektrolyse des Was- 
sers ausser dem Sauerstoffe noch eine gasförmige Materie 
(das Ozon) welche in ihren elektromotorischen Eigenschaf- 
ten die grösste Aehnlichkeit mit den Salzbildnern besitzt, 
d. h. welche nach der Sprache der Elektrochemiker emi- 
nent elektro-negativ ist. Wie kommt es nun, dass das 
reine Wasser, welches mit dem positiven Pol einer Säule 
in Berührung gestanden hat, nicht negativ polarisirt wird, 
wie diess mit der Salzsäure unter den gleichen Umständen 
der Fall ist? Es sollte jene Flüssigsigkeit freies Ozon ent- 
halten, wie die letztgenannte Säure freies Chlor enthält, 
und also auch gegen gewöhnliches Wasser negativ sich ver- 
halten. Hierauf ist zu sagen, dass das riechende elektro- 
negative Princip in äusserst geringer Menge in Wasser 
vorhanden, und in freiem Zustande in dieser Flüssigkeit 
schwerer löslich ist, als es Chlor und Brom z. B. sind. 
Es kann daher der Theil des Wassers, in welchen die po- 
sitive Elektrode getaucht hat, auch nur sehr schwache Spu- 
ren der fraglichen Materie aufgelöst enthalten, und somit 
nur äusserst schwach elektro -motorisch wirken. 

‚Dass die gegebene Erklärung die richtige seyn dürfte, 
scheint aus folgendem Umstande zu erhellen. Wird in 
eine verhältnissmässig grosse Flasche, gefüllt mit dem am 
positiven Pole sich entwickelnden riechenden Princip, eine 
kleine Menge reinen Wassers gegossen und dieses längere 
Zeit mit dem Inhalte des Gefässes geschüttelt, so erhält 
man eine Flüssigkeit, die sich gegen reines Wasser gerade 
so in volta’scher Hinsicht verhält, wie eine wässrige Chlor- 
lösung gegen Wasser. Da nun eine wässrige Sauerstofflö- 
sung gegen reines Wasser Volta’sch indifferent ist, so kann 


20 


jene Lösung ihren elektromotorischen Charakter einzig dem 
in ihr aufgelösten elektro-negativen Princip (dem Ozon) 
verdanken, und besitzt sie ein merkliches elektromotori- 
sches Vermögen deshalb, weil unter den angeführten Um- 
ständen das Wasser so viel Ozon aufnimmt, als es nur im- 
mer aufnehmen kann. Ich muss indessen bemerken, dass 
reines Wasser, wie lange man es auch mit der riechenden 
gasförmigen Materie schütteln mag, doch immer nur eine 
schwache negative Polarität erlangt. 

Fassen wir nun das bisher Besprochene kurz zusam- 
men, so können wir es in folgenden Sätzen aussprechen: 


4) Eine Wasserstofflösung bildet mit reinem Wasser 
nur dann eine wirksame Kette, wenn dieselbe mit Platin 
geschlossen wird. Mit andern Metallen, z. B. mit Gold, 
Silber, Kupfer, Eisen etc. liefert sie keinen Strom. 


2) Reines Wasser oder mit einer Sauerstoffsäure ver- 
setztes Wasser, durch welches der Strom einer Säule ge. 
gangen, erscheint nur dann polarisirt oder liefert einen se- 
cundären Strom, wenn die beiden Portionen dieser Flüs- 
sigkeit, welche mit den Polen in Berührung gestanden, 
durch Platin leitend verbunden werden. Mit andern Me- 
tallen erhält man keinen Strom. 

3) In dem letzteren Falle trägt nur derjenige Theil 
der elektrolytischen Flüssigkeit zur Stromerregung bei, 
welcher mit dem negativen Pol communicirt hat. 

4) Unter den angeführten Umständen geht der Strom 
von der Wasserstofflösung zum reinen Wasser, von dem 
Theil der Flüssigkeit, in welchen die negative Elektrode 
getaucht hat, zu demjenigen, in welchem die positive Elek- 
trode gestanden. 

5) Der fragliche Strom hat seinen Grund wahrschein- 
lich in Wasserstoffsuboxyd, welches sich aus Wasser und 
Wasserstoff unter dem Einiluss des Platins bildet. 


21 


’ 


6) Die negativen Metallelektroden, welche in die ge- 
nannten oxyelektrolytischen Flüssigkeiten eingetaucht ha- 
ben, verdanken den unter diesen Umständen erlangten po- 
sitiven polaren Zustand wahrscheinlich einer sie umgeben- 


den Hülle von Wasserstoifsuboxyd. 


7) Die negative Polarität, welche die positiven Elek- 
troden (Gold und Platin) in den gleichen Flüssigkeiten er- 


langen, scheint von einer Hülle Ozones herzurühren. 


8) Die negative Polarität, welche ein Strom in Salz- 
säure, Bromwasserstoffsäure oder in der wässrigen Lösung 
irgend eines halogenhaltigen Elektrolyten hervorruft, rührt 
von freigewordenem Chlor, Brom,’ oder irgend einem an- 
dern Salzbildner her. 


9) Die negative Polarität, welche Gold oder Platin als 
positiver Pol in den elektrolytischen Flüssigkeiten der letzt- 
genannten Art annimmt, hat ihren Grund ebenfalls in ei- 
ner Hülle von freiem Chlor, Brom oder irgend einem Salz- 


bildner. 


 .D.2. Febr. Herr Prof. Scuönsew, über die di- 
reete Oxydirbarkeit des Platins und des Gol- 
des. Herr ve LA Rıvz hat schon vor einigen Jahren und 
erst neulich wieder in einer eigenen Abhandlung (siehe 
N®. 1. Archives de l’Electricite) es wahrscheinlich zu ma- 
chen gesucht, dass Gold und Platin mit dem Sauerstoff 
auf eine unmittelbare Weise in chemische Verbindung tre- 
ten könne. Aus der directen Oxydirbarkeit dieser Metalle 
sucht der verdiente Genfer Physiker eine Reihe von Er- 
scheinungen zu erklären, wie z.B. dasDöbereiner’sche 
Phänomen, den elektrischen Geruch, welcher sich bei der 
Elektrolyse des Wassers am positiven Gold- oder Platin- 
pol entwickelt, wie auch die negative Polarität, welche 


22 


diese Metalle als positive Elektroden in elektrolytischen 
Flüssigkeiten erlangen. Da der in Rede stehende Gegen- 
stand eine nicht ganz gewöhnliche Wichtigkeit für die Che- 
mie hat, und die erwähnte Annahme pe ıA Rıve’s im Wider- 
spruche mit den bisherigen Ansichten der Naturforscher 
steht, so dürfte eine genaue Erörterung derselben eine 
nicht ganz unzeitige und verdienstlose Arbeit seyn. 


Die wichtigsten und wesentlichsten Gründe, welche 
der Genfer Physiker für die directe Oxydirbarkeit des Gol- 
des und des Platins anführt, sind folgende: 


4) Dient bei der Elektrolyse des Wassers ein Platinblech 
als positive Elektrode, und Platindraht als negative, 
so erhält man auf zwei Raumtheile entbundenen Was- 
serstoffs merklich weniger als ein Volumen Sauer- 


stoff, und zwar um so weniger Sauerstoff, je grösser 


der Unterschied der Oberfläche beider Elektroden ist. 


2) Gold und Platin, nachdem sie längere Zeit abwechselnd 
als positive und negative Elektroden in einer elektroly- 
tischen Flüssigkeit functionirt haben, verlieren an ih- 
rer Oberfläche den Zusammenhang und es lagert sich 
an derselben ein metallisches Pulver ab. 


Was nun den ersten Beweis für die fragliche Oxydir- 
barkeit betrifft, so will ich zunächst bemerken, dass mir 
keine Erfahrung bekannt ist, welcher gemäss bei Anwen- 
dung von Goldelektroden, welches auch das Verhältniss 
ihrer Oberfläche zu einander seyn mag, auf ein Volumen 
entbundenen Sauerstoffs nicht merklich genau zwei Raum- 
theiles Wasserstoffe erhalten würden. Wenn es aber als eine 
ausgemachte Sache angesehen werden darf, dass das Gold 
als positive Elektrode keine merkliche Menge Sauerstoff zu- 
rückhält, so kann der unter I. angeführte Grund für die 
directe Oxydirbarkeit des genannten Metalles wohl kaum 
geltend gemacht werden. 


23 


Was ist aber aus dem Sauerstoff geworden, der an 
der positiven Platinelektrode mangelt? Hat er sich wirk- 
lich chemisch mit dem Platin verbunden, oder haftet er, 
nach Farapay’s Ansicht, nur auf eine physikalische Weise 
an der Oberfläche des Metalls ? 


De ra Rıye führt in seiner neuesten Abhandlung einen 
Versuch an, in welchem ein verhältnissmässig kleines Pla- 
tinblech, als positive Elektrode dienend, nicht weniger als 
4 Kubikcentimeter Sauerstoff zurückhielt. Es erschienen 
nämlich an der negativen Elektrode 20 Kbkc. Wasserstoff- . 
gas, während an der positiven Elektrode nur 6 anstatt 10 
Kbkc. Sauerstoff entbunden wurden. Liess man dieses 
Blech bei einem zweiten Versuche als negative Elektrode 
functioniren, so wurden ungefähr 8 Kbkc. Wasserstoff we- 
niger frei, als man nach der Menge des am positiven Pole 
entwickelten Sauerstoffs hätte erhalten sollen. 


Aus diesen Thatsachen erhellt nun allerdings, dass 4 
Kbke. Sauerstoff auf der Oberfläche des besagten Platin- 
bleches hafteten, nicht aber, dass jenes Element mit dem 
Metalle eine chemische Verbindung eingegangen. 


Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, dass die Ober- 
fläche des Platinblechs, in welcher Menge dasselbe auch 
Sauerstoff verschluckt und wie lange es als positive Elek- 
trode gedient haben mag, durchaus metallisch bleibt, und 
hiedurch auch nicht die allergeringste Verminderung sei- 
nes metallischen Glanzes verursacht wird. Nun wissen wir 
aber, dass die Beschaffenheit der Oberfläche eines Metalls 
durch die allergeringfügigste Oxydation auf eine sehr wahr- 
nehmbare Weise sich verändert. Erhitzen wir z. B. ein 
Stückchen Palladiumblech, so bedeckt sich dessen Ober- 
fläche mit einer tiefblauen Oxydschicht, und der Metall- 
glanz geht verloren; die empfindlichste Wage ist aber nicht 
im Stande, eine Gewichtszunahme des Metalls bemerklich 


24 


zu machen. Auf eine ähnliche Weise verhält sich das Ei- 
sen und noch manches andere Metall. 

Wenn nun 4 Kbke. Sauerstoff, eine Menge, die wäg- 
bar ist, chemisch sich verbindet mit der Oberfläche eines 
verhältnissmässig kleinen Platinblechs: sollte diese Ober- 
fläche nicht merklich verändert werden durch die sich bil- 
dende Oxydhülle? Von welcher physikalischen Beschaffen- 
heit auch dieses Oxyd seyn mag, mit Gewissheit lässt sich 
doch annehmen, dass dieselbe verschieden sey von derje- 
nigen des Platins, und eben deshalb sollte die Oberfläche 
dieses Körpers sich verändern, sobald auf ihr auch nur 
die allerschwächste Oxydation stattgefunden. Da diess 
aber durchaus nicht geschieht, so sind wir auch geneigt 
anzunehmen, dass der Sauerstoff unter den erwähnten Um- 
ständen an dem Metalle nur mechanisch hafte und nicht 
mit diesem chemisch verbunden sey. 


Der berühmte Genfer Physiker führt zwar an, dass 
selbst unter dem besten Mikroskop nicht das geringste Gas- 
bläschen am Platin wahrgenommen werde, das als positi- 
ve Elektrode gedient habe, und dass man den anhaftenden 
Sauerstoff auch nicht durch Reiben, vom Metalle zu entfer- 
nen vermöge. Allein diese Thatsachen scheinen mir kein 
Beweis für den chemisch gebundenen Zustand des Sauer- 
stoffs zu seyn; denn an der Holzkohle z.B., die ihr neun- 
zigfaches Volumen Ammoniakgas verschluckt hat, nimmt 
man, so viel ich weiss, auch keine Luftbläschen wahr, und 
lässt sich das eingezogene Ammoniak auch nicht durch Rei- 
ben wegschaffen, ohne dass aber deshalb hieraus bis jetzt 
der Schluss gezogen worden wäre: das verschluckte Gas 
sey mit der Kohle chemisch verbunden. 


Aus den angeführten Gründen will es mir daher schei- 
nen, als ob die unter I. angeführte Thatsache nicht als Be- 
weis dienen könne für die Richtigkeit der Behaupturg: dass 


25 


das Platin theilweise mit dem an ihm durch den Strom aus- 
geschiedenen Sauerstoff sich chemisch verbinde. 


Was die zweite Thatsache betrifft, durch welche Herr 
DE LA RıvE die directe Oxydirbarkeit des Goldes und des 
Platins darzuthun sich bemüht, so scheint dieselbe aller- 
dings etwas mehr Beweiskraft zu besitzen, als diejenige, 
die wir eben besprochen haben. Haben Gold- oder Pla- 
tinbleche eine Zeit lang in einer oxy -elektrolytischen Flüs- 
sigkeit abwechselnd als positive und negative Elektroden 
gedient, so erscheint an ihrer Oberfläche ein Metallpulver, 
wie diess geschieht, wenn man Kupfer oder irgend ein an- 
deres direct oxydirbares Metall denselben Dienst hat ver- 


richten lassen. 


Es ist wohl ausser Zweifel, dass im letztern Falle das 
Metall abwechselnd oxydirt und desoxydirt. wird, und ein- 
leuchtend genug, schreibt man die hiebei stattfindende Auf- 
lockerung der Metalloberfläche diesen chemischen Actionen 
zu. Gesetzt nun, für das Kupfer und andere leicht oxy- 
dirbare Metalle sey diese Erklärung die richtige; folgt 
denn hieraus wohl mit Nothwendigkeit, dass der Zusam- 
menhang des Goldes und des Platins auch durch abwech- 
selnde Oxydationen und Reductionen bewerkstelligt werde? 


Würde die directe Oxydirbarkeit dieser Metalle auf 
anderweitige Weise schon dargethan seyn, so liesse sich 
die Auflockerung, welche dieselben unter dem Einflusse 
hin- und hergehender Ströme erleiden, wohl auf die er- 
wähnte Art deuten, und man könnte sich, mit einer sol- 
chen Erklärung begnügen. Allein wenn diese Auflockerung 
selbst als Hauptargument für die fragliche Oxydirbarkeit 
geltend gemacht und letztere nur aus einer Analogie ge- 
folgert wird; dann darf man wohl verlangen, dass der Be- 
weis geliefert werde: es könne der Zusammenhang des Pla- 
tins und des Goldes durch nichts Anderes als durch die 


26 


angenommenen Oxydationen und Reductionen bewerkstel- 
ligt werden. 

Ist es denn unmöglich, dass z. B. der einfache Strom- 
übergang schon einen desaggregirenden Einfluss auf den 
Zusammenhangszustand der fraglichen edlen Metalle aus- 
übe? Nach den Versuchen Gxrovz’s, Gassıor’s, DAnıEnL’s 
und oe ra Rıve’s selbst werden von dem positiven Pole ei- 
ner sehr kräftigen Säule, aus welcher festen Materie der- 
selbe auch bestehen mag, Theile losgelöst, und diese nach 
dem negativen Pole hinübergeführt, in dem Falle nämlich, 
wo nach vorangegangener Schliessung der Säule die beiden 
Pole wenig von einander entfernt werden. 

Dieses merkwürdige Phänomen, das man namentlich 
auch am Platin schön beobachten kann, ist offenbar von 
chemischen Thätigkeiten vollkommen unabhängig, und muss 
als eine rein physikalische Wirkung des Stromes angesehen 
werden, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil das- 
selbe auch im luftleeren Raume oder in einem Medium 
stattfindet, welches auf die Substanz der Pole nicht die 
mindeste chemische Wirkung auszuüben im Stande ist. Wie 
räthselhaft und unerklärlich für uns die fragliche Thatsa- 
che noch erscheinen muss, so liefert sie doch den Beweis, 
dass auch ohne die Vermittlung von Oxydationen und Re- 
ductionen oder anderweitiger chemischen Vorgänge der Zu- 
sammenhang der Theilchen eines Poles aufgehoben werden 
kann. Wenn dem aber so ist, warum sollte es nicht ge- 
schehen können, dass z. B. von der positiven Platinelek- 
trode Theilchen sich ablösten und dieselben durch die elek- 
trolytische Flüssigkeit hindurch nach dem negativen Pole 
geführt würden? Tauchen z. B. zwei Platin- oder Gold- 
bleche in eine elektrolytische Flüssigkeit ein, und dienen 
dieselben abwechselnd als positive und negative Elektroden, 
wie diess bei einigen der ve za Rıve’schen Versuche der 
Fall war, so lässt sich wohl einsehen, warum mit der Zeit 


27 


an beiden Blechen ein Metallpulver in merklicher Menge 
sich abgelagert findet. 


Wenn nun die oxydirbareren Metalle das Phänomen 
der Auflockerung in einem ausgezeichneteren Grade als 
Gold und Platin zeigen, so könnte diese Eigenthümlichkeit 
davon herrühren, dass bei jenen zwei Ursachen eine phy- 
sikalische und chemische, bei diesen aber nur die erste 
der genannten Ursachen wirksam wären. 


Es ist auch nicht unmöglich, dass der an den edlen 
Metallen stattfindende Wasserbildungsprocess auf irgend 
eine Weise mechanisch irennend auf die Theilchen dersel- 
ben wirkte. 


In sofern also die Möglichkeit gedacht werden kann, - 
dass die fragliche Auflockerung des Platins und des Goldes 
durch rein physikalische Thätigkeiten des Stroms verur- 
sacht werde, so möchten wir aus blossen Gründen der 
Analogie, dem Verhalten der oxydirbaren Metalle entnom- 
men, das in Rede stehende Phänomen noch nicht unbe- 
dingt einer chemischen Ursache beimessen, und erst dann 
die Richtigkeit der Erklärung pe ıA Rıyr’s anerkennen, wenn 
die directe Oxydirbarkeit des Platins und des Goldes auch 
noch durch andere Thatsachen ausser Zweifel gestellt seyn 
wird. 

Der ausgezeichnete Genfer Physiker unterscheidet in 
der schon mehrmals angeführten Abhandlung die oberfläch- 
liche Oxydation von derjenigen, welche sich von der Ober- 
fläche eines Körpers aus mehr oder weniger tief in dessen 
Inneres erstreckt durch eine Art von Cämentation, und 
sagt, dass jene Art von Oxydation den edlen Metallen, 
diese aber den oxydirbareren eigenthümlich sey, und in 
dem Umstande, dass die Chemiker diese beiden Oxydati- 
onsweisen nicht gehörig von einander unterschieden hät- 
ten, findet ve 1A Rıve den Grund, weshalb man kisher die 


25 


direete Oxydirbarkeit des Goldes und des Platins nicht er- 
kannt habe. 


Wir haben bis jetzt geglaubt, die Oxydation eines Me- 
talls von Aussen nach Innen erfolge ganz einfach so, dass 
das auf seiner Oberfläche sich bildende Oxyd den Zusam- 
menhang mit der noch nicht oxydirten Masse des Körpers 
verliere und hiedurch neue Metalltheile der Einwirkung 
des Sauerstofls bloss gelegt werden, die, nachdem sie oxy- 
dirt worden, abermals vom Metall sich losreissen, um wie- 


der neue Theile des Metalls zu entblössen u. s. w. 


Wenn nun dieses der wahre Vorgang der Sache ist, 
und der Unterschied wirklich besteht, den ve LA Rıve an- 
‚nimmt, so würde hieraus folgen, dass die Hülle des Oxy- 
des, welche sich z. B. in einer Sauerstoffatmosphäre um 
Platin bildet, so zusammenhängend und so innig mit dem 
Metalle verbunden sey, dass der Sauerstoff jene Hülle 
nicht zu durchdringen, und daher nur die äusserste Ober- 
fläche des fraglichen metallischen Körpers zu oxydiren ver- 
möchte. 


Wollen wir zugeben, dass das Platinoxyd zu seinem 
Metalle in dieser so unwahrscheinlichen Beziehung stehe. 
Da in manchen Säuren, namentlich in Schwefelsäure und 
Salpetersäure, das Platinoxyd etwas löslich ist, so kann 
durch dieselben, nach ve LA Rıve, selbst das auf directem 
Wege gebildete Oxyd vom Platin weggeschafft werden. 
Würde man nun dieses Metall zu wiederholten Malen der 
Einwirkung des Sauerstoffs und einer der genannten Säu- 
ren aussetzen, und operirte man hiebei auf etwas beträcht- 
liche Oberflächen des Platins, so müsste nothwendig das 
Gewicht des letzteren vermindert und endlich eine merk- 
liche Menge des Oxyds in der Säure angetroffen werden. 
Diesen directesten aller Beweise für die unmittelbare Oxy- 
dirbarkeit des fraglichen Metalls vermissen wir in der 


29 


DE La Rıve’schen Arbeit, und deshalb haben wir uns auch 
bemüht die bedeutende Lücke auszufüllen. 

Ein Platinblech von zehn Quadratzollen Oberfläche und 
einem Gewichte von 9280 Milligrin., das vorher auf die 
sorgfältigste Weise durch Kochen in Salpetersäure u. s. w. 
gereinigt worden war, verband ich mit dem positiven Pol 
einer äusserst kräftigen Grove’schen Säule, liess dasselbe 
in verdünnte Schwefelsäure eintauchen und an ihm wäh- 
rend 15 Minuten eine schr lebhafte Sauerstoffgasentwick- 
lung stattfinden. Hierauf wurde das Blech weggenommen, 
in destillirtem Wasser abgespült, eine Viertelstunde lang 
in kochende chemisch reine Salpetersäure von 1,45 spec. 
Gew. gelegt, dann abermals in reinem Wasser abgewaschen, 
zum Glühen erhitzt und hierauf gewogen. Es konnte nicht 
der geringste Gewichtsverlust am Platin bemerkt werden. 
Ich wiederholte die eben erwähnten Operationen ein Dutzend 
Male, und nach Beendigung derselben wog das Platinblech 
gerade so viel, als vor Anfang der Versuche, denn ich 
betrachte einige Milligramme, die endlich fehlten, nicht als 
einen Gewichtsverlust, da durch die verschiedenen Mani- 
pulationen, die mit dem Bleche vorgenommen wurden, von 
letzterem leicht eine so unbedeutende Menge Metalls auf 
mechanischem Wege abgelöst werden konnte. Hätte sich 
nun bei jedem Versuch auch nur ein Zehntel Milligrm. 
Sauerstoffs mit dem Platinblech chemisch verbunden, so 
müssten sich bei den zwölf Operationen 1,2 Millisrm. die- 
ses Elementes mit dem Metalle vereinigt haben, und wür- 
den hiedurch etwa 14 Millisrm. Platin oxydirt worden seyn, 
also eineMenge, die durch eine gute Wage schon bestimm- 
bar ist. Wie schon oben erwähnt worden ist, fehlten 
DE LA Rıve bei cinem seiner Versuche 4 Kbkc. Sauerstoff; 
diese wiegen, wenn ich mich nicht täusche, 5 Milligrm., 
und hätten sich dieselben nun mit Platin verbunden, so 
müsste das Blech, nachdem es mit Säure behandelt und 


30 


geglüht worden, einen Gewichtsverlust von 60 Milligrm. 
gezeigt haben, was aber, meinen Versuchen zufolge, nicht 
der Fall gewesen seyn würde, wäre auch der Versuch 
von DE LA RıvE angestellt worden. 

Wir glauben daher berechtigt zu seyn, aus den eben 
angeführten Thatsachen den Schluss zu ziehen, dass der 
in dem pe LA Rıye’schen Versuch am positiven Pole fehlen- 
de Sauerstoff nicht mit dem Metalle chemisch verbunden 
sey, sondern nur mechanisch am Platin hafte. 

Der Genfer Physiker nimmt, wenn ich mich nicht sehr 
täusche , ferner an, dass Salpetersäure oder Schwefelsäure 
fähig seyen, das Platin zu oxydiren, und es wird diese 
Annahme auf die Thatsache gestützt, dass das durch Ab- 
kochen in einer der genannten Säuren gereinigte Metall 
mit gewöhnlichem (in Luft gelegenem) Platin Volta’sch 
combinirt und in eine gesäuerte Flüssigkeit eingeführt, ei- 
nen Strom erregt, welcher vom gereinigten Metalle zum 
gewöhnlichen geht. Herr ne LA Rıv meint nämlich, dass 
unter diesen Umständen das gereinigte Platin von der sau- 
ren Flüssigkeit chemisch angegriffen werde, während diese 
letztere das gewöhnliche Metall (bereits mit einer Oxyd- 
hülle umgeben) entweder gar nicht oder doch weniger sich 
oxydire, als jenes (das gereinigte Platin). 

Da nun nach pe ıA Rıve selbst das’ Platinoxyd sich in 
Salpetersäure auflöst, und er gerade hiedurch das gewöhn- 
liche Platin in dieser Flüssigkeit positiv werden lässt, so 
müsste, scheint es mir, liesse das fragliche Metall wirklich 
durch Salpetersäure sich oxydiren, dasselbe beim Kochen 
in Salpetersäure sich auflösen. Unter diesen Umständen 
würde nämlich das Platin der Säure immer eine reine me- 
tallische Fläche darbieten, in sofern das Oxyd in dem Au- 
genblicke seiner Bildung von der sauren Flüssigkeit aufge- 
nommen werden müsste, und die Eigenthümlichkeit des 
Platins nicht durch Cämentation, sondern nur oberflächlich 


si 
sich oxydiren zu können, keinen Einfluss ausüben dürfte. 
Es müsste also, wäre die Annahme pe LA Rıyr’s richtig, 
' Platin lange genug und mit einer hinreichenden Menge Sal- 
petersäure behandelt, gänzlich aufgelöst werden; die bis- 
herigen Erfahrungen der Chemiker zeigen aber, dass rei- 
nes Platin, auch noch so lange mit kochender reiner Sal- 
petersäure oder Schwefelsäure in Berührung gelassen, nichts 
von seinem Gewichte verliert. Dürfen wir nun nicht aus 
dieser Thatsache schliessen, dass dieses Metall auch nicht 
einmal spurenweise von den. genannten Säuren oxydirt 
werde? 

Können wir aber die directe Oxydirbarkeit des Platins 
und des Goldes weder im Sauerstoffgase noch in Salpeter- 
säure und Schwefelsäure als bewiesen ansehen; müssen 
wir diese Oxydirbarkeit vielmehr als gegen Thatsachen 
streitend betrachten, so vermögen wir auch nicht der An- 
sicht beizutreten, welche ve LA Rıve in seiner Abhandlung 
über die Ursache der von den Platin- oder Goldelektroden 
erlangten volta’schen Polarität geäussert hat. Nach dieser 
Ansicht nämlich würde die positive Polarität, welche die 
negative Elektrode während des Stromdurchganges erlangt, 
davon herrühren, dass der an ihr während der Wasser- 
elektrolyse auftretende Wasserstoff die Oxydhülle reducir- 
te, welche das Gold oder das Platin im natürlichen Zu- 
stand immer umgebe. Der Wasserstoff diente also bloss 
dazu, der negativen Elektrode eine rein metallische Ober- 
fläche zu geben. Die negätive Polarität der positiven Blek- 
trode lässt pe LA Rıve umgekehrt auf einer an letzterer 
sich bildenden Oxydhülle beruhen. Tauche man nun, sagt 
der 'berühmte Genfer Physiker, die beiden Elektroden nach- 
dem sie einige Zeit functionirt haben, in Salpetersäure 
oder Schwefelsäure ein, so werde die Elektrode von rei- 
ner metallischer Oberfläche‘ von der sauren Flüssigkeit 
stärker angegriffen, als’ die mit einer Ozydhülle behaftete , 


32 
und eben deshalb verhalte sich die negative Elektrode po- 
sitiv gegen die positive Elektrode. 


Lässt man zwei Platinstreifen, welche kürzere oder 
längere Zeit in reinem Wasser als Elektroden gedient ha- 
ben, in chemisch reines und von aller Luft befreites Was- 
ser eintauchen, und verbindet man dieselben mit einem 
etwas empfindlichen Galvanometer, so tritt unter diesen 
Umständen eine sehr merkliche Ablenkung der Nadel ein, 
welche Abweichung zeigt, dass die negative Elektrode po- 
sitiv, die positive Elektrode negativ ist. Welche chemische 
Wirkung soll aber das chemisch reine Wasser auf die (nach 
pe LA RıvE) rein metallische Oberfläche der negativen Elek- 
trode ausüben? Wird das Wasser etwa durch das Platin, 
und zwar schon bei gewöhnlicher Temperatur, zersetzt, 
und letzteres auf Kosten des erstern sich oxydiren? Um 
den secundären Strom, der unter den erwähnten Umstän- 
den auftritt, muss, wie mir scheint, ve 1A Rıve die ge- 
stellte Frage bejahend beantworten; ich zweille aber recht 
sehr, dass die Chemiker eine derartige Wasserzerlegung 
für wahrscheinlich halten werden. 


Combinirt man einen Platinstreifen, der sich längere 
Zeit in einer Sauerstoffatmosphäre befunden, mit einem 
andern Streifen desselben Metalls, welcher in Wasser als 
positive Elektrode functionirt hat, so erregt auch dieses 
Metallpaar beim Eintauchen in luftfreies Wasser einen 
Strom, dessen Richtung zeigt, dass die positive Elektrode 
negativ zum Platinstreifen sich verhält, welcher sich in der 
Sauerstoffatmosphäre befunden. Nach ve La Rıve’s Ansicht 
sollten beide Streifen in elektromotorischer Hinsicht voll- 
kommen indifferent gegen einander seyn, gar keinen Strom 
erregen, selbst bei der unwahrscheinlichen Annahme, dass 
blosses Wasser auf Platin chemisch: zu wirken vermöge; 
denn beide Metallstreifen müssen ja, nach ve ra Rıve, mit 


33 


einer Oxydhülle umgeben, folglich auch beide gegen die 
chemische Einwirkung des Wassers geschützt seyn. 

Combinirt man Volta’sch eine wässrige Sauerstofilö- 
sung mit einer wässrigen Wasserstofflösung, und taucht 
man in jede dieser Flüssigkeiten einen Platinstreifen ein, 
dessen Oberfläche durch die von FarApar angegebenen 
chemischen Mittel vorher gereinigt worden ist, so sollte 
man gemäss der Theorie des Genfer Physikers erwarten, 
dass unter diesen Umständen ein Strom entstände, von 
der Sauerstofflösung zu der Wasserstofflösung gehend; 
weil, nach oe ıA Rıve’s Annahmen, auch durch die Ver- 
bindung eines Metalles mit freiem Sauerstoff das elektri- 
sche Gleichgewicht gestört wird, und das Platin fähig ist, 
schon bei gewöhnlicher Temperatur auf eine directe Weise 
sich zu oxydiren. Nun 'taucht in dem fraglichen Versuche 
ein Platinstreifen mit reiner Oberfläche in ein leitendes Me- 
dium ein, das freien Sauerstoff enthält, und es befindet 
sich ein Metallstreifen von gleicher Beschaffenheit in einer 
wässrigen Wasserstofilösung; es sollte sich daher der Strei- 
fen in ersterer Flüssigkeit jedenfalls leichter oxydiren , als 
diess der Streifen in der Wasserstofllösung zu thun ver- 
mag. Nichts destoweniger verhält sich aber das Platin in 
der letztgenannten Flüssigkeit positiv zu dem Platin, das 
in die Sauerstofflösung taucht. 

Aus den so eben angeführten, wie auch aus den wei- 
ter oben auseinandergesetzten Gründen kann ich die An- 
sichten DE ıA Rıve’s über die Ursache der von den Elek- 
troden, unter dem Einfluss eines Stroms erlangten Polari- 
täten nicht für richtig halten. 

Durch die Hypothese der direeten Oxydirbarkeit des 
Platins bei gewöhnlicher Temperatur sucht der Genfer Phy- 
siker auch das Davr-Dösereiner’sche Phänomen zu erklä- 
ren, das heisst, dasselbe aus einem Wechsel von Oxyda- 
tionen und Desoxydationen des genannten Metalles abzulei- 


2 
{9} 


34 


ten, und es wird die Thatsache, dass ein Platindraht, wel- 
cher bei einer Davy’schen Glühlampe einige Zeit gebraucht 
worden ist, eine rauhe und zertheilte Oberfläche annimmt, 
als Hauptbeweis für die Richtigkeit der fraglichen Hypo- 
these angeführt. Die prLaRıve’sche Erklärung des in Rede 
stehenden Phänomens beruht auf zwei Hauptvoraussetzun- 
gen: einmal auf derjenigen, dass das Platin bei gewöhnli- 
cher Temperatur sich in atmosphärischer Luft oxydire, und 
dann auf der Annahme, dass Platinoxyd bei gewöhnlicher 
Temperatur durch Wasserstoffgas, oder Weingeist- und 
Aetherdampf reducirt werde. In Folge dieser mit einander 
abwechselnden Oxydationen und Reductionen lässt ve LA Rıve 
Wärme entstehen, welche, nach und nach das Platin bis 
zum Erglühen erhitzend, den Wasserstoff endlich ent- 
zündet. 


Was nun die ersten dieser Voraussetzungen betrifft, 
so ist bereits in dem Vorhergehenden versucht worden de- 
ren Unzulänglichkeit darzuthun. Es springt aber in die 
Augen, dass die fragliche Hypothese zusammenfällt, wenn 
diese erste Annahme unrichüg ist. 


Nehmen wir indessen an, das Platin oxydire sich selbst 
bei den allergrössten Kältegraden in einer Sauerstoffatmo- 
sphäre: wird dann wohl das Platinoxyd auch bei eben so 
niedrigen Temperaturen durch Wasserstoff reducirt? Das 
auf dem gewöhnlich chemischen Wege bereitete Oxyd zeigt 
eine solche leichte Reducirbarkeit nicht, und muss, nach 
den Erfahrungen der Chemiker, immer etwas erwärmt wer- 
den, wenn es durch freien Wasserstoff in den metallischen 
Zustand zurückgeführt werden soll. 


Meines Wissens giebt es überhaupt kein einziges Me- 
talloxyd, welches durch freien Wasserstoff in der Kälte 
reducirbar wäre. Das o£ LA Rıve’sche Platinoxyd, d.h. das 
auf directem Wege gebildete, müsste daher eine grosse 


35 


Ausnahme von der Regel machen und ein Oxyd sui gene- 
ris seyn. 

Würde aber diese Verbindung ein so eigenthümliches 
Verhalten zeigen, müsste dann nicht angenommen werden, 
dass der Sauerstoff darin auch in einer ganz eigenihümlichen 
Beziehung zu dem freien Wasserstoff stände, und in einem 
Zustande sich befände, in dem wir ihn (den Sauerstoff) 
weder im Gold-, noch irgend einem andern Oxyde antref- 
fen. Wenn man aber eine solche Annahme machte, würde 
dieselbe dann nicht, anstatt die Berzeuius’sche Ansicht zu 
widerlegen, im Grunde mit ihr geradezu übereinstimmen’? 
Würde, mit andern Worten, die fragliche Annahme nicht 
auch die andere enthalten, dass Platin einen specifisch che- 
mischen Einfluss auf Sauerstoff und Wasserstoff ausübe, 
und die Affinität dieser Elemente zu einander steigere, in 
ähnlicher Weise, wie diess die Wärme thut? 

Geben wir indessen auch die beiden Voraussetzungen 
zu; nehmen wir an: das Platin oxydire sich bei gewöhnli- 
cher Temperatur, und das unter diesen Umständen gebil- 
dete Oxyd werde in der Kälte durch Wasserstoffgas redu- 
eirt, so bedünkt es mich, dass aus diesen Annahmen das 
Döseremer’sche Phänomen doch nicht genügend erklärt 
werden könne, wenn man nicht weitere, äusserst unwahr- 
scheinliche Voraussetzungen zu Hülfe ruft. 

Setzen wir den Fall: Platin von reiner Oberfläche 
werde in ein Gemneng von Sauerstoff- und Wasserstoffgas 
gebracht. Nach ve LA Rıvz findet unter diesen Umständen 
sofort eine Oxydation der Oberfläche des Metalles statt, 
und unmittelbar nachher wird die gebildete Oxydhülle 
durch das anwesende Wasserstoffgas redueirt. Ist die Flä- 
che hiedurch wieder metallisch geworden, so erneuert sich 
an derselben der Oxydationsact, eine zweite Reduction er- 
folgt, und geht es so fort, bis endlich aller Sauerstoff mit 
Wasserstoff chemisch verbunden ist. Indem man den Vor- 


36 


gang auf diese Weise stattfinden lässt, nimmt man .an, dass 
auf einige Zeit nur zwischen dem Platin und dem Sauer- 
stoff eine chemische Anziehung sich äussere, und der Was- 
serstoff während dieses Actes vollkommen unthätig sich 
verhalte; dass der letztere, um mich bildlich auszudrü- 
cken, dem Metalle ruhig zusieht, bis es eine gewisse Menge 
von Sauerstoff ergriffen und verschluckt hat. Erst wenn 
diess geschehen ist, erwacht, um im Bilde fortzufahren, 
im Wasserstoff die Lust, sich auch mit Sauerstoff zu ver- 
binden, und zway nicht mit dem freien, sondern mit dem- 
jenigen, den sich das Platin angeeignet hat. 

Dem Wasserstoff solche Anwandlungen zuzuschreiben, 
dürfte wohl schwerlich einem Naturforscher in den Sinn 
kommen, und am allerwenigstens wird der ausgezeichnete 
Genfer Physiker eine derartige Annahme für zulässig hal- 
ten. Dennoch aber enthält, wie mir scheint, dessen Hy- 
pothese implicite eine solche Voraussetzung; denn jene 
muss durchaus den Act der Oxydation der Oberfläche des 
Platins als gänzlich vollzogen ansehen, bevor sie die de- 
soxydirende Wirkung des Wasserstoffs eintreten lassen 
kann. 

Will man dieser sonderbaren CGonsequenz der Hypo- 
these ausweichen, so muss man annehmen, dass die Acte 
der Oxydation und Reduction in demselben ungetheilten 
Zeitmomente stattfinden; eine Voraussetzung, die noch 
viel unzulässiger ist als die erste. Es scheint mir daher 
viel wahrscheinlicher zu seyn, dass bei Anwesenheit von 
Platin, Wasserstoff und Sauerstoff unmittelbar sich verbin- 
den, und die Wasserbildung nicht durch eine vorangehen- 
de Oxydation des Metalls vermittelt werde. 

Ausser den bereits angeführten thatsächlichen Grün- 
den giebt es noch einige andere Umstände, welche nicht 
gut mit den theoretischen Ansichten pE LA RıvE’s zusam- 
menstimmen. Bekanntlich zersetzt sich das Platinoxyd 


37 


schon bei einer Temperatur, welche der Rothgluth noch 
nicht gleich kommt; auch wissen wir, dass durch die lang- 
same Verbrennung des Wasserstoffgases, des Weingeist- 
oder Aetherdampfes Platin für unbestimmte Zeit glühend 
erhalten werden kann, ohne dass hiedurch weder die eine 
noch die andere dieser brennbaren Materien entflammt 
würde. Die Davv’sche Glühlampe giebt hievon das schla- 
gendste Beispiel. Lässt es sich nun wohl als möglich den- 
ken, dass Platin bei derjenigen Temperatur sich oxydire, 
bei welcher die Oxyde dieses Metalles reducirt werden? 
Alle Chemiker , denke ich, werden auf diese Frage mit 
Nein antworten. 

Ich habe vor einiger Zeit gezeigt, dass schwammför- 
miges Platin als positive Elektrode in ein Gemisch von 
Schwefelsäure, Weingeist und Wasser eintauchend, keinen 
Sauerstoff während der Wasserelektrolyse an sich auftreten 
lässt, und dieses Metali das letztere Element bestimmt auf 
einen Theil des Wasserstoffs des Weingeistes sich zuwerfen 
lässt, um diesen hiedurch in Acetal, Aldehyd u. s. w. um- 
zuwandeln. Ich habe ferner dargethan, dass wenn Eisen 
als positiver Pol in dem gleichen Gemisch dient, der durch 
den Strom entbundene Sauerstoff nicht auf den anwesen- 
den Weingeist reagirt. 

Aus diesen und ähnlichen Thatsachen glaubte ich den 
Schluss ziehen zu dürfen, dass Sauerstoff, selbst wenn er 
auch im nascirenden Zustande sich befindet, doch nicht im 
Stande ist dem Weingeist in merklicher Menge Wasserstoff 
zu entziehen, und dass unter den erwähnten Umständen 
noch die specifische Einwirkung des Platins erfordert wird, 
um die chemische Action zwischen Sauerstoff und Wasser- 
stoff einzuleiten. Auch folgerte ich aus dieser Thatsache, 
dass die so sinnreiche, von Farınar gegebene Erklärung 
des Döserzien’schen Phänomens nicht wohl die richtige 
seyn, d. h. dass letzteres nicht von einer durch das Platin 


28 


bewerkstelligten Verdichtung des Sauerstoffgases abhangen 
könne. 

Sollte nun die von mir gemachte Beobachtung in der 
Hypothese des Genfer Physikers ihre genügende Erklärung 
finden? Der fraglichen Hypothese zufolge müsste der auf 
elektrolytischeın Wege am positiven Platin ausgeschiedene 
Sauerstoff erst mit diesem Metalle sich verbinden ; hierauf 
würde das Platinoxyd durch den vorhandenen Weingeist 
reducirt werden, und fände während des Stromdurchganges 
ebenfalls ein Wechsel von Oxydationen und Reductionen 
an der positiven Platinelektrode statt, wie z. B. bei der 
Davv’schen Glühlampe. 

Aus der einfachen Thatsache, dass Platinoxyd bei ge- 
wöhnlicher Temperatur nicht die Wirkung auf den Wein- 
geist zeigt, welche die schwammförmige positive Platinelek- 
trode auf diese Flüssigkeit ausübt, scheint mir die Unzu- 
lässigkeit der Erklärungsweise ve LA Rıve’s hervorzugehen; 
denn warum sollte Platinoxyd, auf dem gewöhnlichen che- 
mischen Wege dargestellt, anders wirken , als dasjenige, 
welche sich nach diesem Chemiker während der Blektro- 
Iyse des Wassers bildet? Oder ist letzteres wieder eine 
Verbindung sui generis? 

Aus der vorangegangenen Erörterung scheint sich nun 
als Hauptresultat zu ergeben, dass die Hypothese ve A Rıyr’s, 
das Dögerseiner’sche Phänomen nicht zu erklären im Stande 
ist, ohne dass man genöthiget wäre, wieder zu neuen Vor- 
aussetzungen seine Zuflucht zu nehmen, und mit bekannten 
Thatsachen in Widerspruch zu treten. 


D.16. Merz. Herr Prof. Scnöneem, Beobachtungen 
über einige elektrolysirende Wirkungen der 
einfachen Kette. Es ist eine bekannte Sache, dass die 
kräftigste einfache Kette nur ein sehr schwaches chemisches 
Zersetzungsvermögen äussert, wenn dieselbe durch reines 


39 


Wasser geschlossen wird und man sich hierbei des Platins 
oder des Goldes als Elektroden bedient. Selbst dadurch, 
dass man das Leitungsvermögen des Wassers durch Zusatz 
von etwas Schwefelsäure oder Salpetersäure vermehrt, kann 
keine merkliche Zerlegung des erwähnten Elektrolyten be- 
werkstelligt werden, obwohl der polare Zustand, den die 
Gold- oder Piatinelektroden annehmen, den Beweis liefert, 
dass unter diesen Umständen eine Wasserzersetzung statt- 
findet. Meines Wissens hat der sinnreiche GrovE zuerst 
auf den wichtigen Umstand aufmerksam gemacht, dass die 
Anwesenheit von freiem Sauerstoff oder Wasserstoff in dem 
Wasser der Zersetzungszelle oder Kette einen merklichen 
Einfluss auf die Stärke des Stromes. der Vorrichtung aus- 
übt, oder was dasselbe sagen will, die Elektrolyse des 
Wassers befördert. Epmunp BEcqQuEREL wies später durch 
eine Reihe von Versuchen nach,: dass auch noch andere 
Materien, dem Wasser der Zersetzungszelle beigemischt, 
die Zerlegung dieser Flüssigkeit begünstigen, dass nament.-. 
lich Chlor und Brom diese Wirkung ausüben, überhaupt 
aber ein solches Vermögen alle die Substanzen zeigen, wel- 
che eine starke Affinität entweder zum Sauerstoff oder zum 
Wasserstoff des Wassers haben. 

Da diese Thatsachen in einer unmittelbaren Beziehung 
zu stehen scheinen zu der Theorie über die Quelle der 
volta’schen Elektricität und geeignet seyn möchten, ein 
neues Licht zu werfen auf den Zusammenhang, welcher 
zwischen chemischen und elektrischen Thätigkeiten stattfin- 
det, so habe ich geglaubt Etwas zur Schlichtung des im- 
mer noch fortdauernden Streites über die Ursache der hy- 
droelektrischen Ströme dadurch beitragen zu können, dass 
ich den Kreis der erwähnten Thatsachen erweiterte und 
die Bedingungen genauer, als bisher geschehen, ermittelte, 
unter welchen die elektrolysirenden Wirkungen der einfa- 
chen Kette vermehrt werden. 


AO 


Ob es meinen Bemühungen gelungen ist, diesen Zweck 
zu erreichen, diess wird am besten der Inhalt der nach- 
stehenden Arbeit zeigen, und will ich dem Urtheile der 
unpartheiischen Männer der Wissenschaft zu unterscheiden 
überlassen. 

Ehe ich zur Beschreibung meiner Versuche übergehe, 
will ich einmal für allemal bemerken, dass die Kette, wel- 
‚che ich zur Anstellung derselben gebraucht, aus Gusseisen 
und Zink bestand, ersteres Metall in concentrirte Salpeter- 
säure, letzteres in verdünnte Schwefelsäure tauchte, und 
beide Flüssigkeiten durch eine poröse Thonzelle von ein- 
ander getrennt waren. Die Grösse der elektromotorischen 
Kraft. dieser Vorrichtung war so, dass der Anker eines 
Elektromagneten, durch dessen Spirale der Strom der Kette 
ging, mit einem Gewichte von dreihundert Pfunden beiastet 
werden konnte, ohne dass der Anker von dem Hufeisen 
hierdurch abgerissen worden wäre. 

Die von mir mit diesem Apparate angestellten Versuche 
und erhaltenen Resultate waren folgende: 

1) Zwei Platinstreifen wurden auf die bekannte (elek- 
trochemische) Weise mit Bleihyperoxyd oder Silberhyper- 
oxyd überzogen und auf das Sorgfältigste mit reinem Was- 
ser abgespült. Liess ich nun dieselben als Elektroden der 
fraglichen Kette in reines Wasser eintauchen, so trat an 
der positiven Elektrode eine sehr merkliche Entwicklung 
von Sauerstoffgas ein. Wurde das Wasser mit einigen Tro- 
pfen Salpetersäure versetzt, so fiel die Gasentwicklung an 
der positiven Elektrode noch viel lebhafter aus und dauer- 
te dieselbe so lange an, bis jede Spur des Hyperoxydes 
an der negativen Elektrode verschwunden war. Mit dem dem 
Verschwinden des letzten 'Theilchens jener Substanz hörte 
auch die wahrnehmbare Zersetzung des Wassers auf. Es 
ist kaum nöthig anzuführen, dass die Elektrolyse dieser 
Flüssigkeit ganz unmerklich ausfällt, wenn reine Platinelek- 


Al 


troden in das reine oder gesäuerte Wasser eintauchen, ‘oder 
wenn nur die positive Elektrode eine Hülle von Hyperoxyd 
hat. Ob beide Platinelektroden mit Hyperoxyd überzogen 
waren, oder nur die negative allein, schien auf die Leb- 
hafuigkeit der Wasserzersetzung keinen merklichen Einiluss 
auszuüben. 

2) Wurden Streifen von Kupfer, Eisen, Palladium, 
Blei etc. erst bis zum Anlaufen erhitzt, dann als negative 
Elektrode in reines oder schwach (mit Schwefelsäure oder 
Salpetersäure) gesäuertes Wasser eingeführt und als posi- 
tive Elektrode Gold oder Platin gebraucht, so fand an letz- 
terer eine sichtliche Entwicklung von Sauerstoffgas statt, 
die auch wieder nur so lange dauerte, bis die Oxydhülle 
der negativen Elektrode gänzlich reducirt war. 

3) Wurden Platinstreifen mit leicht redueirbaren Me- 
talloxyden, z. B. mit denen des Kupfers, des Zinnes, des 
Bleies überzogen und als negative Elektrode der Kette in 
schwach gesäuertes Wasser eingeführt, so erhielt ich ein 
Resultat, ganz übereinstimmend mit dem vorhergehenden. 

4) Tauchte ich zwei Platinstreifen in eine starke Auf- 
lösung von Chromsäure oder chromsaurem Kali, oder in 
concentrirte Schwefelsäure, oder in starke Salpetersäure 
ein, und liess ich dann dieselben in reinem oder schwach 
gesäuertem Wasser als Elektroden der Kette functioniren; 
so-fand an der positiven Elektrode eine ziemlich lebhafte 
Sauerstoffgasentwicklung statt, die jedoch nur kurze Zeit 
andauerte, d. h. auch nur so lange, als an der negativen 
Elektrode noch etwas von den vorhin genannten Substan- 
zen haftete. Das gleiche Resultat wurde erhalten, wenn 
man nur die negative Elektrode in Chromsäure, Salzsäure 
etc. eintauchte. Benetzte ich dagegen mit den erwähnten 
Säuren die positive Elektrode, nicht aber auch die negati- 
ve, so war die Wasserzersetzung eben so unmerklich, als 
hätten die reinen Platinbleche in diess Wasser eingetaucht. 


A2 


Hüllen von schwefelsaurem Kupferoxyd, salpetersaurem Sil- 
beroxyd, um die negative Platinelektrode gezogen, wirkten 
‚ ähnlich den Schichten von Chromsäure, Salpetersäure etc. 

5) Tauchen Platin- oder Goldstreifen als Elektroden 
der Kette in concentrirte Salpetersäure ein, so findet eine 
lebhafte und stetige Sauerstoffgasentwicklung an der posi- 
tiven Elektrode statt, und wird die Säure an dem negati- 
ven Streifen rasch in salpetrichte Säure umgewandelt. Wird 
aber die Salpetersäure mit so viel Wasser verdünnt, dass 
man ein Gemisch erhält, aus welchem der Strom einer 
Säule die beiden Elemente des Wassers entwickelt, ver- 
dünnt man nämlich die besagte Säure bis zu dem Grade, 
bei welchem der an der negativen Elektrode durch den 
Strom ausgeschiedene Wasserstoff nicht mehr von der 
Säure verschluckt wird, so vermag der Strom der Kette 
das Wasser auch nicht mehr auf eine wahrnehmbare Weise 
zu zerlegen. In einer so verdünnten Säure kann aber der 
unter 4) enthaltenen Angabe zufolge die Sauerstoffgasent- 
 wickelung an der positiven Elektrode wieder veranlasst 
werden dadurch, dass man die negative Elektrode mit con- 
eentrirter Salpetersäure benetzt. 

In concentrirter Schwefelsäure, oder in einer wässri- 
gen Lösungen von Ghromsäure, chromsaurem Kali, man- 
gansaurem Kali, schwefelsaurem Kupferoxyd, salpetersau- 
rem Blei- oder Silberoxyd, findet ebenfalls eine merkliche 
und stetige Sauerstoffgasentwicklung an der positiven Elek- 
trode statt, wenn Platin- oder Goldbleche als Elektroden 
in die genannten Flüssigkeiten eintauchen. 

6) Wird gut leitende Kohle als negative Elektrode ge- 
braucht, Gold- oder Platinblech als positive, und ist die 
Zersetzungsflüssigkeit reines oder gesäuertes Wasser, so 
findet eine merkliche Entwicklung von Sauerstoff an der 
positiven Elektrode statt. Dient die Kohle als positive Elek- 
trode, Gold oder Platin als negative, so bemerkt man an 


AS 
letzterer eine ziemlich lebhafte Entbindung, von Wasser- 
" stoffgas. i 

7) Haben frisch geglühte Platinbleche einige Zeit in 
einer Atmosphäre von Wasserstoffgas sich befunden, und 
lässt man dieselben dann als Elektroden in reines oder 
schwach gesäuertes Wasser treten, so tritt an der negati- 
ven Elektrode auf einige Augenblick eine Wasserstoffgas- 
entibindung ein, die etwas merklicher ist als diejenige, wel- 
che man mit gewöhnlichen Platinblechen erhält. Das gleiche 
Resultat wird gewonnen, wenn man nur die positive Elek- 
trode in Wasserstoffgas getaucht hat. 

3) Macht man Platinschwamm oder auch Platinblech, 
nachdem der eine oder das andere einige Zeit als negative 
Elektrode in gesäuerteim Wasser gedient hat, zur positiven 
Elektrode unserer Kette, so findet an der negativen Elek- 
trode eine noch lebhaftere Wasserstoffgasentwicklung statt, 
als diese unter den bei 7) angegebenen Umständen der 
Fall ist. 

9) Wird Platinschwamm oder Platinblech, nachdem sie 
einige Zeil in einer Atmosphäre von Sauerstoffgas sich be- 
funden oder besser als positive Elektroden in gesäuertem 
Wasser gedient haben, als negative Elektrode gebraucht, 
so entwickelt sich an der positiven Elektrode merklich mehr 
Sauerstoff, als sich davon entbinden würde, wäre diese 
Elektrode gewöhnliches Platin. 

10) Hält man Gold- oder Platinbleche für einige Au- 
genblicke in Chlor- oder Bromgas, und lässt man diese 
Streifen dann in gesäuertem Wasser als Elektroden der 
Kette functioniren, so findet eine viel lebhaftere Sauerstoff- 
gasentwicklung an der positiven Elektrode statt, als die 
ist, welche man bei Anwendung der gewöhnlichen Bleche 
dieser Metalle erhält. Natürlich dauert unter diesen Um- 
ständen die Entbindung des Sauerstoffes nur sehr kurze 
Zeit; auch bedarf es kaum der Erwähnung, dass man das 


Au 


gleiche Resultat erhält, wenn nur die negative Elektrode 
mit Chlor oder Brom in Berührung gesetzt worden ist. 


11) Tauchen gewöhnliche Gold- oder Platinstreifen als 
Elektroden der Ketie in schwach gesäuertes Chlor- oder 
Bromwasser ein, so findet an der positiven Elektrode eine 
stetige und ziemlich lebhafte Sauerstoffgasentwicklung statt. 
Diese Gasentbindung ist selbst dann schon sehr merklich, 
wenn das Chlor- oder Bremwasser auch keinen Zusatz von 
Säure erhalten hat. 


12) Bedient man sich des reinen oder schwach ge- 
säuerten Wassers als Zersetzungsflüssigkeit, und führt man 
in die letztere Gold- oder Platinstreifen ein, die man vor- 
her in gewöhnliche Salzsäure getaucht hatte, so findet für 
einige Augenblicke eine lebhafte Wasserstoffgasentwicklung 
an der negativen Elektrode statt. 


13) Wird gewöhnliche Salzsäure als Zersetzungsflüs- 
sigkeit gebraucht und werden Gold- oder Platinstreifen als 
Elektroden der Kette in diese Säure eingeführt, so tritt 
eine stetige und sehr lebhafte Wasserstoffgasentwicklung 
an der negativen Elektrode ein, während das Gold oder. 
das Platin der positiven Elektrode rasch in der Zersetzungs- 
flüssigkeit sich auflöst. 

14) Wird entweder reines oder schwach (durch Schwe. 
felsäure) gesäuertes Wasser als Zersetzungsflüssigkeit in 
Anwendung gebracht, und lässt man als Elektroden der 
Kette Streifen von amalgamirtem Zink oder von Kupfer, 
oder von irgend einem leicht oxydirbaren Metalle in diese 
Flüssigkeit treten, so findet an der negativen Elektrode 
eine Wasserstoffgasentwicklung statt, welche um so lebhaf- 
ter ausfällt, je oxydirbarer das Metall der Elektroden ist. 
Bestehen die Elektroden aus Eisen, so treten ganz eigen- 
thümliche Erscheinungen ein, welche in der nachfolgenden 


Abhandlung umständlicher besprochen werden sollen. 


A5 


Aus allen voranstehenden Angaben, denen ich noch 
viele ähnliche beifügen könnte, erhellt deutlich, dass die 
in der Zersetzungszelle befindlichen Materien einen ent- 
schiedenen Einfluss auf die chemische Wirksamkeit der 
Kette, oder was auf das Gleiche hinauskommt, auf die 
Stärke des Stroms der Kette ausüben. Untersuchen wir 
diesen Einfluss näher, so zeigt es sich, dass derselbe ein- 
zig und allein bedingt wird und abhängig ist von der 
chemischen Natur der in der Zersetzungszelle anwesenden 
Substanzen. 

Ist die Zersetzungsflüssigkeit z. B. Wasser, und tau- 
chen in dasselbe Gold- oder Platinelektroden ein, SO ver- 
mag unter diesen Umständen der Strom der Kette keine 
wahrnehmbare Elektrolyse des Wassers zu bewerkstelligen. 

Umgeben wir aber die negative Elektrode mit einem 
Stoffe, welcher zu dem Wasserstoffe eine grosse chemische 
Verwandtschaft besitzt, so wird das Wasser merklich zer- 
legt, wie der an der positiven Elektrode sich entbindende 
Sauerstoff beweist. 

Der Sauerstoff des Blei- oder Silberhyperoxydes, der 
Sauerstoff der Salpetersäure, der Chromsäure, der Magan- 
säure, der coneentrirten Schwefelsäure; der Sauerstoff der 
leicht reduceirbaren Metalloxyde, der an der negativen Pla- 
tinelektrode haftende freie Sauerstoff, das Chlor und das 
Brom, alle diese Körper sind mit einer grossen Verwandt- 
schaft zum Wasserstoff des Wassers begabt und es ist 
eben die Anwesenheit dieser Materien in dem Wasser, oder 
vielmehr an der negativen Elektrode, welche die Elektrolyse 
dieser Flüssigkeit begünstigt oder eigentlich verursacht. 

Schlagen wir ein umgekehrtes Verfahren ein, d. h. 
umgeben wir die positive Elektrode mit einem Körper, der 
zum Sauerstoffe des Wassers eine grosse Affinität besitzt, 
so wird auch hiedurch die Elektrolyse des Wassers beför- 
dert. Ist also die positive Platinelektrode mit: einer Hülle 


46 


von Wasserstoff umzogen, oder ist das Metall dieser Elek- 
trode selbst eine leicht oxydirbare Substanz, so tritt, wie 
wir gesehen haben, eine lebhafte Wasserstoffentwicklung 
an der negativen Elektrode ein. 

Wie sehr das Stromresultat der Kette oder die Elek- 
trolyse des Wassers von den Verwandtschaftsverhältnissen 
der Stoffe abhängig ist, die sich in der Zersetzungszelle 
befinden, zeigen auf die schönste Weise die unter 5) an- 
geführten Thatsachen. Es ist bekannt, dass Wasserstoff 
im nascirenden Zustande der Salpetersäure dargeboten, 
letztere zu salpetrichter Säure reducirt, vorausgesetzt, die 
Salpetersäure besitze einen gewissen Concentrationsgrad. 
Verdünnt man dieselbe mit einer hinreichenden Menge Was- 
sers, so wirkt der nascirende Wasserstoff nicht mehr merk- 
lich auf diese Säure ein. Dieses Verhalten zeigt sich be- 
kanntermaassen am deutlichsten, wenn man den Strom ei- 
ner Säule das eine Mal durch concentrirte, das andere Mal 
durch verdünnte Salpetersäure gehen lässt. Im ersteren 
Falle entwickelt sich kein Wasserstoff an der negativen 
Elektrode; ım letzieren Falle entbinden sich Wasserstoff 
und Sauerstoff in den bekannten Raumesverhältnissen. Be- 
findet sich nun concentrirte Salpetersäure in der Zersetz- 
ungszelle unserer Kette und tauchen Gold- oder Platin- 
elektroden in dieseFlüssigkeit ein, so ist unter diesen Um- 
ständen die negative Elektrode fortdauernd mit einer Ma- 
terie umgeben, welche eine starke Verwandtschaft gegen 
den Wasserstoff ausübt; woher es nun eben auch kommt, 
dass unter solchen Verhältnissen der Strom der Kette das 
Wasser lebhaft zersetzt, während dieselbe Kette so gut als 
wirkungslos ist, wenn verdünnte Salpetersäure als Zer- 
setzungsflüssigkeit dient. 

Die gewöhnliche Schwefelsäure des Handels im unver- 
dünnten Zustande zeigt, obwohl in schwächerem Grade, 
gegen den nascirenden Wasserstoff ein Verhalten, ähnlich 


> 


AT 


demjenignn der Salpetersäure, und diess ist der Grund, 
warum an der positiven Elektrode einer einfachen Kette 
sich Sauerstoff entbindet, wenn jene Säure als Zersetzungs- 
flüssigkeit dient, während diess in einer mit Wasser stark 
verdünnten Säure nicht geschieht. 

Nach obigen Angaben zersetzt der Strom einer Kette 
die Salzsäure sehr lebhaft, selbst in dem Falle, wo die 
Elektroden Gold oder Platin sind. Säuert man Wasser 
schwach, in einem Falle mit Salzsäure, im andern Falle 
mit Schwefelsäure oder Salpetersäure und lässt man Gold- 
oder Platinstreifen als Elektroden der Kette in der einen 
und der andern dieser Flüssigkeiten functioniren; so wird 
man an der negativen Elektrode, die in das salzsäurehalti- 
ge Wasser taucht, eine merkliche Gasentwicklung bemerken, 
während man an der gleichen Elektrode, welche in das 
schwefelsäurehaltige Wasser taucht, kaum ein Bläschen 
Wasserstoff aufsteigen sieht. Diese Thatsachen finden ihre 
Erklärung in der Verschiedenheit des chemischen Verhal- 
tens des Sauerstoffs und des Chlors zum Platin und zum 
Golde. Bekanntlich können sich diese Metalle schon auf 
directem Wege mit Chlor verbinden, während sie sich nicht 


auf die gleiche Weise mit dem Sauerstoffe zu vereinigen 


vermögen. Hieraus wird von den CGhemikern der Schluss 
gezogen, dass die Verwandtschaft des Chlors zum Golde 
und zum Platin grösser sey, als diejenige des Sauerstoffes 
zu den gleichen Metallen. Indem nun die positive Gold- 
elektrode der Kette eine grössere chemische Anziehung 
gegen das Chlor der Salzsäure ausübt, als die Anziehung 
ist, welche dieselbe Elektrode gegen den Sauerstoff des 
Wassers äussert, ist auch die Elektrolyse, die im salzsäu- 
rehaltigen Wasser stattfindet, ungleich lebhafter, als es die- 
jenige ist, die wir im schwefelsäurehaltigen Wasser wahr- 
nehmen. 


A 


' Dient letzteres als Zersetzungsflüssigkeit und nehmen 
wir anstatt Gold- oder Platinbleche, Streifen von Kupfer 
oder Zink, als Elektroden, so wird in diesem Falle eine 
eben so lebhafte Wasserstoffentwicklung an der negativen 
Elektrode stattfinden, als die ist, welche man erhält, wenn 
Goldelektroden in salzsäurehaltiges Wasser eintauchen. Nach 
den bereits gemachten Bemerkungen ist es kaum nöthig, 
über die erwähnte Thatsache eine weitere Erklärung zu 
geben. Im fraglichen Falle steht die positive Kupfer - 
oder Zinkelektrode in einer chemischen Beziehung zu dem 
Sauerstoffe des Wassers, ähnlich derjenigen, welche die 
positive Gold- oder Platinelektrode zum Chlor der Salz- 
säure hat. Die Aehnlichkeit dieser Beziehungen, welche 
in den beiden Fällen stattfindet, hat auch eine Aehnlichkeit 
des Stromresultates zur Folge. 

Eine wichtige Frage, die wir nun zu beantworten ha- 
ben, ist die: in welcher Weise wirken die Substanzen, von 
welchen die Elektroden umgeben sind, begünstigend auf 
die Elektrolyse des Wassers ein ? 

Wenn z, B. die negative Elektrode mit Chlor, mit 
Brom, mit freiem Sauerstoff, oder mit Sauerstoff locker 
gebunden an andere Substanzen, umhüllt ist, bewirkt die- 
ses Chlor, dieses Brom, dieser Sauerstoff eine Trennung 
der Wassereiemente dadurch, dass die vorhin genannten 
Körper eine chemische Anziehung ausüben gegen den noch 
gebundenen Wasserstoff des Wassers der Zersetzungszelle, 
und dass diese chemische Anziehung sich addirend zu der 
in’ gleicher Richtung wirkenden Zersetzungskraft des Stro- 
mes der Kette, dasjenige bewerkstelligt, was letzterer für 
sich allein nicht zu thun vermöchte ? 

Wie es scheint smd Grov: und Becovzr£L dieser Mei- 
nung. ‘Wir werden später auf diese Ansicht zurükkommen. 

Diejenigen, welche von den Grundsätzen der Con- 
tactshypothese ausgehen, könnten vielleicht die fragliche 


AI 


Wasserzersetzung so erklären wollen, dass sie sagen: man 
führe durch die genannten (an der negativen Elektrode 
haftenden) Substanzen eine neue elektromotorische Kraft 
in die Keite ein, die einen Strom in Bewegung setze, wel- 
cher mit dem Strome der Kette einerlei Richtung habe. 
Diese Ansicht kann aber aus dem einfachen Grunde nicht 
geltend gemacht werden, weil die Wasserzersetzung auch 
noch dann erfolgt, wenn beide Elektroden mit der gleichen 
Substanz umgeben sind. Nach der Gontactshypothese müs. 
sen sich in diesem Falle die elektromotorischen Wirkungen 
der in die Flüssigkeit der Zersetzungszelle eintauchenden 
Elektroden gegenseitig aufheben, und es kann somit durch 
jene die Intensität des Stroms der Kette nicht vermehrt 
werden. 

Ist die Flüssigkeit der Zersetzungszelle z. B. concen- 
trirte Salpetersäure oder Chromsäure, und sind die bei- 
den Elektroden Gold oder Platin, so entwickelt sich , obi- 
gen Angaben zufolge, Sauerstoffgas sehr lebhaft an der 
positiven Elektrode, während der elektrolytisch ausgeschie- 
dene Wasserstoff an der negativen Elektrode die daselbst 
vorhandenen Säuren desoxydirt. Welche elektromotorische 
Thätigkeit nun auch bei der Berührung zwischen Salpeter- 
säure und Platin stattfinden mag, so ist klar, dass in dem 
vorliegenden Falle diese Thätigkeit keinen Einfluss auf das 
Stromresultat ausüben kann, da die beiden aus dem glei- 
chen Metalle bestehenden Elektroden in eine gleiche Säure 
eintauchen. 

Da nach dem Onum’schen Gesetze die Grösse des Stro- 
mes einer Kette gleich ist ihrer elektromotorischen Kraft, 
getheilt durch den Gesammtwiderstand der Kette, so dürfte 
man geneigt seyn, die Vermehrung der Intensität des Stro- 
mes oder, was dasselbe ist, die Steigerung der elektroly- 
sirenden Kraft der Kette, welche durch die Einführung ge- 
wisser Substanzen in die Zersetzungszelle bewerkstelligt 

4 


50 


wird, zunächst in einer Verminderung des fraglichen Wi- 
derstandes zu suchen. Der in der Zersetzungszelle aus- 
geübte Widerstand setzt sich nach der-Absicht vieler Phy- 
siker zusammen: erstens aus dem Leitungswiderstande der 
zwischen den Elektroden befindlichen elektrolytischen Flüs- 
sigkeit und zweitens aus dem Widerstande, der da statt- 
findet, wo die Elektroden und der Elektrolyt sich begrän- 
zen und Uebergangswiderstand genannt wird. Was nun 
den Leitungswiderstand der Flüssigkeit betrifft, so kann 
nicht angenommen werden, dass derselbe bei den in die- 
ser Abhandlung besprochenen Erscheinungen eine merklich 
einflussreiche Rolle spiele. Denn wenn wir zwei Platin- 
bleche z.B. mit concentrirter Salpetersäure befeuchten und 
dieselben als Elektroden der Kette in reines Wasser ein- 
führen, so darf man die unter diesen Umständen an der 
positiven Elektrode stattfindende Sauerstoffgasentwicklung 
nicht. der Verminderung des Leitungswiderstandes der in 
der Zerseizungszelle befindlichen Flüssigkeit zuschreiben, 
da die in diese letztere gebrachte Menge von Säure zu un- 
bedeutend ist, als dass dadurch die bestehenden Leitungs- 
verhältnisse merklich verändert werden könnten. 

Dass übrigens das erhaltene Resultat nicht von der 
Verminderung des Leitungswiderstandes abhängt, geht auf 
das Genügendste aus dem Umstande hervor, dass in einem 
Falle der Leitungswiderstand der Flüssigkeit in der Zer- 
setzungszelle vielmal grösser seyn kann, als er es in einem 
andern Falle ist und im erstern dennoch eine merkliche 
Wasserzersetzung stattfindet, während diess im letztern 
Falle nicht geschieht. Tauchen z.B. die beiden Platinelek- 
troden einer Kette in concentrirte Salpetersäure, die in 
porösen Zellen sich befindet, und sind die letztern durch 
eine Zoll dicke .Wasserschicht von einander getrennt, so 
wird unter diesen Umständen noch eine merkliche Sauer- 
stoffgasentwicklung an der positiven Elektrode stattfinden. 


si 


Lässt man die beiden Elektroden der gleichen Kette in rei- 
nes Wasser treten und stehen dieselben nur eine Linie von 
einander ab, so erfolgt keine wahrnehmbare Wasserzer- 
setzung. Es ist aber offenbar, dass in dem erstern Falle 
der Leitungswiderstand, den die Flüssigkeit der Zersetz- 
ungszelle ausübt, viele Male grösser ist, als der Wider- 
stand, den die Flüssigkeit im zweiten Falle äussert; denn 
nicht nur sind dort die Elektroden durch eine bedeuten- 
dere Wassermasse von einander getrennt, sondern es hat 
überdiess der Strom der Kette auch noch den Widerstand 
der beiden Salpetersäureschichten zu überwinden. 

Es kann daher hier einzig der sogenannte Uebergangs- 
widerstand in Betracht kommen. ‘Nach unserer Ansicht 
giebt es einen solchen zwar nicht, und wir sind immer 
noch der Meinung, dass dasjenige, was Uebergangswider- 
stand genannt wird, seinen Grund allein in secundären 
Gegenströmen oder in der sogenannten Polarisation der 
Elektroden habe. Erfahrungsgemäss findet ein Uebergangs- 
widerstand nicht statt, falls ein Strom aus einem Metalle 
in ein anderes, überhaupt aus einem festen Leiter in einen 
andern festen Leiter tritt; ja selbst'in dem Falle wird kein 
Uebergangswiderstand bemerkt, wo der Strom aus einem 
festen Leiter in einen unzersetzbaren flüssigen, z. B. in 
Quecksilber tritt, oder umgekehrt. 

Damit der. sogenannte Uebergangswiderstand sich zei- 
ge, ist nach unsern bisherigen Erfahrungen durchaus noth- 
wendig, dass zwischen die Elektroden ein durch den Strom 
zersetzbarer Körper, eine elektrolytische Flüssigkeit ge- 
stellt, sey. Es ist ferner bekannt, dass die Grösse des 
unter diesen Umständen entwickelten Uebergangswiderstan- 
des wesentlich bedingt wird durch die chemische Natur, 
sowohl der Elektroden als der elektrolytischen Flüssigkeit, 
oder, um noch genauer zu reden, durch das chemische 
Verhältniss, in welchem die Bestandtheile des Elektrolyten 


52 


zu der Materie der Elektroden stehen. Verbinden sich die 
durch den Strom. ausgeschiedenen Jone des Elektrolyten 
mit der Substanz. der Elektroden und werden überdiess 
die hiedurch erzeugten chemischen Verbindungen durch 
die elektrolytische Flüssigkeit oder auf eine andere Weise 
von der Oberfläche der Elektroden fortwährend entfernt, 
so wird unter solchen Umständen kein merklicher Ueber- 
gangswiderstand wahrgenommen. Ein gleiches Resultat wird 
auch erhalten werden, wenn man die ausgeschiedenen Jone 
sofort in chemische Verbindung treten lässt mit Materien, 
welche die Elektroden umgeben. Treten dagegen die Jone 
frei an den Elektroden auf, so wird der Uebergangswider- 
stand immer bedeutend seyn. Ist die elektrolytische Flüs- 
sigkeit reines oder mit Schwefelsäure oder Salpetersäure 
gesäuertes Wasser und sind die Elektroden der Kette Gold- 
oder Platinstreifen, so tritt an dieser der Sauerstoff und 
Wasserstoff frei auf und der unter diesen Umständen sich 
zeigende Uebergangswiderstand erscheint bedeutend gross. 
‚Wählt man zu Elektroden ein Metall, das sich mit dem 
Sauerstoffe direct verbinden kann, z. B. Zink, so wird 
der Uebergangswiderstand schon bedeutend schwächer aus- 
fallen, weil der an der positiven Elektrode ausgeschiedene 
Sauerstoff sich sofort mit dem Zink vereinigt. Entfernt 
man auf eine geeignete Weise auch den an der negativen 
Elektrode auftretenden Wasserstoff, so wird der Ueber- 
gangswiderstand gleich Null seyn. 

Diente Salzsäure als Elektrolyt und Gold oder Platin 
als Elektroden, so ist in diesem Falle der Uebergangswi- 
derstand ebenfalls unbedeütender, als derjenige, welcher 
bei Anwendung von denselben Elektroden und schwefel- 
säurehaltigem Wasser sich zeigt; weil in ersterm Falle das 
Chlor mit dem Golde oder Platin sich chemisch verbindet 
und das Chlorid sofort von der elektrolytischen Flüssigkeit 
aufgenommen wird. Noch geringer fällt dieser Widerstand 


53 


aus, wenn man die positive Goldelektrode in Salzsäure, die 
aus demselben Metalle bestehende negative Elektrode in 
concentrirte Salpetersäure eintauchen lässt, während beide 
Flüssigkeiten durch eine poröse Zwischenwand mit einan- 
der in leitender Verbindung stehen. Unter diesen Umstän- 
den wird ‚auch der Wasserstoff in dem Augenblicke von 
der Salpetersäure gebunden, wo jenes Element an der ne- 
gativen Elektrode sich ausscheidet. 

Da man überhaupt in allen Fällen, in welchen die Po- 
larisation der Elektroden geschwächt oder völlig verhindert 
wird, auch den Uebergangswiderstand vermindert oder auf- 
hebt, so darf hieraus wohl der Schluss gezogen werden, 
dass dieser Uebergangswiderstand seine Ursache in der be- 
sagten Polarisation habe, welche letztere selbst, wie wir 
diess jetzt mit, Bestimmtheit wissen, veranlasst wird durch 
die Ablagerung der Jone des Blektrolyten auf die Elektro- 
den, oder der secundären Produkte, welche diese Jone 
mit dem Elektrolyten oder mit der Materie der Elektroden 
bilden. ’ 

Es darf jetzt ebenfalls als eine ausgemachte Sache an- 
gesehen werden, dass die Leitung eines Stromes durch ei- 
nen Elektrolyten wesentlich abhängig oder eigentlich. be- 
dingt ist durch eine Zerlegung des letztern Körpers, und 
dass daher auch nicht der allerschwächste Strom durch 
eine elektrolytische Flüssigkeit gehen kann, ohne von die- 
ser eine gewisse Menge zu zerlegen. Den sichern Beweis 
dafür, dass eine Elektrolyse stattgefunden, haben wir im- 
mer in der Polarität der Elektroden. 

Setzen wir nun den Fall, dass in der Zersetzungszelle 
einer einfachen Kette sich reines Wasser befinde und die 
in diese Flüssigkeit eintauchenden Elektroden Platin- oder 
Goldstreifen seyen. Im allerersten Augenblicke schon, wo 
der Strom der Kette durch die Zersetzungszelle geht, wird 
eine gewisse Menge Wassers zersetzt, und der daraus ab- 


54 


geschiedene Sauerstoff auf die positive Elektrode, der Was- 
serstoff auf die negative Elektrode abgesetzt werden. Die 
unmittelbare Folge hievon wird seyn, dass jene Elektrode 
negative Polarität, diese positive Polarität erlangt und zwar 
wird der Grad dieser Polaritäten im Verhältniss stehen zu 
der Menge des im ersten Augenblicke der Strömung zer- 
setzten Wassers oder zu der Grösse des anfänglichen Stro- 
mes. Im zweiten Augenblicke sucht die Kette einen Strom 
durch die Zersetzungszelle zu schicken, eben so gross, als 
derjenige war, welcher im ersten Augenblicke durch das 
Wasser ging. Allein dieser Strom, im zweiten Augenblicke 
erzeugt, wird nicht so gross seyn können, als es der 
Strom des ersten Augenblicks war; denn die Polarität der 
Elektroden ruft im zweiten Moment einen secundären Strom 
hervor, der dem von der Kette gleichzeitig erregten ent- 
gegen gesetzt ist. Es muss daher der letztere um die 
Grösse des secundären Stromes vermindert werden. Würde 
nun diese Grösse gleich seyn der Grösse des Stromes, wel- 
chen die Kette im zweiten Augenblicke hervorruft, so könnte 
in diesem zweiten Momente gar keine Elektrolyse mehr 
stattfinden, d. h. müsste der secundäre Strom den primi- 
tiven im Gleichgewicht halten. Gestatteten es nun die Um- 
stände, dass das ganze Quantum der im ersten Augenbli- 
cke der Strömung der Kette ausgeschiedenen Jone des Was- 
sers an den Elektroden haftete, so würde vielleicht der 
durch die Polarisation im zweiten Augenblicke hervorgeru- 
fene secundäre Strom die Stärke des in derselben Zeit durch 
die Kette erregten primitiven Stromes erreichen. Da aber 
das die Elektroden umgebende Wasser durch sein Auflö- 
sungsvermögen einen Theil der Jone von den Elektroden 
sofort entfernt, so kann ein solches Stromgleichgewicht 
nicht eintreten und muss der Strom der Kette in den er- 
sten Momenten ihrer Thätigkeit den durch die Elektroden 
erregten Gegenstrom überwinden. Dieses Uebergewicht 


33 


wird aber so unbedeutend seyn, dass dadurch keine wahr- 
nehmbare Elektrolyse des Wassers wird bewerkstelligt wer- 
den können. 

Umhüllen wir nun aber die negative Elektrode mit ei- 
ner Materie, die sich mit dem nascirenden Wasserstoffe 
chemisch verbindet, d. h. schaffen wir den Wasserstoff, 
der in Folge der Stromthätigkeit an der negativen Elek- 
trode auftritt, in dem Augenblicke seines Auftretens da- 
selbst fort, so wird hiedurch die positive Polarisation die- 
ser Elektrode verhindert, somit die Grösse des secundären 
Stromes vermindert, damit aber auch die Intensität des 
primitiven Stromes gesteigert und eben dadurch die Elek- 
trolyse des Wassers befördert. Aus vorangegangenen Be- 
merkungen erhellt auch, dass ein gleiches-Resultat erhalten 
werden muss, wenn man den Sauerstoff von der positiven 
Elektrode entfernt, in dem Augenblicke, wo jenes Element 
an derselben ausgeschieden wird. Werden durch geeignete 
Mittel die an den Elektroden ausgeschiedenen Jone des 
Wassers oder irgend eines andern Elektrolyten gleichzeitig 
und vollständig von ihren respectiven Ablagerungsorten 
entfernt, wird mit andern Worten die Polarisation beider 
Elektroden gleichzeitig und vollständig verhindert, so muss 
der unter solchen Umständen von der Kette erzeugte Strom 
stärker ausfallen, als in dem Falle geschieht, wo ‚die Pola- 
risation von nur einer Elektrode verhindert wird. 

Nach den voranstehenden Bemerkungen dürfte es nun 
nicht mehr schwierig seyn, alle die weiter oben angeführ- 
ten Thatsachen genügend zu erklären und eine richtige 
Vorstellung sich zu bilden von der Art und Weise, wie 
die in die Zersetzungszelle eingeführten oder die dieElek- 
troden umhüllenden Substanzen den Strom der einfachen 
Kette oder die Elektrolyse der Zersetzungsflüssigkeit be- 
günstigen. Es geschieht diess, gemäss dem vorhin Gesag- 
ten, ganz einfach durch die depolarisirenden Wirkungen, 


56 


Y 
welche die fraglichen Materien auf die Elektroden ausüben, 
in manchen Fällen auch dadurch, dass die Jone der Elek- 
trolyten mit der Materie der Elektroden chemisch sich ver- 
binden und .die hieraus entstandenen Gebilde von der um- 
gebenden Zersetzungsflüssigkeit aufgenommen werden. 
Streng genommen beruht auch in dem letztern Falle die 
Verstärkung des Stromes der Kette auf einer depolarisiren- 
den Wirkung. 

Nicht selten geschieht es, dass die in der Zersetzungs- 
zelle entstandenen chemischen Verbindungen selbst wieder 
depolarisirend auf die eine oder die andere der Elektroden 
wirken. Ein solcher Fall tritt ein, wenn z. B. die Elek- 
troden Kupferstreifen, die Zersetzungsflüssigkeit verdünnte 
Schwefelsäure ist. Es entsteht unter diesen Umständen 
schwefelsaures Kupferoxyd, dessen Anwesenheit in der Zer- 
setzungsflüssigkeit, gemäss den oben angeführten Thatsa- 
chen, den Strom der Kette verstärkt, in sofern es den 
Wasserstoff der negativen Elektrode aufnimmt. Ist die Zer- 
setzungsflüssigkeit Salzsäure und sind die Elektroden Gold, 
so wirkt das entstehende Chlorgold in gleicher Weise de- 
‚polarisirend auf die negative Elektrode. Aus dem Gesagten 
erklären sich auch manche andere Thatsachen, die bisher 
sehr anomal erscheinen mussten. 

Bekanntlich leitet wasserfreies flüssiges Chlor oder 
Brom den volta’schen Strom ganz und gar nicht; vom rei- 
nen Wasser sagt man nicht mit Unrecht, dass dessen Lei- 
tungsvermögen sehr unbedeutend sey und jeder Physiker 
weiss, dass wasserhaltiges Brom oder Chlor viel besser 
leitet, als reines Wasser. Nach meiner Ansicht vermehrt 
nun das Chlor etc. die Leitungsfähigkeit des Wassers an 
und für sich ganz und gar nicht, und beschränkt sich die 
Wirkung jenes Körpers darauf, dass er den an der ne- 
gativen Elektrode auftretenden Wasserstoff aufnimmt, hie- 
durch die positive Polarisation dieser Elektrode verhindert, 


37 


somit indirect den primitiven Strom der Kette verstärkt, 
scheinbar also die Leitungsfähigkeit des Wassers erhöht. 
Die Thatsache, dass Salpetersäure von einer gewissen 
Stärke besser leitet, als die mit Wasser verdünnte, erklärt 
sich auf die gleiche Weise. Auch das verhältnissmässig be- 
deutende elektrolysirende Vermögen der Becquzrer’schen 
Kette, welche bekanntlich aus einer concentrirten Kalılö- 


sung und starker Salpetersäure gebildet wird, ist nunmehr 


leichter begreiflich. Werden die beiden genannten Flüssig- 
keiten (durch eine poröse Scheidewand mit einander in Be- 
rührung stehend) vermittelst Platinstreifen leitend verbun- 
den, so entwickelt sich in merklicher Menge Sauerstoff an 
der Elektrode, die in die Kalilösung- taucht, und wird die 
Salpetersäure an der negativen Elektrode in salpetrichte 
Säure verwandelt. In Folge der chemischen Reaction, die 
an den Berührungsflächen der beiden Flüssigkeiten statt- 
findet, entsteht ein Strom, der von dem Kalı zur Säure 
geht. Dieser Strom scheidet Sauerstoff an der im wässri- 
gen Kalı stehenden Elektrode, und Wasserstoff an dem in 
die Salpetersäure tauchenden Platinstreifen aus. Der, Was- 
serstoff verbindet sich aber im Augenblicke seines Freiwer- 
dens mit einem Theile des Sauerstoffes der Salpetersäure, 
wodurch die positive Polarisation der negativen Elektrode 
verhindert und also indirecet der primitive Strom der Kette 
verstärkt wird. 

Die Thatsache, dass eine Kette, aus verdünnter Sal- 
petersäure und Kalilösung gebildet, keinen Strom erzeugt, 
der kräftig genug wäre, das Wasser in merklicher Menge 
zu zerlegen, scheint mir ein weiterer Beweis für die Rich- 
tigkeit der so eben gegebenen Erklärung zu seyn; denn 
Salpetersäure von einem gewissen Wassergehalt besitzt 
nicht mehr das Vermögen, nascirenden Wasserstoff zu ver- 
‚schlucken, d. h. die negative Elektrode zu depolarisiren. 


55 


Wenn nun kaum in Abrede gestellt werden kann, dass 
in den bisher besprochenen Fällen die Erhöhung des elek- 
trolysirenden Vermögens oder die Verstärkung des Stromes 
einer einfachen Kette von depolarisirenden Wirkungen ab- 
hängt, welche von den in der Zersetzungszelle befindlichen 
Substanzen auf die Elektroden ausgeübt werden, so fragt 
es sich doch noch, ob die beobachtete Steigerung der vol- 
ta’schen T'hätigkeit einer solchen Kette einzig und allein 
der bezeichneten Ursache ‚(der Depolarisation) zugeschrieben 
werden darf. 

Nach den Annahmen mancher Physiker verursacht jede 
chemische Thätigkeit eine Störung des elektrischen Gleich- 
gewichts und findet letztere namentlich bei der chemischen 
Verbindung der Stoffe untereinander statt, z. B. also bei 
der Vereinigung des freien Sauerstoffes mit irgend einem 
Metalle. 

Dieser Ansicht zufolge müsste nun z. B. die Verbin- 
dung des an der negativen Elektrode ausgeschiedenen Was- 
serstoffes mit Sauerstoff, Chlor, Brom u. s. w., und die 
Vereinigung des an der positiven Elektrode auftretenden 
Sauerstoffes mit Wasserstoff oder mit irgend einem andern 
oxydirbaren Körper volta’sche Ströme veranlassen. Was 
die Richtung betrifft, welche die in den eben erwähnten 
Fällen erzeugten Ströme nehmen, so müsste dieselbe, täu- 
sche ich mich anders nicht, nach den Grundsätzen pe 1A Rıve’s 
z. B. gerade entgegen gesetzt seyn der Richtung, in wel- 
cher der primitive Strom der Kette kreist. Es müsste dem- 
nach der secundäre Strom, hervorgegangen aus der an 
den Elektroden stattfindenden chemischen Actionen, anstatt 
verstärkend, schwächend auf den Strom der Kette wirken. 
Würde nun aber diesen Thätigkeiten wirklich das ihnen 
zugeschriebene elektromotorische Vermögen zukommen, so 
müsste dasselbe merklich kleiner seyn, als dasjenige der 
polarisirten Elektroden, weil sonst die Depolarisation der 


59 


letztern keine Verstärkung des Stromes der Kette verursa-- 
chen könnte. Jedenfalls erhellt aus dem eben Gesagten, 
dass die chemischen Vorgänge, welche an den Elektroden 
stattinden, gemäss DE LA Rıve’s Theorie, nichts zur Erhö- 
hung der volta’schen Thätigkeit der Kette beizutragen ver- 
mögen. | 

Um auf eine genügende Weise die Frage beantworten 
zu können, ob die in Rede stehende Verstärkung des Stro- 
mes der Kette allein von. der Depolarisation der Elektro- 
den herrühre, müsste man, meinem Ermessen nach, genau 
das Verhältniss kennen, in welchem die Stärke des initia- 
len Stromes der Kette steht zu der Stärke der von ihm 
hervorgerufenen Polarität der Elektroden; oder was das- 
selbe ist, es müsste das Verhältniss bekannt seyn, welches 
die Intensität des primitiven Stromes der Kette zu der In- 
tensität des secundären Stromes der Elektroden hat. Mei- 
nes Wissens kennen wir aber dieses Verhältniss noch nicht; 
auch will es mir scheinen, als ob die directe Ausmittelung 
desselben eine äusserst schwierige, wo nicht unmögliche 
Sache sey. Denn in demselben Augenblicke, wo der Strom 
der Kette durch die Zersetzungszelle geht, findet auch 
schon die Polarisation der daselbst befindlichen Metallelek- 
troden und somit auch dieRückwirkung ihrer Polaritäten 
auf den primitiven Strom der Kette statt. Die Stärke des 
Stromes der Kette, in welchem Momerte wir jene auch 
messen mögen, wie auch. der Grad der Polarisation der 
Elektroden, ist daher immer nur die Resultante von Gegen- 
strömen oder von elektromotorischen Kräften, die in ent- 
gegengesetzten Richtungen wirken: 

Setzen wir nun aber den Fall, das fragliche Verhält- 
niss wäre bekanzt und es ergäbe sich aus demselben, dass 
der durch die Polarisation der Eletkroden hervorgerufene 
Gegenstirom z. B. nur ein Viertel so stark sey, als der 
primitive Strom, der diese Polarisation erregte, so müsste 


6v 


offenbar, im Falle die letztere durch irgend ein Mittel gänz- 
lich verhindert würde, der beobachtete Strom der Kette 
gerade um ein Viertel stärker ausfallen, als der Strom ei- 
ner gleichen volta’schen Vorrichtung, deren Elektroden gar 
nicht depolarisirt worden wären. Würde aber die Stärke 
des Stromes der erstern Kette um mehr als um ein Viertel 
grösser seyn, so erhellte aus ‚einer solchen Thatsache, dass 
ausser der Depolarisation der Elektroden noch ein anderer 
Umstand verstärkend auf den Strom eingewirkt hätte. 

Es giebt einige Thatsachen, welche der Vermuthung 
Raum zu geben scheinen, dass der Strom der Kette in ei- 
nem grössern Verhältniss verstärkt werde, als diess in Folge 
der Depolarisation der Elektroden gescheben sollte. 

Thatsachen solcher Art scheinen mir die verhältniss- 
mässie bedeutende voita’sche Wirksamkeit der BeEcquvErer’ 
schen Kette und die erstaunlichen Wirkungen der Grovr’ 
schen Säule zu seyn. Die elektromotorische Ueberlegen- 
heit dieser beiden Vorrichtungen über andere ihnen ähn- 
liche Ketten ist in der That so gross, dass wir kaum an- 
nehmen können, dieselbe rühre einzig von dem depolarisi- 
renden Einflusse her, welchen die concentrirte Salpeter- 
säure an der negativen Platinelektrode dieser Ketten ausübt. 

Sollte aber die fragliche Depolarisation nicht die ein- 
zige Ursache der Stromverstärkung seyn, wo haben wir 
denn noch eine weitere, und zwar eine directe Stromquelle 
zu suchen? Dass z. B.in der Grove’schen Kette eine sol- 
che Quelle nicht in der Reaction der Salpetersäure und 
verdünnten Schwefelsäure liege, ist meines Wissens von 
JAcosı gezeigt worden. 

Das getrennte Auftreten der Bestandtheile des Wassers 
an den Elektroden lässt verinuthen oder zwingt vielmehr 
zu der Annahme, dass die erste Wirkung, welche eine vol- 
ta’sche Vorrichtung auf die Molecüle des genannten Elek- 
trolyten in der Zersetzungszelle ausübt, darin besteht: 


6 


dass diese Molecüle in eine bestimmte Lage in Bezug auf 
die Elektroden gebracht, d. h. die Wasserstofiseiten der 
Wassertheilchen gegen die .negative Elektrode, die Sauer- 
stoffseiten aber gegen die positive Elektrode gerichtet wer- 
den. Diese Wirkung muss nothwendiger Weise der wirk- 
lichen Elektrolyse des Wassers oder dem Eintritte des Stro- 
mes vorausgehen, weil wir sonst nicht begreifen könnten, 
wie z. B. der Wasserstoff des Wassertheilchens, welches 
an die positive Elektrode gränzt,:mit dem Sauerstoffe des 
jenen zunächst liegenden Wassermolecüles, wie überhaupt 
der Wasserstoff des vorangehenden Wassertheilchens mit 
dem Sauerstoffe des unmittelbar folgenden Wassermolecüles 
sich vereinigen könnte. 

Denken wir uns nun die Molecüle des Wassers in der 
Zersetzungszelle auf die angegebene Weise geordnet und 
nehmen wir an, es sey die negative Elektrode dieser Zelle 
unmittelbar mit einer Substanz umgeben, welche zum Was- 
serstoffe eine grosse Verwandtschaft besitzt (z. B. mit Sauer- 
stoff, Chlor, Brom u. s. w.) so muss unter den angeführ- 
ten Umständen eine derartige Materie gegen den Wasser- 
stoff des ihr benachbarten Wassermolecüles eine chemische 
Anziehung ausüben. Diese Anziehung ändert nothwendig 
das chemische Verhältniss ab, in welchem der Sauerstoff 
und Wasserstoff des fraglichen Wassermoleeüles zu einan- 
der stehen, d. h. vermindert die Stärke der Affinität die- 
ser Elemente zu einander und gestattet eben desshalb dem 
Sauerstoffe des ersten (mit der negativen Elektrode in un- 
mittelbarer Berührung stehenden) Wassertheilchens, dass 
er eine grössere chemische Anziehungskraft ausübt gegen 
das ihm (dem Sauerstoffe) zugekehrte Wasserstoffatom des 
zweiten Wassermolecüles. Hiedurch wird in diesem letz- 
tern Molecül ebenfalls eine Schwächung der Affinität seiner 
Bestandtheile verursacht und die Affinität des Sauerstoffes 
zu dem Wasserstoffatome des dritten Wassermolecüles ge- 


62 


steigert. Der veränderte chemische Zustand des dritten 
Molecüles führt nothwendig eine ähnliche Veränderung im 
vierten Molecüle herbei u. s. w. Die Elemente aller Was- 
sermolecüle, welche. sich zwischen den Elektroden befin- 
den, erleiden somit in ihrem chemischen Verhältnisse zu 
einander die nämliche Veränderung, welche in den Bestand- 
theilen des ersten Wassermolecüles verursacht wird durch 
den Einfluss der wasserstoffanziehenden Substanz, von der 
die negative Elektrode umgeben ist. Alle Wasserstoffatome 
der zwischen den Elektroden liegenden Wassermolecüle er- 
halten daher unter den obwaltenden Umständen das Bestre- 
ben, gegen die negative Elektrode der Kette hin sich zu 
bewegen und da der Strom der letztern dieselben Wasser- 
stoffatome in der gleichen Richtung zu bewegen sucht, so 
lässt sich leicht begreifen, wie beide Impulse, gleichzeitig 
wirkend, eine grössere Wirkung hervorbringen, als die ist, 
welche nur einer dieser Impulse zu verursachen vermag. 

Wenn man die positive Elektrode mit einer Materie 
umhüllt, die den Sauerstoff begierig aufnimmt, so sieht 
man nach den voranstehenden Bemerkungen unschwer ein, 
dass auch hiedurch die Elektrolyse des Wassers eben so 
gut befördert werden muss, als dadurch, dass man die ne- 
gative Elektrode in Berührung setzt mit einer Substanz, 
die den Wasserstoff stark anzieht. Auch ist klar, dass die 
Stromeffekte noch stärker ausfallen müssen, wenn die bei- 
den Elektroden gleichzeitig, die positive mit einer den 
Sauerstoff anziehenden Substanz, die negative Elektrode 
mit einer den Wasserstoff anziehenden Materie, in Berüh- 
rung stehen. 

Möge nun die besprochene Stromverstärkung in.depo- 
larisirenden Wirkungen auf die Elektroden allein, möge sie 
auch noch in andern Ursachen und namentlich in dem von 
mir zuletzt bezeichneten Umstande ihren Grund haben: so 
viel ist jedenfalls gewiss, dass dieselbe in dem innigsten 


63 
Zusammenhange steht mit chemischen Thätigkeiten, die an 
den Elektroden der Kette stattfinden. Denn lässt man sich 
bei der Wahl der Substanzen, mit denen man entweder 
die Elektroden umhüllt, oder die man in die Zersetzungs- 
flüssigkeit einführt, ich sage, lässt man sich hiebei einzig 
und allein von chemischen Rücksichten leiten, d. h. von 
den gewöhnlichen chemischen Beziehungen, in welchen die 
fraglichen Substanzen zu den an den Elektroden ausgeschie- 
denen Jonen des Elektrolyten stehen, so lässt sich immer 
das eintretende volta’sche Resultat mit Sicherheit voraussa- 
gen. Dieser Umstand scheint mir nicht ohne Bedeutung 
für die Theorie des Voltaismus zu seyn und stark zu Gun- 
sten der Ansicht zu sprechen, welcher gemäss die hydro- 
elektrischen Ströme aus chemischen Thätigkeiten entspringen. 


c 


Nachtrag. 


Es war Voranstehendes bereits geschrieben, als ich 
noch einige neuere Thatsachen ermittelte , welche sich ge- 
nau an die weiter oben beschriebenen Phänomene anreihen 
und die ich desshalb noch mittheilen will. 

Dient frischgeglühtes schwammförmiges Platin als po- 
sitive Elektrode der Kette, Platindraht als negative und ge- 
wöhnliches Wasser als Zersetzungsflüssigkeit, so findet un- 
ter diesen Umständen eine noch wahrnehmbare Elektrolyse 
des Wassers statt, wie die an der negativen Elektrode auf- 
steigenden Gasbläschen darthun. Wird frisch geglühter 
Platinschwamm als negative Elektrode, Platindraht als po- 
sitive gebraucht, so bemerkt man kaum eine Gasentwick- 
lung mehr. Versetzt man das Wasser mit einigen Tropfen 
Schwefelsäure oder Salpetersäure, so fällt die Wasserstoff- 
entbindung an der negativen Elektrode ziemlich lebhaft aus 
und dauert dieselbe längere Zeit mit scheinbar gleichblei- 


64 


bender Stärke an, falls nämlich die negative Elektrode aus 
einem Platindraht und die positive aus Platinschwamm be- 
steht. An letzterem sieht man unter den erwähnten Um- 
ständen zwar auch Bläschen aufsteigen; es scheint jedoch 
die Menge derselben bei weitem nicht dem an der negati- 
ven Elektrode entbundenen Wasserstoffquantum zu ent- 
sprechen. 

Macht man den Platinschwamm zur negativen Elektro- 
de, den Platindraht zur positiven, so findet zwar an letz- 
terem eine merkliche Sauerstoffentwicklung statt; es hört 
aber dieselbe, wie auch die Entbindung des Wasserstoffes 
an dem negativen Platinschwamme schon nach wenigen Au- 
genblicken beinahe gänzlich auf. 

' Wird. der ‚geglühte und zur positiven Elektrode be- 
stimmte Platinschwamm mit Ameisensäure benetzt, bevor 
man ihn in das schwach gesäuerte Wasser der Zersetzungs- 
zelle eintaucht, so findet an: der negativen Platindrahtelek- 
trode eine Wasserstoffgasentwicklung statt, welche merk- 
lich lebhafter ist, als diejenige, die man in dem Falle er- 
hält, wo reiner Platiinschwamm als positive Elektrode func- 
tionirt.. Lässt man frischgeglühten Platinschwamm, eben- 
falls mit Ameisensäure benetzt, als negative Elektrode in 
schwach gesäuertes Wasser tauchen, und dient als: positive 
Elektrode ein Piatindraht, so ist die unter solchen Umstän- 
den stattfindende Wasserelektrolyse nicht lebhafter, als: die- 
jenige, welche Platinschwamm für sich allein verursacht. 

Wird wässrige Ameisensäure als Zersetzungsflüssigkeit, 
Platinschwamm als positive, und Plaiindraht als negative 
Elektrode angewendet, so findet an letzterer eine lebhafte 
Wasserstoffgasentwicklung statt. Verwechselt man die ge- 
nannten Elektroden, nachdem sie vorher geglüht worden, 
so ist an der schwammförmigen negativen Elektrode kaum 
ein Bläschen von Wasserstoffgas wahrzunehmen. 


65 


Wird frisch geglühter Platinschwamm mit Aether be- 
netzt und als positive Elektrode in schwach (mit Schwefel- - 
säure) gesäuertes Wasser eingeführt, und dient ein Pla- 
tindraht als negative Elektrode, so entwickelt sich an letz- 
terer merklich mehr Wasserstoff, als sich daran in dem 
Falle enibindet, wo Platinschwamm ohne Aether als posi- 
tive Elektrode functionirt. Lässt man mit Aether benetzten 
Platinschwamm als negative Elektrode in die Zersetzungs. 
flüssigkeit eintauchen, und einen Platindraht als positive 
Elektrode functioniren, so fällt die Elektrolyse des Wassers 
nicht lebhafter aus, als diess der Fall ist, wenn der nega- 
tive Platinschwamm ohne Aetherhülle angewendet wird. 
Versetzt man das gesäuerte Wasser mit etwas Aether und 
functionirt Platinschwamm als positive Elektrode, so ent- 
wickelt sich an der negativen Elektrode mehr Wasserstoff, 
als sich davon entbindet in dem Falle, wo die Zersetzungs- 
flüssigkeit keinen Aether enthält. Spielt der Plauinschwamm 
die Rolle der negativen Elektrode, so übt die Anwesenheit 
des Aethers in der Zersetzungsflüssigkeit keinen merklichen 
Einfluss auf die stattfindende Elektrolyse des Wassers aus. 
Weingeist wirkt in den vorhin angeführten Fällen wie Ae- 
ther, jedoch, wie es mir schien, in etwas schwächerm 
Grade. Noch verdient bemerkt zu werden, dass an dem 
Platinschwamme, der mit Aether oder Weingeist benetzt 
wird, bevor er als positive Rlektrode dient, kein Sauerstoff 
sich entbindet, wenn die Wasserstoffentwicklung an dem 
negativen Platindrahte auch noch so lebhaft ist. Diese 
Thatsache begreift sich sehr leicht. Der an dem positiven 
Platinschwamme auf elektrolytischem Wege ausgeschiedene 
Sauerstoff vereinigt sich mit einem Theil des Wasserstof- 
fes, enthalten im Aether oderWeingeist, und wandelt diese 
Substanzen in Aldehyd u. s. w. um. 

Was die Ameisensäure betrifft, die sich am positiven 
Platinschwamme befindet, so ist von ihr bekannt, dass sie 

5 


66 


unter geeigneten Umständen durch den Sauerstoff sehr 
leicht in Kohlensäure und Wasser verwändelt wird. Der 
an der positiven Elektrode ausgeschiedene Sauerstoff wirft 
sich im fraglichen Falle auf den Kohlenstoff und Wasser- 
stoff der Ameisensäure und verursacht die eben erwähnte 
Zersetzung dieser Säure. Desshalb bemerkt man auch in 
dem Augenblicke, wo der mit Ameisensäure behaftete Pla- 
tinschwamm als positive Elektrode in die Zersetzungsflüs- 
sigkeit eintaucht, an ihm (dem Platinschwamme) Bläschen 
aufsteigen, die höchst wahrscheinlich aus Kohlensäure be- 
stehen. 

Es ist kaum nothwendig über die so eben mitgetheil- 
ten T'hatsachen noch weitere Bemerkungen zu machen; denn 
es ist offenbar, dass Aether, Weingeist und Ameisensäure 
an der positiven Elektrode gerade so wirken, wie eine 
Hülle von Wasserstoff oder von irgend einem andern leicht 
oxydirbaren Körper. 

Dass das schwammförmige Platin als positive Elektrode 
und umgeben von Aether u. s. w. eine Steigerung der 
Wasserelektrolyse verursacht, hat seinen Grund ohne Zwei- 
fel in dem merkwürdigen Vermögen dieses Metalles, die 
Aftinität des Sauerstoffes zum Wasserstoffe zu erhöhen. 

Auffallend ist die Thatsache, dass die volta’sche Zer- 
setzung des Wassers lebhafter ausfällt, wenn in reinen 
oder mit Schwefelsäure gesäuertem Wasser Platinschwamm 
als positive Elektrode dient, als diess geschieht, falls der- 
selbe als negative Elektrode und Platindraht als die positive 
functionirt. 

ich gestehe aufrichtig, dass es mir unmöglich ist, ir- 
gend einen Grund für den fraglichen Wirkungsunterschied 
anzugeben; denn unsern bisherigen Theorien nach sollte 
es in Bezug auf das Resultat der Elektrolyse ganz einerlei 
seyn, ob Platinschwamm die Rolle der positiven oder die 
der negativen Elektrode spielt. Da dem nun nicht so ist, 


67 


'so muss an besagtem Schwamme, als positiver Elektrode, 
irgend ein Vorgang stattfinden, der entweder auf mittelbare 
oder direkte Weise die Stärke des Stromes der Kette ver- 
mehrt. Sollte sich vielleicht als secundäres Produkt um 
den positiven Platinschwamm Wasserstoffhyperoxyd bilden 
und in Folge der unter dem Einflusse des Platins sofort 
wieder eintretenden Zersetzung dieser Verbindung ein Strom 
entstehen, der mit dem Strome der Kette einerlei Richtung 
. hat? Nach BEcauzrer’s und meinen eigenen Versuchen ver- 
hält sich in oxydirtem Wasser das schwammförmige Platin 
positiv zu dem dichten Metalle. 

DeıARıvE wird vielleicht die Ursache der in Rede ste- 
henden Erscheinung in der von ihm angenommenen Oxy- 
dirbarkeit des Platins und in der schwammförmigen Be- 
schaffenheit, welche die directe Vereinigung des Sauerstof- 
fes mit diesem Metalle begünstigen musste, zu suchen ge- 
neigt seyn. Aus Gründen, die in einer eigenen, bald er- 
scheinenden Abhandlung entwickelt sind, kann ich die di- 
recte Oxydirbarkeit des Platins nicht zugeben und desshalb 
auch die fragliche Erscheinung nicht aus einer Oxydation 
des positiven Platinschwammes ableiten. 


D. 13. Apr. Herr Prof. Scnönsem, Beobachtungen 
über einen eigenthümlichen Zustand des Ei- 
sens. Es ist in der voranstehenden Abhandlung bemerkt 
worden, dass das Wasser in der Zersetzungszelle lebhaft 
elektrolysirt werde, wenn ein leicht oxydirbares Metall dem 
Strome einer Kette als positive Elektrode diene, dass aber 
hievon das Eisen, das doch mit einer so bedeutenden Af- 
finität zum Sauerstoffe begabt ist, unter gegebenen Um- 
ständen eine auffallende Ausnahme von der Regel mache. 
Da die Beobachtungen und Versuche, welche ich über das 
eigenthümliche Verhalten dieses Metalles gemacht habe, ei- 


niges wissenschaftliche Interesse gewähren dürften, so will 


63 


ich es versuchen, dieselben in möglichst gedrängter Kürze 
zu beschreiben und daraus einige theoretische Folgerungen 
zu ziehen. 

Lässt man jeden der Zuleitungsdrähte einer kräftigen 
einfachen Kette in ein mit Quecksilber gefülltes Näpfchen 
treten, verbindet man dann das Näpfchen, in welches der 
negative Leitungsdraht taucht, durch einen Platinstreifen mit 
der Flüssigkeit (stark verdünnte Schwefelsäure) der Zer- 
setzungszelle, und taucht man hierauf das eine Ende eines 
gewöhnlichen Eisendrahtes in das positive Quecksilbernäpf- 
chen und dann das andere Ende desselben Drahtes in das 
gesäuerte Wasser der Zersetzungszelle ein, so entwickelt 
sich an der negativen Platinelektrode kein Wasserstoffgas, 
findet also unter diesen Umständen die Elektrolyse des Was- 
sers in keinem merklichen Grade statt. Befindet sich die 
ganze Vorrichtung in dem eben beschriebenen Zustande 
der Unthätigkeit, so kann derselbe aufgehoben, d. h, eine 
lebhafte Elektrölyse des Wassers veranlasst werden: 

1) Dadurch, dass man innerhalb der Zersetzungsflüs- 
sigkeit die negative Platinelektrode einen Augenblick in Be- 
rührung setzt mit der positiven Eisenelektrode. Sobald 
man beide Elektroden von einander entfernt hat, tritt leb- 
hafte Wasserstoffgasentwicklung an der negativen Elektrode 
ein, die jedoch bald abnimmt und nach einigen Secunden 
ganz aufhört. 

2) Dadurch, dass man auf einige Augenblicke den Kreis 
der Kette an einem beliebigen Orte und in beliebiger Weise 
öffnet. Beim Wiederschliessen der Kette findet eine leb- 
hafte Gasentbindung an der negativen Elektrode statt, der 
aber wieder schnell der Zustand der Unthätigkeit folgt. 

3) Dadurch, dass man die positive Eisenelektrode in- 
nerhalb der Zersetzungsflüssigkeit mit einem oxydirbaren 
Metalle, z. B. mit Zink, Zinn, Eisen, Kupfer oder selbst 
mit Silber berührt. Die, unter diesen Umständen eintre- 


69 


tende Gasentwicklung an der negativen Elektrode dauert 
aber auch wieder nur einige Secunden. 

4) Dadurch, dass man die beiden Quecksilbernäpfchen 
mittelst eines gut leitenden Kupferdrahtes von etwa. drei 
Zoll Länge und einer halben Linie Dicke auf einige Augen- 
blicke unter einander verbindet und dann den Kupferdraht 
wieder entfernt. Im Augenblicke, wo letzteres geschieht, 
tritt eine lebhafte Wasserstoffgasentbindung an der negati- 
ven Elektrode ein, die ebenfalls nur wenige Secunden an- 
dauert. 

5) Dadurch, dass man den Theil des positiven Eisen- 
drahts, der in die Zersetzungsflüssigkeit eintaucht, lebhaft 
bewegt, ohne aber hiedurch den Kreis der Kette zu öffnen. 

Es verdienen auch noch folgende Thatsachen hier er- 
wähnt zu werden. Wird das Ende eines Eisendrahts, dazu 
bestimmt, als positive Elektrode in der Zersetzungsflüssig- 
keit zu dienen, mit irgend einer Säure in Berührung ge- 
setzt, welche auf das Metall chemisch einwirkt, so entbin- 
det sich beim Schliessen der Kette Wasserstoffgas an der 
negativen Elektrode. Dasselbe Resultat wird auch erhalten 
in dem Fall, wo besagter Eisendraht in die Zersetzungs- 
flüssigkeit eintaucht, bevor die Kette geschlossen ist. 

Schliesst man letztere z. B. in der Weise, dass zuerst 
das eine Ende des positiven Eisendrahts in die Zersetzungs- 
flüssigkeit, und hierauf dessen anderes Ende in das posi- 
tive Quecksilbernäpfchen gebracht wird, so findet im Au- 
genblick des Schliessens der Kette eine lebhafte Gasent- 
wicklung an der negativen Elektrode statt, die jedoch, wie 
in den zuletzt und vorhin angeführten Fällen, bald aufhört. _ 

Ehe wir unsere Bemerkungen über die mitgetheilten 
Thatsachen machen, wollen wir vorher noch einiger an- 
dern, mit ihnen im Zusammenhange stehender Erscheinun- 

“ gen erwähnen. ' 


70 


Ist der, positive Eisendraht in der Zersetzungszelle un: 
“thätig, das heist, entwickelt sich ‘an der negativen Elek- 
trode der gleichen Zelle kein Wasserstoffgas, und verbin- 
det man nun die beiden vorhin erwähnten Quecksilbernäpf- 
chen durch einen Kupferdraht von drei Zoll Länge und 
einer halben Linie Dicke, so bemerkt man während der 
Dauer dieser Verbindung an der negativen Elektrode keine 
merkliche Gasentwicklung. Giebt man aber dem kupfernen 
Verbindungsdraht eine Länge von sechs Zollen, so macht 
sich schon eine Gasentwicklung an der negativen Elektrode 
bemerklich. : Ein Fuss langer Draht derselben Art verur- 
sacht eine: stärkere, ein zwei Fuss langer Draht eine noch 
lebhaftere. Gasentwicklung an der gleichen Elektrode. In- 
dem, man den Draht bis zu einer Länge von etwa sechszehn 
Fussen ‚verlängert, vermehrt man auch immer mehr die 
Wasserstoffgasentbindung an der negativen Elektrode der 
Zersetzum®szelle; überschreitet man diese Länge noch um 
einige Fuss mehr, so wird dieser Kupferdraht nicht mehr 
im Stande seyn, unmittelbar in dem Augenblicke, wo der- 
selbe die Näpfchen. verbindet, die Wasserstoffgasentbindung 
an der negativen Elektrode hervorzurufen. Hat aber die 
Verbindung der Näpfchen durch den zuletzt erwähnten Ku- 
pferdraht einige Secunden lang gedauert, so beginnt die 
Wasserstoffgasentwicklung an der negativen Elektrode, und 
zwar ist diese Gasentwicklung lebhafter, als diejenige, wel- 
che durch kürzere Verbindungsdrähte veranlasst wird. Es 
dauert aber eine solche Gasentbindung nur einige Secun- 
den an, und folgt .ihr ein Zustand der Ruhe. Nach einiger 
Zeit begimnt die Gasentwicklung wieder auf's Neue, es folgt 
derselben ein abermaliger Stillstand der Elektrolyse in der 
Zersetzungszelle, und so findet längere Zeit hindurch ein 
Wechsel von elektrolytischer Ruhe und Thätigkeit statt, bis 
endlich der positive Eisendraht in den Zustand dauernder 
Unthätigkeit zurückfällt. 


- 7 


Verbindet ein Kupferdraht von 40 Fuss Länge und 
einer halben Linie Dicke die beiden Näpfchen, so übt der- 
selbe keinen merklichen Einfluss auf den Zustand der Blek- 
troden aus; öffnet man aber die Kette, während besagter 
Draht die Näpichen verbindet, so dauert die Gasentwick- 
lung an der negativen Elektrode nach Wiederschliessung 
der Kette etwas länger an, als diess geschehen würde, wern 
die Näpfchen gar nicht leitend verbunden wären. 

Ist- der die Näpfehen verbindende Kupferdraht mehrere 
hundert Fuss lang und von vorhin genannter Dicke, so 
treten alle Erscheinungen so ein, als ständen die Näpfchen 
ausser aller leitenden Verbindung. 

Sind die Näpfehen durch einen Kupferdraht verbun- 
den, dessen Dicke eine halbe Linie: beträgt, und dessen 
Länge so ist, dass sie eine stetige Wasserstoffgasentwick- 
lung an der negativen Elektrode gestattet, beträgt also die 
Drahtlänge zwischen einem halben und sechszehn Fuss, so 
tritt in dem Augenblicke, wo ein solcher Draht aus den 
Näpfehen entfernt wird, eine Gasentbindung an der nega- 
tiven Elektrode ein, welche viel lebhafter ist als diejenige, 
die stattfindet, während der besagte Draht die Näpfchen 
verbindet. Es dauert aber diese lebhaftere Gasentwicklung 
nur kurze Zeit an, und schon nach einigen Secunden tritt 
ein Zustand von Unthätigkeit in der Zersetzungszelle ein. 

Wendet man zur Verbindung der Näpfchen Kupfer- 
@rähte an, welche dicker als eine halbe Linie sind, so müs- 
sen dieselben, um mit ihnen all die vorhin erwähnten Er- 
scheinungen zu veranlassen, länger seyn, als die dünnern 
Drähte. Dient zur Verbindung der Näpfchen ein anderer 
als Kupferdraht, so lehrt die Erfahrung, dass der Erfolg 
in der Zersetzungszelle im Allgemeinen nach dem Leitungs- 
vermögen des angewendeten Metalis sich richtet. Wendet 
man z. B. Platindraht zu dem genannten Zwecke an, und 


ist derselbe eine halbe Linie dick, so muss er gegen acht 


72 


Mal kürzer seyn als der Kupferdraht, um Resultate zu er- 
halten, gleich denen, welche der Kupferdraht liefert. 

Eisendrähte müssen etwas länger als Platindrähte, Mes- 
singdrähte länger als Eisendrähte, Golddrähte länger als 
Messingdrähte seyn, falls alle Drähte die gleiche Dicke ha- 
ben und die gleiche Wirkung in der Zersetzungszelle her- 
vorbringen sollen. 

Werden Drähte von demselben Metall, aber verschie- 
dener Dicke, zur Verbindung der Näpfchen angewendet, 
und will man das gleiche Resultat in der Zersetzungszelle 
erhalten, :so ist nothwendig, dass der dickere Draht in 
eben demselben Verhältniss länger sey als der dünnere, in 
welchem der Querschnitt des erstern Drahtes grösser ist 
als der Querschnitt des zweiten. Ich muss indessen be- 
merken, dass ich die unter den erwähnten Umständen sich 
‚zeigenden numerischen Verhältnisse noch nicht genauer 
ausgemittelt habe. So viel ist aber durch vielfältige Ver- 
suche von mir ausser Zweifel gestellt worden, dass die 
Grösse des Leitungswiderstandes, welchen der die Näpf- 
chen verbindende Metalldraht ausübt, einen entscheidenden 
Einfluss auf die Vorgänge in der Zersetzungszelle, d. h. 
auf die Thätigkeit der Elektroden, ausübt. 

Es ist gleich im Anfange dieser Abhandlung bemerkt 
worden, dass so gut als gar keine Elektrolyse in der Zer- 
setzungszelle stattfindet, wenn das Eisen als positive Elek- 
trode auf eine bestimmte Weise in die verdünnte Schwefel- 
säure eingeführt, das heisst: wenn mit diesem Eisen die 
Kette geschlossen wird. Setzt man aber die besagten Näpf- 
chen in leitende Verbindung durch einen Kupferdraht, z.B. 
von 5Fuss Länge und einer halben Linie Dicke; verbindet 
man dann das Näpfchen, in welches der negative Zulei- 
tungsdraht der Kette ausmündet, mit der verdünnten Schwe- 
felsäure der Zersetzungszelle durch einen Platindraht; taucht 
hierauf das eine Ende eines gewöhnlichen Eisendrahtes in 


75 


das positive Quecksilbernäpfehen, und dann das andere 
Ende des gleichen Eisendrahtes in die Zersetzungsflüssig- 
keit ein: so beginnt unter diesen Umständen sofort die 
Wasserstoffgasentwicklung an der negativen Elektrode, und 
dauert dieselbe so lange fort, als an der ganzen Vorrich- 
tung nichts geändert wird. Das gleiche Resultat erhält man 
immer in dem Falle, wo die beiden Näpfchen durch einen 
Metalldraht verbunden sind, der das Vermögen besitzt, die 
in die Zersetzungsflüssigkeit eintauchenden Elektroden aus 
dem Zustande der Unthätigkeit in den Zustand dauernder 
Thätigkeit überzuführen. 

Wird in die Zersetzungszelle Salzsäure, Brom-, Jod-, 
Fluorwasserstoffsäure, oder die Lösung von Kochsalz, Brom- 
kalium, Jodkalium oder von irgend einem Haloidsalze ge- 
bracht, so treten die vorhin beschriebenen eigenthümlichen 
Erscheinungen nicht ein, wenigstens nicht in einem wahr- 
nehmbaren Grade. Dagegen verhält sich das Eisen in ver- 
dünnter Salpetersäure und Phosphorsäure im Allgemeinen 
so, wie in der wässrigen Schwefelsäure; es kommen jedoch 
bei Anwendung der erstern Säure einige Eigenthümlichkei- 
ten vor, die ich bei einer andern Gelegenheit besprechen 
werde. ! 

Werden bei den vorhin beschriebenen Versuchen als 
positive Elektrode andere Metalle als das Eisen in Anwen- 
dung gebracht, so zeigt, nach meimen bisherigen Erfahrun- 
gen, nur das Kupfer einige Analogie mit jenem Metalle. 
Hiemit soil jedoch nicht gesagt seyn, dass ausser dem Kup- 
fer es kein anderes Metall gebe, das die Eigenthümlich- 
keit des Eisens besitzt. Es ist sogar wahrscheinlich, dass 
in einem gewissen Grade alle oxydirbareren Metalle in dem 
Eisen ähnliches Verhalten zeigen, dasselbe aber in Folge 
des Stattfindens anderweitiger Thätigkeiten für uns noch 
verdeckt sey. 


74 


Was nun das Kupfer betrifft, das als positive Elek- 
trode in verdünnter Schwefelsäure functionirt, so haben 
meine Versuche gezeigt, dass die Wasserstoffgasentwick- 
lung, die an der negativen Elektrode stattfindet, nach Schlies- 
sung der Kette einige Minuten lang mit ziemlicher Lebhaf- 
tigkeit andauert. Nach Verfluss dieser Zeit tritt eine merk- 
liche Verlangsamung der Elektrolyse ein, und wird diese 
endlich so unbedeutend, dass an der negativen Elektrode 
nur noch wenige Gasblasen erscheinen. Ist nun dieser Zu- 
stand relativer Unthätigkeit in der Zersetzungszelle einge- 
treten, so kann durch Anwendung der weiter oben für 
das Eisen angegebenen Mittel die beinahe gänzlich gehemm- 
te Wasserelektrolyse wieder bis zur anfänglichen Lebhaf- 
tigkeit gesteigert werden. Oeffnet man also auf: irgend 
eine Weise für einige Augenblicke die Kette, so tritt beim 
Wiederschliessen derselben an der negativen Elektrode eine 
Gasentwicklung ein, die so lebhaft ist, als sie es im An- 
fange des Versuches war. Dasselbe Resultat wird auch 
erhalten dadurch, dass man die beiden Näpfchen vermit- 
telst eines kurzen Kupferdrahts einige Augenblicke lang in 
Verbindung bringt. Bei der Entfernung dieses Drahtes aus 
den Näpfchen tritt an der negativen Elektrode eine sehr 
lebhafte Entbindung von Wasserstoffgas ein, die sich na- 
türlich auch bald wieder mässigt. Eben so wird die ge- 
hemmte Elektrolyse des Wassers wieder gesteigert und 
stetig erhalten, wenn man die Näpfchen durch einen Me- 
talldraht von geeigneter Länge und Dicke mit einander ver- 
bindet, z. B. durch einen Kupferdraht von sechs Fuss 
Länge und einer halben Linie Dicke. 

Das Kupfer unterscheidet sich somit wesentlich nur 
dadurch vom Eisen, dass jenes Metall als positive Elektrode 
etwas schwieriger äls dieses in den Zustand der Unthätig- 
keit tritt, dass es also nicht, wie das Eisen, in dem Au- 


genblick, wo es als positive Elektrode in die Zersetzungs- 


75 


flüssigkeit eintaucht, die Elektrolyse des Wassers hemmt. 
Dieses abweichende Verhalten ist aber offenbar nur ein 
Unterschied dem Grade und nicht der Art nach. 

Nach Darlegung dieser nicht ganz uninteressanten That- 
sachen wird es wohl am Orte seyn, dieselben einer theo- 
retischen Erörterung zu unterwerfen und einige Schlüsse 
aus ihnen zu ziehen, und indem wir diess thun, werden 
wir ımmer das Eisen im Sinne haben. 

Ich habe schon vor mehrern Jahren .die Beobachtung 
gemacht, dass das Eisen den Sauerstoff frei an sich auftre- 
ten lässt, wenn dasselbe als der positive Pol einer Säule 
in mit Wasser verdünnte Sauerstoffsäuren eingeführt und 
hiedurch der volta’sche Kreis geschlossen wird, Ich habe 
mit andern Worten dargethan, dass unter den erwähnten 
Umständen das Eisen seine Affinität gegen den Sauerstoff 
ganz oder zum grössern Theil zu - verlieren scheint, und 
vorübergehend die Eigenschaften eines edlen Metalles er- 
langt. Es ist von mir gleichfalls‘ gezeigt worden, dass bei 
Anwendung einer etwas kräftigen Säule die Sauerstoffent- 
wicklung am positiven Eisenpole selbst dann eintritt, wenn 
letzterer von der negativen Elektrode in die saure Flüssig- 
keit der Zersetzungszelle eingeführt wird. Ueberdiess 
machte ich damals schon die Beobachtung, dass der Zu- 
stand der chemischen Unthätigkeit, in welchem sich die 
positive Eisenelektrode befindet, aufgehoben werden. kann, 
1) durch eine augenblickliche Berührung der Elektroden 
innerhalb der Zersetzungszelle, 2) durch Berührung der 
unthätigen Eisenelektrode mit einem oxydirbaren Metall in- 
nerhalb der Zersetzungsflüssigkeit, 3) durch Oeffnen des 
volta’schen Kreises u. s. w. Diese und noch. andere zu 
seiner Zeit von mir veröffentlichten Thatsachen stehen of- 
fenbar in einem genauen Zusammenhange mit den Phäno- 
menen, die den Gegenstand dieser Abhandlung: bilden. 


76 


Beide Reihen von Thatsachen gehören in die Klasse der 
Passivitätserscheinungen. 

Es ist oben gesagt worden, dass an der negativen 
Elektrode keine merkliche Gasentwicklung stattfinde, falls 
die Kette mit dem Eisen als positive Elektrode geschlossen 
werde. Dieses auffallende Verhalten hat ohne Zweifel sei- 
nen Grund zunächst in dem Umstande, dass das Eisen, ob- 
wohl an und für sich ein sehr oxydirbares Metall, unter 
den angegebenen Verhältnissen in den passiven Zustand 
tritt, das heisst, gegen den Sauerstoff, den der Strom an 
dem Metalle auszuscheiden sich bestrebt, seine Affinität 
verliert. Nach den Angaben, die in der vorhergehenden 
Abhandlung gemacht wurden, fällt aber der Strom einer 
Ketie immer so schwach aus, dass derselbe das Wasser 
nicht mehr in merklicher Menge elektrolysirt, falls nämlich 
die angewendeten Elektroden keine bedeutende chemische 
Anziehungskraft ausüben gegen die Bestandttheile der elek- 
trolytischen Zersetzungsflüssigkeite Dass es die besagte 
Veränderung des chemischen Zustandes, d. h. die Passivi- 
tät des Eisens ist, welche die Elektrolyse des Wassers in 
dem vorliegenden Falle verhindert, erhellt übrigens schon 
aus dem einfachen Umstande, dass dasselbe negative Re- 
sultat erhalten wird, wenn man anstatt Eisen das Gold 
oder das Platin als positive Elektrode anwendet, und um- 
gekehrt eine lebhafte Entwicklung von Wasserstoffgas an 
der negativen Elektrode stattfindet, wenn ein leicht oxy- 
dirbares Metall als positive Elektrode functionirt. Zu ei- 
ner gleichen Folgerung führt auch die Thatsache, dass die 
Elektrolyse in dem Augenblicke beginnt, wo die passive 
Eisenelektrode in Berührung gesetzt wird mit einem Me- 
talle, das die Passivität des Eisens aufzuheben vermag, z.B. 
also in Berührung gebracht wird mit Zink, Kupfer oder 
gewöhnlichem Eisen. Es zeigt sich überhaupt, dass jedes 
Mittel, welches die Oxydirbarkeit im passiven Eisen wieder 


77 


hervorruft, auch die unterbrochene Elektrolyse des Was- 
sers in der Zersetzungszelle wieder einleitet oder die Stärke 
des Stromes der Kette steigert. 

Ich will mich hier über die Ursache der chemischen 
Unthätigkeit des Eisens, welche unter den obenerwähnten 
Umständen eintritt, noch nicht näher aussprechen; so viel 
scheint jedoch aus den vorliegenden Thatsachen zu erhel- 
len, dass die Erregung dieses ausserordentlichen Zustan- 
des, wie auch die Fortdauer desselben durch irgend eine 
elektrische Thätigkeit vermittelt wird. Denn functionirt das 
Eisen nicht als die positive Elektrode in der verdünnten 
Schwefelsäure, so wird die Passivität im Metalle gar nicht 
hervorgerufen, auch hört der chemisch -unthätige Zustand 
des Eisens auf, sobald das Metall nicht mehr die Rolle der 
positiven Elektrode spielt, oder, um mich noch vorsichti- 
ger auszudrücken, sobald das Metall sich nicht mehr unter 
Umständen befindet, unter welchen es die Rolle der posi- 
tiven Elektrode spielen könnte. 
| Man dürfte vielleicht geneigt seyn, die Passivität des 
Eisens als die Wirkung eines wirklichen Stromes zu be- 
trachten, und ist berechtigt anzunehmen, dass die ver- 
dünnte Schwefelsäure, wenn in Berührung mit passivem 
Eisen stehend, fortwährend sich bestrebt, die unter dem 
Einflusse einer elektrischen Thätigkeit hervorgerufene Pas- 
sivität dieses Metalls aufzuheben. 

Indem wir von diesen Voraussetzungen ausgehen, er- 
klärt sich zunächst die Thätsache, dass durch Oeffnen und 
Wiederschliessen der Kette die in der Zersetzungszelle un- 
terbrochene Wasserelektrolyse wieder eingeleitet wird. Wäh- 
rend des Geöffnetseyns der Kette verliert nämlich die po- 
sitive Eisenelektrode ihre Passivität in Folge der vorhin 
bezeichneten Einwirkung der in der Zersetzungszelle vor- 
handenen verdünnten Schwefelsäure. Wird nun die Kette 
geschlossen, so befindet sich in dem Augenblicke, wo diess 


78 


geschieht, die positive Eisenelektrode im normalen, d. h. 
im oxydirbaren Zustande; der Sauerstoff, den der Strom 
der Kette an diesem Eisen auszuscheiden strebt, kann sich 
daher mit letzterm verbinden Es wird, indem diess statt- 
“ findet, gemäss den in der vorhergehenden Abhandlung mit- 
getheilten Thatsachen, der Strom der Kette vermehrt, hie- 
durch aber auch die Elektrolyse des Wassers befördert. 
Betrachten wir die Passivität des Eisens als eine Stromwir- 
kung, so folgt aus dieser Ansicht, dass der nämliche Strom, 
der eine lebhafte Elektrolyse des Wassers verursacht, auch 
streben muss, die chemisch-thätig gewordene Eisenelek- 
trode wieder in den passiven Zustand zu versetzen. Und 
ist die von besagtem Strom auf das Eisen ausgeübte passi- 
virende Wirkung grösser, als die der Passivirung dieses 
Metalls entgegenwirkende Thätigkeit der Zersetzungsflüssig- 
keit, so muss unter solchen Umständen nothwendig die 
Passivität des Eisens wieder eintreten, und mit dem Ein- 
tritt dieses ausserordentlichen Zustandes auch der Strom 
der Kette und mithin die Lebhaftigkeit der Elektrolyse sehr 
bedeutend vermindert werden. 

Nach den gemachten Bemerkungen begreift sich auch 
sehr leicht die Wirkung, weiche ein sehr kurzer, d.h. ein 
wenig Widerstand leitender Draht ausübt, wenn man mit 
demselben erst die Quecksilbernäpfchen in leitende Verbin- 
dung setzt und dann diese Verbindung wieder aufhebt. So 
lange besagter Draht die Näpfchen vereinigt, geht durch 
ihn vorzugsweise der Strom der Kette, und nur ein sehr 
geringer Theil durch die Elektroden und die Zersetzungs- 
flüssigkeit. Die positive Eisenelektrode befindet sich somit 
ungefähr in demselben Zustande, in welchem sie während 
des Geöffnetseyns der Kette ist. Die der Passivität des 
Eisens entgegenwirkende Thätigkeit der Zersetzungsflüssig- 
keit wird desswegen bald die passivirende Wirkung des 
schwachen Stroms überwiegen und das Metall schnell in 


79 


den chemisch -thätigen Zustand zurückführen. Ist dieser 
Zustand eingetreten und nimmt man den Verbindungsdraht 
aus den Näpfchen weg, so muss nun ein Strom durch die 
Kette gehen, von grösserer Stärke als sie der Strom hatte, 
welcher dieselbe Kette durchkreiste, bevor man die Näpf- 
chen durch den erwähnten Draht verbunden hatte. Aber 
eben diese grössere Stromstärke muss nun, wie in dem 
früher angeführten Falle, das Eisen wieder chemisch-un- 
thätig machen; die hervorgerufene Passivität hat Schwä- 
chung des Stroms der Kette, also auch Schwächung der 
Wasserelektrolyse in der Zersetzungszelle zur Folge. 

Verlängert man den Draht, welcher die‘ Quecksilber- 
näpfchen zu verbinden hat, so vermehrt man hiedurch des-. 
sen Leitungswiderstand, und es geht durch einen solchen 
Draht eine Strommenge, die kleiner ist, als diejenige, wel- 
che durch einen kürzern Draht ginge. Der Strom, der 
bei Anwendung eines längern Verbindungsdrahtes durch 
die Zersetzungsflüssigkeit geht, wird also grösser seyn als 
der Strom, welcher dieselbe Flüssigkeit durchläuft, in dem 
Falle, wo ein kürzerer Draht die Näpfchen verbindet. 

Wird nun durch den Draht, welcher die Näpfchen in 
leitende Verbindung setzt, der durch die Zersetzungszelle 
gehende Strom bis zu dem Grade geschwächt, dass dessen 
passivirende Wirkung auf das Eisen nicht grösser Ist als 
die entgegengesetzte Wirkung, welche die Zerssiingcnge 
sigkeit auf das gleiche Metall ausübt, so muss, bei der Ab- 
hängigkeit, in der die Stärke des durch die Zersetzungs- 
flüssigkeit- gehenden Stromes von der Oxydirbarkeit der 
positiven Elektrode steht, unter den so eben angegebenen 
Umständen die positive Eisenelektrode denjenigen Grad von 
Oxydirbarkeit erhalten und behalten, welcher nothwendig 
ist, damit die Elektrolyse in der Zersetzungszelle mit gleich- 
bleibender Lebhaftigkeit stattfinde. 


so 


Folgende Bemerkungen dienen vielleicht dazu, das eben 
Gesagte noch klarer zu machen. Unmittelbar vor dem Au- 
genblicke, wo die Näpfchen durch den besagten längern 
Draht vereinigt werden, besitzt die positive Eisenelektrode 
einen solchen Grad von Passivität, dass letztere den Strom 
der Kette bis zur Unmerklichkeit schwächt, das heisst, 
die Elektrolyse in der Zersetzungszelle so gut als gänzlich 
verhindert. 

Ist die fragliche Verbindung zwischen den Näpfchen 
hergestellt, so wird der Einfluss, den die Kette auf die 
positive Eisenelektrode ausübt, in eben dem Grade ge- 
schwächt, in welchem der Verbindungsdraht der Näpfchen 
gut leitet. Es muss daher der Grad der Passivität der po- 
sitiiven Elektrode in Folge der fortdauernden Einwirkung 
der Zersetzungsflüssigkeit auf das Eisen sofort sich ver- 
mindern, oder die Oxydirbarkeit des Metalls sich steigern; 
es muss daher auch der Strom, der jetzt durch die Zer- 
seizungszelle geht, grösser seyn als der Strom, der durch 
dieselbe Zelle ging unmittelbar vor dem Moraent, wo beide 
Näpfchen durch den längern Draht verbunden wurden, und 
es muss die Stärke jenes Stromes so lange wachsen, bis 
seine passivirende Rückwirkung auf das Eisen gerade so 
gross geworden ist als der entgegengesetzte Einfluss, den 
die Zersetzungsflüssigkeit auf das gleiche Metall ausübt. Ist 
dieser Zustand der Gleichheit der entgegesetzien Wirkun- 
gen von Strom und Säure eingetreten, so findet eine gleich- 
förmige Elektrolyse des Wassers statt, oder es wird die 
Stärke des Stroms, der durch die Zersetzungsflüssigkeit 
geht, merklich constant seyn. 

Findet ein solcher Zustand statt, und setzt man nun 
die Näpfchen ausser Verbindung, so tritt, obigen Angaben 
zufolge, in dem Augenblick, wo dieses geschieht, eine leb- 
haftere Wasserstoffgasentwicklung an der negativen Elek- 
trode ein, als die Gasentwicklung war, welche statiland, 


ol 


so lange die Näpfchen durch den längeren Draht mit- 
einander communicirten. Es fällt aber auch die positive 
Bisenelektrode sofort, wieder in den Zustand chemischer 
Unthätigkeit zurück, und wird die Elektrolyse des Wassers 
bis zum Grade der Unmerklichkeit vermindert. 

Diese Thatsache erklärt sich leicht aus den bereits 
gemachten Bemerkungen. In dem Augenblick, wo der 
Draht aus den Näpfchen entfernt wird, muss aus leicht 
einsehbaren Gründen durch die Zersetzungszelle ein Strom 
gehen, stärker als derjenige, welcher unmittelbar vorher 
durch dieselbe (Zelle) gegangen ; hiedurch wird aber das 
vorhin bestandene Gleichgewicht zwischen der passivirenden 
Wirkung des Stroms und der depassivirenden Wirkung 
der Zersetzungsflüssigkeit auf die positive Eisenelektrode 
gestört, und zwar zu Gunsten der ersteren Wirkung, was 
das Hervorrufen der Passivität des Eisens zur Folge haben 
muss. 

Unschwer wird es nun auch seyn, die Wirkung zu 
begreifen, ausgeübt von einem Verbindungsdrahte, dessen 
Länge etwas beträchtlicher ist als die Länge des Drahtes, 
von dem so eben die Rede war. Bei Anwendung eines 
solchen längeren Drahtes tritt, obigen Angaben zufolge, 
die interessante Erscheinung ein, dass während der Dauer 
der Verbindung dieses Drahtes mit den Näpfchen in ge- 
wissen Zeitintervallen eine lebhafte Gasentwicklung an der 
negativen Elektrode mit einem Stillstande der Elektrolyse 
in der Zersetzungszelle abwechselt. 

Der in Rede stehende längere Draht schwächt noth- 
wendig den Einfluss, welchen die Kette auf die positive 
Elektrode ausübt, in einem stärkeren’ Grade als dies ein 
sonst gleicher, aber kürzerer Draht thut; die Passivität der 
positiven Elektrode muss daher bei Anwendung des länge- 
ren Drahtes rascher und stärker vermindert werden, als sie 
(die Passivität) es durch einen kürzeren Verbindungsdraht 


6 


32 


wird. Unter solchen Umständen steigert man daher die 
Oxydirbarkeit des Eisens zu einem höheren Grade als 
diess bei Anwendung eines kürzeren Drahtes möglich ist. 
Dieser höhere Grad der Oxydirbarkeit des Metalles hat 
aber zur nothwendigen Folge, dass ein Strom durch die 
Zersetzungzelle geht, der stärker ist als derjenige Strom, 
welchen man bei einem schwächeren Grade der Oxydir- 
barkeit des Eisens erhält. Dieser stärkere Strom muss 
aber die positive Elektrode zur chemischen Unthätigkeit 
bestimmen und die Unterbrechung der Elektrolyse zur 
endlichen Wirkung haben. Ist in der Zersetzungszelle 
dieser Zustand der Ruhe eingetreten, so wird der Einfluss, 
den die Zersetzungsflüssigkeit auf die positive Elektrode 
daselbst ausübt, wieder grösser sein als derjenige, den 
die Kette auf diese Elektrode äussert; die Oxydirbarkeit 
des Eisens wird sich daher abermals bis zu dem Grade 
vermehren, bei welchem ein starker Strom durch die Zer- 
setzungszelle gehen kann. Kurz nach dem Eintritt dieses 
Stromes wird die Passivität des genannten Metalls aufs 
Neue hervorgerufen, in Folge hievon die Entwicklung des 
Wasserstoffgases an der negativen Elektrode abermals unter- 
brochen; es wird die Passivität der positiven Elektrode nach 
einiger Zeit wieder aufgehoben, und so wechseln diese ent- 
gegengesetzten Zustände längere Zeit hindurch mit einander 
ab, bis endlich der Zustand der Ruhe ein dauernder wird. 


Wüsste man nun fortwährend die Bedingungen genau 
zu erfüllen, unter welchen die Wirkung des Verbindungs- 
Drahtes zu der Wirkung der Zersetzungsflüssigkeit auf 
die positive Eisenelektrode in einem bestimmten Verhältnisse 
stände, so könnte man den activen und passiven Zustand 
dieser Elektrode, oder, was dasselbe ist, die elektrolysi- 
rende Thätigkeit und Ruhe in der Zersetzungszelle auf 
die regelmässigste Weise mit einander abwechseln lassen. 


83 


Es machen sich aber unsnoch unbekannte Einflüsse geltend, 
welche dahin gehen, nach einiger Zeit diesen Wechsel von 
entgegengesetzten Zuständen aufzuheben und die positive 
Elektrode in dauernde Unthätigkeit zu versetzen. 

Die Thatsache endlich, dass ein sehr langer Verbin- 
dungsdraht keine merkliche Wirkung auf die Vorgänge 
ausübt, die in der Zersetzungszelle stattfinden, bedarf 
nach den vorausgegangenen Erörterungen kaum einer wei- 
teren Erklärung. In dem fraglichen Falle nämlich wird 
der Einfluss der Kette auf die positive Eisenelektrode ver- 
‚hältnissmässig nur wenig vermindert, d. h. die Grösse des 
Uebergewichts dieses Einflusses über den Einfluss, den 
die Zersetzungsflüssigkeit auf das Eisen ausübt, wenn 
auch etwas verkleinert, doch nicht aufgehoben. Es muss 
somit unter diesen Umständen die Passivität der positiven 
Elektrode fortbestehen, wie dies geschieht, wenn der lange 
Draht die Quecksilbernäpfchen gar nicht verbindet. Oeffnet 
man die Kette, während die Näpfehen durch den besagten. 
Draht verbunden sind, und schliesst man dieselbe nach 
einigen Augenblicken wieder, so muss die Gasentwicklung 
an der negativen Elektrode oder die Oxydirbarkeit der 
positiven Elektrode etwas länger dauern, als diess in dem 
Falle geschieht, wo von dem Verbindungsdraht gar kein 
Gebrauch gemacht wird. Denn in ersterem Falle muss 
der beim Schliessen der Kette durch die Zersetzungsflüs- 
sigkeit gehende Strom schwächer seyn als es der Strom ist, 
der im zweiten Fall durch dieselbe Flüssigkeit geht. Jener 
schwächere Strom wird daher auch längere Zeit bedürfen, 
um die positive Elektrode wieder passiv zu machen, als 
die Zeit nothwendig ist für den stärkeren Strom, um die 
gleiche Wirkung hervorzubringen. 

Es bleibt mir noch übrig, eine Thatsache in nähere 
Erörterung zu ziehen, welche, nach meinem Dafürhalten, 
ein nicht kleines theoretisches Interesse besitzt und zu 


84 


einer ziemlich wichtigen Folgerung führt. Es ist weiter 
oben erwähnt worden, dass keine merkliche Entwicklung 
von Wasserstoffgas an der negativen Elektrode stattfindet, 
falls man gewöhnliches Eisen zur positiven Elektrode’ 
macht und mit demselben die Kette schliesst. Die unter 
diesen Umständen in der Zersetzungszelle stattfindende 
Elektrolyse ist beinahe eben so unmerklich als sie es seyn 
würde, wenn Platin oder Gold als positive Elektrode 
functionirte. Wie bereits bemerkt worden , tritt das Eisen 
unter den angegebenen Umständen in den chemisch-unthä- 
tigen Zustand, wird passiv in dem Augenblick, wo es in 
die verdünnte Schwefelsäure taucht, und es liegt, wie wir 
gesehen haben, eben in diesem eigenthümlichen Zustand 
des genannten Metalls der nächste Grund, weshalb kein 
Strom durch die Kette kreist, hinreichend stark, um 
selbst im Augenblick des Schliessens derselben eine wahr- 
nehmbare Wasserelektrolyse zu verursachen. So lange 
nun die positive Eisenelektrode unter dem ganzen Einflusse 
der Kette steht, so lange dauert auch die Passivität des 
Eisens fort, und eben so lange tritt keine merkliche Elek- 
trolyse in der Zersetzungszelle ein. Verbindet man aber 
die Zuleitungsdrähte der Kette, oder, was dasselbe ist, 
die so oft erwähnten Quecksilbernäpfchen durch einen 
gehörig langen Draht, so tritt eine wahrnehmbare und 
ziemlich stetig bleibende Wasserstoffgasentwicklung an 
der negativen Elektrode ein, es wird das positive Eisen. 
oxydirbarer und geht somit ein Strom durch die Zersetz- 
ungszelle, stärker als derjenige, welcher die gleiche 
Zelle durchlief, während die Näpfchen ausser Verbindung 
standen. Wenn nun bisher die Passivität als die Wirkung 
eines Stromes betrachtet wurde, so scheint mir aus den 
so eben besprochenen Thatsachen hervorzugehen , dass 
eine solche Ansicht nicht zulässig ist, und die chemische 
Unthätigkeit der positiven Eisenelektrode einer anderen 


85 
Ursache als einem wirklichen Strome von bestimmter In- 
tensität zugeschrieben werden muss; denn sonst wäre es 
unmöglich die paradoxe Folserung zu vermeiden, dass ein 
schwächerer Strom eine grössere Wirkung verursachte als 
diess ein stärkerer zu ihun vermöchte. Wäre nämlich die 
fragliche Passivität wirklich der Effect eines Stromes, 
dessen Intensität nicht unterhalb eines gewissen Grades 
fallen dürfte, und würde die Stetigkeit dieser Passivität 
abhängig seyn von der Fortdauer eines Stromes von 
der eben erwähnten Beschaffenheit, so ist klar, dass 
unter den angegebenen Umständen die positive Eisenelek- 
trode weder in den passiven Zustand treten, noch einmal 
denselben besitzend, darin zu verharren vermöchte. Eine 
weiter oben angeführte Thatsache stellt die Richtigkeit 
dieser Folgerung ausser allen Zweifel. Sind nämlich die 
Quecksilbernäpfehen durch einen Kupferdraht, z. B. von 
sechs Fuss Länge und einer halben Linie Dicke, verbunden, 
und geht vom negativen Näpfchen aus ein Platindraht in 
die Zersetzungsflüssigkeit, so wird ein Eisendraht, dessen 
eines Ende man erst in das povitive Näpfchen, und dessen 
anderes Ende man hierauf in die erwähnte Flüssigkeit 
taucht, nicht passiv; es findet unter diesen Umständen 
eine merkliche Wasserstoffgasentwicklung an der negativen 
Platinelektrode statt, und geht durch die Zersetzungszelle 
ein. Strom, stärker als derjenige, welcher letztere durch- 
läuft, im Falle die Näpfchen unverbunden sind. 
Wenn es nun aus thatsächlichen Gründen kaum mehr 
bezweifelt werden dürfte, dass die nächste Ursache der 


Erregung und der Erhaltung der Passivität des Eisens 


‚nicht in einer wirklichen Volta’schen Strömung liegt, so 


fragt es sich, worin dann jene‘ Ursache zu suchen sey? 
Bei dem jetzigen Zustand unseres Wissens ist es 
vielleicht noch nicht möglich eine genügende Antwort auf 


die gestellten Fragen zu geben, indess scheinen mir doch 


\ 


36 


die bisher besprochenen Thatsachen einigen Aufschluss 
über den in Rede stehenden Gegenstand zu geben. 

Die elektromotorische Beschaffenheit der Kette, mit 
der meine Versuche angestellt wurden, war so, dass sie 
einen äusserst bedeutenden Strom in Circulation setzte, 
sobald das Metallpaar durch einMedium verbunden wurde, 
das verhältnissmässig einen nur geringen Leitungswider- 
stand darbot. Wurden die Metalle der fraglichen Kette 
z.B. durch einen mehrere Zoll langen und eine halbe Linie 
dicken Platindraht verbunden, so gerieth dieser beinahe 
augenblicklich in lebhaftes Glühen. Bewerkstelligte ich die 
Schliessung der Kette durch die Spirale eines Elektromag- 
neten, so wurde der Anker des letzteren durch eine Be- 
lastung von drei Centnern noch nicht abgerissen u. s. w. 

Befindet sich nun zwischen den Elektroden einer so 
beschaffenen Kette selbst nur die allerdünnste Schicht von 
wässriger Schwefelsäure, so wird hierdurch ein so grosser 
Widerstand veranlasst, dass trotz des grossen elektromo- 
torischen Vermögens der Kette nur ein äusserst schwacher 
Strom zur Circulation gelangen kann. Wie schwach nun 
aber auch der unter solchen Umständen eintretende Strom 
seyn mag, so besteht doch fortwährend an denElektroden 
der Kette die Tendenz, einen starken Strom durch die 
Zersetzungszelle zu schicken; denn die Stärke des Stromes 
vermehrt sich, sobald der zwischen den Elektroden wir- 
kende Widerstand auf irgend eine Weise vermindert wird. 

Je nach der Stärke der elektromotorischen Kraft ei- 
ner Kette und je nach der Grösse des in der Kette statt- 
findenden Widerstands muss also auch in den Elektroden 
eine bestimmte Tendenz zur Stromerzeugung vorhanden 
seyn. Nennen wir nun den Zustand der Elektroden, in 
welchem sie einen Strom hervorzurufen streben, einen 
solchen aber inFolge der auf sie einwirkenden Widerstände 
nicht zu Stande zu bringen vermögen, „Spannung,” so 


87 


werden die Elektroden verschiedener Ketten auch verschie- 
dene Grade von Spannung haben müssen. Die oben an.. 
geführten Thatsachen scheinen mir nun der Vermuthung 
Raum zu geben, dass die Passivität, welche das Eisen als 
positive Elektrode einer Kette in verdünnter Schwefelsäure 
erlangt, vielmehr die Wirkung einer solchen Spannung 
von bestimmtem Grade, als der Effect eines zur Wirklich- 
keit gekommenen Stromes sey. 


Diese Ansicht erklärt nach meinem Dafürhalten ziem- 
lich genügend die Thatsache, dass die bestehende Passi- 
vität der positiven Eisenelektrode aufgehoben wird, wenn 
man die Quecksilbernäpfehen durch einen Kupferdraht von 
bestimmter Länge und Dicke unter einander verbindet. 
In diesem Falle muss offenbar die erwähnte Spannung des 
positiven Eisens geschwächt werden, da der fragliche Ver- 
bindungsdraht seines geringen Leitungswiderstandes halber 
es gestattet, dass ein bedeutender Theil der elektromoto- 
rischen Kräfte der Kette zur Thätigkeit, oder dass ein 
starker Strom zur wirklichen Circulation gelangt. 


Ist aber ein bestimmter Grad von besagter Spannung 
erforderlich, damit die Oxydirbarkeit der positiven Eisen- 
elektrode bis auf einen gewissen Grad vermindert oder 
das Metall passiv werde, so ist klar, dass sich dieser 
Passivitätsgrad vermindern muss, sobald man durch irgend 
ein Mittel jene Spannung verkleinert. Diese Schwächung 
wird nun eben bewerkstelligt durch den Draht, der die 
- Quecksilbernäpfchen verbindet. Hat aber die positive Bi- 
senelektrode einen bestimmten Grad von Oxydirbarkeit 
wieder erlangt, so kann und muss dann, gemäss den wei- 
ter oben angeführten Thatsachen, ein Strom durch die 
Zersetzungszelle gehen, stärker als der Strom, welcher 
durch die positive Eisenelektrode ging, bevor die Näpfchen 
durch den Draht verbunden waren. 


83 


Es ist unschwer einzusehen , dass nicht nur die eben 
besprochene Thatsache, sondern auch alle die oben er- 
wähnten Erscheinungen sich leicht aus der zuletzt ent- 
wickelten Hypothese erklären lassen. Befindet sich z. B. 
die positive Eisenelektrode im passiven Zustande und wird 
derselbe durch das Oeffnen der Kette aufgehoben, so hat, 
meiner Hypothese gemäss, diese Zustandsveränderung ihren 
nächsten Grund darin, dass die besagte Elektrode die 
Spannung, welche die Passivität bedingt, in dem Augen- 
blick verliert, wo die Kette geöffnet wird. Schliesst man 
letztere wieder, so wird auch der eigenthümliche Span- 
hungszustand wieder in der Elektrode erregt, und tritt 
mit ihm die frühere chemische Unthätigkeit des Eisens 
wieder ein. Letzteres geschieht allerdings, vielleicht in 
Folge einer Art von Trägheit, nicht im Moment des 
Schliessens der Kette selbst, sondern kurze Zeit nachher; 
woher es kommt, dass die Wasserstoffgasentwicklung an 
der negativen Elektrode noch einige Augenblicke nach er- 
folgter Schliessung des Volta’schen Kreises fortdauert. 

Setzt man üherhaupt in den gegebenen Erklärungen 
anstatt Strom, Spannung, so sind dieselben ganz meiner 
Hypothese gemäss. 

Es ist nun allerdings Thatsache, dass die chemische 
Unthätigkeit des Eisens selbst auch dann noch fortbesteht, 
wenn durch dieses Metall, als positive Elektrode functioni- 
rend, ein Strom geht, der stark genug ist, um eine sehr 
lebhafte Elektrolyse in der Zersetzungszelle zu bewerk- 
stelligen. Es tritt, wie dies meine früheren Versuche zur 
Genüge gezeigt haben, ein solcher Fall ein, wenn das 
Eisen einer kräftigen Säule als positive Elektrode dient, 
und als solche in eine wasserhaltige Sauerstoffsäure ein- 
taucht. Wie mir scheint, steht aber diese Thatsache in 
keinem Widerspruche mit der Annahme, dass die Passivi- 
tät der positiven Eisenelektrode die Wirkung eines eigen- 


83 


thümlichen Spannungszustandes des Metalls sey. Denn 
wenn auch in einer solchen Säule der eirculirende Strom 
sehr stark ist, so ist doch, wenn ich mich so ausdrücken 
darf, der Zustand der fraglichen Spannung, in welchem 
sich die Elektroden der Säule befinden, nur zum kleineren 
Theil aufgehoben; weil die in ihr (der Säule) vorhandenen 
Leitungswiderstände im Verhältniss zu den verhandenen 
elektromotorischen Kräften dieser Säule immer noch sehr 
gross sind, wie gut auch sonst das Leitungsvermögen des 
Elektrolyten ist, welcher sich zwischen den Elektroden be- 
findet. Die nämliche Ursache, die nach unserer Meinung 
die Passivität des Eisens in der einfachen Kette hervorruft, 
ist es also auch, die in der Säule wirksam ist, und welche 
die chemische Unthätigkeit des Metalls vesanlasst.- 


Dass übrigens in manchen Fällen die Erregung und 
Fortdauer der Passivität des Eisens nicht von einer wirk- 
lichen Volta’schen Strömung herrührt, erhellt deutlich aus 
der Thatsache, dass Eisen passiv wird, und passiv hleibt 
in sehr concentrirter Salpetersäure, und dass dieses Metall, 
einmal durch irgend ein beliebiges Mittel passiv geworden, 
in seinem eigenthümlichen Zustand verharrt, wenn es in 
Salpetersäure gebracht wird, in der sich gewöhnliches Ei- 
sen mit Lebhaftigkeit auflösen würde. 


Ich behalte mir vor, in einer späteren Abhandlung 
die Resultate meiner neuesten Untersuchungen über die 
Passivität des Eisens mitzutheilen, und bei diesem Anlasse 
dann in die nähere Erörterung der Frage einzutreten: ob 
der passive Zustand des Eisens in allen Fällen, wo wir 
ihn beobachten, von einer und eben derselben Ursache 
herrühre? Für jetzt genügt es mir, die Aufmerksamkeit 
der Physiker auf eine Anzahl neuer Erscheinungen hinge- 
lenkt zu haben, welchen, nach meinem Urtheile, eine nicht 
ganz geringe theoretische Wichtigkeit zukommt. 


0. 


D.15. Jun. Herr Prof. Scuöngeın zeigt eine galvanische 
Kette nach eigener Construction vor, in welcher nur Guss- 
eisen zur Anwendung kommt und die eine bedeutende 
elektromotorische Kraft entwickelt. Sie besteht aus einem 
hohlen Cylinder von Gusseisen, der eine Höhe von 10// 
und einen Queerschnitt im Lichten von etwa 3%,‘// hat; 
in diesen Cylinder ist eine ebenfalls cylinderförmige und 
poröse Thonzelle gestellt, die bis an den Rand des Eisen- 
gefässes reicht und von der innern Wandung dieses Cylin- 
ders etwa drei Linien weit absteht. Die Thonzelle nimmt 
einen zweiten entweder hohlen oder dichten gusseisernen 
Cylinder auf, der etwa 9// 5// lang ist und einen Queer- 
schnitt von ungefähr 3 hat. 

Soll die Kette geladen werden, so giesst man in die 
Thonzelle verdünnte Schwefelsäure oder Salzsäure, in den 
zwischen diesem Gefäss und dem äusseren Cylinder vor- 
handenen Raum möglichst concentrirte Salpetersäure. Letzt- 
genannte Säure macht nach den frühern Beobachtungen 
des Vortragenden durch blosse Berührung das Eisen pas- 
siv oder chemisch -unthätig und gibt diesem Metalle in 
Volta’scher Hinsicht dem Platin ähnliche Eigenschaften ; so 
dass das passive Eisen gegen actives stark elektro -negativ 
sich verhält. 

Da nun in der erwähnten Kette der äussere Cylinder 
fortwährend mit concentrirter Salpetersäure, der innere 
Eisencylinder mit verdünnter Schwefelsäure oder Salzsäure 
in Berührung steht, jener Cylinder also in chemischer Un- 
thätigkeit sich befindet, während dieser von der sauren 
Flüssigkeit angegriffen wird, so müssen auch die beiden 
Cylinder, gemäss der chemischen Theorie des Galvanismus, 
in entgegengesetzten elektrischen Zuständen sich befinden 
und während der Dauer dieses Gegensatzes auch einen 
Strom erzeugen, falls dieselben unter einander leitend 
verbunden sind. Da nun, wie in der Grove’schen Kette, 


9 


der an dem passiven Eisen auf elektrolytischem Wege sich 
ausscheidende Wasserstoff mit einem Theil des Sauerstoffes 
der daselbst sich befindenden Salpetersäure zu Wasser sich 
vereiniget, so muss diese Säure nach und nach in salpet- 
richte Säure sich umwandeln und deren Wassergehalt 
sich vermehren. Insofern aber nur in einer Säure von 
bestimmtem Concentrationsgrade das Eisen sich passiv er- 
halten kann, muss der äussere Cylinder der oben beschrie- 
benen Kette angegriffen werden , nachdem der Strom dersel- 
ben einige Zeit durch die besagte Salpetersäure gegangen 
ist; weil nämlich letztere unter den angeführten Umständen 
immer wasserhaltiger wird. Ist aber einmal der Verdün- 
nungszustand der Säure eingetreten, bei welchem sie auf 
das Eisen chemisch einwirkt, so hört natürlich die Wirk- 
samkeit der Kette auf und muss die schwächere Säure 
wieder durch stärkere ersetzt werden. 


Nach den Erfahrungen des Herrn Prof. ScuöngEın 
kann selbst eine stark gewässerte Salpetersäure z. B. eine 
von 1,3 spec. Gewicht das Eisen passiv machen, falls man 
derselben eine hinreichende Menge von gewöhnlicher Schwe- 
felsäure beimischt; drei Maastheile von letzterer Säure 
mit einem Maastheil der ersteren liefert ein solches Ge- 
misch. Hieraus folgt nun, dass man dasselbe in der be- 
schriebenen Kette anstatt der concentrirten Salpetersäure 
anwenden kann; auch erhellt aus diesem Umstande , dass 
man gut thut, wenn man selbst die concentrirte Salpeter- 
säure mit Vitriolöl vermischt anwendet, weil in einem 
solchen Fall der Zeitpunkt später eintritt, wo das Metall 
des äusseren Oylinders angegriffen wird. Wegen der Wohl- 
feilheit der metallischen Substanz , welche zur Construction 
der Eisenkette erforderlich ist und wegen der bedeutenden 
elektromotorischen Kraft, welche letztere besitzt, kann 
dieselbe die Grove’sche Vorrichtung mit Vortheil ersetzen; 


92 


aber abgesehen hievon bietet jener Apparat noch ein eigen- 
thümliches wissenschaftliches Interesse dar. 

Er zeigt nämlich auf eine augenfällige Weise den inni- 
gen Zusammenhang, welcher zwischen der in einer Kette 
stattfindenden chemischen Thätigkeit und dem von ihr er- 
zeugten Strom besteht und kann als schöner Beweis für 
die Richtigkeit der chemischen Theorie des Galvanismus be- 
nützt werden. 

Der Vortragende hat nie sehr glänzende Hoffnungen 
gehegt, hinsichtlich der praktischen Anwendungen des 
Elektro-Magnetismus als Bewegkraft; wenn indessen eines 
Tages dieses Ziel erreicht werden sollte, so glaubt er, 
dass die Eisensäule demselben um einen Schritt näher 
führe; denn nicht allein sey sie die wohlfeilste aller 
bis ‚jetzt bekannt gewordenen kräftigen Volta’schen Vor- 
richtungen, sondern es liefere dieselbe auch als Neben- 
product ein Eisensalz, das eine ausgedehnte Anwendung 
in den Künsten und Gewerben finde, was von dem Zink- 
salze in unsern bisherigen Säulen erzeugt, nicht gesagt 
werden könne. 


93 


IL. METEOROLOGIE 


Herr Rathsherr Pürer Merıan. Meteorologische 
Uebersicht des Jahres 1840. 

Die Mitteltemperatur der einzelnen Monate, nach den 
höchsten und niedrigsten täglichen Thermometerständen 
berechnet , waren: 

Jan. + 10%, 5 R. 

Febr. 0,8 

März 0,8 

April 8,8 

Mai... 115.2 

Juni 13, 

Juli ..13., 

Aug. ls, 

Sept. 11 , 

ce. 515 

Nov: 5.3 

Dec. —-4,0 
Jahres Mittel 7°, O 


Der Januar war folglich verhältnissmässig warm. Hin- 


a DD" wo 


gegen liegt die Temperatur der Monate März, Juli, Octo- 
ber und December beträchtlich unter dem allgemeinen 
Mittel, so dass die allgemeine Jahrestemperatur ziemlich 
niedrig ausfällt. Die Temperatur-Extreme wurden beobachtet 
den 15 Juni mit + 23°, 2, und den 16 December mit 
— 15°, 0. 

Die Anzahl der Regentage betrug 114; die der Schnee- 
tage 12; an 2 Tagen fielen Regen und Schnee zugleich; 
der Tage, an welchen atmosphärische Niederschläge sich 


94 


ereigneten, waren demnach 124, also eher eine geringe 
Zahl. Fast ganz bedeckte Tage fanden nur 83 statt, also 
besonders wenige. Hingegen ist die Regenmenge im Ver- 
hältniss zu den vorhergehenden Jahren sehr bedeutend 
31,58 Pariser Zoll. Gefrorner Regen ereignete sich an 1 
Tag, Riesel an 2, Hagel an 2, Gewitter an 20 Tagen. 


Die mittlere Rheinhöhe am Pegel der Rheinbrücke be- 
trug 6,29 Schweizer Fuss. 
Der höchste Wasserstand am 15 Juli und 18 Nov. 12/ „0 
der niedrigste „ „ vom 30 März bis 1 April /,4 


Der mittlere Barometerstand um Mittag auf 0° R. und 

auf denselben Standpunct reducirt wie in den früheren 
Jahren ist 27 3//, 81, folglich dem Mittel der früheren 
Jahre nahekommend. 
Höchster Barometerstand d.27Dec. um 9 Uhr Morg.27//11/4/,23 
»..r1de2,Bebr. um 412Uhr #26, I 277 
Mittlerer Unterschied des Barometers von 9 Uhr Morgens 
und 3 Uhr Nachmittags 0/// , 43. 


Tiefster gi 


Um Mittag stand die Windfahne 
auf N an 16 Tagen 


NO 135 
o 2 
So. 21 
S 18 
SW 84 
W 35 
NW 36 


95 
Herr Rathsherr Peter Merian. Meteorologische 
Uebersicht des Jahres 1841. 


Mitteltemperatur der einzelnen Monate: 
Jan. — 10, 2R. 


Febr. — 0,1 
März +6,0 
April 7,6 
Mai 13,9 
Juni 12,5 
Juli Bas 
Aus ar 
Sept. 13,2 
Oct. BR: 
Nov AA 
Dec. 3u.13 


Jahres Mittel 7°, 9 

Also ziemlich mittlere Verhältnisse. Die Monate Fe- 
bruar, Juli verhältnissmässig kalt; März, Mai, September 
und besonders December warm. 
Höchster 'Thermometerstand schon den 27 Mai mit 230, 5 
5 den 10 Jan. mit — 10% ,6 

Anzahl der Regentage 142, der Schneetage 27, der Tage, 
an welchen überhaupt Niederschläge gefallen sind, 161; 
beträchtlich mehr als das gewöhnliche Mittel. Fast ganz 
'bedeckter Himmel an 121 Tagen. Gefrorner Regen an 1 
Tag, Riesel an2, Hagelan 3, Gewitter an 29 Tagen , folglich 
ein sehr gewitterreiches Jahr. Regenmenge 23,87 Par. Zoll. 
Mittlerer Rheinstand 6 , 68 Schweizer Fuss 
Höchster d. 11 Juli 13°, 0 
Tiefster d. 10 Jan. 3, 0 
MittlererBarometerstand umMittag aufO°R.reducirt 27// 31,0 
Höchster Barom.St. d. 12 März um 9 Uhr Morg. 27// 10/15 
Tiefteer „ 9» d.4Jan. um 71, Uhr Nachm. 26// 5/11,38 
Mittlerer Unterschied d. Barometersv.9 U.M.u. 3U.N. 0,36. 


Niedrigster 5 


96 


Um Mittag stand die Windfahne ' 
auf N an 14 Tagen 


One 
o 21 
so 26 
Ss 9 
SW 108 
W 31 
NW 19 

365 


D. 12 Mai 1841. Herr Rathsherr Perer MerıaAn, 
über das meteorologische Verhalten des 
Winters von 4840 — 41. Dieser Winter zeichnete 
sich nicht sowohl durch ein sehr grosses Kälte-Extrem als 
durch eine sehr anhaltende Kälte aus. Die Mitteltempera- 
turen für die einzelnen Monate sind nämlich folgende: 


Dec. 1840 — 42, 0R. 

Tan. AN un MD 

Febr. 1841 —0 ,1 
Mitteltemperatur des Winters — 1° , 8 


Niedrigster beobachteter Thermometerstand den 16 De- 
cember 1840 — 15°, OR. 


Nach den Beobachtungen der 11 vorhergehenden Jahre 
ist die Mitteltemperatur der einzelnen Jahreszeiten: 
- Winter (Dec. Jan. Febr) +0°,5R 
Frühling (März, April, Mai) 7 Ab 
Sommer (Juni, Juli, Aug.) 44:,,7 
Herbst (Sept, Oct. Nov. 14,8 
Jahresmittel a 


; 97 


Die Winterkälte von 1840—41 wurde in den letzten 
12 Jahren bloss übertroffen von dem kalten Winter von 
1829—30, wo die Mitteltemperaturen waren: 


Beck. 182941. 2.30.,:3 
Jan. 1830 —6 ,,5 
Bebrs.18304 .,014,.7 
Winter EEE 


Einen kältern Monat Januar haben wir in dem er- 
wähnten Zeitraum schon öfter gehabt; einen kältern Feb- 
ruar schon einige Mal; niemals aber einen so kalten 
December. 


Herr Rathsherr Prrer Merian. -Mittlere tägliche 
Aenderung der Luftwärme in Basel. Vermitelst 
der Beobachtungen des Thermometrographen lässt sich die 
mittlere Aenderung bestimmen, die in jedem Monate in 
der Wärme derLuft täglich einzutreten pflegt, ein Element, 
welches für die Würdigung der meteorologischen Verhält- 
nisse nicht ganz unwichtig ist. Die Unterschiede zwischen 
dem höchsten und niedrigsten täglichen Thermometerstand 
sind nach einem Mittel der 14 Jahre 1829—1842 folgende : 

Jan. 40, AR. 

Febr. 
März 
April 
Mai 

Juni 
Juli 

Aug. 
Sept. 


EN rate 


Ar} 


ol FA nr m m wm oa 
ww 
olun ww vo wo I 90 0 -T w 


_ 


93 


Das Mittel des Decembers ist folglich 21% Mal kleiner, 
als das Mittel der Monate Mai, Juni oder Juli. An einzel- 
nen Tagen kommen natürlicherweise viel grössere Aende- 
rungen vor. Am beträchtlichsten sind die Unterschiede an 
hellen Tagen, namentlich an hellen Sommertagen, weil die 
erwärmenden und erkältenden Einflüsse am stärksten wir- 
ken. Aus den entgegengesetzten Ursachen sind sie am 
kleinsten an bedeckten Wintertagen. 

Der grösste tägliche thermometrische Unterschied, wel- 
cher in den obigen 14 Jahren in Basel beobachtet worden 
ist, beträgt 160 , 5, und kam im Mai 1841 vor. 


99 


III. MINERALOGIE, GEOLOGIE 
unn PETREFACTENKUNDE. 


D.6. Jan. 1841. Herr Rathsherr Peter MerıAn, über 
dieGeologie der afrikanischen Goldküste, nach 
einer kleinen Sammlung von Gebirgsarten, welche Missio- 
nar Russ mitgebracht hat. An der Küste bei Christians- 
burg steht ein feinkörniger und feinflasriger Gneiss an, 
mit kleinen Blättchen von tombackbraunem Glimmer er- 
füllt. Vielleicht kommt auch Hornblende mit darin vor. 
Ferner zeigt sich daselbst, obgleich weniger verbreitet, ein 
ziemlich grobkörniger Granit, mit weissem Feldspath und 
Quarz und tombackbraunem Glimmer. Leicht möglich wäre 
es, dass dieser den Gneiss gangförmig durchsetzte, worüber 
die Handstücke freilich keine Auskunft geben. Die ver- 
breitetste Gebirgsart der Gegend, in die vielleicht der Gneiss 
der Küste übergeht, ist ein Hornblendeschiefer, aus vielem 
weissem Feldspath, weniger jedoch schieferig zertheilter, 
schwarzer Hornblende, und meist kleinen Körnern edeln 
rothen Granats bestehend. In einem der Handstücke wa- 
ren diese Körner grösser, bis zu Erbsengrösse. Unter 
den mitgebrachten Stücken fand sich diese Gebirgsart von 
Akrepong, vom Rio Wolta, sie ist ferner, nach Herrn 
Russ’s Versicherung, in dem Lande der Aschantees die 
allgemein herrschende. Es ist merkwürdig, dass auch in 
diesem Erdstriche, wie am Ural, und in andern Gegenden, 
das Gold vorzugsweise in dem Gebiete Hornblendeführen- 
der, krystallischer Gebirgsarten sich zu finden scheint. In 
Aquapim, wo Herr Rıs gewohnt hat, wird kein Gold 


100 


gewonnen, wohl aber inAkim, und imLande der Aschan- 
tees, wo es aus einem aufgeschwemmten Thon ausgewa- 
schen wird. Die Aschantees bereiten aus diesem Golde 
sehr zierlich gearbeitete Gusswaaren. 

Nebst diesen krystallinischen Gebirgsmassen, welche, 
den vorstehenden Angaben zufolge, die Hauptbestandtheile 
der Gebirge der Goldküste bilden, kommt an der Küste 
westlich von Christiansburg, beim holländischen Fort El- 
mina, ein feinkörniger rother und grauer Thonsandstein 
vor, in Schichten, die unter ziemlich starken Winkeln ein- 
fallen sollen. Dieser Sandstein gleicht in Handstücken voll- 
kommen dem bunten Bausandstein der Umgebungen von 
Basel. Ob derselbe aber wirklich der Formation des bun- 
ten Sandsteins angehört, kann nicht entschieden werden, 
denn ähniiche bunte Gebirgsarten erscheinen in verschie- 
denen Gegenden der Erde, in einem sehr verschiedenen 
geologischen Horizont, und ihre vorschnelle Einordnung 
hat schon häufig zu Missgriffen verleitet. Wir müssen dem- 
nach vor der Hand noch weitere Erfahrungen gewärtigen. 
Einstweilen finden wir in den wenigen mitgetheilten That- 
sachen einen neuen Beleg zu dem Satz, dass die Bestand- 
masse der festen Erdrinde in allen Klimaten eine grosse 
Gleichförmigkeit zeigt, die den vollkommensten Gegensatz 
bildet, gegen die gänzliche Verschiedenheit der belebten 
Natur. (S. Leonhard und Bronns Jahrbuch 1841. S. 488). 


D.16. Dec. 1540. Herr Rathsherr Prrer Merrn theilt 
in Bezug auf die durch Eurengergs Untersuchungen wieder 
zur Sprache gebrachten ältern Nachrichten über essbare 
Erden, folgende Notiz mit, aus der auf der hiesigen Univer- 
sitätsbibliothek befindlichen handschriftlichen Chronik des 
Pfarrers Bromsacn: „Wundermehl 1623. Zwölf Wochen 
„lange Trockniss bis Anfangs Sept., woraus grosse 'Theu- 
„rung entstand. In dieser Zeit ward bei dem Städtlein 


= 


101 


„Oberburckbernheim im Elsass im freien Feld eine 
„grosse Menge Mehl aus der Erden herfür gequollen, wel- 
„ches aufgefasst und gebacken, hat ein recht liebliches 
„wohlgeschmacktes Brod, fast dem Eierbrod gleich gege- 
„ben. ‚Ich hab selber das Mehl und Brod gesehen, und 
„versucht.” Dieselbe Nachricht steht im T’heatr. europ. 
Ir. Bd. Frankf. 1662. S. 786. Auch GrArFFENAuUER erwähnt 
sie, jedoch ohne deutliche Angabe des Fundorts in seiner 
Mineralogie alsacienne 1306. S. 45 u. 46. 


D. 13. Mai 1842. Herr Rathsherr Prrer Merian, 
Uebersicht der Acephalen unserer öffentli- 
chen Sammlung mit Anfang des‘ Jahrs 1842. Referent 
hat sich im Laufe des Jahrs mit der Anordnung und Be- 
stimmung der zweischaligen Conchylien unserer Sammlung, 
der lebenden sowohl, als der fossilen beschäftigt. Bei die- 
ser Arbeit wurde das System von Desnaygs zum Grunde 
gelegt. Die Anordnung ist rein zoologisch, so dass die 
Petrefacten bei den betreffenden lebenden Gattungen ein- 
gereiht sind, und zwar nach 5 geologischen Hauptabthei- 
lungen. Auf die lebenden Arten jeder Gattung folgen näm- 
lich, so weit sie vorhanden sind, die Arten der Tertiär- 
formation, der Kreide, des Jura, der Trias und der ältern 
Formationen. Bei den Fossilien mussten viele noch nicht 
beschriebene Arten neu benannt werden. Die Brachiopo- 
den, die besser als besondere von den eigentlichen Ace- 
phalen gesonderte Ordnung der Weichthiere zu betrachten 
sind, wurden nicht in die Anordnung mit aufgenommen. 

Die Zählung der geordneten Bivalven unserer Samm- 
lung ergab zu Anfang des Jahrs 1842 folgendes Resultat: 
lebende Gonchylien 306 Arten in 1236 Exemplaren 
petrifizirte OR... N ,:3052 N MN 
Dabei ist zu bemerken, dass unter den Petrefacten nur 
diejenigen als besondere Arten sind aufgeführt worden, die 


102 


in einem hinlänglichen Zustande erhalten sind, um eine 
Bestimmung zuzulassen. Viele blosse Steinkerne, und dar- 
unter ganze Familien, die nur in diesem Zustande in den 
ältern Formationen vorzukommen pflegen, sind daher einst- 
weilen ausgelassen worden, und das um so mehr, da 
Acassız sich gegenwärtig mit der Bearbeitung verschiede- 
ner dieser Familien sich beschäftigt, deren Bekanntmachung 
vor der Anordnung der entsprechenden Abtheilungen un- 
serer Sammlung abgewartet wurde. 

Lamarck hat die Bivalven in zwei Hauptordnungen ab- 
getheilt, in die Dimyarier und Monomyarier. Desuaves 
hat diese Abtheilung beibehalten, nur hat er zwei Fami- 
lien, die Tridacneen und die Mpytilaceen zu den Dimya- 
riern herübergezogen. Nach ihm erscheint die Ordnung 
der Dimyarier in 21, die der Monomyarier in 4 Familien 
abgetheilt. Diese Abıheilung scheint, wenigstens was die 
Stellung der Mytilaceen anbetrifft, weniger naturgemäss als 
die LamArcr’sche. Die Mytilaceen besitzen nämlich mit der 
von DesnAyzs in der Ordnung der Monomyarier belassenen 
Familie der Malleaceen eine so grosse Verwandtschaft, dass 
sie nicht mit Recht in eine von denselben verschiedene 
Ordnung gestellt werden können. Lassen wir daher mit 
DesuAyzs die Tridacneen, von denen übrigens unsere Samm- 
lung nur lebende Arten besitzt, bei den Dimyariern, zie- 
hen aber die Mytilaceen zu den Monomyariern herüber, so 
ergibt sich folgende Vertheilung der in unserer Sammlung 
vorhandenen Arten: 

Dimyaria. Monomyaria. Summe d.Arten. 


lebende .----- AHLEN 217 s9 306 
aus Tertiärformationen 140 13 213 
„Kreide (arena 46 75 121 
Jura ug zeig 132 223 
3 AD nase u 14 31 


„ älternFormationen 9 10 49 


103 


Unter den tertiären Arten stimmen 25 mit vorhandenen 
lebenden Muscheln überein. Freilich ist diese Ueberein- 
stimmung zum Theil noch zweifelhaft, und kann in der 
Folge, wenn vollkommener erhaltene petrifizirte Exemplare 
zu Gebote stehen, bei fortgesetzter sorgfältiger Verglei- 
chung, sich noch modifiziren. Immerhin steht fest, dass 
die obern Tertiärformationen in dem Charakter ihrer Bi- 
valven schr genau an die lebende Schöpfung sich anschlies- 
sen. In den übrigen geologischen Hauptabtheilungen ist 
keine Art von zweischaligen Muscheln vorhanden, die von 
der einen in die andere übergienge. Die Trennung ist 
folglich schärfer, als die zwischen den Muscheln der Ter- 
tiärzeit und der lebenden Schöpfung. 

Ohne in spezielle Bemerkungen über die einzelnen Fa- 
milien einzutreten, dürfte die obige Aufzählung zur Ablei- 
tung einiger allgemeiner Resultate über die Vergleichung 
dieses Theiles der organischen Wesen, in den Schöpfungen 
der verschiedenen geologischen Epochen berechtigen. 

Die Vergleichung der Gesammtzahlen der Arten an 
sich, darf nur mit grosser Vorsicht benutzt werden, um 
über den verhältnissmässigen Artenreichthum der Schöpf- 
ungen, die auf einander gefolgt sind, zu entscheiden; denn 
offenbar sind die Ergebnisse, die sich darstellen, in man- 
cherlei Beziehungen höchst zufällige, zum Theil abhängig 
von den Umständen, wie die vorhandene Sammlung zusam- 
mengekommen ist. Die Tertiärformationen sind in unsern 
nächsten Umgebungen sehr unvollkommen entwickelt; na- 
mentlich sind die Abtheilungen, die bei uns, und überhaupt 
in der Schweiz vorkommen, verhältnissmässig arm an wohl 
erhaltenen Petrefacten. Der grösste Theil der vorhande- 
nen Arten gehört daher fremden Localitäten an. Ganz das- 
selbe gilt für die Exemplare aus der Kreideformation, die 
unsern Umgebungen gänzlich fehlt, und zunächst erst in 
dem südlichen Jura und in den Alpen erscheint. - Verhält- 


104 


nissmässig am besten bedacht ist unsere Sammlung an Ju- 
rapetrefacten, die in unserer Umgegend häufig vorkommen, 
und seit längerer Zeit sorgfältig gesammelt worden sind. 

Zwischen der lebenden Schöpfung, und den aus ver- 
schiedenen geologischen Epochen erhaltenen Bivalven ist es 
äusserst schwierig in Beziehung auf die Zahl der Arten 
eine Vergleichung anzustellen, auch wenn wir von den 306 
lebenden Arten, die zufällig in unserer Sammlung sich be- 
finden, ganz absehen, und die Anzahl der bekannten le- 
benden Arten mit den bekannten fossilen zusammenstellen 
wollen. Einerseits darf nicht vergessen werden, dass die 
Erhaltung der fossilen Arten öfter sehr unvollkommen, und 
ihre Bestimmung und Unterscheidung fast immer weit 
schwieriger ist, als die der lebenden. Die Sammlungen 
der lebenden Conchylien enthalten ferner Arten aus sehr 
verschiedenen Gegenden der Erde; die Fossilien sind bis 
jetzt nur aus Europa in einem gewissen Umfange bekannt. 
ÄAndrerseits ist in den Fossilien einer von uns angenomme- 
nen geologischen Hauptepoche eine Folge von Schöpfungen 
‘enthalten, die nicht gleichzeitig, sondern eine nach der 
andern gelebt haben. In der Abtheilung z. B. die wir als 
Juraformation aufgeführt haben sind enthalten der untere 
Lias, der obere Lias, der untere Rogenstein, die Bildun- 
gen über dem Hauptrogenstein, der Oxfordthon, Terrain 
a Chailles und Corallenkalk, der Portlandkalk, deren auf 
einander folgende Schöpfungen jedenfalls nur äusserst we- 
nige Arten miteinander gemein haben. Eine unmittelbare 
Vergleichung eines solchen Komplexes von Schöpfungen mit 
der gegenwärtig lebenden, ist daher hinsichtlich der Arten- 
zahl nicht zulässig. 

Wenn wir jedoch, in Beachtung des verhältnissmässi- 
gen Grades von Vollständigkeit unserer Sammlung für die 
verschiedenen geologischen Hauptepochen einen Blick wer- 
fen auf die 223 jurassischen Arten von Bivalven, verglichen 


105 


mit unsern 121 Arten aus den Abtheilungen der Kreide- 
formation und den 213 des Tertiärgebirges, so scheint, 
trotz aller Zufälligkeiten, eine Vermehrung der Artenzahl 
in den jüngern geologischen Gebilden sich herauszustellen. 

Die Formation der Trias ist in unsern Umgebungen 
gut entwickelt; auch von fremden Localitäten besitzt unsere 
Sammlung Verschiedenes. Es sind die Bivalven dieser For- 
mation verhältnissmässig so gut repräsentirt wie die des 
Jura. Doch zählen wir nur 31 Arten, gegen die 223 Ar- 
ten der Juraformation. Also offenbar eine verhältniss- 
mässige Armuth an Arten. Freilich umschliesst die Trias 
nur eine einzige Schöpfung, unsere Juraformation hingegen 
eine ganze Folge derselben. Aber ‘auch diese eine Schö- 
pfung steht an Artenreichthum zurück gegen die des un- 
tern oder des obern Lias, des untern Rogensteins, oder 
des Terrain a Chailles in der Juraformation. 

Aus ältern Formationen besitzen wir nur 19 Arten von 
Bivalven, ungeachtet hier wieder eine Folge von Schöpfun- 
gen begriffen ist. Freilich sind unsere Exemplare sämmt- 
lich aus fremden Localitäten, und die Sammlung ist. über- 
haupt für diese geologische Epoche ärmlich ausgestattet; 
auch die Erhaltung der Petrefaeten ist in diesen alten For- 
mationen in der Regel unvollkommener, als in den neuern. 
In neuerer Zeit sind durch Gorpruss, MurcHmson u. A. 
viele Arten aus diesen ältern Formationen bekannt gewor- 
den, welche die früher vermuthete Dürftigkeit an Arten 
etwas ausgleichen. Im Allgemeinen scheinen aber doch die 
eigentlichen Acephalen in verhältnissmässig geringer Arten- 
zahl hier aufzutreten, was gegen den vorhandenen Reich- 
thum an Brachiopoden und CGephalopoden einen: augen- 
scheinlichen Gegensatz bildet. 

Zuverlässiger als diese Zusammenstellung der Arten- 
zahl sind die Ergebnisse über den allgemeinen Character 
der Fauna der Bivalven in verschiedenen geologischen Epo- 


106 


chen. Vergleichen wir z. B. in der oben gegebenen Auf- 
zählung das Verhältniss der Monomyarier zu den Dimya- 
riern der Juraformation, so walten die erstern bedeutend 
vor, da hingegen in der lebenden Schöpfung gerade das 
umgekehrte Verhältniss stattfindet. Das unmittelbare Er- 
gebniss der Zahl nach ist freilich wenig bedeutend, weil 
die vorläufig in die Anordnung noch nicht aufgenommenen 
Steinkerne der Juraformation gerade den Dimyariern ange- 
hören. Hingegen so viel steht fest, dass gerade wegen 
der besser gelungenen Vergleichung die Formen der Mo- 
nomyarier der Juraformatien, mit denjenigen der lebenden 
Schöpfung weit mehr Uebereinstimmung zeigen, als die der 
Dimyarier. Noch mehr zeigt das die nähere Vergleichung 
der einzelnen Gattungen. Neben einer Anzahl unterge- 
gangener Gattungen haben wir bei den Monomyariern der 
Juraformation eine ganze Reihe, welche fast ganz dieselbe 
Beschaffenheit zeigen, wie die entsprechenden lebenden. So 
namentlich unter den Mytilaceen die Gattungen Mytilus 
(nebst Modiola) und Pinna; unter den Malleaceen Perna; 
unter den Pectinideen Lima, Pecten, Hinnites, Spondy- 
lus (nebst Plicatula); unter den Ostraceen Ostrea. Dar- 
unter sind z. B. Mytillus, Pecten, Ostrea sehr zahlreich 
an Arten in der lebenden Schöpfung wie in der Jurafor- 
mation. Ungleich weniger Gattungen mit unverändertem 
Charakter treffen wir bei den Dimyariern. Die lebenden 
Monomyarier sind also viel gleichartiger mit denen des 
Jura, als die Dimyarier, oder in der Folge der Schöpfun- 
gen hat sich der Charakter derselben früher entwickelt, als 
derjenige der Dimyarier. Ein ähnliches Verhalten findet 
noch bei den Bivalven der Kreide statt, da hingegen die 
Tertiärformationen in dieser Beziehung mit der lebenden 
Schöpfung übereinstimmen. 

Hinsichtlich der Grösse, zu welcher einzelne Arten 
gelangen, finden wir bekanntlich bei den Wirbelthieren und 


107 


bei den Cephalopoden in den frühern geologischen Epo- 
chen viele Geschöpfe, die ungleich grösser sind, als die 
ihnen zunächst verwandten lebenden. Bei den Bivalven 
zeigt sich dieses Verhalten nicht. Die lebende Tridacna 
Gigas wird von keiner fossilen Muschel an Grösse erreicht. 
Die Pinnen der europäischen Meere sind grösser als alle 
bis jetzt bekannten fossilen. Nur die Pinnigena des Jura 
kann ihnen an die Seite gestellt werden. Die Osirea Col- 
linii M (O. callifera Auctt.) unseres Tertiärgebirges wird 
grösser als alle bekannten lebenden Austern, und alle Au- 
stern älterer Formationen. 


D 3.Febr.1841. Herr Rathsherr Perer Merın, über 
einige angeblich fossile Wallfischknochen, die 
im Schuttlande des Rheinthals gefunden wor- 
den sind. Vor einem Jahr (s. Ar. Bericht S. 81) legte 
ich der Gesellschaft ein Bruchstück eines sehr grossen Kno- 
chens vor, welches von Herrn Horsterrer bei Neudorf im 
Rheine gefunden, und unserer Sammlung zum Geschenk 
gemacht worden ist. Grösse und Gefüge desselben lassen, 
ungeachtet seines verstümmelten Zustandes, schliessen, dass 
es ein Wallfischknochen, wahrscheinlich ein Bruchstück ei- 
ner Wallfischkinnlade ist. Andrerseits ist die gute Erhal- 
tung der Knochensubstanz ganz verschieden, von dem Zu- 
stande, in welchen die fossilen Knochen in unserm Dilu- 
vium angetroffen zu werden pflegen, so dass das Bruch- 
stück zufällig durch Schiffer von der See herauf, in unsere 
Gegend scheint gebracht worden zu seyn. Es steht dieser 
Fund durchaus nicht vereinzelt da, sondern ähnliche Kno- 
chen sind in verschiedenen Gegenden des Rheinthals ge- 
funden, und zum Theil als eigentliche Fossilien beschrieben 
worden *). ; 


*) Seit der Zeit der Mittheilung dieser Notiz hat Hr. Horsterrer 
an derselben Stelle ein zweites ansehnliches Knochenbruch- 


108 ' 


Iın Museum zu Mannheim liegt. die vollständige linke 
Hälfte einer Wallfischkinnlade, die von Corrını im 5ten Bde. 
der Acten der Pfälzer Akademie S. 99, als gigantische Wall- 
fischrippe beschrieben und tab. 4. fig. 4, auf freilich etwas 
mangelhafte Weise, abgebildel worden ist. Sie hat 17 Fuss 
Länge, wiegt 486 Pfund, und soll im Jahr 1720, als die 
churfürstliche Residenz von Heidelberg nach Mannheim ver- 
legt wurde, bei Nachgrabungen. gefunden worden seyn, die 
man, zur Anlesung neuer Gebäude, zwischen der damali- 
gen Stadt und der Citadelle unternommen hatte. Zu Cor- 
uını's Zeiten (um 1780) wurde sie, an Ketten aufgehangen, 
unter den Arkaden des Mannheimer Kaufhauses aufbewahrt‘). 
In demselben Museum finden sich ferner einige zersägte 
Bruchstücke von Wallfischkinnladen, die früher in der Ge- 
gend als Abweissteine gedient haben. Die Beschaffenheit 
aller dieser Knochen ist sehr frisch, und durchaus abwei- 
chend von derjenigen der Ueberreste von Diluvialthieren, 
welche auch bei Mannheim häufig gefunden werden. Dazu 
kommt dass im Diluvialschutt der dortigen Gegenden, wie 
bei uns sonst bloss Knochen von Landthieren gefunden wer- 
den; Seemuscheln fehlen gänzlich. Alles das spricht sehr 
dafür, dass die erwähnten Wallfischreste von der See her, 
in historischer Zeit den Rhein herauf gebracht worden 
sind, und lassen die Nachricht des angeblichen Ausgrabens 
an Ort und Stelle als eine sehr problematische erscheinen. 
Zu Coruınr’s Zeiten, in welchen man Diluvialland von dem 


stück ähnlicher Art aufgefunden, welches durch Hrn. Dr. 
EmAn. MEyER ebenfalls unserer Sammlung geschenkt worden 
ist. Es scheint ein Theil eines Wallfischschädels zu seyn. 


*) Jüngsthin ist diese Kinnladenhälfte nebst einem im Jahr 1760 
am Mainufer bei Rüsselheim im Darmstädtischen gefundenen 
Wallfischwirbel von Prof. Kırıan im $ten Jahresbericht des 
Mannheimer Vereins für Naturkunde wieder näher beschrie- 
ben und abgebildet worden. 


109 


in der Rheinpfalz vorkommenden, mit wohlerhaltenen Mee- 
resmuscheln erfüllten Tertiärgebirge, noch nicht geogno- 
stisch unterschied, konnte das Vorkommen fossiler Wall- 
fischknochen weniger auffallend erscheinen als jetzt. 

Auch im Mainzer Museum befinden sich mehrere in 
der dortigen Umgegend gefundene Ueberreste von Wall- 
fischen, unter Anderm ein Bruchstück einer Wallfischrippe, 
in welcher ein bronzener Ring, anscheinend römischen Ur- 
sprungs, befestigt war; wohl eine Stütze mehr, zu der 
Annahme des bloss zufälligen Vorkommens der erwähnten 
Wallfischknochen an ihren Fundorten. Es scheint demnach 
zu Römerzeiten schon, und wahrscheinlich noch später im Mit- 
telalter, Sitte gewesen zu seyn, dass die Schiffer als Merk- 
würdigkeit von dem Meere her Wallfisch - Ueberreste her- 
aufbrachten. In Holland und in den nordischen Seestädten 
werden die Wallfischknochen bekanntlich zu mancherlei 
Verwendungen benutzt. Dass alle bis jetzt bekannt gewor- 
denen Ueberreste dieser Art, immer nur in der unmittel- 
baren Nähe, des in die See ausmündenden Stromes sich 
gefunden haben, unterstützt diese Annahme nicht wenig. 

Cuvier beschreibt (Ossem. foss. 2e. Ed. T. 5. P. 1. 
S. 393. u.tab. 27. fig. 16) den Schädelknochen eines Wall- 
fisches, welcher im Jahr 1779 bei Grabung eines Kellers 
in der rue Dauphine zu Paris gefunden worden ist, und 
gegenwärtig in dem Teyler’schen Museum zu Harlem sich 
befindet. Er hat mit dem entsprechenden Knochen des 
gemeinen Wallfisches (Balaena Mysticetus) grosse Achn- 
lichkeit. Guvıer wirft sich selbst die Frage auf, ob der- 
selbe nicht durch Menschenhände könnte hergebracht wor- 
den seyn, und ungeachtet er diese Meinung, als wenig 
wahrscheinlich, von der Hand weist, so möchte sie, wenn 
man den Ursprung der rheinischen Wallfischüberreste be- 
rüchsichtigt, dennoch begründet erscheinen. - 


110 


Herr Rathsherr Perer Merian. Ueber die Theorie 
der Gletscher*). Die genauere Untersuchung der Glet- 
scher, die verschiedenen Erscheinungen, welche an ihnen 
sich wahrnehmen lassen, und die Erforschung der Ursachen, 
denen sie ihre Entstehung verdanken, hat in den letzten 
Jahren auf's Neue das lebhafte Interesse der Naturforscher 
in Anspruch genommen. Venerz und Jos. von CHARPENTIER 
stellten bekanntlich die Behauptung auf, die grossen Blöcke 
alpinischer Felsarten, welche wir in der sogenannten ebenen, 
zwischen den Alpen und dem Jura sich erstreckenden 
Schweiz, und auf dem südlichen Abhang des Juragebirges 
zerstreut finden, seyen einst durch Gletscher, welche von 
den Alpen bis zum Juragebirge herausreichten, an 
Ort und Stelle gebracht worden. Acassız verfolgte die 
Idee noch weiter, und gelangte zu der Ansicht, der geo- 
logischen Epoche, in welcher wir gegenwärtig leben, sey 
unmittelbar vorher eine sogenannte Eiszeit vorausgegangen, 
während welcher nicht nur die Schweiz, sondern der grösste 
Theil der gemässigten Zone unserer Erde in Schnce und 
Eis eingehüllt gewesen sey, und alles frühere organisch. 
Leben aufgehört habe. Diese Theorieen stellen folglich 


*) Referent suchte in einem ausführlichen Vortrage, welcher 
der Gesellschaft in den Sitzungen vom 12 Mai, 9 Juni und 
7 Juli 1841 vorgelegt worden ist, die Gesammtheit der bis 
dahin bekannt gewordenen Thatsachen über die Gletscher 
auf möglichst vollständige Weise zusammenzustellen. Seit 
dieser Zeit sind verschiedene wichtige Beiträge über diesen 
Gegenstand erschienen, namentlich das Werk von CHARPEN- 
TIER, und die Berichte über die seitherigen Arbeiten von 
Acassız und Forges. Bei dem Abdrucke des auf die Glet- 
schertheorie bezüglichen Theils jenes Vortrages ist daher 
zweckmässig erachtet worden, das Wesentliche aus den Mit- 
theilungen mit aufzunehmen, welche Referent nach einem 
bei Acassız auf dem Aarglescher gemachten Besuche der 
Gesellschaft in der Sitzung vom 419 October 1842 gegeben 
hat. 


ım 


die Gletscher dar, als ein mächtiges geologisches Agens, in 
dem Zeitraume, welcher dem jetzigen Zustande der Dinge 
auf der Erde vorhergegangen ist. Die Urheber der Hypo- 
thesen haben sich nicht damit begnügt, eine Reihe von 
Erscheinungen von den Gletschern herzuleiten; sie ha- 
ben auf eine Jobenswerthe Weise die Gletscher selbst, wie 
sie jetzt noch in den Alpen sich darstellen, einer genauen 
Beobachtung unterworfen, und sind zum Theil zu einer 
Erklärungsweise der beobachteten Erscheinungen gelangt, 
die wesentlich abweicht von derjenigen, welche vor ihnen 
gründliche Naturforscher, und namentlich SAaussurr, auf- 
gestellt haben. 

Um sich Begriffe zu bilden über die Wirkungen, 
welche in früheren geologischen Epochen den Gletschern 
zugeschrieben werden können, ist es vor Allem nothwen- 
dig, über die Ursachen in’s Klare zu. kommen, welche 
gegenwärtig die Erscheinungen, die wir an den Gletschern 
beobachten, bedingen. Es mag daher der Mühe lohnen, 
die Hauptzüge der bestrittenen Saussure’schen Erklärungs- 
weise einer genauern Prüfung zu unterwerfen, und sie zu- 
sammenzuhalten mit den Theorieen, welche man statt ihrer 
aufzustellen versucht hat. Es soll das der Zweck der 
gegenwärtigen Abhandlung seyn, in welcher ich mich aus- 
schliesslich auf die Betrachtung der jetzt existirenden Glet- 
scher, und zwar vorzugsweise der schweizerischen Gletscher, 
beschränke, und die Erörterungen einstweilen unberührt 
lasse, mittelst welcher man eine vormalige weit grössere 
Ausdehnung der Gletscher nachzuweisen versucht hat. 


1. Das ewige Eis der Höhen. 


Die abnehmende Temperatur mit zunehmender Erhe- 
bung ‘bewirkt, dass auf Bergen, die eine gewisse Höhe 
übersteigen, der Schnee das ganze Jahr hindurch sich er- 


hält, an allen Stellen wenigstens, wo eine nicht zu grosse 


112 


Steilheit der Abhänge die Ablagerung von Schnee gestattet. 
Die Linie, welche den ewigen Schnee der Höhen von den 
tiefern Gegenden sondert, nennen wir die Schneelinie, 
die Berge, welche diese Höhe übersteigen, Schneeberge. 

Die Lage .der Schneelinie, in einer gegebenen Gegend, 
ist zunächst abhängig von der mittlern Jahreswärme, die 
in derselben Gegend in der Tiefe statt findet. Je höher 
diese Jahrestemperatur ist, desto höher wird, unter übri- 
gens gleichbleibenden Bedingungen, die Schneelinie auf 
den Bergen angetroffen werden. In einem warmen Jahre, 
oder nach einer Folge von warmen Jahren, wird in der 
Regel die Schneelinie sich höher hinaufziehen; sie wird um- 
gekehrt in kalten Jahren sich heruntersenken. 

Die mittlere Jahrestemperatur ist aber nicht das ein- 
zige Element, welches die Lage der Schneelinie bedingt. 
Auch die verschiedene Vertheilung der Wärme in den ver- 
schiedenen Jahreszeiten, und namentlich die Masse des im 
Winter sich ansammelnden Schnees, übt einen wesentlichen 
Einfluss aus. Fällt im Winter sehr viel Schnee, so wird 
er in dem darauf folgenden Sommer sich theilweise an 
Stellen erhalten, wo er bei gleicher Sommerwärme in ei- 
nem andern Jahre verschwunden ist, dessen Winter keine 
so grosse Schneemasse gebracht hat. Aus diesem Grunde 
liegt die Schneelinie im Innern des Festlandes unter den- 
selben Breitengraden merklich höher, als in der Nähe der 
Meeresküsten. Denn einerseits ist an der Meeresküste die 
Menge des im Jahre, und vorzüglich im Witer, herabfal- 
lenden atmosphärischen Wassers weit grösser, als in einem 
Continentalklima; es häuft sich also auf den Höhen eine 
ungleich grössere Menge von Schnee an. Andrerseits ist 
der Unterschied der Wärme der Jahreszeiten . nicht so 
gross; der kühlere Sommer des Küstenklimas wirkt also 
zur Verminderung der im Winter angesammelten Schnee- 
masse nicht so kräfüg ein, als der heissere Sommer im 


i 113 


Innern des Festlandes. So fanden z. B. WAHLEnBERG, 
Scuouw und Snıtu die Grenze des ewigen Schnees auf der 
Ostseite des skandinavischen Gebirges um mehr als 100 
Toisen höher, als auf der norwegischen Seite, ungeachtet 
die jährliche Mitteltemperatur in gleicher Meereshöhe und 
unter demselben Breitengrade auf der norwegischen Seite 
‚beträchtlicher ist. Die Schneelinie am Kaukasus steht nach 
Kurrer und PArror um volle 300 Toisen höher, als an 
den unter gleichem Bzeitengrade liegenden Pyrenäen, wo sie 
in ungefähr 1400 Toisen über dem Meere angetroffen wird. 
Am Kaukasus zeigt sich aber in gleicher Meereshöhe eine 
merklich geringere mittlere Jahrestemperatur als in den 
Pyrenäen. 

Einen fernern wesentlichen Einfluss auf die Höhe der 
Schneelinie hat die eigenthümliche Lage eines Orts. Unter 
denselben Umständen wird auf einem der Sonne zugekehr- 
ten Abhange der Schnee eher wegschmeizen, als in einem 
gleich hoch liegenden engen schattigen Thale; und zwar 
abgesehen davon, dass Winde und Lawinen einen Theil 
des aus der Atmosphäre herabfallenden Schnees von höher 
gelegenen Orten in die liefern herabführen, und auf mit- 
telbare Weise die Schneemasse daselbst vermehren. Auch 
die auf die Umgebungen sich erstreckende erkältende Ein- 
wirkung grösserer vorhandener Schneeanhäufungen ist von 
Einfluss. Auf Bergen, die vereinzelt in die Region des 
ewigen Schnees sich erheben, wird aus dieser Ursache die 
Schneelinie höher liegen, als auf solchen, die mit einer 
ausgedehnten Kette von Schneegebirgen im Zusammenhange 
stehen. 

Es folgt aus diesen Erörterungen, dass die Lage der 
Schneelinie auch in ein und derselben Gegend ziemlichen 
Verschiedenheiten unterworfen ist, und das um so mehr, 
je veränderlicher in einem gegebenen Klima die Umstände 
sind, welche eine Einwirkung ausüben. Unter den bestän- 

8 


114 


digen Witterungsverhältnissen der heissen Zone ist diese 
Linie schärfer bezeichnet, und ihre Lage daher auch leich- 
ter zu bestimmen, als unter unserm Himmelsstriche, wo 
deren Fixirung genauere Erwägung der einwirkenden Ver- 
hältnisse, und Vergleichung einer grössern Anzahl von 
Beobachtungen erfordert. Saussune (Yoy..$. 942 u. 943) 
nimmt die Höhe der Schneelinie in den Alpen auf zusam- 
menhängenden Schneegebirgen zu 1500 Toisen, auf ver- 
einzelten Bergspitzen zu 1400 Toisen über der Meeres- 
fläche an. Als Mittelzahl können wir folglich 1350 Toisen 
oder 8100 Par. Fuss setzen, müssen aber niemals die Ver- 
änderungen aus dem Auge verlieren, denen diese Annahme 
nach den Localverhältnissen ausgesetzt ist. 

Die mittlere jährliche Lufttemperatur unter der Schnee- 
linie fällt bloss in den Aequatorialgegenden ziemlich nahe 
mit dem Eispunkte zusammen. In den Alpen steht sie be- 
trächtlich niedriger. Nach Bıscnors (Wärmelehre des In- 
nern unseres Erdkörpers S. 224) Ausmittlung, welcher in 
den Schweizeralpen die mittlere Lufttemperatur vonO°R. in 
6165 / Meereshöhe setzt, und eine Abnahme von 4° R. für 
677 ’ Erhebung annimmt, würde in 8100 / die mittlere Luft- 
wärme ungefähr — 30 R. betragen, was mit Pıcrer’s Schätzung 
(Gilb. Ann. 25. S. 318) gut zusammenstimmt. In höhern 
Breiten, und mehr im Innern des Festlandes, liegt sie noch 
beträchtlich tiefer, aus Gründen, die sich aus den vorhin 
gegebenen Erörterungen ableiten lassen, in die. wir jedoch 
hier nicht eintreten wollen. 

Das ewige Eis ist indess nicht auf die Gebirgshöhen 
beschränkt, die oberhalb der Schneelinie liegen. In den 
Thalgründen, welche von den beständig beschneiten Regio- 
-nen der Höhen herunterreichen, werden Eismassen gegen 
die Niederungen hervorgeschoben, und erhalten sich nur 
durch das immerwährende Nachrücken des Eises von oben 
herab, inUUmgebungen, wo ewiger Schnee längst nicht mehr 


115 


selbstständig zu bestehen vermag. Diese Eismassen, die 
folglich nicht gebildet sind aus dem Schnee, der aus der 
Atmosphäre an Ort und Stelle herunterfällt, sondern die 
unterhalten werden aus dem oberhalb der Schneelinie ur- 
sprünglich abgelagerten, und in die vorliegenden tiefern 
und wärmern Thäler sich hervordrängenden ns sind die 
eigentlichen Gletscher. 

Die Gletscher reichen bis zu den Stellen herab, wo 
das in der wärmern Lufttemperatur der Tiefen zusammen- 
schmelzende Eis durch das Nachschieben von oben ersetzt 
zu werden vermag, was für die einzelnen Gletscher, je 
nach den eigenthümlichen Verhältnissen eines jeglichen, in 
verschiedenen Höhen stattfindet. In der Alpenkette giebt 
es Gletscher, die bis zu 3000 Fuss Meereshöhe herabkom- 
men. So liegt z. B. das Ende des untern Grindel- 
wald-Gletschers nach Bıscuor’s barometrischen Mes- 
sungen in einer Höhe von 2989 Fuss, in Umgebungen, de- 
ren mittlere Lufttemperatur ungefähr zu + 5° R. angenom- 
men werden kann,(Wärmelehre S. 113). Der auffallende 
Gegensatz zwischen dem starren ewigen Eis des Gletschers, 
und der üppigen Vegetation, die unter solchen atmosphä- 
rischen Verhältnissen unmittelbar daneben gedeiht, hat von 
jeher die Aufmerksamkeit der Alpenbesucher auf die Glet- 
scher hingezogen. Der Endpunkt eines Gletschers ist in- 
dess eben so wenig ein Axer Punkt, als die Lage der 
Schneelinie. Tritt eine Reihe von kalten Sommern ein, wo 
die Gletscher weniger abschmelzen, oder rücken mächtigere 
‚Eismassen, als die gewöhnlichen, von oben nach, so rückt 
das Gletscherende vor; in warmen Sommern, oder wenn 
der Nachdrang von oben sich vermindert, zieht es sich 
zurück. 

Die Grenzlinie, über welcher der auf dem Gletscher 
herabfallende atmosphärische Schnee das Jahr hindurch 
nicht mehr abschmilzt, oder mit andern Worten die Schnee- 


116 


linie auf dem Gletscher, nennt Hucı (Alpenreise S. 332) 
Firnlinie. Er behauptet, dieselbe sey viel schärfer und 
bestimmter abgegrenzt, als das was man gewöhnlich Schnee- 
linie zu nennen pflegt; und es erscheint diese Behauptung 
begründet, denn wenigstens ein auf die Lage der Schnee- 
linie mächtig einwirkendes modifizirendes Element, der er- 
wärmende Einfluss des Erdbodens, namentlich wenn der- 
selbe theilweise entblösst von der Sonne beschienen wird, 
fällt hier weg, da die Unterlage immer Eis ist. In denEis- 
gebirgen des Berner Oberlandes und der nördlichen Kette 
des Wallis hat Hucı nach seinen Beobachtungen die Firn- 
linie beständig zwischen 7600 und 7700 Fuss Meereshöhe 
angetroffen. Sie liegt im Allgemeinen etwas tiefer als die 
Schneelinie am Abhange der Berge, eines Theils wegen der 
erwähnten eisigen Unterlage, andrerseits weil die Gletscher 
die dem Einfluss der Sonne im Ganzen weniger ausgesetz- 
ten Thäler erfüllen. Bei Verschiedenheit der Lage, und 
der klimatischen Beschaffenheit der einzelnen Jahrgänge ist 
jedoch auch diese Linie grössern Veränderungen unterwor- 
fen, als Hucı anzunehmen geneigt scheint. 

Ich enthalte mich hier auseinanderzusetzen, wie der 
lockere nur theilweise zusammengesinterte Schnee oberhalb 
der Firnlinie, der Firn, wie man ihn in den Alpen nennt, 
durch Einsickern des an der Oberfiäche abschmelzenden 
Schneewassers, und nachheriges Gefrieren, zum festen 
Gleischereis wird, und wie dasselbe durch Herunterrücken 
in die tiefern Regionen an Konsistenz zunimmt, da im We- 
sentlichen Saussure mit den neuern Beobachtern den Her- 
gang übereinstimmend beschreibt, und das kein streitiger 
Punkt der Theorie ist. Die Trennung von Gletscher und 
Firn ist übrigens keine scharfe, denn der letztere besteht 
in der Tiefe ebenfalls aus Gletschereis (CuArreEntier $. 3), 
und nimmt bis zu einer, freilich noch nicht genau ausge- 


117 


mittelten Höhe an derselben abwärts gerichteten Fortbewe- 
gung der ganzen Masse Theil. 


2. Geschichtliche Nachweisungen. 


Die ersten Nachrichten von den Gletschern finden wir 
bei Josıas Smuer (Vallesiae et Alpium descriptio 1574) 
und Rouporr Resmann (Naturae Magnalia 1605). Die Schil- 
derung des letztern wiederholt Marruäus Merian fast wört- 
lich in der Erläuterung zur Abbildung des untern Grindel- 
waldgletschers, die er in seiner helvetischen Topographie 
mittheilt (1642). Mehr von dem Standpunkt des Naturfor- 
schers aus, fasst J. Hzınr. Hottinser (Ephem. Nat. Curios. 
1706) die Erscheinungen auf. Er erwähnt bereits die deut- 
liche Schichtung, die im Eise einiger Gletscher bemerkbar 
ist. J. J. Scueucuzen beschäftigt sich mit der Betrachtung 
der Gletscher in seiner vierten, im Jahr 1723 zuerst im 
Druck erschienen Alpenreise. Er fügt den Wahrnehmun- 
gen seiner Vorgänger wenig Neues bei, sucht hingegen die 
Bewegung des Gletschereises und das angebliche Ausstos- 
sen fremder Körper durch das Wasser zu erklären, wel- 
ches sich in den Spalten und andern im Eise sich vorfin- 
denden Zwischenräumen ansammelt, daselbst gefriert, und 
weil es nach dem Gefrieren einen grössern Raum einnimmt 
als vorher, nach allen Seiten einen Druck ausübt und den 
Gletscher thalabwärts drängt. 

Jou. GEorG ALTMAnn, in seinem Versuch einer histo- 
rischen und physischen Beschreibung der helvetischen Eis- 
berge vom Jahr 1751, theilt manche schätzbare Beobach-_ 
tungen über den Grindelwaldgletscher mit, den er selbst 
genau untersucht hat. In Beziehung auf die Theorie der 
Gletscher sucht er darzuthun, „dass der ganze Gletscher, 
wie ein Gewölb, gleichsam auf Säulen ruhe, und nur an 
etwelchen Orten auf der Erde fest stehe.” Das Fortrücken 
werde bewirkt durch das von oben hervorgestossene Eis, 


118 


„dadurch denn der an dem Berg liegende und gleichsam 
hangende Gletscher von oben her gedrucket wird, und auf 
diese Weise geschiehet es, dass durch dieses grosse, von 
oben herkommende Gewicht der ganze Gletscher weiter 
gegen das Thal hinuntergeschoben wird.” (S. 44 u. 45). 
Freilich ist er mit seinen theoretischen Ideen nicht immer 
glücklich, namentlich nicht mit der Annahme eines soge- 
nannten helvetischen Eismeeres, welches die Thalgründe 
zwischen den höchsten Eisgebirgen erfüllen, in der Tiefe 
flüssig, und nur an der Oberfläche mit Eis bedeckt seyn 
soll. 

Ausführlich werden die Gletscher beschrieben in dem 
im Jahr 1760 gedruckten Werke: die Eisgebirge des Schwei- 
zerlandes von GoTTLIiEß Sıegmunp Gruner. Die beiden er- 
sten Bände dieses Buchs enthalten Beschreibungen und Ab- 
bildungen der vorzüglichsten Gletscher der Schweiz. Der 
dritte Band ist den physikalischen Betrachtungen über die 
Eisgebirge gewidmet, und beschäftigt sich namentlich auch 
mit der Beschreibung der Erscheinungen an den Gletschern 
und mit deren Erklärung. Saussure gibt dieser Arbeit das 
Zeugniss: „Dans ce traiteE Tauteur a epuise son sujet, 
autant du moins qu’un sujet de physique est susceptible 
de lötre; et bien qu’un physicien ne füt peut-ötre pas 
de son avis en tout, il serait cependant dificile de don= 
ner en general de meilleures explications des differents 
phenomtnes que presentent ces amas de glace.” (Voy. 
$, 519). Bei Durchlesung des Werkes muss man indess 
„gestehen, dass SAussure ein zu wohlwollendes Urtheil über 
die Arbeit seines unmittelbaren Vorgängers fällt, und dass, 
abgesehen von mancherlei physikalischen Verstössen, die 
Sıussune nur leise rügt, die Gruner’schen Erklärungen in 
Hinsicht der Schärfe und Bestimmtheit mit denjenigen von 
Sıussure den Vergleich nich aushalten. GruNER nimmt an, 
dass die Gletscher bei dem fortwährenden Abschmelzen 


119 


durch ihre eigene Schwere auf abhängigem Grunde thalab- 
wärts vorrücken können; er stellt aber nicht mit dersel- 
ben Bestiinmtheit, wie Aurmann, die Behauptung auf, dass 
das ganze Hervordringen ‘der Gletschermasse auf diese 
Weise geschehe. (S. 135 u. 156). 

Am umfassendsten und gründlichsten ist die Theorie 
der Gletscherbildung von Horacz Bexepict De Saussure be- 
handelt worden. Derselbe hat, wie er selbst berichtet, 
die Grundzüge seiner Theorie bereits im Jahr 1764 in ei- 
nem akademischen Vortrage entwickelt, als er das Gruner’ 
sche Werk noch gar nicht kannte. Durch den Druck hat 
er sie jedoch erst im Jahr 1779 im ersten Bande der Quart- 
ausgabe der Alpenreisen bekannt gemacht. 

Ganz mit den Saussurü’schen ‘Ansichten übereinstim. 
mend, und auf gründlichen eigenen Wahrnehmungen be- 
“ruhend, ist der im ersten Bande des Hörrner’schen Maga- 
zins für die Naturkunde Helvetiens (1787) abgedruckte Auf- 
satz, über den Mechanismus der Gletscher von BernuArD 
Frıeopr. Kuun. (Dazu der Nachtrag B. II. S.427.) Er gibt 
unter Anderm die richtige Erklärung der Guferlinien auf 
der Mitte der Gletscher. Derselbe Band enthält einen Brief 
von Prof. Stuper dem Vater, in welchem die Gletscher- 
tische, die mit Erde bedeckten Eishügel, und die engen, 
tiefen, mit Wasser gefüllten Löcher des vordern Aarglet- 
schers näher beschrieben werden. 

Die Beiträge zur nähern Kenntniss der schweizerischen 


Gletscher aus spätern Zeiten halte ich für überflüssig hier 
aufzuzählen. 


3. Theorie der Bewegung der Gletscher durch 
die Ausdehnung des sefrierenden WVassers. 


Wie wir gesehen haben, hat Scurucnzer den Wachs- 
thum und die abwärts gerichtete Bewegung des Gletscher- 
eises durch die Ausdehnung zu erklären versucht, die das 


120 


in den Spalten sich ansammelnde Wasser beim Gefrieren 
erleidet. Die Erfahrung hat gelehrt, dass das Eis der Glet- 
scher, wenigstens in den Sommermonaten, in kontinuir- 
licher fortschreitender Bewegung ist. Zu dieser Zeit sind 
aber die Gletscherspalten nur ausnahmsweise mit Wasser 
gefüllt. Gefriert dieses Wasser bei kalten Nächten, so ge- 
schieht das nur an der Oberfläche. Diese Erklärungsweise 
der Erscheinungen, die in neuern Zeiten wieder von Tous- 
SAINT VON CHARPENTIER (Gilb. Ann. 63. S. 388) und Bıszrx 
(Gilb. Ann. 63. S. 192) versucht worden ist, ist daher all- 
gemein als. unzureichend anerkannt worden. 

Hingegen ist sie, unter Beibehaltung der Grundidee, 
von VENETZ, J. v. ÜHARPENTIER und Acassız auf eine ei- 
genthümliche Weise modifizirt worden. Das an Sommer- 
tagen durch Abschmelzen des Eises der Oberfläche entste- 
hende Wasser, oder auch dasjenige, welches als Regen 
auf den Gletscher herabfällt, zieht sich nach dieser An- 
sicht in alle feinen Haarspalten des Gletschereises hinein, 
und tränkt dasselbe wie einen Schwamm. „Nothwendiger 
Weise besitzt dieses Wasser eine Temperatur, die nur sehr 
wenig den Eispunkt übersteigen kann, und wird im flüssi- 
gen Zustande nur durch die geringe Wärme erhalten, wel- 
che ihm das von der Oberfläche oder der umgebenden Luft 
nachströmende Wasser zugeführt wird. Das absorbirte 
Wasser muss folglich gefrieren, sobald diese einzige Wär- 
mequelle ihm entzogen wird. Das muss aber jederzeit ge- 
schehen, sobald bei eintretender Erkaltung der Atmosphäre 
das Abschmelzen des Gletschers an der Oberfläche aufhört. 
Eine solche Erkaltung wird aber in der Regel in allen Som- 
mernächten eintreten. Die Gletscher werden folglich wäh- 
rend der Sommertage mit Wasser getränkt, und dieses ge- 
friert während der Nächte.” (CuArrentTier, essai sur les 
glaciers 1841. $ 6). Beim Gefrieren dehnt das Wasser 


121 


sich aus, und diese ausdehnende Gewalt treibt den Glet- 
scher abwärts. 

Da im festen Erdboden die täglichen Wärmeänderungen 
der angrenzenden Atmosphäre nur bis auf eine sehr ge- 
ringe Tiefe fühlbar sind, so ist wohl an sich klar, dass 
die Erkältung der Nacht nur bis in eine sehr geringe 
Tiefe in das Eis des Gletschers herabreichen kann; dass 
daher auch das in den Zwischenräumen des Gleischer- 
eises enthaltene Wasser flüssig bleiben muss, wenn die 
Oberfläche des Gletschers überfriert. Zum Ueberfluss führt 
Forszs (Bibl. univ. de Gentve 42. S. 363) die Erfahrung 
an, dass auf einem bei eingetretener kalter Witterung schon 
mehrere Tage lang überfrornen Gletscher, überall, in der 
Tiefe von weniger als einem Fuss, nasses Eis anzutreffen 
war. Die unmittelbare Mittheilung der täglichen Wärme- 
änderungen der Atmosphäre bis in grössere Tiefen des 
Gletschers wird auch nicht angenommen, sondern der Vor- 
gang wird dargestellt, wie wir es oben, möglichst mit den 
eigenen Worten von CHZRPENTIER, zu geben versucht haben. 
Offenbar ist aber eine solche Darstellung unzulässig. Das 
in die Haarspalten des Gletschereises eindringende Schmelz- 
wasser kann nur gefrieren, wenn das Eis eine niedrigere 
Temperatur besitzt als 0%, sonst muss es flüssig bleiben. 
Dann muss es aber, wenn es in die feinen Zwischenräume 
des Eises eindringt, im Augenblick des Eindringens gefrie- 
ren. Es ist also gar kein Grund vorhanden, dass das 
Gletschereis bloss am Tage mit flüssigem Wasser sich trän- 
ken, und das eingedrungene Wasser bloss in der Nacht 
gefrieren soll. Die einzige zulässige Art zu einem Wachs- 
thum des Gletschers von innen heraus, und einer Ausdeh- 
nung durch das in seinem Innern gefrierende Wasser zu 
gelangen ist folglich die, ein Kältemagazin in seinem Innern 
anzunehmen, welches bewirkt, dass das täglich einsickern- 
de Wasser sofort gefriert, wenn es in die unter 0° stehen- 


122 


den Theile des Gletschers gelangt. Es ist das auch die 
Vorstellungsweise, welcher gegenwärtig Acassız zugethan 
scheint. Es scheint mir, dass wenn solche angebliche kalte 
Massen im Innern des Gletschers wirklich existirten, das 
Einfhltriren des von oben hindurchsickernden Wassers nur 
an den äussern Umgebungen der erkalteten Masse stattfin- 
den könnte. Durch das erfolgende Gefrieren des eindrin- 
genden Wassers an allen Stellen, .wo das Eis unter 0° zu 
stehen anfängt, würde der fernere Zutritt in die feinern 
Zwischenräume des erkalteten Eises verstopft. Erst wenn 
die Erkaltung dieser fest gefrornen äussern Hülle des käl- 
tern Gletschertheils durch allmählige Wärmemittheilung aus 
den Umgebungen abgenommen hätte, wäre ein ferneres 
Vordringen des einsickernden Wassers gegen das Innere 
des kalten Gletschertheiles möglich. Die Art und Weise, 
wie nach dem Winter, wo allerdings eine solche Erkaltung 
der äussern Kruste des Gletschers stattgefunden hat, das 
Wasser an der Oberfläche der Gletscher in vielen Spalten 
und Vertiefungen längere Zeit angesammelt bleibt, bis es 
den Zutritt in das zerklüftete Innere des Gletschereises 
findet, scheint mir einen directen Beweis für diese Ansicht 
darzubieten. Das fortwährende Gefrieren des .täglich ein- 
dringenden Wassers, und die mit demselben in Verbindung 
stehende Ausdehnung des Eises, könnte folglich, unter 
solchen Voraussetzungen, bloss an der äussern Hülle des 
unter 09 erkalteten Theiles der Gletschermasse stattfinden, 
und so unregelmässig auch die Gestaltung dieser Hülle 
seyn möchte, so wäre eine Ausdehnung die bloss an der- 
selben erfolgt, offenbar unzureichend um die Thatsache 
des täglichen Vorrückens der ganzen mächtigen Eismasse 
des Gletschers zu erklären. 

Doch wir wollen von diesem Einwurfe einstweilen ab- 
strahiren, und die Gründe untersuchen, die zur Annahme 
des angeblichen Kältenmagazins im Innern des Gletschers 


123 : 


/ 


berechtigen sollen. Es müsste dieses Kältemagazin ein 
sehr bedeutendes seyn, wenn es zur Erklärung der Er- 
scheinungen 'zureichen sollte, weil es durch das beständig 
vor sich gehende Gefrieren des einsickernden Wassers, 
durch welches die beständig fortschreitende Bewegung des 
Gletschers erklärt zu werden versucht wird, eine fortwäh- 
rende Verminderung erlitte.. Nehmen wir eine Eismasse im 
Innern des Gletschers von — 1° R. Temperatur an, so 
wird bekanntlich jedes Pfund Wasser auf 00%, welches sie 
zum Gefrieren bringt, mehr als 60 Pfund dieser Eismasse 
durch die beim Gefrieren entwickelte latente Wärme bis 
zum Eispunkt zu erwärmen vermögen; denn die beim Ge- 
frieren frei werdende Wärme könnte bekanntlich die Tem- 
peratur von 60 Pfund Wasser um einen Grad erhöhen, und 
die spezifische Wärme des Eises ist geringer, als die ‘des 
flüssigen Wassers. Noch am untersten Ende des Gletschers, 
während der langen Reihe von Jahren, die das Gletschereis 
braucht, um von der Firnregion bis dahin zu gelangen, 
müssten aber noch Ueberreste dieses Kältemagazins vor- 
handen seyn, denn die fortschreitende Bewegung, welche 
durch dasselbe erklärt werden soll, zeigt sich auch da 
noch immer; und das trotz der beständigen Abnahme, wel- 
che dasselbe erlitten hat, ohne dass ein zureichender Er- 
satz für diese beständig vor sich gehende Abnahme sich 
darbietet. Ein Ersatz wäre zunächst denkbar, durch die 
Kälte, welche während des Winters, vorzüglich in den 
kalten obern Regionen, in das Gletschereis eindringt. Auch 
dieses Eindringen kann aber, zufolge der Erfahrungen die 
wir über die Mittheilung der jährlichen Wärmeänderungen 
in das Innere der festen Erdrinde besitzen, sich nur bis 
in eine mässige Tiefe erstrecken, und muss folglich durch 
das bei eintretender warmer Jahreszeit wieder stattfindende 
Einsickern des Schmelzwassers von der Oberfläche bald 
beseitigt seyn. Durch direeten Versuch fand Acassız, 


124 


dass ein, während des Winters von 1841 auf 42, 24 Fuss 
tief in das Eis des Aargletschers beim Aötel des Neucha= 
telois, also in ungefähr 7500 Fuss Meereshöhe, eingesenk- 
ter Thermometrograph keine tiefere Winterkälte als — 0°, 3 C 
zeigte. (Comptes rendus 15. S. 736). Dasselbe beweisen 
die verschiedenen Gletscherseen, die in durch Gletscher 
abgesperrten Vertiefungen sich bilden, deren Ausgänge im 
Spätjahr durch die Einwirkung der eindringenden kalten 
Luft und durch das erfolgende Gefrieren gesperrt werden. 
Das Wasser, welches den Sommer hindurch unter dem 
Gletscher seinen Abfluss gefunden hat, häuft sich dann an 
und füllt endlich das Becken aus. Im Winter gefrieren 
diese Seen, jedoch nur an der Oberfläche, in der Tiefe 
bleibt das Wasser flüssig. Sie erhalten sich bis in den 
Sommer, wo dann durch den Einfluss des den Gletscher 
durchsickernden Wassers , oder durch die Bewegung, wel- 
che bei zunehmender Wärme im Gletscher merkbarer wird 
und Spalten erzeugt, die Ausgänge wieder eröffnet werden, 
und der ganze See, oft in wenigen Stunden, unter dem 
Gletscher hindurch abfliesst. S. z. B. die Beschreibung, 
welche Saussure (Joy. $.1013) von einem dieser Seen, der 
Gouille & Vassu im Entremontthale gibt, dessen Rand un- 
gefähr 7700 Fuss über dem Meere liegt. Es beweisen diese 
Erscheinungen, dass, selbst in einer so beträchtlichen Höhe, 
die Winterkälte nicht zureicht mehr als die Oberfläche des 
eiskalten Wassers dieser Seen zum Gefrieren zu bringen; 
dass. das eben so wenig durch Kältemittheilung aus dem 
umgebenden Erdboden bewirkt wird, die einzige Erkältungs- 
quelle, die nebst dem Einfluss der Winterkälte der Atmo- 
sphäre, noch zu Hülfe gezogen werden könnte. 

Es lässt sich in der That kein geeigneterer Apparat 
denken um die Temperatur von 0° zu bewahren, als ge- 
rade der Gletscher es ist. Erkältungen von der Oberfläche 
aus können, wie wir eben gesehen haben, nur auf eine 


125 


geringe Tiefe sich erstrecken. Eine Erwärmung über 0° 
ist vollends unmöglich. Der erwärmende Einfluss der Som- 
merzeit bleibt daher nicht, wie im Erdboden, in der äus- 
sersten Kruste haften, um durch den entgegesetzten Ein- 
fluss der kalten Jahrszeit wiederum beseitigt zu werden. 
Er äussert sich bloss dadurch, dass er Eis von 0° im Was- 
ser von eben derselben, oder nur ausnahmsweise von et- 
‚was darüber erhöhter Temperatur verwandelt, was sofort 
durch die ganze zerklüftete Masse hinuntersickert. Ist das 
Gletschereis mit der Wassermenge gesättigt, mit welcher 
es, in Folge seiner Porosität, getränkt bleiben kann, so 
wird das hinuntersickernde Wasser auf seinem Wege bis 
zum Gletscherboden nirgends haften bleiben; es sey denn 
es träfe Eis an, welches unter 0° erkältet ist, und welches 
sein Gefrieren bewirken müsste. Durch die bei Gefrieren 
frei werdende latente Wärme würde aber dieses kältere Eis 
sofort erwärmt, bis es ebenfalls die Temperatur von 0° 
besässe, und sich verhielte wie die übrige mit Wasser ge- 
tränkte Eismasse. Alles wirkt folglich darauf hin die Tem- 
peratur von 0° im Innern des Gletschers zu erhalten, und 
sie wiederherzustellen, wenn sie durch eine zufällige Ur- 
sache in irgend einem Theil sich verändert haben sollte. 
Das Innere eines Gletschers besteht folglich aus Eis auf 
0°, dessen Zwischenräume mit Wasser von ebenfalls 0° 
benetzt sind. Die Kälte der äussern Umgebungen kann 
nur bis auf eine mässige Tiefe eindringen, und das be- 
netzende Wasser zum Gefrieren bringen. Nur ausnahms- 
weise wird die kalte Winterluft, wenn durch Ungleichheit 
des Luftdrucks ein Luftzug erzeugt wird, in die weitern 
Zwischenräume des Gletschers gelangen, und eine Erkal- 
tung unter 0° auf ihrem Wege bewirken können. Zu den 
feinern Zwischenräumen des Eises wird sie sich selbst so- 
fort den Zugang verstopfen, indem sie das aus denselben 
nachsickernde Wasser zum Gefrieren bringt. Alle bisheri- 


126 


gen Erfahrungen weisen darauf hin, dass es sich im In- 
nern des Gletschers wirklich auf die angegebene Weise 
verhält, so weit man hat eindringen können. Bei seinen 
Bohrversuchen im Jahr 1842 auf dem Aargletscher fand 
Acassız die Temperatur immer auf 0°, bis in 200 Fuss 
Tiefe. (Comptes rendus 15. S. 204). Ein Kältemagazin im 
innern unzugänglichen Theil ist folglich eine jeder Wahr- 
scheinlichkeit widersprechende Annahme, die jeder Begrün- 
dung durch Thatsachen ermangelt. 

Ist aber die Beschaffenheit der Gletscher die angege- 
bene, so folgt von selbst, dass kein Wachsthum des Glet- 
schereises von innen heraus stattfindet, dass überhaupt, 
auch in Folge der Winterkälte, die Eisbildung durch Ge- 
frieren des im Gleischereise enthaltenen Wassers, nur in 
einer mässigen Entfernung von der Aussenfläche eintreten 
kann. Die Erklärung des Fortschiebens der ganzen Glet- 
schermasse, durch die Ausdehnung des gefrierenden Was- 
-sers, falle dadurch von selbst. 

Es folgt daraus ferner, dass die Temperatur des Erd- 
bodens unter dem Gletscher das ganze Jahr hindurch auf 
0° sich erhalten wird, diejenigen Stellen ausgenommen, wo 
ein durch Höhlungen sich hindurchziehender Luftstrom auf 
eine etwas bleibende Weise erkältend oder erwärmend 
wirkt. Derselbe Grund, welcher bewirkt, dass die äus- 
serste Erdhülle an jedem Orte eine Mitteltemperatur an- 
nimmt, Jie der Mitteltemperatur der umgebenden Luft un- 
gefähr gleich ist, muss bewirken, dass die Erdoberfläche, 
‘unter den Gletschern, die seit undenklichen Zeiten mit Eis 
auf 0° in Berührung ist, dieselbe Temperatur muss ange- 
nommen haben. Ihrer eigenthümlichen Verhältnisse zufolge 
sind also Gletscher Apparate, welche einerseits die Tem- 
peratur des Bodens, den sie bedecken, auf 0° erhalten, in 
Umgebungen, deren mittlere Lufttemperatur beträchtlich 
über 00 steigt; auf + 5° R. z. B. am Ende des untern 


; 127 
Grindelwaldgletschers, wie oben ist angeführt worden; an- 
drerseits aber auch, in den obern Gletscherregionen, in 
Umgebungen, deren mittlere Lufttemperatur bedeutend un- 
ter 0° sinkt. Wie weit aufwärts dieser eigenthümliche Ein- 
fluss der Gletscher stattfindet, muss noch genauer ermit- 
telt werden. Wahrscheinlich erstreckt er sich so weit 
noch eine fortschreitende Bewegung im ewigen Eise der 
Höhen bemerkbar ist, also noch weit in die Firnregion 
hinauf. 

Wir wollen nunmehr untersuchen, wie die Theorie, 
wodurch man die Sıssure’sche zu verdrängen versucht, von 
der 'Thatsache Rechenschaft gibt, dass das Gletschereis nur 
thalabwärts vorrückt. Wir legen hier wieder CHArpEnTier’s 
Darstellung zum Grunde. ($. 11.) „Wenn” so sagt er, „das 
in allen feinen Zwischenräumen des Gletschereises enthal- 
tene Wasser zum Gefrieren kömmt, so nimmt es an Raum 
zu, und theilt eine Art von Ausdehnung der ganzen Masse 
mit. Diese Ausdehnung muss vorzüglich nach der Richtung 
sich äussern, wo -sie am wenigsten Widerstand findet; 
also einerseits in der Richtung des Abhanges, oder der 
Länge des Gletschers; andrerseits nach der Richtung der 
Dicke des Eises, von der untern Fläche des Gletschers ge- 
gen oben; denn nach den andern Richtungen findet sie Wi- 
derstand, sowohl von dem Berge, von welchem der Glet- 
scher herabkömmt, als von den Thalwänden die ihn der 
Länge nach, zu beiden Seiten einschliessen.” Bei einem 
bleibenden Zustande des Gletschers wird durch das erfol- 
gende Abschmelzen an der Oberfläche und am Ende des 
Gletschers die nach beiden Richtungen erfolgende Ausdeh- 
nung der Eismasse beseitigt, dem ganzen Gletscher ent- 
lang bleibt aber die thalabwärts gehende Bewegung des Ei- 
ses bemerkbar. | 

Wäre eine solche Erklärung die richtige, so müsste 
man allervorderst am obern Ende des Gletschers, und an 


123 


den ihn einschliessenden 'Thalwänden, Spuren der nach 
diesen Richtungen sich äussernden ausdehnenden Kraft des 
Eises finden; denn der hier erfolgende Widerstand soll es 
ja seyn, und nicht das eigene Gewicht des Eises, welcher 
den Gletscher thalabwärts drängt. Nun lesen wir aber bei 
CuArrEntier selbst (S. 81), dass wenn ein Gletscher an 
.seinem obern Ende an einer Felswand endigt, das Zusam- 
mensinken (tassement) des Eises die unmittelbare Berüh- 
rung hindert, und eine weite Kluft zwischen der Felswand 
und dem Gletschereise erzeugt. Also gerade das Gegen- 
theil von einem Anstemmen des Eises gegen das hinterlie- 
gende Gebirge, und eine Erklärung des Ablösens durch 
das eigene Gewicht des Eises nach Saussure’schen Grund- 
sätzen. Ueberhaupt müsste eine in der ganzen Eismasse 
vor sich gehende, nach allen Richtungen sich äussernde 
Ausdehnung alle Spalten, leere Zwischenräume und Klüf- 
te, die den Gletscher durchziehen, und ihn von den ein- 
schliessenden Felswänden trennen, vollständig schliessen, 
ehe sie eine mehrere Stunden lange Eismasse, auf öfter 
wenig geneigter Unterlage, abwärts zu schieben vermöchte. 
Von diesem Allem bemerkt man aber nichts. Die Reibung 
die beim Vorwärtsschieben einer so ungeheuern Eismasse 
zu überwinden ist, liesse schlechterdings keine andere Aus- 
dehnung zu, als ein Aufquellen der ganzen Eismasse nach 
der Dicke, auch ohne die Annahme, die CuArrENTIER aus- 
serdem noch vertheidigt, dass der ganze Gletscher an sei- 
ner Grundfläche angefroren sey. 

Es hat CuArrentier das Gewicht dieses Einwurfes, der 
ihm 1838, bei der Versammlung der schweizerischen Na- 
turforscher in Basel, bereits gemacht worden ist, gar wohl 
gefühlt. Er gibt zu (S. 105), dass wenn die Ausdehnung 
nur an einer einzelnen Stelle des Gletschers sich äussern 
würde, auch nur ein solches Aufquellen der Gletscher- 
masse an der entsprechenden Stelle eintreten könnte; allein 


129 


da die Ausdehnung dem ganzen Gletscher entlang erfolge 
so könne das nicht eintreten. Es will mir jedoch schei- 
nen, dass wenn man das Aufquellen an einer Stelle für 
zulässig findet, dass bei einer Ausdehnung, die in der gan- 
zen Gletschermasse sich kund gibt, eben ein Aufquellen an 
allen Stellen, und kein Vorwärtsschieben des Gletschers 
stattfinden müsste. 

Die Annahme des Angefrorenseyns des Gletschereises 
an dem Boden scheint mir vollends schlechterdings unver- 
einbar mit der Thatsache des Vorrückens der Gletscher, 
sie mag nun hergeleitet werden von welcher Theorie man 
will. Wenn das Gletschereis zu jeder Stunde des Tages 
im Vorrücken begriffen ist, wenn durch die zwischen Eis 
und dem unterliegenden Felsboden eingepressten Gesteins- 
trümmer bei diesem Vorrücken Ritzen auf dem Felsboden 
entstehen, und das sind Thatsachen, die CnArr£nTier und 
Acassız lebhaft vertheidigen, so können doch unmöglich Eis 
und Erdboden zusammenhaften. (Vergl. auch Forses Ann. 
de Ch. et de Ph. 3e. Ser. 6. S. 251). 

CHARPENTIER führt nun freilich eine Thatsache an, wel. 
che das Angefrorenseyn der Gletscher an ihrer Grundfläche 
darthun soll ($. 34). Von dem über eine Felswand herab- 
hängenden Gietrozgletscher ım Bagnethal lösen im 
Sommer tagtäglich Eismassen sich ab, die unten im Thale 
eine Eisanhäufung bilden, den sogenannten untern Gietroz- 
gletscher. Häuft diesesEis sich sehr an, so sperrt es den 
Abfluss derDrance, welche dann zu einem See anschwillt, 
dessen Abfluss beim Durchbrechen des Eisdamms schon 
mehrmals bedeutende Verheerungen angerichtet hat; so na- 
mentlich im Jahr 1818. Um das zu verhindern hat die 
Regierung von Wallis im Jahr 1821 einen Stollen durch 
‘ den Eisdamm anlegen lassen, durch welchen der Abfluss 
der’Drance offen erhalten wird. Alljährlich wird dieser 
Stollen aufgeräumt. Jedes Jahr, und zwar vom Juni bis 

g 


130 


in den Oktober, hat man nun nach CuArrentier bei diesen 
Arbeiten den Boden des Gletschers gefroren gefunden, mit 
Ausnahme eines Streifens von etwa 10 Fuss Breite, über 
welchen die Drance unmittelbar wegfliesst. Die Stelle liegt 
etwa 5500 Fuss über dem Meere. Wenn die Thatsache 
richtig ist, und ich habe keine Ursache an CuArrENTIER’S 
Angabe zu zweifeln, so wird eine nähere Untersuchung 
wohl lehren, dass an einer solchen Stelle kein Vorrücken 
des Gletschereises über den unterliegenden Boden stattfin- 
det. Die Frage würde, gerade weil alljährlich, Arbeiten 
vorgenommen werden, leicht zu entscheiden seyn. Jeden- 
falls ist das eine sehr vereinzelte Thatsache, denn überall 
sonst wo man unter einen wirklich in Bewegung begriffe- 
nen Gletscher eingedrungen ist, hat sich das am Boden 
aufliegende Eis im Zustande des Abschmelzens gezeigt. 

Eine zweite Thatsache die nach CuArrentier das Ange- 
frorenseyn der Gletscher an dem Boden, und folglich eine 
Temperatur unter 0° beweisen soll ist die, dass Wurzeln 
perennirender Alpenpflanzen die im Jahr 1818 beim Vor- 
rücken des Gletschers du Tour im Chamounithale in 4700/ 
Meereshöhe von demselben bedeckt worden sind, noch 
Triebkraft genug zeigten, um wieder ausschlagen zu kön- 
nen, als 4 Jahre später der Gletscher sich wieder zurück- 
zog. Diese Wurzeln hätten, nach seiner Ansicht, während 
dieses langen Zeitraums faulen, und gänzlich absterben 
müssen, wenn sie nicht in einer niedrigern Temperatur als 
0° verweilt hätten. Ich sollte indess meinen, dass solche 
_ Wurzeln in einem gewöhnlichen Eiskeller, in welchem das 
aufbewahrte Eis ebenfalls immer auf 0° bleibt, ihre Le- 
benskraft ohne zu faulen würden erhalten haben. 

Ich komme nunmehr zu der Erklärungsweise der an- 
geblichen Säuberung des Gletschers, und des Ausstossens 
von fremden Körpern, die man auch als Stütze der Ge- 
frierungstheorie, und eines Wachsthums des Eises von in- 


131 


nen nach aussen geltend gemacht hat. Die meisten Glet- 
scher zeigen nämlich auf ihrer Oberfläche an gewissen Stel- 
len, den sogenannten Guferlinien, Anhäufungen von 
Steinblöcken und Felstrümmern , von denen in der Regel 
das Innere des Gletschereises frei bleibt. Doch ist der 
Fall so selten nicht, als man öfter behauptet, dass Schich- 
ten des Gletschereises durch Zwischenlagen von Sand, Kies 
und grössern Steinen unterschieden sind, wie das z.B. Kunn 
bezeugt, der längere Zeit Grindelwald bewohnt hat, (Hörrners 
Magazin I. S. 120) und neuerlich ArnoLn Escuer (Pogg. 
Ann. 56. S. 611). Dass alle Steintrümmer, die von den 
umgebenden Felswänden auf den eigentlichen Gletscher her- 
unterfallen, auf seiner Oberfläche müssen liegen bleiben, 
ist an sich klar, denn der im Winter niederfallende Schnee 
schmilzt hier in der warmen Jahrszeit vollständig wieder 
ab. Nur in der Firnregion, wo aus der jährlich herabfal- 
lenden Schneemasse eine neue Schicht von Gletschereis 
sich bildet, welche durch die abwärts schreitende Bewe- 
gung nach Jahren in die untern Gletscherregionen vorge- 
schoben wird, können Steintrümmer in das Innere des 
Gletschereises gelangen. Auch diese erscheinen allmählig 
an der Oberfläche, was SAussure aus der immer vor sich 
gehenden Abschmelzung des der Atmosphäre zugekehrten 
Theils des Gletschers erklärt, wodurch die im Innern be- 
grabenen fremden Körper allmählig zum Vorschein kommen, 
auf dem Gletscher liegen bleiben, und mit demselben thal- 
abwärts vorrücken. Wenn das der Hergang der Sache ist, 
so wird behauptet, es müsste das Gletschereis, was aus 
Firnregionen herkömmt, zum Theil das Aussehen einer 
durch Eis verbundenen Trümmerbreccie darbieten. (CuAr- 
PENTIER S. 17). | 

Wir wollen uns hier nicht mit den Erklärungsweisen 
befassen, die nach Art der Aelpler ein wirkliches Aufwärts- 
bewegen der im Innern begrabenen fremden Körper, durch 


132 


das umgebende Eis hindurch, annehmen. CuArrpentier hat 
in seiner Schrift deren Ungrund hinlänglich dargelegt ($. 25). 
Er selbst erklärt sich den Vorgang auf folgende Weise: 
Durch das Gefrieren des in die Zwischenräume des Glet- 
schereises eingesickerten Wassers, und die damit verbun- 
dene Ausdehnung, gelangt eine jede Schicht des Innern 
des Gletschers nach und nach in eine immer grössere Ent- 
fernung von dem Boden. An der Oberfläche findet aber 
durch Abschmelzen eine fortdauernde Verminderung des 
Eises statt, die eben durch jenen angeblichen Wachsthum 
von innen heraus ersetzt wird. Jede mit Unreinigkeiten 
erfüllte Eisschicht die aus der Firnregion heruntergescho- 
ben worden ist, gelangt daher endlich an die Oberfläche, 
wo dann die Unreinigkeiten, nach stattgefundenem Ab- 
schmelzen des umgebenden Eises, liegen bleiben. Cnuar- 
vENTIER hält es sogar für möglich, dass auf diese Weise 
Steinblöcke, die bis an den Boden des Gletschers herun- 
tergefallen sind, auf die angegebene Weise an die Ober- 
fläche gelangen können, wenn sie sich in einer solchen Lage 
befinden, dass die Eisbildung unter ihnen vor sich gehen 
kann. Wenn ich diese Erklärungsweise recht verstehe, so 
wäre nach derselben in den untern Regionen der Gletscher 
alles aus der Firnregion herabgeschobene Eis vollständig 
abgeschmolzen; der Gletscher bestünde hier nur aus dem 
durch Gefrieren des einfiltrirten Wassers allmählig gebilde- 
ten Eise, und zeigte eben aus diesem Grunde die grosse 
Reinheit. 
Abgesehen von den Einwendungen, welche oben gegen 
den Wachsthum des Gletschereises von innen heraus über- 
haupt geltend gemacht worden sind, streitet die Erklärungs- 
weise gegen die schönen im letzten Jahre von Acassız ge- 
machten Beobachtungen über die Schichtung des Gletscher- 
eises, von deren Richtigkeit ich mich meines Orts, unter 
dessen Führung auf dem Aargletscher, vollkommen 


133 


überzeugt habe. Einen kurzen Abriss dieser Beobachtun- - 


gen hat derselbe bereits im Jahrbuch von LeonuArp und 
Bronw mitgetheilt (1843. S. 84 u. 86). In der Firnregion, 
am Lauteraarfirn z. B. ist die Eismasse in horizontal lie- 


gende Schichten abgetheilt, die wahrscheinlich aus den 


Schneeablagerungen der einzelnen Winter entstehen, und 
deren Absonderungen durch den Staub und Sand, welche 
zur Sommerzeit von den entblössten Felswänden durch die 
Winde hergeweht werden, bezeichnet sind. Jede Schicht 
deutet folglich einen Jahrgang an. Bereits HoTTinGEr 
(Ephem.\nat. car. 1706 S. 41) und nach ihm Saussure 
(Y5y. $.514 u. 2015) und Andere haben auf diese Schich- 
tung des Firns aufmerksam gemacht. So wie der Firn 
thalabwärts in die eigentliche Gletscherregion gelangt, bie- 
gen sich die anfänglich horizontalen Schichten, indem sie 
sich von beiden Rändern gegen die Mitte einsenken. Das 
Ausgehende auf dem Gletscher bildet daher nicht mehr 
eine gerade Linie, sondern einen Bogen, dessen Konvexität 
thalabwärts gerichtet ist. Weiter unten nimmt die Einsen- 
kung der Mitte zu, das Ausgehende der Schichten auf der 
Gletscheroberfläche zeigt eine mehrfach eingeknickte Zick- 
zacklinie, deren allgemeine Konvexität immer noch abwärts 
gerichtet ist. In den Umgebungen des Hötel des Neucha= 
ielois, wo der Lauteraargletscher, durch den grossen Gu- 
ferwall getrennt, mit dem von der andern Seite des Ab- 
schwungs herabkommenden Finsteraargletscher zusammen- 
gestossen ist, hat die Einbiegung der Schichten dermassen 
zugenommen, dass sie an den beiden Rändern unter stei- 
len Winkeln gegen die Mitte einfallen, und auf der Mitte 
des Gletschers selbst theilweise senkrecht stehen, nach der 
Längenerstreckung des Gletschers fortstreichend. Ein ähn- 
liches Verhalten zeigt der Finsteraargletscher, auf der rech- 
ten Seite des Guferwalls. Wo ein kleinerer Seitengletscher 
mit dem grossen Haupigletscher zusammenstösst, wird sehr 


134 


bald seine ganze Masse so aufgerichtet, dass seine Schich- 
ten steil vom Hauptgletscher gegen den Rand zu einfallen. 
Die einzelnen Schichten lassen sich deutlich erkennen durch 
die gewöhnlich etwas abweichende Beschaffenheit ihres Ei- 
ses, und durch den Sand, welchen sie vorzüglich an der 
ursprünglich nach oben gerichteten Oberfläche einschlies- 
sen, und der zuweilen nahe liegenden Schichten eine et- 
was verschiedene Färbung mittheilt. Bei der vor sich ge- 
henden Abschmelzung wird dieser Sand nicht sofort von 
den Gletscherbächen vollständig weggespült, sondern er 
bleibt theilweise an der Stelle der Abschmelzung liegen, 
was zu einer deutlichen Bezeichnung der Linien des Aus- 
gehenden, wenn man den ganzen Gletscher überblickt, we- 
sentlich beiträgt. Es kann wohl kein unmittelbarerer Be- 
weis des beim Vorschieben des Gletschers erfolgenden Ein- 
keilens und Zusammendrängens der ganzen Eismasse gege- 
ben werden, als eben diese Structur. 

Nebst dieser Schichtenabtheilung wird das poröse Glet- 
schereis durchzogen von blauen Bändern dichtern Eises, 
die offenbar entstanden sind durch das Gefrieren des das 
Gletschereis tränkenden Wassers, während der kalten Jah- 
reszeit, so weit die Winterkälte in das Innere der Glet- 
scher- oder Firnmasse einzudringen vermag. Es hat näm- 
lich dieses Eis eine ganz übereinstimmende Beschaffenheit 
mit demjenigen, welches sich in künstlich gemachten und 
mit Wasser angefüllten Vertiefungen im Winter auf dem 
Gletscher bildet. Die blauenBänder existiren schon in der 
Firnregion. Zuusteın (v. Werpen, der Monte Rosa 1824 
S. 152), welcher bei seiner ersten Besteigung des Monte 
Rosa, im August 1820, in einer Firnspalte in 13128 Fuss 
Meereshöhe die Nacht zubrachte, gibt davon eine sehr an- 
schauliche Beschreibung. Später haben sie bekanntlich die 
Aufmerksamkeit von Fonges auf sich gezogen. (Edinb. new. 
phil. Journ. Jan. 1842). Sie laufen, auf dem eigentlichen 


135 


Gletscher wenigstens, im Allgemeinen parallel mit der Schich- 
tung, stehen daher senkrecht, oder fallen steil ein, wo 
die Schichten eine entsprechende Stellung haben. Der Pa- 
rallelismus ist jedoch nicht immer vollständig, sie laufen 
den Schichtungsabsonderungen zuweilen unter spitzen Win- 
keln zu. Wir haben deren nähere Beschreibung, und die 
Darstellung ihres Verhaltens in den verschiedenen Regio- 
nen des Gletschers von Acassız zu gewärtigen. Forges 
scheint anzunehmen (Bibl. univ. de Gen£eve 42. S. 352) es 
entstünden diese Bänder aus Spalten, die sich durch die 
ungleichförmige Bewegung der verschiedenen Theile des 
Gletschers nach der Richtung der Bänder, auf dem mitt- 
lern Theil des Aargletschers also seiner Längenerstreckung 
nach, bildeten, später sich mit Wasser füllten, was im 
Winter gefriere. Die Unstatthaftigkeit dieser Erklärung er- 
gibt sich wohl daraus, dass solche Längenspalten, die doch 
bei der stärksten Bewegung des Gletschers während des 
Sommers in dieser Jahrszeit vorzugsweise beobachtet wer- 
den müssten, auf dem Aargletscher gar nicht existiren. Alle 
Spalten laufen in der Regel queer über den Gletscher. 

In den tiefern, vom Hötel des Neuchatelois weiter ab- 
wärts liegenden Theilen des Aargletschers wird die Schich- 
tenstellung wieder verändert, auf eine Art und Weise, in 
die wir hier nicht eintreten wollen. Im Allgemeinen wird 
sie verworrener, blaue Bänder und wahre Schichtungsab- 
sonderungen lassen sich kaum mehr von einander unter- 
scheiden. Das Daseyn einer Schichtung wird indess leicht 
erkannt, wenn man sich einmal von der Thatsache an den- 
jenigen Stellen des Gletschers überzeugt hat, wo sie we- 
gen grösserer Regelmässigkeit anschaulicher hervortritt. 

Das Vorhandenseyn einer Schichtung im Gletschereise 
spricht nun ganz gegen eine Entstehungsweise des Eises 
in den untern Regionen der Gletscher , wie CHARPENTIER 
sich dieselbe vorstellt. Eine bloss aus gefrorenem Wasser 


136 


entstandene klare Eismasse könnte keine Schichtung zeigen. 
CuArpenTier behauptet auch die geschichtete Structur des 
Firns gehe verloren, wenn er sich zum Gletscher um- 
wandelt (S. 18). Es ist überhaupt merkwürdig wie lange 
die Structurverhältnisse der Gletscher auch von emsigen 
Beobachtern übersehen worden sind, Es erklärt sich das 
zunächst daraus, dass die Gletscher gewöhnlich nur bei 
schöner Witterung besucht werden. Dann ist aber durch 
die vor sich gehende Abschmelzung die äussere Oberfläche 
des Gletschereises aufgelockert; Schichtung und blaue Bän- 
der sind kaum bemerkbar, so deutlich sie bei Regenzeit 
sich darstellen. Ist man aber einmal durch genauere 
Beobachtung auf die Sache aufmerksam geworden, so wird 
man überall die Schichtung erkennen. 

Dass man im Innern des Gletschereises selten gröbere 
Gesteinstrümmer antrifft, erklärt sich wohl genügend dar- 
aus, dass erstlich die Stellen, wo durch Herabfallen von 
Schutt derselbe in die Firnmasse begraben werden kann, 
im Vergleich zu denjenigen, wo kein Schutt auf den Firn 
gelangt, nur von unendlich kleiner Ausdehnung sind. Dann 
liegen diese Stellen am Rande des sich bildenden Glet- 
schers. Beim Herabschieben gegen die Tiefe zu erleidet 
aber das am Rande liegende Eis gewöhnlich eine besonders 
starke Abschmelzung, wie die Vertiefungen beweisen, wel- 
che die Oberfläche des Gletschers häufig von den das Thal 
einschliessenden Felswänden trennen, namentlich wenn die 
Thalwand der Erwärmung durch die bescheinende Sonne 
ausgesetzt ist. Die im Eise des Randes eingeschlossenen 
Felstrümmer werden also bald entblösst und gelangen in 
die Gandecke des Gletschers. Oder der Gletscher verei- 
nigt sich mit einem andern, wo dann, wie wir bei der 
Darstellung der Schichtungsverhältnisse gesehen haben, der 
Rand in der Höhe bleibt, die Schichten in der Mitte sich 
einbiegen und einknicken und zusammengedrängt werden. 


i 137 : 


Auch hier bleiben also wieder die Theile des frühern Ran- 
des in der Höhe, dem Abschmelzen durch den Einfluss 
der warmen Atmosphäre vorzugsweise ausgesetzt; die her- 
ausschmelzenden Steintrümmer gelangen in die auf dem 
zusammengesetzten Gletscher sich hinziehende Guferlinie ; 
die theilweise aufgerichteten und zusammengepressten Schich- 
ten des mittlern Theils des frühern Gletschers schmelzen 
hingegen nur an den der Atmosphäre zugekehrten Kanten 
ab. Alles trägt folglich dazu bei, dass diejenigen Theile 
des Firns, welche gröbere Steintrümmer enthalten können, 
zusammenschmelzen, ehe sie in den untern Theil des Glet- 
schers gelangen, und es ist sich daher kaum zu verwun- 
dern, dass man solche selten im Innern des letztern wahr- 
nimmt. 

So absolut rein, wie man gewöhnlich anzunehmen 
pflegt, ist indess das Gletschereis durchaus nicht. Der 
Sand, den die Winde auf die Mitte des Firns treiben, und 
der zur deutlichern Bezeichnung von dessen Schichtungs- 
absonderung beiträgt, bleibt in den Schichten des Glet- 
schereises und theilt ihm selbst eine schwache Färbung mit, 
wie wir oben gesehen haben. Es findet das nicht nur an 
der Oberfläche statt, wo dieser Sand allerdings beim Ab- 
schmelzen den Trennungslinien der Schichten entlang sich 
anhäuft. An allen Spalten auf dem Gletscher bemerkt man, 
wie die durch Sand verschiedentlich schwach gefärbten Eis- 
schichten sich in die Tiefe hinunterziehen. Durch Schmel- 
zen des aus einem Bohrloche von 20 Fuss Tiefe heraufgeför- 
derten Eises hat Acassız das Vorhandenseyn des enthalte- 
nen Sandes direet nachgewiesen (Comptes rendus. 15.8. 435). 
Und doch müssten diese feinern Unreinigkeiten, die im 
Firneis mit herunterkommen, eben sowohl im Gletschereise 
verschwinden, wenn CuArrenrier’s Darstellung begründet 
wäre. 


138 


4. Die Sıussure’sche Theorie der Gletscher. 


Das Vorrücken der Gletscher geschieht nach der von 
Aurmann zuerst aufgestellten und von Saussurz näher ent- 
wickelten Theorie durch ihr eigenes Gewicht. Wenn die 
Stellen, an welchen der Gletscher auf der abschüssigen 
Unterlage aufliegt, allmählig abschmelzen, so bewirkt die 
von oben aufdrückende Last ein Vorrücken thalabwärts. 
Die Ungleichheiten der Unterlage, worüber der Gletscher 
weggleitet, oder auch die unregelmässige Gestaltung der 
Seitenwände, neben welchen der Gletscher vorgeschoben 
wird, bewirken die Entstehung von den Spalten, die den 
Gletscher durchziehen. Die Spalten ganz oder theilweise 
abzuleiten von einer Spannung der Masse, die durch un- 
gleichmässige Vertheilung der Temperatur in ihrem Innern 
entstehen soll, ist unstatthaft, weil, wie oben näher ent- 
wickelt worden ist, Alles darauf hinweist, dass der ganze 
Gletscher in seinem Innern die gleichmässige Temperatur 
von 0° besitzt. 

Dass die Gletscher an ihrer Auflagerungsfläche im Ab- 
schmelzen begriffen sind, beweist die unmittelbare Erfah- 
rung an allen Stellen, wo man unter den Gletscher hat 
eindringen können. Unter vielen Gletschern ziehen sich 
zwischen dem Boden und dem Eise Höhlungen hindurch, 
als unmittelbarer Beweis der hier vor sich gehenden Ab- 
schmelzung. Die Eisgewölbe, unter welchen die Gletscher- 
bäche am untern Ende vieler Gletscher hervorkommen, sind 
allgemein bekannt, so z. B. die des Glacier des Bois im 
Chamounithal, des Rhonegletschers, des Zermattgletschers, 
welches letztere Acassız (Etudes sur les Glaciers Taf. 6) 
abbildet u.a. m. Es ziehen sich diese Gewölbe öfter weit 
unter die Gletscher hinein, und verzweigen sich auf man- 
nigfache Weise. Ein Beweis davon liefert das bekannte 
Abentheuer des Wirths Curıstıan Bouren, welcher im Juli 


139 


1787 auf dem obern Grindelwaldgletscher in eine 64 / tiefe 
Spalte stürzte, und trotz seines gebrochenen Arms glück- 
lich einen Ausweg fand, indem er in dem Bette des Bachs 
unter dem Gletscher heraufkroch (Wyss, Reise ins Berner 
Oberland S. 653). Hucı beschreibt (Alpenreise S. 261) die 
Gewölbe unter dem Urazgletscher, am Fusse des Tit- 
lis, in welchen er während 1% Stunden herumgekrochen 
ist. Die ganze Gletschermasse ruhte hier auf einer unzäh- 
ligenMenge kleinerer und grösserer unregelmässig vertheil- 
ter Pfeiler, wie Aurmann sich die Sache vorgestellt hat. 
Ganz übereinstimmende Wahrnehmungen machte er am 
Oberaar-, Viescher- und Gasterngletscher, wo 
es ihm ebenfalls gelang ziemlich weit unter die Eismasse 
vorzudringen. Die Endpunkte dieser Gletscher liegen nach 
seinen Beobachtungen in 7000, 4154 und 5341 Fuss Mee- 
reshöhe (S.350 u. 339). Auch Ensemoser konnte im Bette 
des Baches, der aus dem Pfelderer Gletscher im Ty- 
rol hervorkömmt, sehr weit aufwärts gelangen, und sah 
noch immer das Eisgewölbe sich fortziehen (Bıscuor Wär- 
melehre S. 111). Es nehmen diese Höhlungen wahrschein- 
lich an Umfang ab, je höher der Gletscher ansteigt; dass 
sie aber auch an hoch gelegenen Punkten noch existiren 
müssen, beweisen die starken Gletscherbäche, die auch 
dort noch durch Spalten in die Tiefe stürzen und unge- 
hindert abfliessen. Sehr oft kann man durch die Spalten 
das Rauschen der unter dem Eise fortströmenden Bäche 
vernehmen. Am augenscheinlichsten wird das Vorhanden- 
seyn von zusammenhängenden Höhlungen, die unter dem 
ganzen Gletscher sich fortziehen, durch jene oben erwähn- 
ten, oft hoch am Gletscher liegenden Gletscherseen bewie- 
sen, die gewöhnlich in kurzer Zeit sich leeren, und dann 
plötzlich die am Ende der Gletscher abfliessenden Bäche 
beträchtlich anschwellen. 


140 


Die Ursachen, welche das Abschmelzen an der untern 
Fläche der Gletscher bewirken, sind: das von aussen in 
die Klüfte des Gletschers eindringende Wasser, die ein- 
dringende warme Luft, die Wärme des Erdbodens, und 
endlich die Quellen, die unter dem Gletscher entspringen. 

Unter diesen Ursachen ist wohl die wirksamste das 
Abschmelzen durch die an den Boden des Gletschers ge- 
langenden Wasser. Acassız (Etudes S. 206) fand die Tem- 
peratur der kleinen Wasserrinnen und Bäche auf der Ober- 
fläche der Gletscher immer sehr genau auf 0°, so lange 
sie auf reinem Eis flossen, welches auch die Wärme der 
umgebenden Luft seyn mochte; sobald sie aber auf der 
Oberfläche des Gletschers über Sand und Kies rieselten 
stieg ihre Temperatur höher, bis zu + 0°, 6 R. Ebenso 
verhielt es sich mit dem in den oberflächlichen Vertiefun- 
gen des Gletschereises sich ansammelnden Wasser. Bestan- 
den deren Wände aus reinem Eis, so war das Wasser im- 
mer auf 0°, sie mochten klein, oder sehr weit und tief 
seyn; sobald aber der Boden mit Schlamm, Sand oder Kies 
bedeckt war, stieg die Temperatur des Wassers bei war- 
mer Lufttemperatur höher, bis zu + 10, 2R Das aus 
dem Abschmelzen des oberflächlichen Eises entstandene 
Wasser wird folglich, wenn es durch die Klüfte des Glet- 
schers abfliesst, zum Abschmelzen des Eises im Innern sei- 
ner Masse und auf dem Boden beitragen. In viel höherm 
Maasse wird das bei dem Wasser der Fall seyn, welches 
über die von Schnee entblössten, den Gletscher einschlies- 
senden Thalwände demselben zuströmmt, und unter seine 
Masse sich versenkt. Das auf die Oberfläche des Gletschers 
herabfallende und von den Seiten ihm zufliessende Regen- 
wasser wirkt auf ähnliche Weise. 

Ferner wirkt abschmelzend die Luft, welche unter den 
Gletscher eindringt. Die in den Zwischenräumen des Glet- 
schers enthaltene auf 0° stehende Luft wird mit der äus- 


141 


sern, zur Sommerszeit stärker erwärmten Luft sich ins 
Gleichgewicht zu setzen suchen. Sie wird, wie die Luft 
in den Bergwerken, in den abwärts geneigten Kanälen in 
die Tiefe sinken, zu den unten liegenden Oeffnungen aus- 
strömen, während die wärmere äussere Luft durch die 
höher liegenden Oeffnungen eingesogen wird, und, indem 
sie durch die Höhlungen des Eises dringt, zu deren Er- 
_ weiterung durch Abschmelzung beiträgt. Wie bei den 
Luftzügen der Bergwerke ist dieser Luftwechsel in den 
hohlen Räumen unter dem Gletscher, und der an gewissen 
Stellen ausströmende Gletscherwind um so stärker, je 
grösser der Temperaturunterschied zwischen der äussern 
und innern Luft ist. Er nimmt an Stärke zu bei sehr war- 
men Tagen, ist häufig unmerklich des Morgens und wächst 
gegen den Mittag. Im Uebrigen sind diese Luftzüge natür- 
licher Weise sehr abhängig von der Gestaltung der unter 
dem Gletscher sich durchziehenden Höhlungen. Sinkt die 
Temperatur der äussern Luft merklich unter den Eispunkt, 
so kann die Richtung der Luftströmungen auch im entge- 
gengesetzten Sinne eintreten, und erkältend im Innern des 
Gletschers einwirken, wie wir bereits oben bemerkt haben. 
Diese Einwirkung ist aber ungleich beschränkter, weil 
durch das eintretende Gefrieren des durchsickernden Was- 
sers die kalte Luft den fernern Zugang in das Innere des 
Gletschers sich bald selbst verstopft. Im Winter kommt 
noch dazu die bedeckende äussere Schneehülle, welche die 
Zugänge zu den Höhlungen des Gletschers von aussen 
ebenfalls verschliesst. 

Die Wärme des Erdbodens muss ebenfalls zum Ab- 
schmelzen an der untern Fläche der Gletscher beitragen, 
wenn auch nicht in dem Maasse, wie Saussure es sich 
scheint vorgestellt zu haben, zu einer Zeit, wo man über 
die Vertheilung der Wärme im Innern des Erdkörpers noch 
wenig bestimmte Erfahrungen besass. Diese Ursache ist 


122 


aber von Einfluss, weil sie an allen Punkten, wo das Glet- 
schereis aufliegt, und zu jeder Jahreszeit, ungefähr gleich- 
mässig sich äussern muss. Die Thatsache, dass die Wär- 
me des Erdkörpers zunimmt, so wie man in sein Inneres 
eindringt, bringt als nothwendige Folge mit sich, dass an 
allen Punkten der Erdoberfläche Wärme ausströmt, bei 
dem stattfindenden Vertheilungszustande freilich in so ge- 
ringer Menge, dass sie die mittlere Lufttemperatur eines 
Ortes nicht merkbar zu erhöhen vermag. Eis pe BeAv- 
mont (Leonh. u.Bronn Jahrbuch, 1842. S. 855) berechnet, 
dass die Wärmeausströmung für Paris jährlich eine 6 % 
Millimeter dicke Eisrinde zu schmelzen vermag. Es nimmt 
diese Grösse zu, wenn die Zunahme der Wärme gegen das 
Erdinnere, oder wenn die Wärmeleitungsfähigkeit des Erd- 
bodens wächst; die Veränderungen dieser Grössen können 
aber nach Erıe pe Beaumont’s Ansicht nicht gar beträcht- 
lich seyn. Demzufolge würde man, wenigstens näherungs- 
weise, annehmen können, dass die Wärmeausströmung des 
Erdbodens unter dem Gletscher ungefähr dieselbe ist. Sie 
trifft hier, wie wir gesehen haben, eine beständige Tem- 
peratur von 0° an, sie wird also vollständig zur Schmel- 
zung des aufliegenden Eises verwendet. Nach diesen An- 
gaben würde sie demnach jährlich 6 Y, Millimeter Eis an 
der Grundfläche des Gletschers schmelzen, oder monatlich 
etwa Y, Millim,, also im Zeitraum eines Monats nicht mehr 
Wasser liefern, als ein ganz unbedeutender Regenschauer. 
Die Annahme, dass eine der Grössen, von welcher die 
jährliche Wärmeausströmung abhängig ist, nämlich die Zu- 
nahme der Wärme des Bodens, wenn man in denselben 
eindringt, unter dem Gletscher nicht wesentlich abweichen 
kann, von dem was an andern Orten beobachtet wird, 
scheint mir, wenigstens für die untern Gletscherregionen, 
sehr unwahrscheinlich. Am Gletscherboden wird ausnahms- 
weise eine beständige Temperatur von 0° erhalten, wäh- 


143 


rend in den Umgebungen die mittlere Bodenwärme eine 
viel höhere seyn kann. Am Ende des untern Grindelwald- 
gletschers herrscht z. B. wie wir angeführt haben, eine 
mittlere Lufttemperatur von + 5° R.; die mittlere Boden- 
temperatur ist wahrscheinlich noch höher. Die Vertheilung 
der Wärme nach dem Erdinnern wird aber hauptsächlich 
abhängig seyn von der- Temperatur, die an der weit aus- 
gedehntern, vom Gletscher nicht bedeckten Bodenfläche 
herrscht. Auf dem verhältnissmässig sehr geringen Flä- 
chenraum, der vom Gletschereis bedeckt wird, muss daher 
in der äussersten Erdhülle ausnahmsweise eine stärkere 
Temperaturzunahme nach innen eintreten. In gleichem 
Verhältnisse nimmt aber die Wärmeausströmung zu. Neh- 
men wir aber auch eine beträchtliche Vervielfachung der 
von ErLiE ns BeAumont berechneten Grösse an, der Satz, 
wozu er gelangt, bleibt richtig, dass die Abschmelzung, 
welche in Folge der Wärmeausströmung des Erdkörpers 
unter dem Gletscher erfolgt, nur einen verhältnissmässig 
sehr kleinen Beitrag liefert, zu der Wassermasse der Bäche, 
die aus den Gletschern abfliessen. 

Auf eine mehr mittelbare Weise kann die Erdwärme 
abschmelzend auf die untere Fläche der Gletscher einwir- 
ken, durch die Quellen, die unter dem Gletscher selbst 
entspringen, und welche, wenn sie aus einer etwas be- 
trächtlichen Tiefe kommen, die wärmere Temperatur der 
tiefern Erdschichten mit sich bringen. Diese Ursache der 
Abschmelzung ist eine durchaus örtliche, der Umfang ihres 
Einflusses kann daher nur sehr schwer beurtheilt werden. 
Wo die Mitteltemperatur der Oberfläche des Bodens unter 
0° sinkt, derselbe folglich in einer gewissen Tiefe fortwäh- 
rend gefroren bleibt, die atmosphärischen Wasser also 
nicht mehr eindringen können, müssen auch alle Quellen 
verschwinden. Nach den Erfahrungen, die man im Nor- 
den von Europa gemacht hat, steht in Gegenden, welche 


144 


einen beträchtlichen Theil vom Jahr mit einer Schneehülle 
bedeckt sind, die Mitteltemperatur der äussersten Schicht 
des Erdbodens immer höher als die Mitteltemperatur der 
umgebenden Luft, weil der entblösste Erdboden die Som- 
merwärme aufnimmt, im Winter hingegen die Schneebe- 
deckung das Eindringen der Kälte hemmt, und überdiess 
wenn der Boden gefroren ist, das Einsickern von Wasser 
aufhört. In den Alpen, wo ähnliche Verkältnisse obwal- 
ten, wird daher die mittlere Bodentemperatur von 0°, sich 
höher hinaufziehen, als die mittlere Lufttemperatur von 0°, 
welche, wie angeführt worden, nach Bıscaor in einer Mee- 
reshöhe von 6165 Fuss anzutreffen ist. Ueber die Höhe, 
in welcher in den Alpen die Mitteltemperatur des Bodens 
unter 0° sinkt, fehlen noch genauere Beobachtungen. Je- 
denfalls muss daselbst jeder Einfluss der Quellen aufhören. 

Die unter den Gletscher gelangenden Wasser geben 
nicht einmal unter allen Umständen ihren Temperaturüber- 
schuss über 0° vollständig ab, bis sie am Ende des Glet- 
schers wieder zu Tage kommen. Bıscnor (Wärmelehre S. 
109) fand den Gletscherbach des untern Grindelwald- 
gletschers an seinem Ausflusse auf + 0°, 4 R., am 
obern Grindelwaldgletscher auf + 0°, 6, und am 
Lämmerngletscher auf der Gemmi auf + 0°, 2, un- 
geachtet die beiden letztern keine Eisgewölbe an ihrem Ende 
hatten, und das Wasser unmittelbar unter dem Eise her- 
vorkam. Es ist das ein Beweis, dass ein Wasserstrahl von 
einiger Stärke den Ueberschuss von Wärme an das Eis, 
mit welchem er in Berührung kömmt, nur allmählıg ab- 
gibt, dass er daher noch in beträchtlichen Entfernungen 
von den Punkten, wo er unter den Gletscher eintritt, Ab- 
schmelzungen an dessen Grundfläche bewirken kann. Ex- 
neMmoser (Bischof a. a. ©.) beobachtete bei 6 Tyroler Glet- 
schern die Temperatur der abfliessenden Bäche sogar auf 
+1°R., am Pfelderergletscher auf +1°, 7. Acassız 


145 


(Etudes S. 215) fand die Temperatur der Visp, beim Aus- 
flusse aus dem Zermattgletscher des Morgens immer 
fast genau 0°; während des Tags erhob sie sich aber bis 
auf + 10, 2R. Eine ganz ähnliche Wahrnehmung machte 
er amBache des Zmuttgletschers. Es ist daher nicht 
unwahrscheinlich, dass die höhere Temperatur bei den Bä- 
chen dieser beiden Gletscher hauptsächlich herkommen mag 
von der grössern Wärme, welche die von der Seite zu- 
strömenden, unter die Gletscher sich versenkenden Bäche 
mitbringen, und beim Durchfluss durch die Gletscherge- 
wölbe nicht ganz verlieren, da sie diese höhere Tempera- 
tur nur während des Tages besitzen. Die unter den Glet- 
scher hauptsächlich während des Tages, einströmende war- 
me Luft kann jedoch auch von Einfluss seyn. Die Aar, 
beim Austritt aus dem Unteraargletscher, zeigte nach Acassız 
während des Tags gewöhnlich + 0%, 8 R. 

Die Eisschicht, welche an der Bodenfläche eines Glet- 
schers abschmilzt, muss an denjenigen Stellen, wo haupt- 
sächlich nur das eindringende Schmelzwasser wirkt, sehr 
unbeträchtlich seyn, im Verhältniss zu der Abnahme, die 
der Gletscher durch das Abschmelzen an seiner Oberfläche 
erleidet; denn die Schmelzwasser können im günstigsten 
Falle nur mit einem geringen Temperaturüberschuss über 
0° an den Boden des Gletschers gelangen. Die Totalein- 
wirkung der ausströmenden Erdwärme ist, wie wir gese- 
hen haben, ebenfalls nur gering. Unter günstigen Ver- 
hältnissen, namentlich wenn der Zutritt der äussern war- 
men Luft lebhaft stattfindet, kann hingegen das Abschmel- 
zen am Boden sehr bedeutend werden. Vom 26. Juni bis 
zum 10. September 1842 beobachtete Forzes, (Bibl. univ. 
de Geneve 42. S. 364) nahe beim Rande des Eismeers 
ım Ghamounithal, ein Einsinken der Oberfläche des Glet- 
schers von 25 engl. Fuss und 11% Zoll. In der Mitte des 
Gletschers war das Einsinken noch bedeutender. Er hat 

10 


146 


sich überzeugt, dass dasselbe bei weitem zum grössten 
Theil vom Abschmelzen des Eises an der Bodenfläche her- 
rührte (S. 356). 


5. Würdigung einiger gegen die Saussurr’sche 
Theorie erhobenen Einwürfe. 


Ein Einwurf gegen die Theorie des Herabgleitens der 
Gletscher auf geneigter Grundfläche in Folge ihres eigenen 
Gewichts, welchen man oft geltend gemacht hat, ist fol- 
gender: (s. z. B. CuAnrenrier $ 14). Viele Gletscher ru- 
hen auf einer so stark geneigten Grundfläche, dass nicht 
abzusehen sey, warum, wenn sie einmal ins Gleiten kom. 
men, dasselbe nicht fortdauere, und die ganze Gletscher- 
masse in die Tiefe stürze. Der Einwurf wäre begründet, 
wenn ein Gletscher aus einer starren, fest zusammenhän- 
genden Masse bestünde, wie z. B. eine Scheibe von Glas, 
oder ein Felsblock. Ein Körper von dieser Beschaffenheit 
würde allerdings fortgleiten, wenn sein Gewicht einmal die 
Reibung am Boden, welche ihn auf einer gleichmässig ge- 
neigten Grundfläche festhält, überwunden hat; denn die 
Reibung auf der Grundfläche bleibt beim Fortbewegen eines 
solchen Körpers ungefähr dieselbe; zu dem Druck von 
oben, der einmal diese Reibung überwunden hat, kommt 
die Gewalt der Bewegung selbst, es ist folglich keine Ur- 
sache da, welche die einmal eingeleitete Bewegung hemmt, 
und die ganze Masse stürzt mit beschleunigter Geschwin- 
digkeit in die Tiefe. Die angegebene Beschaffenheit ist 
aber durchaus nicht diejenige eines Gletschers. Er besteht 
im Gegentheil aus einer vielfach zerklüfteten dem Drucke 
nachgebenden Masse, kann also besser verglichen werden 
mit einer Anhäufung von Schutt, welcher auf einer geneig- 
ten Grundfläche aufliegt, als mit einem zusammenhängen- 
den Felsblock. Der wesentliche Unterschied zwischen ei- 


17 


ner Schuttmasse aus Felstrümmern, und einer Trümmer- 
masse von Eis, wie wir uns den Gletscher denken müssen, 
ist derjenige, dass die erstere unverändert dieselbe bleibt, 
dass folglich Felsschutt auf geneigter Grundfläche liegen 
bleibt, wo er einmal sich abgelagert hat, es sey denn, 
dass nachfallende Massen den Druck von oben vermehren, 
oder dass einsickernde Wasser die Beweglichkeit der ein- 
zelnen Theile erhöhen. Eisschutt auf geneigter Grundflä- 
che erleidet aber eine beständige Veränderung durch die 
fortdauernde Abschmelzung, die an der Auflagerungsfläche 
vor sich geht. Es löst sich dadurch der Zusammenhang 
an allen Stellen, wo die Masse auf der Grundlage aufsitzt, 
und es muss folglich ein Zeitpunkt eintreten, wo der Druck 
von oben den Widerstand an der Grundfläche überwindet, 
und die Masse weiter gleitet. So wie aber das Gleiten ein- 
tritt, vermehren sich durch Nachgiebigkeit der ganzen Masse 
die Berührungsstellen, der Gletscher greift wieder voll- 
ständiger ein in die Unebenheiten der Unterlage, der Zu- 
sammenhang mit derselben nimmt ‚zu bis er durch die im- 
mer fortschreitende Abschmelzung wieder geschwächt wird. 
Der Gletscher, bei seiner Fortbewegung, erlangt also nie- 
mals ein starkes Bewegungsmoment; die durch das fort- 
währende Abschmelzen an der Grundfläche eingeleitete Be- 
wegung wird eben so allmählig durch die mit der Bewe- 
gung selbst wieder zunehmende Reibung gehemmt, und 
diese wieder eben so allmählig vermindert; der Gletscher 
muss sich folglich mit gleichmässiger langsamer Bewegung 
fortschieben, so lange das Abschmelzen an der Bodenfläche 
in gleichem Maasse vor sich geht, und derDruck von oben 
auf der geneigten Grundfläche derselbe bleibt. 

Erlitte die Reibung am Boden nicht auf die angege- 
bene Weise eine beständige Verminderung, so wäre auch 
kaum zu begreifen, warum bei einem nur etwas mächtigen 
Gletscher, der auf abschüssiger Unterlage weiter gleitet, 


148 


die Fortbewegung in der Regel immer in der ganzen Eis- 
masse, vom Boden bis zur Oberfläche gleichmässig, statt- 
findet, und nicht ein oberer Theil des Gletschereises häu- 
fig über den untern weiter gleitet; denn der zu überwin- 
dende Zusammenhang im Innern des Gletschereises selbst 
könnte kaum grösser seyn, als die zwischen dem Gletscher 
und seiner Grundfläche. Am allerwenigstens ıst ein Unter- 
schied denkbar, wenn nach CuArrentier’s Behauptung die 
Gletscher am Boden festgefroren wären. 

Wir wollen hier die zum 'Theil höchst unglücklichen 
Erklärungsweisen nicht berühren, die eine verschiedene 
Geschwindigkeit in der Bewegung verschiedener über ein- 
ander liegender Schichten des Gletschereises darzulegen 
versuchen; überall, wo man den Gletschern durch directe 
Beobachtung hat beikommen können, hat sich die gleich- 
mässige Fortbewegung in der ganzen Mächtigkeit des Glet- 
schers als Thatsache erwiesen; die angebliche Ungleich- 
mässigkeit der Bewegung unter solchen Verhältnissen bloss 
in diejenigen Stellen zu verlegen, die der directen Beob- 
achtung unzugänglich sind, ist bei physikalischen Erklärun- 
gen ein höchst missliches Unternehmen. DBewegt sich aber 
das Gletschereis in der Regel immer seiner ganzen Mäch- 
tigkeit nach gleichmässig, so ist das einer der directesten 
Beweise, dass die Lösung des Widerstandes fortwährend 
an der Bodenfläche stattfindet, und dass das eigene Gewicht 
der Gletschermasse die Ursache ihrer Bewegung ist. 

Dass es übrigens viele Gletscher gebe, die, wie CuAr- 
PENTIER behauptet, auf einer mehr als 45° geneigten Grund- 
fläche liegen, bedarf noch der Nachweisung durch genauere 
Messungen, da bei einer blossen Schätzung nach dem Au- 
genmasse in der Beurtheilung der Bergabhänge bekanntlich 
leicht Irrthümer unterlaufen. 

Ein zweiter Einwurf ist dem vorigen gerade entgegen- 
gesetzt. Viele Gletscher sollen eine so geringe Neigung 


149 


der Oberfläche zeigen, dass bei einem so schwachen Ge- 
fälle ein Vorwärtsschieben durch ihr eigenes Gewicht nicht 
denkbar ist. Auch dieser Einwurf scheint nicht von Er- 
heblichkeit. Es ist noch kein Beispiel eines in Bewegung 
begriffenen Gletschers nachgewiesen worden, dessen Ober- 
fläche nur in einiger Erstreckung völlig horizontal läge. 
Der Unteraargletscher wird als ein Beispiel eines sehr we- 
nig geneigten Gletschers angeführt, und doch zeigt seine 
Oberfläche einen Abfall von 3 und 49%. Erie ne BeAumonT, 
welcher sich mit Ausmittlung der Neigung der Gletscher 
speziell beschäftigt hat, bemerkt ausdrücklich, er kenne in 
den Alpen keinen Gletscher, der sich in einiger Ausdeh- 
nung, z. B. von einer Stunde, auf einer erheblich gerin- 
gern Neigung als von 30 bewegte (Leonu. u. Bronx Jahrb. 
1842. S. 858). Ein Wasserstrom von der Mächtigkeit des 
Gletschereises, mit einer solchen Neigung seiner Ober- 
fläche, würde eine ganz ungeheure Geschwindigkeit be- 
sitzen, und das ja auch nur in Folge des eigenen Gewichts 
seiner Wassermasse.. Auch auf wenig geneigter Fläche 
muss folglich das Eis gegen die Tiefe geschoben werden, 
wenn die Stellen, wo es auf dem Boden aufliegt, zusam- 
menschmelzen. Es sind überhaupt zwei Elemente, welche 
das Fortrücken eines Gletschers hauptsächlich bedingen: 
der abwärts wirkende Druck, der wiederum abhängig ist 
von der Neigung der Bodenfläche und vom Gewicht der 
aufliegenden Eismasse, und die Grösse des an dem Boden 
stattfindenden Abschmelzens. In Folge des Druckes allein 
bewegt sich der Gletscher so wenig vorwärts, als eine auf 
geneigter Fläche abgelagerte Schuttmasse, die Abschmel- 
zung am Boden muss dazu kommen. Ist diese sehr ge-- 
ring, so kann auf sehr geneigter Grundfläche ein Gletscher 
langsamer vorrücken, als einer von demselben Gewicht, der 
auf einer viel weniger geneigten Bodenfläche ruht, auf wel- 
cher aber das Abschmelzen viel rascher vor sich geht; ist 


150 


das Abschmelzen aber gleich, so muss unter denselben Um- 
ständen das Vorrücken auf einer geneigten Unterlage aller- 
dings schneller vor gich gehen. Der Einfluss jedes der 
Elemente , in einem gegebenen Fall, ist freilich schwer zu 
bestimmen. Wenn Acassız im Sommer 1842 die mittlere 
tägliche Bewegung auf dem Aaargletscher etwa 3 Y; Schwei- 
zer Zoll gefunden hat, (Comptes rendus 15. S. 736), an 
einem Punkte freilich, der noch nicht fern vom Rande lag, 
und wo daher der Gletscher nicht die schnellste Bewegung 
hatte, Forses hingegen ungefähr zu derselben Zeit diese 
tägliche Bewegung am Eismeer im Chamounithale von 15 
bis 171% engl. Zoll, gegenüber dem Montanvert sogar von 
27 Zoll gefunden hat, (Bibl. univ. de Gen. 42. p. 340 u. 
345), so können wir bloss abnehmen, dass die Geschwin- 
digkeit des Fortschiebens an verschiedenen Gletschern eine 
sehr verschiedene ist, es mangeln uns aber noch alle That- 
sachen um auszumitteln, welchen Antheil an dem so un- 
gleich stärkern Fortschreiten, was Forses beobachtet hat, 
die stärkere Neigung des Eismeers, und welchen die stär- 
kere Abschmelzung am Boden gehabt hat. 

Rückt ein Gletscher in verschiedenen Abständen von 
seinem untern Ende, aus irgend einer Ursache, mit ver- 
schiedener Geschwindigkeit vor, so sind zwei Fälle denk- 
bar. Ein weiter thalabwärts liegender Theil schreitet 
‚schneller vor; dann werden, weil die hinterliegenden Theile 
nicht nachkommen, eine Menge von Spalten entstehen und 
die Längenausdehnung des Gletschers wird in Folge der 
vielen entstehenden und sich erweiternden leeren Räume 
zunehmen, während die Gesammtheit der vorhandenen Eis- 
masse dennoch in stetem Abnehmen begriffen ist. Oder 
ein thalaufwärts liegender Theil des Gletschers bewegt sich 
schneller, als ein ihm vorliegender. Es wird in diesem 
Falle einDruck der hinterliegenden Massen gegen die vor- 
liegenden enstehen, deren erster Effekt seyn wird die vor- 


151 


handenen Spalten zu schliessen. Nur bis in eine mässige 
Entfernung wird aber der Druck der hinterliegenden Theile 
gegen die vorliegenden fühlbar seyn können, und die Ge- 
schwindigkeit vermehren, welche diese letztern für sich 
annehmen würden; denn die beim Vorrücken über die 
Grundfläche zu überwindende Reibung wird bald zu gross 
werden. Durch den von hinten wirkenden Druck, und 
den weiter abwärts stattfindenden Widerstand, wird dann 
die ganze Gletschermasse sich aufstauen; die Dicke des 
Gletschers wird an solchen Stellen zunehmen, bis das meh- 
rere Nachrücken von hinten mit dem vorliegenden Wider- 
stande sich ins Gleichgewicht gesetzt hat. Diese Erschei- 
nung wird vorzüglich eintreten, wo das Bett des Gletschers 
von einer starken Neigung plötzlich zu einer weit geringern 
übergeht. An solchen Stellen wird daher die Dicke des 
Gletschers in der Regel bedeutend zunehmen. Auf dem 
Aargletscher ist die Gegend beim Abschwung eine Stelle, 
an welcher wir durch das Einsinken und Einknicken des 
mittlern Theils der Gletscherschichten einen unmittelbaren 
Beweis von dem erfolgenden Zusammendrängen und Auf- 
quellen der ganzen Masse vor uns haben, und das Alles 
durch das erfolgende Nachrücken, ohne irgend ein Anwach- 
sen des Gletschereises von innen heraus. 

Es erleiden diese Vorgänge noch einige Modification 
durch das Abschmelzen, welches im Gletschereise nicht nur 
an der Oberfläche und am Boden, sondern in seiner gan- 
zen Masse stattfinden muss. Namentlich muss das eintreten 
durch die Einwirkung der warmen Luft, wenn sie durch 
die stark zerklüftete Masse eines Gletschers Zutritt findet; 
ferner durch die von der Oberfläche abfliessenden Schmelz- 
wasser, und noch in stärkerm Maasse durch die herabfal- 
lenden wärmern Regenwasser, die allerorts durch die Klüfte 
des Gletschers eindringen. Bei dem oben erwähnten durch 
Forses vom 26. Juni bis zum 10. Sept. 1942 beobachteten 


152 


so bedeutenden Zusammensinken des Gletschereises am Eis- 
meere des Chamounithals, hat unstreitig diese allseitige Ab- 
schmelzung des Eises mächtig mitgewirkt. Es lassen sich 
demzufolge Stellen an einem Gletscher denken, wo in Folge 
einer stärkern Bewegung der thalaufwärts liegenden Theile, 
die Entfernung zwischen zwei gegebenen Punkten der Ober- 
fläche abnimmt, ohne eine damit verbundene Zunahme der 
Mächtigkeit des Gletschers, indem bloss die durch das all- 
seitige* Abschmelzen erfolgende Erweiterung aller Klüfte, 
durch das schnellere Nachrücken von oben ganz oder theil- 
weise ersetzt wird. 

Aus diesen Erörterungen geht hervor, dass auch der 
Beweis eines Ersatzes des Eises von innen heraus, den 
Acassız aus der geringen Abnahme der Mächtigkeit eines 
Gletschers an seinen thalabwärts liegenden Theilen abzu- 
leiten versucht, ohne Gewicht ist. Er führt das Beispiel 
eines 4000 Fuss langen Gletschers an, der an seinem Ur- 
sprung 50 Fuss Mächtigkeit besitzt, und fast dieselbe Mäch- 
tigkeit noch an seinem Ende zeigt. (Comptes rendus 15. 
S. 284). Es scheint ihm das unvereinbar mit einem fort- 
dauernden Abschmelzen an der obern und untern Fläche, 
während des langen Zeitraums, den die Eismasse bedarf, 
um vom obern Ende des Gletschers bis zum untern vor- 
zurücken, wenn nicht ein Ersatz durch Anwachsen der 
Eismasse von innen heraus stattfände. Das bei thalabwärts 
stattfindender Abnahme der Geschwindigkeit des Vorrü- 
ckens erfolgende Aufquellen durch den Druck des hinter- 
wärts liegenden Theils des Gletschers, kann aber die durch 
das Abschmelzen erfolgende Abnahme der Mächtigkeit hin- 
reichend ersetzen. In der Regel scheint jedoch die Mäch- 
tigkeit der meisten Gletscher gegen den Punkt hin, wo sie 
ausmünden, allerdings abzunehmen. 

Die genauen, von Acassız und Forses im Sommer 1842 
ausgeführten Messungen haben gezeigt, dass die Gletscher 


153 


kontinuirlich zu allen Stunden des Tages und.der Nacht 
im Vorrücken begriffen sind; und dass die Mitte des Glet- 
schers schneller vorrückt, als seineRänder. Ob zu keiner 
Zeit ein ruckweises Vorschreiten eintrete, bleibt noch zu 
erörlern, denn nach einigen ältern, schwer zu bezweifelnden 
Angaben ist ein solches bestimmt beobachtet worden. Der 
Pfarrer von Grindelwald Frıeprıcn Leumann gibt (Wess, 
Reise ins Berner Oberland S. 659) folgende Beschreibung 
eines Ereignisses auf dem untern Grindelwaldglet- 
scher: „Das Ziel unserer Tagereise, die Hütten am Ze- 
senberge ruhten schon sichtbar vor unsern Augen, und 
eine Viertelstunde davon lagerten wir uns, um eine Pfeife 
anzuzünden, ganz sorgenlos auf dem Eis. Kaum aber sass 
ich, so hatte das wundersame Ereigniss des Gletscherwach- 
sens statt. Ein unvergleichbar schreckliches Getöse, ein 
betäubender Donner liess sich hören. Um uns her fieng 
Alles an sich zu regen. Flinten, Bergbickel, Waidsäcke, 
die wir auf den Boden gelegt, schienen lebendig zu wer- 
den. Felsenstücke, ruhig zuvor auf dem Gletscher haf- 
tend, rollten behend übereinander. Schründe verschlossen 
sich mit einem Knalle, dem Schuss einer Kanone gleich, 
und spritzten das Wasser, das gewöhnlich in ihnen sich 
befindet, bis zu Hauseshöhe, wobei wir tüchtig beregnet 
wurden. Neue 10 bis 12 Schuh breite Spalten öffneten 
sich mit einem ganz unbeschreiblich widerwärtigen Getöse. 
Die gesammte Gletschermasse rückte vielleicht um einige 
Schritte vorwärts. Eine schreckliche Umwälzung schien 
sich zu bereiten; aber in wenigen Sekunden war Alles wie- 
der still, und nur das Pfeifen einiger Murmelthiere unter- 
brach das bängliche Todesschweigen.” Fast ganz überein- 
stimmende Beobachtungen, ebenfalls vom untern Grindel- 
waldgletscher, theilen Arrwmann (S 47) und Kuux (a. a. O. 
S. 129) mit. Es mag sich indess mit der Richtigkeit die- 
ser Beobachtungen verhalten, wie man will, die Thatsache 


154 


steht fest, dass das kontinuirliche Vorrücken der Gletscher 
Regel, das ruckweise jedenfalls nur seltene Ausnahme ist. 

Auf den ersten Blick könnte man allerdings glauben, 
nach der Saussure’schen Theorie müsste ein ruckweises 
Fortgleiten des Gletschers beobachtet werden. Die konti- 
nuirliche Fortbewegung ist auch noch von Forsgzs als Haupt- 
einwurf gegen diese Theorie geltend gemacht worden, nach- 
dem er die Unstatthaftigkeit der Cuarpentier’schen ausführ- 
lich nachgewiesen hat. (Bibl. univ. de Gentve 42. S. 362). 
Eine genauere Betrachtung der Sache, wie sie oben gege- 
ben worden ist, führt aber zum Ergebniss, dass in der 
Regel ein allmähliges, langsames Fortschreiten der Glet- 
scher stattfinden muss; eine ruckweise Bewegung kann fast 
nur beim Einstürzen grösserer am Boden des Gletschers 
entstandener Gewölbe beobachtet werden. Es müsste näm- 
lich eine ruckweise Bewegung eintreten, wenn der Glet- 
scher, wie ein fester Fels, nur an wenigen Punkten auf 
seiner Unterlage aufläige. Würde dann der Gletscher an 
seinen Auflagerungspunkten abschmelzen, so würde er fort- 
gleiten, bis die vermehrte Reibung am Boden ihn wieder 
zur Ruhe brächte.. Da aber das Aufliegen der ihrem Ge- 
wichte nachgebenden Gletschermasse an sehr vielen Punk- 
ten stattfindet, die Bewegung jeder einzelnen Parthie des 
Gletschers bedingt wird, durch den Widerstand, den die 
vorliegenden Parthien darbieten, und den Druck, den die 
hinterliegenden ausüben, so kann, wenn das Abschmelzen 
am Boden ein allmähliges ist, die fortschreitende Bewegung 
auch nur eine allmählige kontinuirliche seyn. Die ruck- 
weise unregelmässige Bewegung, welche die einzelnen Theile 
für sich annehmen würden, gleicht sich, wie bei allen Vor- 
gängen ähnlicher Art, zu einer mittlern allgemeinen Bewe- 
gung der ganzen Masse aus. 

Aus einer ähnlichen Ursache bemerkt man wohl auch 
einen so geringen Unterschied in der Geschwindigkeit des 


155 


Gletschers während des Tags und der Nacht. Die den Tag 
über, namentlich in der letztern Hälfte des Trages, in den 
Gletscher sich versenkenden Wasser sind stärker und wär- 
mer, als des Nachts, sie müssen folglich kräftiger das Ab. 
schmelzen befördern. Bis sie aber an den Boden gelangen, 
und auf die Ablösung der Auflagerungspunkte ihren vollen 
Effekt ausüben, vergeht eine beträchtliche, schwer a priori 
zu bestimmende Zeit. Aehnliches gilt von der Einwirkung 
der eindringenden wärmern Tagesluft. Wenn daher der 
Gesammteffekt während einer Reihe auf einander folgender 
Tage derselbe bleibt, so wird man einen geringen Unter- 
schied in der Bewegung des Gletschers während der ein- 
zelnen Tagesstunden wahrnehmen können, der noch über- 
diess von den eigenthümlichen Verhältnissen eines gegebe- 
nen Gletschers abhängig seyn muss. In der That fand 
Acassız im Sommer 1842 die Bewegung des Aargletschers 
während der Nacht von 7 Uhr Abends bis 7 Uhr Morgens 
etwas weniges stärker, als während der 12 übrigen Stun- 
den, im Mittel von 23 Beobachtungstagen 19 Linien des 
Nachts, 16 %, Linien des Tags (Comptes rendus 15. 8.736). 
Forges hingegen beobachtete am Eismeer im Chamouni- 
thal in den letzten Tagen des Juni 1842, von 6 Uhr Abends 
bis 6 Uhr Morgens, ein Fortschreiten von 8 oder S 5 Zoll; 
während der 12 Tagesstunden von ungefähr Y%, Zoll mehr 
(Bibl. univ. de Geneve 42. S. 340). Nahm hingegen wäh- 
rend mehrerer auf einander folgender kalter Tage die 
Menge sowohl, als die Wärme der in den Gletscher ein- 
dringenden Wasser bedeutend ab, so verminderte sich al- 
lerdings auch die fortschreitende Bewegung des Gletschers 
auf eine sehr entschiedene Weise (Forzes S. 364). 

Der stärkere Druck der in der Mitte des Gletschers 
mächtigern Eismassen und die grössere Menge der ein- 
dringenden Wasser, welche in Folge der Neigung des Bo- 
dens, daselbst zusammenfliessen, und eine stärkere Ab- 


156 2 


schmelzung bewirken, sind wahrscheinlich die Ursachen 
der von Acassız sowohl als von Forzes ausgemittelten That- 
sache, dass die Bewegung des Gletschers in der Mitte be- 
trächtlich grösser ist, als an den beiden Seitenrändern. 
Mit dieser ungleichmässigen Bewegung muss nothwendiger 
Weise ein Verschieben der gegenseitigen Lage zweier un- 
gleich vom Rande entfernter Punkte auf dem Gletscher ver- 
bunden seyn. Längenspalten können aber dadurch keine 
entstehen, denn die in der Mitte -schneller nackrückende 
Masse füllt alle entstehenden Zwischenräume sofort wieder 
aus, oder lässt sie vielmehr nicht zum Entstehen kommen, 
auf ähnliche Weise, wie die Queerspalten in einem Glet- 
scher sich schliessen, wenn die Bewegung des Gletscher- 
eises oberhalb stärker ist, als mehr thalabwärts. In der 
That werden auch auf einem in die Länge sich erstrecken- 
den, in einem regelmässigen Thale eingeschlossenen Glet- 
scher, wie z. B. auf dem Aaargletscher, keine Längenspal- 
ten beobachtet, so häufig auch die aus der schnellern Be- 
wegung des thalabwärts liegenden Eises, entstehenden Queer- 
spalten sind. Hingegen zeigen sich auf dem Aaargletscher 
an denjenigen Stellen des Randes, wo die den Gletscher 
einschliessende Thalwand Felsenvorsprünge zeigt, sternför- 
mig sich verbreitende, von diesen Vorsprüngen schief auf- 
wärts laufende Spalten. Der Grund ihrer Entstehung liegt 
am Tage, in der Verzögerung der Bewegung in dem thal- 
aufwärts liegenden Eise, welche der Felsenvorsprung ver- 
anlasst, während das thalabwärts liegende Eis ungehemmt 
vorrückt. In einiger Entfernung abwärts vom Vorsprung 
sind aber diese Spalten vollständig wieder geschlossen, so 
wie die Verzögerung der Bewegung, welche der Vorsprung 
veranlasst hat, wieder ausgeglichen ist. Wie man aber 
zwei Stücke Gletschereis, die man aneinander drückt, zu- 
sammenhaften sieht, so bildet die Gletschermasse, wenn 


157 


Spalten durch den Druck sich wieder geschlossen haben, 
auch wieder eine ununterbrochene Masse. 

Schliesslich ist noch der Einwurf zu berühren, welcher 
gegen die Saussure’sche Theorie, aus der angeblichen Un- 
beweglichkeit der Gletscher im Winter, hergeleitet worden 
ist. Ob diese Unbeweglichkeit im Winter wirklich statt- 
finde oder nicht, ist noch ein Gegenstand des Streites, der 
nur durch bestimmtere Beobachtungen. erledigt werden 
kann. Aus dem Zustande der Schneedecke, welche den 
Aargletscher im März 1841 gleichmässig überdeckte, als 
Acassız denselben besuchte, leitet er den Schluss ab, dass 
der Gletscher zu dieser Jahreszeit sich nicht bewegen 
könne. (Bibl. univ. de Gen. Avril 1842). Hucı hingegen 
führt das bestimmte Zeugniss des Pfarrers ZıEsLEr in Grin- 
delwald an, dass die dortigen Gletscher ein sehr deutliches 
Vorrücken zur Winterszeit zeigen (die Gletscher und die 
erratischen Blocke S. 33). Diese letztere Meinung scheint 
mir die wahrscheinlichere, schon wegen der allgemein be- 
obachteten Thatsache, dass die Gletscher im Frühsommer 
weit weniger Spalten zeigen, als im Spätjahr, was auf ein 
'Zusammenrücken der ganzen Gletschermasse während des 
Winters hinweist. Jedenfalls ıst die fortschreitende Bewe- 
gung viel geringer, als im Sommer, was übrigens ganz im 
Einklange ist mit den oben gegebenen Entwicklungen. Im 
Winter können nur die Erdwärme, und die ganz lokal wir- 
kenden unter dem Gletscher entspringenden Quellen eine 
Abschmelzung an dessen Grundfläche hervorbringen. Wie 
gering aber der Effekt der Erdwärme gegen die der übrigen 
im Sommer einwirkenden Ursachen seyn muss, haben wir 
genugsam dargethan. Da die Erdwärme an allen Stellen 
des Gletscherbetts viel gleichmässiger wirkt, als die ein- 
dringenden Wasser und die warme Luft, die zur Sommers- 
zeit in den untern Theilen des Gletschers eine ungleich 
grössere Abschmelzung zu Stande bringen müssen als in 


158 


den höher liegenden, so lässt sich vermuthen, dass zur 
Winterszeit die Bewegung des Gletschers in den tiefern 
Gegenden verhältnissmässig sich mehr verzögert, und dass 
eben deshalb durch das Nachdrängen der weniger Verzö- 
gerung erleidenden obern Massen, die Spalten zur Win- 
terszeit sich schliessen, und der ganze Gletscher unten an 
Mächtigkeit zunimmt. Auch das Festfrieren des Gletschers, 
was im Winter um seinen Rand herum durch Eindringen 
der Kälte eintreten kann, wenn die deckende Schneehülle 
nicht genugsam schützt, muss die Bewegung am Ausgehen- 
den des Gletschers hemmen, und das Nachrücken der obern 
Eismassen befördern. 

Die von den Gletschern abfliessende Wassermasse ist 
im Winter sehr gering, was in dem eben Gesagten seine 
Erklärung findet. Aus der Klarheit dieses Wassers den 
Schluss abzuleiten, dass dasselbe bloss von unter dem 
Gletscher entspringenden Quellen herrühren könne, scheint 
mir etwas gewagt; denn das spärlicher, und folglich lang- 
samer fliessende Wasser muss weniger fremde Theile mit 
sich führen, als die stärkern Gletscherbäche im Sommer, 
deren Wasser beständig eine gewisse Trübung besitzt. Als 
Saussure im Winter 1764 das Chamounithal besuchte, wo 
eine tiefe Schneedecke das ganze Thal bedeckte, sah er 
noch sehr beträchtliche Bäche unter allen Gletschern her- 
vorkommen. Bei einigen Gletschern versiegen indess die 
Bäche ganz. Nach den von Bıscnor (Wärmelehre S. 104) 
eingezogenen Erkundigungen scheint das beim Lämmern- 
gletscher auf der Gemmi einzutreten. Es ist das frei- 
lich ein kleiner, auch im Sommer nur wenig Wasser lie- 
fernder Gletscher, dessen unteres Ende 7000 Fuss über 
dem Meere liegt. Nach den Beobachtungen des Pfarrers 
Zıesrer (Bıscnor S. 116) liefert der sehr tief ins Thal sich 
herunterziehende untere Grindelwaldgletscher im 
Winter ebenfalls kein Wasser, während der Bach des höher 


159 


liegenden obern Grindelwaldgletschers beständig 
fortfliesst. Es ist sehr möglich, dass in diesen Fällen die 
Ausgänge an der äussern, der Einwirkung der kalten Luft 
ausgesetzten Seite des Gletschers zufrieren, und das im 
Innern sehr langsam abschmelzende Wasser hinter dem Eis- 
damme, der ihm den Ausweg verschliesst, sich ansammelt, 
und im Frühjahr wieder durchbricht. Nach der Beschrei- 
bung des Pfarrers ZıesLer ist das der Vorgang am untern 
Grindelwaldgletscher. 

In neuester Zeit hat Forszs (a.a. O.) die Erscheinun- 
gen an den Gletschern abzuleiten versucht von einer Pla- 
stizität oder Halbflüssigkeit ihrer Masse. Seinen Erklärun- 
gen mangelt aber die nöthige Bestimmtheit und Klarheit. 
In Bewegung begriffene Schuttmassen,, wie wir uns die 
Gletscher denken können, zeigen allerdings, in Folge der 
Verschiebbarkeit und Nachgiebigkeit ihrer Bestandmasse, 
gewisse Erscheinungen, welche sie den flüssigen Körpern 
nähern. Das abschmelzende Eis auf 0° Temperatur, wie 
wir es zur Sommerszeit überall auf dem Gletscher antref- 
fen, und wie es im Innern das ganze Jahr hindurch be- 
steht, ist aber ein fester, keineswegs ein halbflüssiger Kör- 
per. Es muss daher auch, wenn es sich in Bewegung 
setzt, ein verschiedenes Verhalten von einem zähen Schlamm- 
strome zeigen. Der Hauptunterschied besteht darin, dass 
die Bewegung nur durch die an der Auflagerungsfläche 
stattfindenden Abschmelzung möglich wird, dass daher die 
einzelnen Parthien eines Gletschers in ihrer ganzen Mäch- 
tigkeit vom Boden bis zur Oberfläche gleichmässig vorrü- 
cken, während die Theile eines Schlammstroms übereinan- 
der sich wegschieben. 

Das Vorrücken durch das eigene Gewicht auf geneig- 
ter Grundfläche, in Folge der daselbst vorgehenden Ab- 
schmelzung, und der so zu sagen ausschliessliche Ersatz 
der abschmelzenden Masse durch Nachschieben von oben 


160 


herab, sind die Grundlagen der SAussure’schen Gletscher- 
theorie. Weit entfernt, durch die neuern Erfahrungen ge- 
schwächt worden zu seyn, sind sie durch dieselben nur 
klarer und vollständiger bewiesen worden. Gletscher, die 
über eine ausgedehnte Ebene vorrücken, wie man solche 
zur Erklärung gewisser geologischer Erscheinungen hat an- 
nehmen wollen, sind eine physikalische Unmöglichkeit. 
Ueberhaupt gibt sich der Ungrund der Erklärungsweisen, 
die man an die Stelle der Saussure’schen hat setzen wol- 
len, überall kund, sobald man sie einer genauern Prüfung 
unterwirft. 


D. 13. Apr. 1842. Herr Rathsherr Prrer MerıAn be- 
richtet, dass mitten in der Nacht vom 29. auf den 30. März 
von mehrern Personen in Basel ein Erdstoss verspürt 
worden ist, der von unten nach oben zu gehen schien. 
Den 29sten um 9 Uhr Abends stand das Barometer (bei 
100 R.) auf 27 5 4, 54, das Thermometer in freier 
Luft auf + 8%, 2 R., also für die Jahrszeit ziemlich hoch. 
Der Himmel war bedeckt. Den 30sten um 7 Uhr Morgens, 
Barom. (ebenfalls bei 100) auf 27 5/4, 66, Therm. + 40,7, 
Himmel bewölkt bei schwachem SW Wind. Nach den Zei- 
tungen ist dieser Stoss mit ziemlicher Heftigkeit den 30sten 
des Morgens um 1%, Uhr ın Bex wahrgenommen worden. 
Er war daselbst von einem dumpfen Getöse begleitet. 


D. 20. Oct. 1841. Herr Rathsherr Prrer Merın gibt 
einige Mittheilungen über den artesischen Brunnen 
des Schlachthauses Za Grenelle bei Paris, mit 
welchem man in 538 Meter Tiefe springendes Wasser er- 
reicht hat. Bei einer Tiefe des Bohrloches von 505 Meter 
hatten die Herren Arıco und Warrernın eine Erdwärme 
von 26°, 43 C. gefunden. Nimmt man die Mitteltemperatur 
von Paris von 100%, 6 GC als Grundlage an, so ergibt sich 


161 


eine Wärmezunahme von 1° G für 31 , 9 Meter Vertiefung. 
Geht man hingegen von der konstanten Kellerwärme unter 
der Pariser Sternwarte aus, die in 28 Meter unter der 
Oberfläche 11°, J GC beträgt, so erhält man für 1° G Wär- 
mezunahme, eine Vertiefung von 32,4 Meter. Die im 
Jahr 1838 in dem über 400 / tiefen Bohrloche der Saline 
Schweizerhall angestellten, und in den Verhandlungen 
der schweizerischen naturforschenden Gesellschaft von 1838 
S. 72 u. ff. veröffentlichten Beobachtungen, geben, wenn 
man von der mittlern Lufttemperatur in Basel ausgeht, 1°G 
Wärmezunahme bei je 31 Meter Vertiefung, was mit den 
Pariser Beobachtungen nahe übereinstimmt. 


D. 10. Nov. 1841. Herr Oswarn-Horrmann übergibt 
der Gesellschaft als Geschenk eine schöne vollständige Rip- 
pe von Nothosaurus, welche im Steinbruch beim Rothen- 
haus gefunden worden ist; ferner mehrere Zähne eines an 
der brasilianischen Küste gestrandeten Cetaceen. 


D 3. Febr. 1841. Herr Dr. C. Srtreckzisen referirt 
über einen von Acassız in der naturforschenden Gesell- 
schaft von Neuenburg gehaltenen Vortrag über die ehema- 
lige Verbreitung der Gletscher, insbesondere über Spuren 
früherer Gletscher in Schottland. Vergleiche die Verhand- 
lungen der schweizerischen Gesellschaft für Naturkunde bei 
ihrer Versammlung in Zürich 1841 pag. 68. 


11 


162 


14%.B © TANK: 


D. 4. Nov 1840. Herr Prof. Meısser, Bemerkungen 
über die Familie der Cacteen, nebst Erläuterungen 
ihrer Morphologie mittelst Vorzeigung lebender Exemplare 
aus dem hiesigen botanischen Garten, welche alle Gattun- 
gen und Formen der Familie repräsentiren und worunter 
sich besonders die von Herrn Consul WoerrrLın in Mexiko 
empfangenen schönen Individuen mehrere Echinocacti, des 
Cactus senilis u. a. auszeichnen. 


Derselbe gibt eine Uebersicht der seltenen Ge- 
wächse, welche im Jahr 1840 im hiesigen bota- 
nischen Garten geblüht haben, nämlich: Angelo- 
nia floribunda, Arthropodium pendulum, Bartonia au= 
rea, Begonia incarnata, Beg. Dregei, Cajophora lateri- 
tia, Cyperus papyrus, Clianthus puniceus, Clitoria Ter-= 
natea fl. alb., Erythrina crista galli, Dracaena pani- 
culata, Erysimum Perofskianum, Fabiana imbricata, 
Gompholobium lanatum, Guizotia oleifera, Gladiolus 
psittacinus, Gloriosa superba, Hedychium Gardnerianum, 
Helicteres hirsuta, Justicia paniculata, Lagunea lobata, 
Lasiandra Sellowü, Leycesteria formosa, Moraea Nor= 
thiana, Passiflora kermesina, longifolia, coeruleo=ra= 
mosa, biflora, capsularis, Philibertia gracilis, Physian= 
thus albens, Plumbago micrantha, Podolepis gracilis, 
Rhodanthe Manglesiü, Salvia patens, Solanum amazoni-= 
cum, Strelitzia humilis, Saracha viscosa, Tropaeolum 
pentaphyllum, T. tuberosum u. a. m. 


D.6. Jan. 1841. Herr Prof. Mrısner,, über die ost- 
indischen Thymeläen. Diese Abhandlung, die Be- 
schreibung der von WaArricn mitgebrachten neuen Arten 
und die Aufstellung der neuen Gattung Edgeworthia ent- 
haltend, erschien seither gedruckt in den „Denkschriften 


163 
der königl. baier. botan. Gesellschaft zu Regensburg” Bd. 
II, p. 271, mit 2 lith. Tafeln. 


D. 17. u. 31. März 1841. Derselbe: Pflanzengeo- 
graphische Schilderung der Südspitze Afrika’s 
und Geschichte der seit Entdeckung derselben bis auf die 
jüngste Zeit daselbst geschehenen botanischen Forschungen. 
Besonders erwähnt der Verfasser der von Dr. Fern. Krauss 
aus Stuttgart von 1839—41 in der Umgebung des Caps und 
von Port Natal gemachten naturhistorischen Reisen und 
der verhältnissmässig zahlreichen von ihm entdeckten neuen 
Pflanzenarten. (M. s. die Beschreibung derselben von Dr. 
Meisner in Sir W. J. Hooker’s London Journ. of Botany 
Vol. I. u. 11.) 


D. 5. Febr. 1841 legt Herr Prof. Meısner der Gesell- 
schaft seine in der Linnaea Bd. 14, p. 385—502 erschie- 
nene „Synopsis Polygonearum, Thymelaearum & Bego= 
niarum Africae australis” vor. 


D. 16. Sept. 1841 hält Herr Candidat Preıswere einen 
Vortrag über die Familie der Algen, worin derselbe das 
Wesentlichste über deren Anatomie und Physiologie und 
eine Uebersicht ihrer systematischen Eintheilung nach Acarpn 
mittheilt. 


D.2. März 1342 gibt ebenderselbe eine übersichtliche 
Darstellung der Familie der Flechten in Beziehung auf ihre 
Structur, Lebensweise, Verbreitung und Classification. 


164 


».. ZOO. LOBTE. 


D.10. Sept.1840. Herr Dr. Imnorr erstattet Bericht über 
eine dem öffentlichen Museum vom Herrn Missionär Rus ge- 
schenkte Sammlung Guineensischer Käfer. Es sind 
ungefähr 200 Arten Goleoptern, manche in zahlreichen 
Doubletten vorhanden, welche einen grossen Theil der von 
Herrn Rırss an Guine’as Goldküste und zwar im Berglande 
Aquapim, wo er einen mehrjährigen Aufenthalt gemacht hat, 
zusammengebrachten Sammlung bilden. Aus den vorhan- 
denen Arten einen Schluss auf die Weise, in welcher die 
verschiedenen Familien dieser Insektenklasse in dortiger 
Gegend vertreten sind zu ziehen, wird wie überhaupt für 
aus fernen Gegenden unserm Welttheile zugeführte Natur- 
körper, aus dem Grunde für unstatthaft erklärt, weil leicht 
besondere Umstände die Aufmerksamkeit einer Familie 
mehr als der andern zuwenden können und somit beim 
Sammeln von Einfluss sind. Indessen ist so viel gewiss, dass 
beinahe aus jeder der grössern Coleopternfamilien Repräsen- 
tanten sich vorfinden, wovon die bemerkenswerthesten hier 
hervorgehoben werden sollen. Die Familie der Carabiei 
bot vorzüglich den Carab. (Tefflus Leach, Dj.) Me- 
gerlei F. dar, an welchen der Augenschein bald lehrte, 
dass die Bemerkung DeseAn’s, nach welcher an den vor- 
dersten Tarsen die .2 ersten Glieder bei den Männchen 
nur sehr leicht erweitert sind, unrichtig sey, insofern in 
der That eine sehr merkliche Erweiterung dieser Theile 
bei diesem Gesehlechte vorkommt; es ist nämlich sowohl 
das zweite Glied als auch das erste in seiner zweiten Hälfte 
viereckig ausgebreitet und auf der untern Fläche mit einem 
dichten Haarfilze bekleidet. Interessant ist es sodann, dass 
auch diese Gegend aus der Gattung Calosoma, für welche 
die verschiedensten Punkte der Erde einzelne Arten lie- 
fern, einen Repräsentanten in einer, wie es scheint ihr 


165 
ausschliesslich zukommenden, neuen Art, Cal. guineense 
aufzuweisen hat: Tarsis subtus fulvo=tomentosis, elytris 
obscure cupreis, margine laterali viridescente, striatis, 
insterstitiis transversim striolatis „ punctis minus conspi= 
cuis triplici serie; 11 Ys lin. long. Das vorliegende Exem- 
plar ist ein Weibchen, tarsis intermedüs nonnihil cur-= 
vatis. — Kopf erzgrün, schwach ins Kupfrige schim- 
mernd, Fühler und Mundtheile schwarz, Mandibeln mit 
Queerfurchen auf der Oberseite. Mittelleibsschild erz- 
grün, etwas ins Kupferfarbe spielend, an den Seiten 
stark ausgedehnt, ziemlich gerundet, doch hinter der Mitte 
fast winklig vorragend, dann plötzlich schräg einwärts lau- 
fend, so dass der Hinterrand schmäler als der Vorderrand 
ist; die Fläche feinqueerrunzelig, vor den Hinterwinkeln 
ein Eindruck. Brust und Schenkel aller Beine reingrün, 
Schiene und Fuss schwarz, dieser unten an allen Gliedern, 
- das letzte ausgenommen, mit braungelbglänzendem Filze. 
Flügeldecken dunkelkupferfarbig, vorn und am Seitenrand 
grünlich, die Zwischenräume der Striche mit feinen Queer- 
strichelchen, der Ate, Ste und 12te ausserdem mit wenig 
deutlichen, nach vorn fast verschwindenden Punkten ein- 
gedrückt. Hinterleib schwärzlich, an den Seiten grün. 

Die Gattung Catascopus ist durch 3 Arten vertreten, 
welche in Colorit und Habitus im Allgemeinen mit denen 
anderer Erdgegenden übereinstimmen, doch namenilich 
vom Javanischen Cat. facialis durch den Ausschnitt hinten 
am Flügeldeckenrande verschieden sind, indem dieser näm- 
lich in der genannten Art sehr markiert in solcher Weise 
sich darstellt, dass, wo er beginnt, der Rand der Flügel- 
decken in einen Zahn vorspringt, bei den Guineensern da- 
gegen der Rand hier nur gerundet erscheint und der Ueber- 
gang in den Ausschnitt sanft und allmählig geschieht; es 
sind daher dort e/ytra postice emarginatd, hier nur si= 
nuata. 


166 


Die Arten selbst nun sind: C. femoralis: 5 Vy—6 
lin. long. Supra viridis, elytris interdum obscurioribus 
aut in cyaneum vergentibus, margine ante apicem sinua= 
to, striatis, strüs interioribus subtilius , reliquis fortius 
punclatis, femoribus rufo=piceis. Vielleicht ist diese Art 
C. Westermannı des DeseAn’schen Gataloges. Kopf oben 
grün bis zu Mandibeln und Oberlippe, welche schwarz 
sind; Palpen und erste Fühlerglieder rothbraun, der übrige 
Fühler schwärzlich mit bräunlichem Filze, 2 Kiele neben 
jedem Auge, der innere mehr nach vorn hat nach innen 
seiner Länge nach eine Grube neben sich. Mittelleibsschild 
grün, Hinterecken mit schwärzlicher Spitze, die Längs- 
furche vorn und hinten in ein Grübchen erweitert. Beine 
schwarz, Schenkel und zuweilen auch die Trochantern 
braunroth. Flügeldecken grün, mehr oder wenig ins Blaue 
spielend, am Aussenrand gewöhnlich ein schwärzlicher 
Wisch, selten sind sie blauschwarz und nur in einem Strei- 
fen grün; Striche und Zwischenräume unter einander un- 
gleich; die 3 ersten Striche fein, gegen der Wurzel hin 
stärker, an der Wurzel selbst wieder schwächer punktirt, 
die folgenden, am meisten der siebente, stärker punktirt, 
ebenfalls mehr gegen die Wurzel hin als in der übrigen 
Strecke, die stärkern Punkte in die Queere ausgedehnt; 
die 4 ersten Zwischenräume unter sich ziemlich gleich, 
breit, etwas flach gewölbt, der dritte mit 3 Punkten, un- 
ter den folgenden der fünfte und siebente schmäler als die 
andern und rippenartig erhoben. Unterseite des Körpers 
schwarz, die der vordern 'Theile ins Grüne oder Blaue 
ziehend. C.rigripes: 5lin. long. Supra viridis, thoracis 
margine sub-angulato, elytris deplanatis, cyaneo=viri= 
dibus, margine ante apicem sinuato, punctato =striatis, 
strüs versus apicem angustioribus, pedibus nigris. Ist 


möglicherweise Varietät des C. senegalensis Dj. Kopf wie 


167 


beim vorigen, aber die Fühlerwurzel schwarz. Mittelleibs- 
schild in seinem ersten Drittheil mit geraden parallel oder 
etwas auseinander laufendem Seitenrande, der in einer fei- 
nen scharfen Ecke etwas vorspringt, im Uebrigen ungefähr 
wie bei femoralis. Beine schwarz. Flügeldecken grün, 
vorzüglich am Aussenrande, hier selbst gewöhnlich mit 
goldglänzendem Streifen, auf der übrigen Fläche ins Blaue 
überspielend; die Striche untereinander etwas ungleich, die 
innern seichter als die äussern, auch die darin stehenden 
Punkte bei jenen feiner als bei diesen, übrigens alle Striche 
und Punkte gegen die Wurzel hin verstärkt, die stärkern 
Punkte in die Queere ausgedehnt; die innern Zwischen- 
räume etwas breiter als die übrigen, der dritte mit 3, 4 
oder 5Punkten, der siebente an seiner innern Seite kielar- 
tig erhoben. C. specularis: 4 lin. long. Supra viri- 
dis, elytris ad basin fortius, versus apicem subtilius 
punctato=striatis, plaga suturali nitidiore aurichalceo 
resplendente. Kopf oben grün, punktirt und gestrichelt, 
Oberlippe und Mandibeln schwärzlich; die 4 ersten Fühler- 
glieder hellrothbraun, die übrigen dunkler. Mittelleibsschild 
grün, deutlicher queerrunzelig als bei den vorhergehen- 
den, mit einer breitern Längsfurche, die an beiden Enden 
nicht so stark zu einer Grube erweitert ist. Beine mit 
hellrothbraunem Schenkel, in den übrigen Theilen dunkler. 
Flügeldecken grün, mit einem messingglänzenden Nahtfel- 
de; dieses beginnt in einiger Entfernung von der Wurzel, 
dehnt sich von der Naht bis zum dritten Strich in die 
Breite, und bis zum letzten Vierttheil der Flügeldecken 
in die Länge aus, hat also in dieser Erstreckung die Ge- 
stalt eines länglichen Viereckes; es setzt sich dann noch 
als viel schmälerer blos auf den Zwischenraum an der Naht 
beschränkter Streif bis ans Ende fort; die Striche sind am 
Ende fein, mit kleinen Pünktchen eingestochen, gegen die 
Wurzel aber breiter, tiefer und mit grössern Punkten, von 


168 


denen die meisten in die Queere gezogen sind, besetzt; 
die Zwischenräume alle sind ziemlich flach, die innern et- 
was breiter, als die äussern. Unterseite des Körpers 
schwärzlich. 

Von Panagaeus finden sich 2 neue, ausgezeichnete 
Arten vor: P. grandis, 101% lin. long. Thorace late= 
ribus marginatis, medio rotundato=-dilatalis, margine 
pone medium latiore, elevatiore, ater, elytris subtilius 
punctulatis,, sulcatis, maculis duabus externis fulvis. 
Dem Cychrus reflexus F. nahe verwandt. Hauptfarbe des 
Körpers schwarz, die verschiedenen "Theile mit mehr oder 
weniger deutlichem Haarflaum bekleidet. Kopf oben fein- 
runzelig, mit einer Längsvertiefung jederseits nach vorn 
von den Augen, vorn glatt, drittes Fühlerglied so lang als 
das erste und zweite zusammengenommen. Mittelleibsschild 
so lang als seine grösste Breite beträgt, oben mit kleinen, 
zum Theil ineinander fliessenden Punkten besetzt, auf der 
Mitte etwas gewölbt, mit einer Längsfurche und einen hin- 
tern nicht sehr deutlichen Längseindruck jederseits; nach 
vorn und hinten verschmälert, vorn etwas ausgerandet, in 
der Mitte rundlich erweitert, längs den Seiten in einen 
scharfen Rand ausgeflacht, der vorn schmäler, nach hinten 
breiter, dort weniger, hier mehr aufgeworfen ist; Vor- 
derecken etwas abwärts gekehrt, stumpf gerundet, Hinter- 
ecken etwas aufwärts stehend, mit einem feinen Einschnitt 
vor der Spitze; Hinterrand ziemlich gerade abgestutzt, nur 
mit einem wenig vorspringenden stumpfen Spitzchen je- 
derseits zwischen der Mitte und der Hinterecke. Flügelde- 
cken fein punktirt, gefurcht, auf jeder 2 rothgelbe Flecke, 
der erste nahe am Schulterwinkel, von der vierten Furche 
bis zur achten, also über 4 Zwischenräume sich ausdeh- 
nend, der hintere am Anfang des letzten Vierttheils der 
Flügeldecken, dehnt sich noch etwas mehr nach innen, 
nämlich noch über einen Zwischenraum aus, nimmt jedoch 


169 


eine nur sehr kleine Strecke von diesem ein. P. sca= 
bricollis: 8 lin.long. Thorace supra punctato=scabro, 
antice recte truncato, basi utrinque latius rectangulari= 
ter exciso, ater, elytris confertim punctatis, sulcatis, 
fascüs duabus interne abbreviatis fulvis, tarsis subtus 
Julvo tomentosis. Allgemeine Körperfarbe schwarz. Kopf 
oben vorn glatt, die übrige grössere Strecke durch grobe, 
zum Theil ineinander fliessende Punkte rauh, mit einem 
Längseindruck jederseits, der sich von vorn nach hinten 
bis zwischen die Augen erstreckt; drittes Fühlerglied wie 
bei voriger Art. Mittelleibsschild durch grobe, unregel- 
mässig zerstreute, theils ineinander geflossene Punkte rauh, 
breiter als lang, der Vorderrand gerade abgeschnitten, 
schmäler als der Hinterrand , dieser beiderseits mit einem 
weit gegen die Mitte hin sich erstreckenden, rechtwinkli- 
gen Ausschnitt, der Seitenrand wie bei der vorigen Art, 
gegen hinten jedoch weniger stark aufwärts geschlagen, 
und mit scharfer stumpfwinkliger Hinterecke. An allen 
Beinen der Fuss unten mit braunem, seidenglänzenden Haar- 
filze. Flügeldecken überall, auch in den Furchen dicht 
punktirt, jede mit 2 rothgelben kurzen, innen abgebroche- 
nen Binden, die erste am Ende des ersten, die zweite am 
Anfang des letzten Drittheils ihrer Länge, jede über den 
$ten, Tten, 6ten und 5ten Zwischenraum sich ausbreitend, 
jedoch die zwischen innen liegenden Furchen nicht ausfül- 
lend, daher gleichsam aus 4 nebeneinander liegenden Stri- 
chen gebildet, diese Striche etwas erhaben, an der ersten 
Binde ziemlich gleich ausgedehnt, an der zweiten aber die 
äussern etwas mehr nach hinten gestellt als die innern. 
Sodann ist einer neuen Epomis zu gedenken. Ep. alter- 
nans: 6%, lin. long. Elytris obscure aeneis, viridi= 
marginalis, striatis, interstitiis seriatim punctulatis, al= 
ternis cupreis, subcostatis, pedibus antennarumque basi 
rufis. Kopf oben grüngolden, sparsam mit Pünktchen be- 


170 


streut, Mundtheile und 3 erste Fühlerglieder röthlich, der 
übrige Fühler schwärzlich. Mittelleibsschild ziemlich vier- 
eckig, mit etwas gerundeten Seiten, dicht punktirt, hinten 
mit tiefer länglicher Grube jederseits, an den Seiten grün, 
in der Mitte dunkler, bis fast ins Schwärzliche. Beine 
rothgelb. Flügeldecken mit schön grünem Aussenrande, 
sonst dunkel, fast schwärzlich mit mehrern kupferfarbenen 
Längsstreifen; es sind nämlich der 1ste, 3te, 5te und Tte 
Zwischenraum, am deutlichsten und lebhaftesten der letz- 
tere, kupfrig angelaufen, zugleich sind sie auch gewölbter 
als die andern Zwischenräume und scheinen sich daher 
etwas rippenartig zu erheben; auf allen stehen übrigens 
in 2 Reihen sehr feine Punkte und solche auch in den 
Strichen, eine Reihe grösserer fast dreieckiger Punkte fin- 
det sich am Aussenrande. Die Unterseite des Körpers ist 
schwärzlich. 

Endlich findet sich auch eine neue Art der Gattung 
Morio vor, welche mit Mor. orientalis sehr überein- 
kommt, aber breiter und länger als diese ist und eine 
dunklere Färbung der Fühler und Beine zeigt; auch sind 
die Striche der Flügeldecken in Stärke einander gleich, 
während bei M. orientalis die 3 innern merklich feiner 
sind, als die übrigen. Mor. guineensis: 6 Va—1 Y; lin. 
long. Subdepressus nitidus, niger antennis pedibusque 
nigropiceis, ‚elytris strialis, stris laevibus, aequalibus. 

Unter den Serricornien. scheint uns erwähnungswerth 
die Bupr. canaliculata F. und eine ihr nahe verwandte 
Art. Wenn jene der ganzen Körpergestalt nach, vorzüg- 
lich aber wegen Bildung des Schildchens und des Hinter- 
leibes zunächst mit der Bupr. scutellaris F. zusammenzu- 
stellen und unter die gleiche (Belionota genannte) Gattung 
zu bringen ist, so ist, trotz dem, dass ein scutellum su= 
dulatum ihr nicht zukommt, unsere neue Art dennoch der 
gleichen Gattung einzuverleiben. Zu ihrer genauern Unter- 


171 
scheidung von canaliculata geben wir übrigens in Folgen- 
dem von beiden die Diagnose: Bel. canaliculata: 
obscure aenea, thorace utrinque lunula ümpresso, mesoster- 
lobis antnicis duobus divergentibus, prosterno postice 
trilobo, scutello subulato, ano quadridentato. Bel. ne= 
glecta: Subtus viridi-aenea, supra obscurior , scutello 
nitidiore acuminato, thorace utrinque & elytrorum basi 
Jovea transversa impressis, mesosterni lobis anticis duo= 
bus dentiformibus, subparallelis, prosterno pone basin 
in processum angustum elongato, ano bidentato. Diese 
Art ist obenauf dunkelerzfarben, das Schildchen aber, sowie 
Unterseite und Beine sind metallischgrün, die mittlere Brust- 
platte hat in ihrem vordern, zwischen den mittlern Beinen 
gelegenen Theile einen rundlichen Ausschnitt, dessen Sei- 
ten in 2 ziemlich parallel miteinander verlaufende Zähne 
verlängert sind; in diesen Ausschnitt passt das Ende der 
nach hinten in einen schmalen Fortsatz auslaufenden Vor- 
derbrustplatte ; das Schildchen ist wohl 4mal kleiner als 
bei B. canaliculata, seine Wurzel hat nur den Achttheil 
der Breite des hintern Thoraxrandes, und seine Länge 
verhält sich zu dieser Breite wie 3 zu 2; die Längsrinne 
auf der Unterseite des Hinterleibes ist ziemlich seicht, seit- 
lich nicht scharf begrenzt und ungefähr von gleicher Weite 
in ihrer ganzen Erstreckung; das Aftersegment hat nur 
jederseits eine feine Zahnspitze, ist am Ende gerundet mit 
einer schwachen Ausrandung in der Mitte. 

Aus der Familie der Lamellicornien lieferte die Samm- 
lung 3 Arten der Gattung Passalus, die eine der Pass. 
barbatus F., die andern beiden neu, nämlich: P. para-= 
stictus 9Ya—10 lin. long. Antennarum clava triphyl= 
la, ater, subtus piceus, capite supra tuberculis, carinis 
foveisque inaequale, margine antico quadri-dentato, ely- 
trorum sulcis interioribus subtilius punctatis, exteriori= 


bus latioribus transversim striatis, thorace subtus ad an- 


172 


gulos posticos, elytris margine antico, tibisque interme= 
dis rufohirtis. Diese Art zeigt die grösste Verwandtschaft 
mit barbatus, doch schwankt sie nicht so in der Grösse 
wie diese, von der wir Individuen vor uns haben von nur 
7%: Linien bis 1 Zoll Länge. Der Kopf hat am Vorder- 
rande 4 in gleichem Abstande von einander befindliche 
Zähne, von denen die innern gerade nach vorn, die äus- 
sern etwas auswärts gerichtet sind; auf dem Scheitel ste- 
hen nahe aneinander 3 spitze Höckerchen, von denen der 
mittlere etwas höher und nach -vorn verlängert ist, von 
ihm entspringen 2 auseinander laufende Kiele, deren jeder 
mit einem andern zusammenstosst, welcher gerade nach 
dem Vorderrande läuft und sich in je einer der mittlern 
Zähne des Vorderrandes fortsetzt. Die Fühlerkeule ist mit 
einem braunen Filze bekleidet, ihre 3 Blätter sind sich an 
Länge gleich. Der Mittelleibsschild ist ziemlich viereckig, 
breiter als lang, nach vorn etwas verschmälert, mit etwas 
vorragenden scharfen Vorderecken, wenig gewölbt, glatt, 
mit ganz durchziehender Längsfurche, an den Seiten, be- 
sonders nach vorn in ziemlicher Breite, dicht punktirt, in 
den Punkten nach hinten eine Grube, ferner eine von je- 
der Vorderecke bis zur Mitte zwischen dieser und der 
Längsfurche längs dem Vorderrande sich hinziehende punk- 
tirte Furche. Schiene der vordersten Beine auswärts 4zah- 
nig. Flügeldecken auf dem Rücken flachgedrückt, die Rü- 
ckenfurchen fein punktirt, die seitlichen tiefer, breiter, 
jede mit einer Reihe queereingedrückter, starker Punkte. 
Mittelleibsschild unten an den Hinterwinkeln, Flügeldecken 
am Vorderrande bis zur Schulterecke, die Schiene aller 
Beine auswärts, doch am dichtesten die der mittlern, mit 
fuchsrothen Haaren bewimpert. P.dasypleurus: 19 lin. 
long. Antennarum clava triphylla, piceoniger, capite 
supra inaequali, tuberculato, tuberculis duobus majori= 
bus ad marginem anticum, elytrorum strüs dorsalibus 


173 


laevibus, reliquis punctulatis, thorace subtus ad angulos 
posticos, elytrorum latere baseos, pectore utrinque fulvo- 
tibiisgue mediis rufo=villosis. DerKopf mit gerade abge- 
stutztem Vorderrande, der jederseits ein feines Zähnchen 
hat, auf seiner Oberseite stehen die wenig deutlichen Sei- 
tenhöcker der mittlern Erhöhung etwas weit nach den Sei- 
ten und nach hinten von dem mittlern Höcker entfernt; 
von diesem gehen nach vorn divergierend 2 Kiele aus, 
von denen jeder an seinem Ende mit einem aus 2 vordern 
Höckern entspringenden, in gerader Richtung nach hinten 
gerichteten Kiele, in stumpfem Winkel zusammentrifft. Jene 
2 vordern Höcker sind von den übrigen des Kopfes die 
stärksten und stehen zunächst hinter dem Vorderrande. 
Die 3 Blätter der Fühlerkeule, sowie der zahnartige Vor- 
sprung der ihnen vorhergehenden Fühlerglieder sind braun- 
behaart. .Mittelleibsschild ziemlich viereckig, etwas breiter 
als lang, mässig gewölbt, mit gerundeten Ecken. Der Rand- 
strich zieht sich am Vorderwinkel hin und endigt als tie- 
fere Furche etwas vom Vorderrande sich entfernend; die 
mittlere Längsfurche erreicht den Vorderrand nicht völlig; 
am Seitenrande nach hinten steht eine rundliche Grube; 
der untergeschlagene Rand des Mittelleibsschildes ist an 
seiner hintern Hälfte mit braungelben Haaren dicht besetzt. 
An den vordersten Schienen ist die Aussenkante 7zahnig, 
und der innere Endwinkel des Innendorns springt zahnar- 
tig vor; mittlere und hinterste Schienen sind auswärts, jene 
dicht, diese sparsamer rothbraun behaart. Die Flügelde- 
cken haben völlig glatte Rücken-, aber feinpunktierte Sei- 
tenstriche, der Seitenrand ist in seinem ersten Vierttheil 
dicht mit braungelben Haaren besetzt und ebenso jedoch 
in.noch weiterer Ausdehnung nach hinten sind die an diese 
Stelle angrenzenden Brustseiten; auch der After ist braun- 
gelb bewimpert. 


174 


Aus der Familie der Heteromeren bot die Samm- 
lung 3 Iphthinusarten dar, wovon eine neu ist, die an- 
dern zwei sind der Helops sinuatus und punctatus des 
Furrıcıws. Es ist zu bemerken, dass die Ausbuchtung am 
Rande der Flügeldecken vor der Spitze, welche Farrıcıus 
als einen der Charaktere des sinuatus hervorhebt, auch 
seinem punctatus, sowie noch unserer neuen Art zukommt; 
der Hauptunterschied jener beiden Arten ist ausser der 
abweichenden Färbung des Mittelleibsschildes die Punktie- 
rung der Flügeldecken; es sind nämlich die in Längsreihen 
geordneten Punkte daselbst viel feiner bei sinuatus als bei 
punctatus. Die neue Art nennen wir: Iphth. crenato-= 
striatus: Ater, thorace latiore quam longiore, con= 
fertissime punctulato, elytris crenato-strialis, margine 
ante apicem sinuato. Der Mittelleibsschild ist kürzer als 
bei den zwei andern Arten, dicht mit feinen Punkten be- 
setzt und hat in der Mitte jederseits die sehr schwache 
Spur eines Eindrucks. Die Zwischenräume der Flügelde- 
ckenstriche sind mit zerstreuten sehr feinen nur durch die 
Loupe erkennbaren Pünktchen versehen. 

Auch die Gattung Tezedrioim engernSinne kammit 
einer neuen Art vor: T. guincensis:S lin. long. Su= 
pra ater, subtilissime alutaceus, antennis subserratis, 
apicem versus dilatatis, elyiris subtilius punctulato = stria= 
is, interstitüs hinc inde punctis nonnullis sparsim im= 
pressis. Dem T. obscurus ziemlich ähnlich, aber ansehn- 
lich breiter. Tiefschwarz, Beine und Unterseite jedoch ins 
Pechbraune übergehend. Die ganze obere Körperfläche 
sehr fein chagriniert. Fühler zurückgelegt bis an den An- 
fang der Flügeldecken reichend, Ates und folgende Glieder 
allmählig breiter werdend, jedes an der Basis schmäler als 
am Ende, hier der Innenwinkel etwas vorgezogen, wo- 
durch der Fühler schwachsägezähnig erscheint, das letzte 
Glied schräg abgestutzt. Mittelleibsschild breiter als lang, 


175 


vorn etwas enger als hinten, an den Seiten mässig gerun- 
det, hinterer Rand jederseits eingebuchtet. Beine einfach, 
unter sich gleich. Flügeldecken am Vorderrande zwischen 
Schildchen und Schulterbeule mit vorspringender stumpfer 
Ecke, die sehr seichten Längsstriche mit sehr gedrängt 
stehenden Pünktchen besetzt, auf mehrern Zwischenräumen 
einige grössere Pünktchen unregelmässig zerstreut. Diese 
Art verbindet durch ihre Fühler die Gattung Tenedrio mit 
Iphthinus. Sodann sind 2 ausgezeichnet schöne Arten der 
Gattung Stenochia erwähnungswerth: St.cribripennis: 
8%» lin. long. Viridi=-aenea, elytris violaceo-cupreis, 
longitudinaliter seriatim foveatis,, foveis medis profun= 
dioribus, oblongis. Kopf grün, seitlich hinter den Augen 
verengt, Augen gross, vorgequollen, vorn nur durch ei- 
nen schmalen Zwischenraum von einander getrennt, A erste 
Fühlerglieder metallisch glänzend, die folgenden schwärz- 
lich. Mittelleibsschild dieht punktiert, mit parallelen Sei- 
ten, grün, wie auch das Schildchen. Beine grün, Ende 
des Schenkels und der Schiene und der Fuss blau. Flügel- 
decken violet-kupfrig, am äussersten Seitenrande grün, 
mit Grübchen in 9 ganzen Längsreihen und einer 10ten 
an der Naht abgebrochenen, die Grübchen an der Basis 
und am Seitenrande punktförmig, die übrigen, besonders 
in der Mitte gröber, länglicher,, einzelne davon ineinander 
fliessend; St. cupripes: 10 lin. long.: viridiaenea, 
scutello pedibusque cupreis, elytris punctato striatis, strüs 
cyaneis. Metallisch glänzend, Kopf grün, vorn kupfrig, Augen 
vorn nahe aneinander stossend, die 4 ersten Fühlerglieder 
glänzend, die folgenden mattschwarz; Mittelleibsschild grün, 
dicht punktiert, vorn ein durch eine Furche abgegrenzter 
queerdreieckiger Raum kupfrig; Beine kupfrig, Ende des 
Klauengliedes und Klauen schwärzlich. Flügeldecken grün, 
in den Strichen blau, die Striche punktiert. Die Gattung 
Hybonotus Dj., deren wenige Arten nur auf Madagaskar 


176 


beschränkt schienen , weis’t eine neue Guineensische auf: 
H. femoralis: 5 lin. long. Nitidus, ater, femoribus 
basi excepta rufis, tibiis apice tarsisque subtus fulvo = 
tomentosis, elytris crenulato-=strialis. Grösstentheils glän- 
zend tiefschwarz. Fühler, besonders gegen das Ende, et- 
was braunhaarig, die ersten zwei Glieder pechbraun. Mit- 
telleibsschild völlig glatt, mit einem rundlichen mittlern 
Grübchen vor dem Hinterrande. Alle Schenkel rothbraun, 
bis auf den ersten Drittheil, welcher schwarz, wie das 
übrige Bein ist. Unten sind die Füsse, das Klauenglied 
ausgenommen und das Ende der Schiene rothgelbfilzig. Die 
Flügeldeckenstriche sind mit seitlich etwas übergreifenden 
Punkten eingedrückt, 

Unter den Xylophagen hat die Gattung Apate 3 neue 
Arten dargeboten: Ap. producta, elytris apice, femi- 
nae longius, productis, thorace antice muricato, utrin= 
que in cornu protenso, cornubus feminae magis distan= 
tibus, validioribus, porrectis, maris subnutantibus. Fem. 
9—10 lin. long. Mas 8 1a—9 lin. long. Gehörtzu den grös- 
sern Arten der Gattung. Körperfarbe schwarz. Kopf hin- 
ter den Augen eingeschnürt; Vorderrand beiderseits mit 
einem Zahn; Fühlerkeule pechbraun. Mittelleibsschild vorn 
abgestutzt, etwas eingedrückt, jederseits in einen Fortsatz 
ausgezogen, vielhöckerig, Fortsätze «les Männchens durch 
einen rundlichen schmälern Ausschnitt von einander ge- 
getrennt, daher einander näher, schräg abwärts geneigt; 
die des Weibchens durch den geraden breitern Ausschnitt 
des Vorderrandes weiter von einander entfernt, ziemlich 
gerade vorstehend, etwas gegen einander gerichtet; die 
Höcker im Allgemeinen stärker ausgebildet beim Weibchen 
als beim Männchen, zugleich nach den Seiten grösser, 
doch beim Weibchen auch einige solche auf der Abdachung 
des Mittelleibsschildes, und einer an der innern Seite der 
Fortsätze und noch einer zu jeder Seite des Ausschnittes. 


177. 


Der Mittelleibsschild auf seiner übrigen Fläche feingekör- 
nelt, mit seichter Längsfurche. Schiene der vordern Beine 
auswärts gezähnelt. Flügeldecken dicht mit in Längsreihen 
stehenden groben Punkten besetzt, mit schwacher Andeutung 
von 2 erhabenen Längslinien, nach hinten allmählig abfal- 
lend, das Nahtende beim Männchen in eine stumpfe Ecke, 
beim Weibchen in einen länglichen Höcker vorgezogen. Ap. 
tonsa: Mas. 46% lin. long., fem. 5—1 lin. long. 
Elytris postlice retusis, interrupte marginalis , thorace 
antice muricato, feminae utringue in dentem hamatum, 
nutantem producto. Körperfarbe schwarz. Kopf hinter 
den Augen aufgequollen, mit dichtgedrängten parallelen 
feinen Längskielen: beim Weibchen zwischen den Augen 
und dahinter ein mittlerer gelblicher Filzfleck; Fühler pech- 
braun. Mittelleibsschild vorn bucklig und mit mittlern 
Körnchen und seitlichen Höckerchen besetzt, zunächst über 
dem Kopfe mit einem gelblichen Filze bekleidet, beim Weib- 
chen beiderseits in einen über den halben Kopf herabhän- 
genden, mit spitzen Höckerchen besetzten, am Ende ha. 
ckenartig aufgekrümmten Zahn ausgezogen. Schiene der 
Vorderbeine auswärts gezähnelt, Flügeldecken mit zahl- 
reichen in Längsreihen stehenden Punkten, hinten gröss- 
tentheils gröbere, am Ende selbst keine; die abgestutzte 
hintere Fläche mit einer Leiste umgeben, die am Nahtende 
anfängt, längs den Seiten jener Fläche hinaufläuft, dann 
aber durch eine Lücke von einem freistehenden Höcker- 
chen getrennt ist und oben ganz aufhört. Hinterleib dun- 
kelrothbraun: Ap. crinitarsis, 31; lin. long. Elytris 
postice oblique truncatis, tridentatis, dentibus duobus 
acutis, tertio obtuso, minore, thorace. anlice muricato, 
tarsis posticis crinitis: rufo-picea, elytris versus api= 
rem obscurioribus. _ Grundfarbe pechbraunröthlich, Beine, 
Fühler und Palpen. jedoch heller, die Flügeldecken nach 
hinten und vorderer Theil des Kopfes dunkler. Mittelleibs- 
12 


178 


schild in der grössern Vorderhälfte dieht mit Körnchen 
oder Höckerchen besetzt, welche seitlich durch grössere, 
rückwärts gekrümmte, zugespitzte Zähnchen begrenzt sind, 
von diesen liegt das grösste zuvorder:t und springt frei 
‚vor. Schienen auswärts feingezähnelt. Fuss der hinter- 
sten Beine einwärts mit sparsamen langen Haaren bekleidet. 
Flügeldecken hinten mit gröbern, vorn mit kleinern Punk- 
ten, am Ende schräg abgestutzt, und mit 3 Zähnen be- 
wehrt, oberster und mittlerer Zahn spitz, unterster stumpf 
und weniger deutlich, der mittlere etwas nach innen ge- 
rückt. 

Unter den Longicornien gedenken wir nur einer La=- 
mia, welche, wie uns Kıvc belehrt hat, ZLamia leprosa F. 
ist; das von Fasrıcıwus angegebene Vaterland (America) 
würde nicht auf diese Art schliessen lassen, allein Diagnose 
und Beschreibung dieses Autors lassen keinen Zweifel übrig, 
dass er den Guineensischen Käfer vor sich gehabt habe. 
Die Fühler sind beim Weibchen von Körperlänge, und vom 
dritten Glied an mit bräunlichem Filz, wie die meisten 
übrigen Körpertheile bedeckt, beim Männchen sind sie an- 
derthalbmal so lang als der Körper und nackt, bei diesem 
sind ferner die vordersten Beine verlängert, der Schenkel 
ist längs der äussern Kante gezähnelt, die 3 ersten Fuss- 
glieder sind ansehnlich erweitert und auswärts befranzt. 
Es gehört diese Art der Gattung PAhryneta des Drszan’schen 
Cataloges an. ; 

Unter denChrysomelinen haben wir in einer Art, 
welche uns als die Deloyala. Westermanni Dj. bezeichnet 
worden ist, die Cassida chlorotica Ol. zu erkennen 
geglaubt. Mittelleibsschild und Flügeldecken haben im Le- 
ben einen schönen Messingglanz, wenigstens zeigten diese 
Farbe alle Stücke in der Flüssigkeit, in welcher sie anka- 
men, und sie hat sich bei manchen auch im trockenem 
Zustande, freilich weniger lebhaft, erhalten. Durch die 


179 


erweiterten Mittelleibs- und Flügeldeckränder erhält das 
Männchen einen beinahe kreisrunden Umfang, das Weib- 
chen einen eiförmigen; dieses ist 7% Linien lang, und 
misst in seiner grössten Breite 6 Y3 Linien; jenes hat 6 Li- 
nien Länge und misst in seiner grössten Breite 53 Linien. 
Der Kopf ist schwarz, die Augen auch im Tode messing- 
gelbglänzend, Palpen, ein Fleck zwischen den Augen, die 
6 ersten Glieder und die Spitze des Fühlers rothbraungelb, 
der übrige Fühler schwarz. Brust schwarz, an den Seiten 
rothgelbbraun, zuweilen nimmt diese Farbe auch die Mitte 
ein, oder mischt sich dem Schwarzen bei. Am Hinterleibe 
unten herrscht entweder die schwarze oder rothbraungelbe 
Farbe vor, immer nimmt diese die Seiten ein, zieht sich 
aber auch, besonders beim Weibchen, über einzelne oder 
alle Segmente theilweise oder ganz hin. An den Beinen 
sind Fuss und Schiene ganz braungelb, der Schenkel ist 
es am Ende, selten auch am Anfang, in der übrigen Strecke 
ist er schwarz, welcher Farbe sich zuweilen eine etwas 
röthliche beimischt. Die Flügeldecken sind da, wo sie dem 
Körper aufliegen mit zerstreuten feinen Pünktchen versehen, 
und in den Stücken, in denen sie messingglänzend erschei- 
nen, ziehen sich 4 undeutliche, blässere Längslinien durch 
sie hin, die breiteste derselben an der Naht durch eine 
Reihe Pünktchen auswärts begrenzt, sie sind ferner am 
Ende in der Naht und vorn, wo sie an den Hinterrand 
des Mittelleibsschildes anstossen, sammt diesem Hinterrande 
schwarz. Wir geben somit folgende Diagnose: Cass. chlo= 
rotica: Thorace elytrisque aurichalceis, subtus rufotesta= 
ceo-nigroque varia, mas suborbicularis, femina ovata. 
Aus der grossen Abtheilung der Curculioniden haben 
uns die Familien der Brenthiden und der Anthribiden 
manches Neue dargeboten, welches wir um so eher zu 
würdigen vermochten, als wir uns seit geraumer Zeit dem 
Studium dieser Käfer mit Vorliebe zuwenden. Von Bren= 


180 


thiden erwähnen wir des Brenthus (Ceocephalus Schh.) 
depressus F. und unsers Ceocephalus Rüsi, einer durch 
bedeutende Schlankheit ausgezeichneten Form. Aker die 
Anthribiden sind es vorzüglich, welche uns neue, bisher 
nicht bekannte Formen dargeboten haben und die Aufstel- 
lung neuer Gattungen veranlassten, wie man sie im ersten 
Bändchen unserer Ger. Curcul. vorfinden wird. Die Gat- 
tungen Deuterocrates und Anacerastes, und der Decata-= 
phanes gracilis zeichnen sich durch sehr langgezogene 
Fühler aus, Fühler, welche selbst im weiblichen Geschlechte 
Körperlänge haben, im männlichen aber den Körper mehr- 
fach in Länge übertreffen. Bei Deuterocrates ist von ir- 
gend einer Verdickung am Ende der Fühler keine Spur 
vorhanden; auch ist in beiden Geschlechtern das zweite 
Glied mehrfach länger als das erste, ein Verhältniss, wel- 
ches weiter nicht eine einzige der zahlreichen Anthribiden- 
gattungen zeigt. Von Polycorynus compressicornis, wel- 
cher bisher nur nach dem weiblichen Geschlechte bekannt 
war, lernten wir auch das männliche Geschlecht und aus- 
serdem eine fernere Art, P. pantherinus kennen, auf 
welche hin wir uns ermächtigt fanden, die Gattung in ei- 
nem weitern Umfang und nach etwas andern Merkmalen 
als Schönueer aufzustellen. Die Gattung Mecocerus stellte 
in unserm disparipes einen merkwürdigen, durch ausneh- 
mend lange Beine des männlichen Geschlechts ausgezeich- 
neten Repräsentanten dar. Im Ganzen enthielt die Samm- 
lung nicht weniger als etwa 12 Arten Anthribiden, und 
diese Thatsache nahmen wir als Beweis dafür, dass die 
Gegend, aus welcher die Käfer stammen, als die Wald- und 
Gebirgsregion von Guinea anzusehen sey, und bemerkten 
weiter, dass wenn mit irgend je einer andern ihre Käfer- 
fauna verglichen werden könne, diess die tropische Region 
der östlichen Hemisphäre, also Indien und seine Inselwelt; 
namentlich Java sey. 


181 


. D. 20. Oct. 1841. Herr Dr. Immorr, über grosse 
Ameisenschwärme, welche sich in Basel zeig- 
ten. Am 17. Juli 1841 Nachmittags wurden mächtige über 
einen grossen Theil der Stadt verbreitete Schwärme einer 
Ameise, in welcher Herr Dr. Inuorr die Formica ni= 
gra Latr. erkannte, beobachtet. Nach statt gefundenem 
Schwärmen krochen die Thiere , vorzüglich die Weibchen, 
auf verschiedenen freien Plätzen und in mancher Strasse 
so zahlreich auf dem Boden hin, dass man kaum einen 
Fuss aufsetzen konnte, ohne auf welche zu treten. Diese 
Erscheinung schien Manchem wunderbar, man nahm an, 
dass die Ameisen von weither zu uns geführt worden seyen, 
und brachte sie sogar mit dem berühmten, weit verbreite- 
ten Orkan in Verbindung, der doch erst den Tag nachher 
(am 18. Juli) stattfand. Nun erinnerte aber. der Vortra- 
gende, dass diese Ameisenart inmitten unserer Stadt lebe, 
dass er sie schon eine ziemlich lange Zeit alljährlich an 
bestimmten Orten getroffen habe, die Weibchen, in frei- 
lich geringerer Zahl, ungefähr in den gleichen Sommerta- 
gen, auf dem Boden hinkriechend, die Arbeiterinnen in 
früherer Jahreszeit, fast überall vorhanden, selbst in die 
Häuser dringend. Das Auffallende bleibt daher nur die 
äusserst grosse Zahl, in welcher diese Insekten diessmal 
auftraten. Es kann aber diese in zwei Thatsachen ihre Er- 
klärung finden: 1) in der allgemeinen Wahrnehmung, dass 
die Vermehrung gewisser Thiere,, vorzüglich gewisser’ In- 
sekten durch besondere Umstände sehr begünstigt werden 
kann. Beispiele, namentlich aus der Insektenklasse, liegen 
hievon so viele vor, dass es unnöthig wäre, deren anzu- 
führen; doch einer Erscheinung dieser Art wollen wir ge- 
denken, welche sich uns im schönen und herrlichen Mai- 
monat eben dieses Jahrs in der Schaumcecicade, Cicada 
(Aphrophora Germ,) spumaria L. dargeboten hat. Be- 
kanntlich lebt dieses Insekt vor seiner völligen Entwicklung, 


182 


in einer schaumartigen Flüssigkeit, dem sogenannten Ku- 
kuksspeichel, von ihm selbst durch das Einstechen seines 
Schnabels in verschiedene Pflanzen veranlasst. Nun fanden 
sich von diesen Schaumklümpchen, besonders auf Weiden, 
eine solche Menge, dass sie in grössere Massen zusammen- 
flossen und diese von den Zweigen und Blättern herab auf 
die Erde gelangten, welches nicht anders erschien, als 
wenn zahlreiche Regentropfen aus einer Wolke herabfallen. 
In ähnlicher Weise wie diese Insektenart konnte auch un- 
sere Ameise durch begünstigende Verhältnisse, über welche 
wir wohl Vermuthungen aufzustellen, aber keine Gewissheit 
beizubringen vermöchten, eine bedeutende Vermehrung er- 
fahren haben. 


Es lässt sich aber die Erklärung 2)in noch etwas an- 
derm suchen. Dem 17. Juli gingen eine ganze Woche lang 
rauhe Tage voran. In dieser Zeit mochten sich in den 
verschiedenen Ameisenhaufen schon ausgebildete Männchen 
und Weibchen, also zum Schwärmen fähige und bereite 
Individuen befunden haben, allein die Witterung hielt sie 
in ihren Wohnungen zurück. Nun erschien endlich ein 
warmer, milder Tag, und mit einem Male geschah nun, 
was sich in andern Jahren auf eine Reihe von Tagen ver- 
theilen mochte, die verschiedenen Schwärme vereinigten 
sich zu jenen grossen Schaaren, die an diesem Tage beob- 


achtet wurden. 


Was sich in unserer Stadt ereignete, wurde am glei- 
chen Tage auch in einigen benachbarten Dörfern beobach- 
tet. Es ist uns aber nicht bekannt geworden, ob auch 
in weitern Entfernungen Aehnliches wahrgenommen 
wurde. 


Einige Wochen später befand sich der Vortragende in 
Zürich, er traf hier auch in einer Strasse weibliche Amei- 
sen in ziemlicher Zahl auf dem Boden hinkriechend an, 


183 


es war jedoch nicht Forsn. nigra, sondern ihre nächste 
Anverwandte die Formica flava Latr. Er glaubt 
nicht zu irren, wenn er annimmt, dass auch diese Ameise 
in der Stadt Zürich selbst, wie jene in Basel ihren Wohn- 
sitz habe. 


D. 3. Fedr. 1841. Mittheilungen von Herrn Prof. 
Miescner über Acari im Innern lebender Thiere. 

Die Thiere, welche auf andern Thieren leben als auf 
ihrem eigenen, von der Natur ihnen angewiesenen Grund. 
und Boden, aus welchem sie ihre Nahrung schöpfen, ohne 
den sie nicht existiren können, der ihre eigentliche Welt 
ist,diewahren beständigenParasiten nämlich, schei- 
den sich in 2 natürliche grosse Abtheilungen, je nachdem 
bei ihnen einAthmungsbedürfniss vorhanden ist oder 
fehlt. 

Hienach ist auch im Allgemeinen die Stätte verschie- 
den, welche ihnen bei den Thieren zur Wohnung angewie- 
sen ist. Die einen leben im Innern derselben, in natür- 
lichen oder krankhaften Höhlen, oder im Parenchym der 
Organe und werden daher Entozoen genannt. Die an- 
dern dagegen wohnen an der äussern Oberfläche der Thie- 
re, also in unmittelbarer Berührung mit dem Elemente, 
welches diese athmen , und heissen Epizoen. 

'Es ist wiederholt die Frage aufgeworfen worden, ob 
die Entozoen athmen oder nicht. Nach dem gegenwärtigen 
Standpunkt unserer Kenntnisse über diese Klasse von Thie- 
ren können wir hierauf nur verneinend antworten. Denn 
weder ist durch die sorgfältigste anatomische Untersuchung 
in irgend einem, im Uebrigen noch so vollkommen organisir- 
ten Entozoon je ein Respirationsorgan nachgewiesen wor- 
den, noch finden sich in der Regel diese Thiere unter Ver- 
hältnissen, unter denen derjenige Vorgang, den wir in der 
Physiologie Athmung nennen, möglich ist. Die Epizoen 


184 


dagegen, sobald sie eine etwas ausgebildetere Orgänisation 
besitzen, lassen auch besondere Respirationsapparate er- 
kennen, kiemenartige Organe bei den Wasserthieren, ver- 
zweigte Luftröhren bei den in der Luft lebenden Thieren, 
und wenn wir auch bei einzelnen von einlacherer Struktur 
keine besondern Athmungswerkzeuge erblicken, so dürfen 
wir doch p. analogiam schliessen, dass diesen darum die 
Athmung doch nicht abgeht, dass vielmehr die allgemeinen 
äussern Bedeckungen dieser Funktion vorstehen. 

Das Fehlen oder Vorhandenseyn einer Athmung ist 
aber auch der einzige durchgreifende Unterschied zwischen 
diesen beiden Abtheilungen der Parasiten ; die Unmterschei- 
dung nach der Wohnstätte, von wo zwar die Benennungen 
hergenommen sind, ist, wenn auch in der Mehrzahl der 
Fälle richtig, doch in vielen unstatthaft. Es ist gar nicht 
selten, dass Entozoen an der äussern Oberfläche von Thie- 
ren, oder wenigstens in sehr zu Tage liegenden Organen 
vorkommen; die Kiemen der Fische z. B. bieten eine eben 
so reiche Erndte an Entozoen wie an crustaceenartigen Epi- 
zoen; so lebt der Gyrodactylus an der freien Obertläche 
von Fischen und das Monostoma Faba (bijugum m.) in 
den Federbälgen von Vögeln. Viel seltener ist das Umge- 
kehrte beobachtet worden, nämlich das Vorkommen von 
Epizoen in innern Organen. Hieher gehören z. B. die Mil- 
ben, welche sich in den Lungenhöhlen der Schnecken häu- 
fig in grosser Anzahl aufhalten und durch das Luftloch 
frei aus- und eingehen; ich habe solche bei mehrern der 
grössern Landschnecken, bei nackten und beschaalten beob- 
tet, und selbst die im Wasser lebenden Lungenschnecken 
sind davon nicht frei. Bei den Vögeln und Säugethieren 
leben die parasitischen Milben mit wenigen Ausnahmen frei 
auf der äussern Haut, zwischen den Federn und Haaren; 
sie nähren sich meistens von abfallenden Epidermis - Schüpp- 


chen und verhältnissmässig nur wenige saugen mittelst ei- 


185 


nes Saugrüssels, den sie in dieHaut einsenken, die Säfte des 
Thiers, auf dem sie wohnen, wobei sie sich, wie z.B. Ixodes, 
zuweilen mit dem ganzen Vorderleib in der Haut vergra- 
ben; andere bohren sich unter die Oberhaut, bilden zwi- 
schen ihr und der Lederhaut Gänge, setzen dort ihre Eier 
ab, erregen Entzündung und nähren sich wahrscheinlich 
von den durch die entzündete Haut ausgeschwitzten Säften, 
wie dieses bei den verschiedenen Krätzmilben der Fall ist. 
Sarcoptes nidulans Nitzsch dringt sogar durch das Fell 
hindurch und legt seine Eier in das Unterhautzellgewebe ; 
Nitzsch beobachtete dergleichen Nester, aus Eiern ‘und 
Jungen bestehend, bei Fringilla Chloris, wo sie grosse 
gelbe, durch das Fell durchscheinende Knollen bildeten, 
welche durch eine weder blutende noch eiternde Wunde 
nach aussen hin geöffnet waren (v. Erscn und Gruser’s En- 
eyclopädie I. Artikel Acarus.) Achnliches habe ich wieder- 
holt bei unserer gewöhnlichen Hausmaus, Mus Musculus, 
beobachtet, wo ich mehrmals an der innern Fläche des 
abgezogenen Fells kleine milchweisse Knötchen von der 
Grösse eines Stecknadelknopfes und grösser antraf, welche 
nichts anderes waren als dergleichen Nester von Milben. 
Wenn man ein solches Knötchen etwas comprimirt unter 
das Mikroscop, so erkennt man 20—-30 kleine Milben, wel- 
che in einem gemeinschaftlichen dünnhäutigen Balge liegen. 
Der Balg steht aber nicht wie bei Sacroptes nidulans 
Nitzch mittelst eines durch das Fell dringenden Loches 
offen und mit der athmosphärischen Luft in Berührung; 
er ist vielmehr allseitig geschlossen und nur lose mit der 
innern Oberfläche des Fells verwachsen ; seine Höhle ist 
nicht mit Luft gefüllt, sondern enthält eine zähe durch- 
sichtige Flüssigkeit, welche die Milben umgibt. Ich über- 
lasse es Sachkundigern zu entscheiden, ob ‘diese Milbe iden- 
tisch ist mit derjenigen, welche an der äussern Fläche des 
Fells zwischen den Haaren der Maus. lebt. und ob: sie einen 


186 


jugendlichen Zustand derselben darstellt; ich mache nur 
auf den wesentlichen Unterschied aufmerksam, dass letztere 
Borsten trägt, erstere aber vollkommen nackt ist. 

Auch beim Fuchs habe ich einmal im Zellgewebe un- 
ter der Haut einige Individuen eines grössern zäckenartigen 
Parasiten angetroffen, dessen Leib platt war, ungefähr 1 
lang bei % /“ Breite und deutlich in ein Vorder- und 
Hinterstück getheilt; das Vorderstück trug 4 Fusspaare und 
aus dem Kopf ragte ein langer horniger gezähnelter Rüssel 
hervor; die äussern Bedeckungen waren bräunlich, hart, 
hornig. Leider verhinderten damals die Umstände eine ge- 


nauere Untersuchung, und seither bot sich die Gelegenheit 


Do) 
nicht wieder dar, das Versäumte nachzuholen. 

Weniger auffallend erscheint das Vorkommen von Mil- 
ben in den Respirationswerkzeugen, obgleich dasselbe nicht 
häufig beobachtet worden zu sein scheint, indem ich nur 
eine einzige hieher gehörige Beobachtung von Nırzscn habe 
auffinden können. Dieser fand bei einem schottischen Töl- 
pel (Dysporus bassanus Illig.) in dem Luftraume, welcher 
sich unter der Haut über die ganze Brust verbreitet, eine 
Milbenart, welche er Sarcoptes subcutaneus nannte und 
die in grosser Menge dort angehäuft war (v. Jahrbuch der 
Chem. & Phys. von ScuwEiscEer, Bd. 16. 1826. p. 435). 
Wahrscheinlich jedoch hat Nırzscu Aehnliches auch bei an- 
dern Vögeln angetroffen, indem er in dem o. a. Artikel 
Acarus der Encyclopädie von Ersch und GrusEr p. 247 
sagt: „Manche dringen selbst in innere Höhlen der Thiere, 
als in die Nasenhöhlen und in die Luftzellen des Rumpfes 
der Vögel,” ohne indessen spezielle weitere Thatsachen 
hiezu anzuführen. Es mag daher die Mittheilung einiger 
neuen Beobachtungen von Milben in den Athmungsorganen 
von Vögeln nicht ganz ohne Interesse sein. 

Im Anfang des Juli 1839 fand ich zuerst bei einem 
eben getödeten erwachsenen männlichen Individuum von 


187 


Cypselus apus ziemlich zahlreiche, sehr kleine Milben in 
den Luftzellen der Bauchhöhle. _ Sie sassen, in kleinen 
Häufchen zusammenliegend, an der innern Fläche der zar- 
ten Membran auf und erzeugten das Aussehen, als ob die- 
selbe mit feinen Sandkörnern bestreut wären. In denLun- 
gen suchte ich sie vergebens auf, will aber daraus keines- 
wegs schliessen, dass sie dort fehlten, da vielmehr das Ge- 
gentheil wahrscheinlich ist; die Blutüberfüllung’ des Organs 
machte eine entscheidende Untersuchung unmöglich; dage- 
gen fand ich sie wiederum in den Bronchien und in der 
Luftröhre. Einige Tage später untersuchte ich ein anderes 
Exemplar desselben Vogels und fand auch bei diesem die 
Milben, nur in geringerer Menge. ‘Im folgenden Jahr um 
dieselbe Zeit fand ich die Milben bei 2 Individuen wieder, 
während sie bei einem dritten ganz fehlten. Der Leib 
dieser Milben ist vollkommen nackt, ohne eine Spur von 
Haaren oder Borsten und bildet ein ziemlich regelmässiges 
Oval von durchschnittlich 14, // Länge auf 45 —Y\3 Breite. 
Der Rücken ist gewölbt und durch Furchungen in mehrere 
Wülste oder Abschnitte abgetheilt. Eine mit der Convexi- 
tät nach hinten gerichtete halbkreisförmige queere Furche 
trennt zunächst ein rundliches Kopfstück ab, aus dessen 
vorderm Rande ein kurzer kegelförmiger, hackenförmig 
nach abwärts gekrummter Rüssel hervorsteht. Zwei den 
Seitenrändern parallel verlaufende Längsfurchen bilden ei- 
nen mittlern Rückenwulst und zwei schmale Rand- 
wülste, welche nach hinten untereinander verschmelzen 
und sich gleichförmig gegen die Aftergegend hin abdachen. 
Aus der Mitte der letztern ragt bei vielen Individuen ein 
kurzer, cylindrischer, am Ende deutlich perforirter An- 
hang hervor, von welchem ich ungewiss bin, ob er als 
After oder als Oeffnung der Geschlechtsorgane zu betrach- 
ten ist. Die untere oder Bauchseite ist mehr flach und trägt 
4 Paar nackte, weder mit Borsten noch mit Hacken bewaff- 


188 


nete Füsse; die beiden ersten sind schief nach vorn gerich- 
tet und bestehen aus 5 beweglichen Gelenken; die letzten 
stehen schief nach hinten und zeigen bloss 4 Gelenke; an 
allen 4 Fusspaaren trägt das letzte Gelenk ausserdem noch 
ein Haftblatt. Die Füsse des ersten Paares liegen dicht 
zu beiden Seiten des Rüssels, ihr erstes Gelenk zeichnet 
sich vor allen andern durch Grösse aus und ist in seiner 
hintern Hälfte mit dem der andern Seite verschmolzen. 
Dicht hinter ihnen etwas nach aussen steht das zweite Fuss- 
paar; in gleichmässigen Zwischenräumen, noch mehr am 
Rande, sitzen das dritte und vierte, deren erste Glieder 
durch einen eigenthümlichen, wie eine Springfeder gestalte- 
ten Apparat untereinander verbunden sind. Zwischen den 
beiden letzten Füssen bemerkt man nämlich einen in einem 
Bogen verlaufenden schmalen, von zwei scharf gezeichneten 
Säumen eingefassten Gürtel von harter, wahrscheinlich hor- 
niger Substanz , der vom ersten Glied des dritten Fusses 
zu dem des vierten herüber gespannt ist, die Convexität 
nach innen gerichtet; jedes Ende desselben theilt sich in 
zwei Schenkel und umfasst damit das erste Glied der bei- 
den letzten Füsse. 

Der Rüssel ist ein einfacher Sipho, an welchem keine 
verschiedenen zusammensetzenden Bestandtheile erkennbar 
sind; in seinem Innern verläuft ein spindelförmiger Canal, 
der an der Spitze eng beginnt, in der Mitte sich erweitert 
und an der Basis des Rüssels wieder sich verschmälert; 
an demselben bemerkte ich von Zeit zu Zeit Zusammen- 
ziehungen und darauf folgende Erweiterungen, also wahre 
Saugbewegungen. 

Ueber die weitere innere Organisation lässt sich wenig 
beifügen, indem ich von eigentlichen sogenannten Einge- 
weiden nichts zu erkennen im Stande war; die Leibeshöhle 
schien nichts zu enthalten als eine durchsichtige Flüssig- 
keit mit zahlreichen runden, scharf umschriebenen Bläs- 


189 


chen, welche bei jeder Leibesbewegung hin und her ge- 
schoben wurden; diese Bläschen drangen auch in das In- 
nere der demnach hohlen ersten Gelenke der Füsse und 
rückten darin vorwärts, so wie der Fuss ausgestreckt wur- 
de und umgekehrt. Das einzige bemerkliche Organ war 
eine grosse körnige Kugel, welche im Hinterleib auf der 
rechten Seite sass, und die man am wahrscheinlichsten für 
einen Eierstock halten könnte. 

Obgleich ich diese Thierchen mehrere Stunden anhal- 
tend beobachtete, sah ich doch nie etwas durch eine na- 
türliche Oeffnung heraustreten; dagegen platzten nicht sel- 
ten einzelne Individuen, namentlich wenn ich sie im Was- 
ser einer gelinden Compression, die sie anfangs ganz gut 
vertrugen, eine Weile ausgesetzt halte, und entleerten da- 
bei namentlich die erwähnte Kugel, welche dann sehr bald 
zerfiel. Einige von diesen Milben fand ich nach 24stündi- 
gem Aufenthalt im Wasser noch lebendig. 

Im December 1840 fand ich wiederum Milben in den 
Athmungswerkzeugen eines gemeinen Würgers, Lanius 
excubitor , ın den grossen Luftsäcken des Bauchs und der 
Brust, in den Lungen und der Luftröhre; im untern Theile 
der Luftröhre und in den Bronchien waren sie in solcher 
Anzahl vorhanden, dass sie das Zumen desselben eigent- 
lich ausfüllten. Da der Vogel schon mehrere Tage todt in 
der Kälte gelegen hatte, so waren auch die Milben starr 
und regungslos, übrigens aber wohl erhalten; einige ver- 
riethen sogar noch Spuren von Leben, nachdem ich sie 
etwas erwärmt hatte. Diese Milben stimmen im Allgemei- 
nen ınit denen aus Cypselus apus überein, mit mehr un- 
tergeordneten Abweichungen, die indessen hinreichen, um 
sie. als besondere Art zu unterscheiden. Der Leib ist 
ebenfalls vollkommen nackt, ohne Haare und Borsten, von 
einer lederartigen Haut oder Panzer eingeschlossen; der 
Rücken gleichförmig gewölbt, aber ohne die bei der vorigen 


190 


Art erwähnten Furchungen und Abtheilungen; der Bauch 
flach. Der vordere Rand des Leibes ist mehr abgestutzt 
und breiter als der hintere; die 4 Vorderfüsse sind gleich- 
sam in den vordern Leibesrand eingesetzt und ragen we- 
niger gegen die Bauchseite hervor, so dass die ersten Ge- 
lenke derselben wie vier in einer schwach gebogenenLinie 
stehende Papillen auf dem vordern Rande des Leibes auf- 
sitzen; zwischen den beiden mittlern steht der schwach 
nach abwärts gebogene, in eine abgerundete Spitze zulau- 
fende einfache Rüssel; neben ihm auf jeder Seite bemerkt 
man einen kurzen ungegliederten schmächtigen Fortsatz, 
welcher am innern Rande des ersten Gelenkes des ersten 
Fusspaares ansitzt und den ich für eine rudimentäre Palpe 
halten möchte. Von den 4 Fusspaaren bestehen dıe beiden 
ersten aus 5, die 2 letzten aus 4 Gliedern, ohne Hacken 
und Borsten; auch Hafıblasen waren an ihnen nicht be- 
merklich, obgleich ich nicht behaupten möchte, dass sie 
nicht vorhanden sind, indem sie eingezogen seyn können; 
ein ähnlicher gebogener Gürtel von Hornsubstanz, wie der 
oben beschriebene, verbindet die beiden hintern Fusspaare, 
Kein Anhang am hintern Leibesende und, wie kei der Milbe 
aus Cypselus apus, keine Spur von Augenpunkten. Im In- 
nern des Leibes sah ich nichts als Körner in einer farblo- 
sen Flüssigkeit, kleinere mit Molecularbewegung bis zu 
grossen, wie Fettblasen aussehende Kugeln. Als Ver- 
dauungshöhle erschien ein weiter, den mittlern Theil des 
Leibes ganz ausfüllender, von seinem Inhalt gelblich oder 
bräunlich gefärbter Raum, in welchen ein feiner aus dem 
Rüssel entspringender Canal (Speiseröhre) führt; einen 
Ausführungsgang aus diesem Magen konnte ich ebensowe- 
nig als eine Afteröffnung und Geschlechtswerkzeuge wahr- 
nehmen. 


191 
D. 2. März 1842. Mittheilungen von Herrn 
Prof. Miescher über einen neuen Parasiten der 
menschlichen Haut. Im December des vorigen Jabes 
(1841) brachte zuerst der in Zürich erscheinende öffent- 
liche Beobachter in einer Relation über eine Sitzung der 
dortigen naturforschenden Gesellschaft die Nachricht, dass 
Herr Prof Hexte in der Haut des äussern Gehörganges 
bei menschlichen Leichen einen bisher unbeachtet geblie- 
benen Schmarotzer entdeckt habe. Zu Ende desselben Mo- 
nats kam Herr Prof. Henız nach Basel und zeigte uns bei 
dieser Gelegenheit das neue, in den Haarbälgen sitzende 
Thier vor. Ueber die Stellung desselben im Systeme hatte 
er sich selbst noch nicht entschieden und behielt sich 
darüber eine nähere Untersuchung vor; er war indessen 
geneigt, das Thier für einen dem Octobdothrium verwand- 
ten Helmisthen zu halten. Diese neue Entdeckung nahm 
meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch und mein Inte- 
resse daran wurde durch das noch obschwebende Räthsel 
über die eigentliche Natur des Parasiten wesentlich erhöht; 
ich versäumte daher keine Gelegenheit, mich mit demselben 
näher bekannt zu machen und das Resultat dieser Unter- 
suchung bildete den Gegenstand eines Vortrags in der na- 
turforschenden Gesellschaft. Kurze Zeit nachher erschien 
in Mürrer’s Archiv 1842. p. 218 cine weitläufige Beschrei- 
bung dieses Thiers von Dr. Gustav Sımon, welcher das- 
selbe unabhängig von Hextre in den Haarbälgen der Haut 
der menschlichen Nase gefunden hatte. Da meine Unter- 
suchungen in den wesentlichen Punkten damit übereinstim- 
men, so enthalte ich mich hier einer ausführlichen Beschrei- 
bung und beschränke mich auf einige Momente, worin ich 
mehr oder weniger von Herrn Dr. Sımon abweiche. 
Dass der Parasit ein milbenartiges Thier sei, davon 
überzeugte ich mich sehr bald, indem es mir gelang, ein 
lebendes Individuum, obgleich aus einer schon 2 Tage alten 


192 


Leiche, zu erhalten; in den 4 Paar Randwülsten, welche 
Hexte für Haftorgane ähnlich denen der Polystomen gehal- 
ten, erkannte ich gegliederte Füsse, und in dem unpaa- 
ren Endwulst einen zusammengesetzten Fressapparat. Die 
Gestalt des Thiers ist von Sımox richtig angegeben worden. 
Dasselbe ist in der Regel 5—6mal so lang als breit und 
besteht aus zwei deutlich von einander geschiedenen Ab- 
theilungen, einem Vorderleib und einem Hinterleib. Der 
Vorderleib ist platt und von ovaler Gestalt, am breite- 
sten zwischen den beiden mittlern Fusspaaren; das vordere 
schmälere Ende trägt die Fresswerkzeuge ohne abgetrenn- 
tes Kopfstück; das hintere ist breiter und geht ununterbro- 
chen in den langen, mehr cylindrischen und in eine stumpfe 
Spitze zulaufenden Hinterleib über. Die obere oder Rü- 
ckenseite des Vorderleibes ist vorn platt, bildet aber in 
der Gegend der beiden hintern Fusspaare eine starke Wöl- 
bung und an dieser Stelle ist die grösste Dicke des Thiers; 
sie beträgt ungefähr die Hälfte der grössten Breite Die 
Bauchseite ist flach und wird durch ein eigenthümliches 
Gerüste in 8 gleiche Felder eingetheilt. Dieses Gerüste 
kann am besten einem Brustbein verglichen werden; es 
besteht aus einem Mittelstück oder Körper, welcher als 
schmaler von zwei Rändern eingefasster bräunlicher Strei- 
fen zwischen dem ersten Fusspaare entspringt und sich in 
gerader Linie nach hinten bis zwischen das letzte Fusspaar 
erstreckt, — und aus 5 rippenarligen symmetrischen 
Fortsätzen, wovon je 4 auf jeder Seite von dem Mittel- 
stück nach dem Seitenrande des Thiers verlaufen; die erste 
Rippe geht in schwacher Bogenlinie nach vorn und aussen, 
die dritte ziemlich queer, die letzte etwas schief nach hin- 
ten. Die Rippen liegen vertieft oder in Furchen und zwi- 
schen ihnen treten 8 deutlich erhabene länglich viereckige 
und in der Queere liegende Wülste hervor, die ich als: 
das erste oder Wurzelglied der Füsse betrachte; jedem 


193 
_Wulste gehört eine Rippe an, welche an dessen vorderm 
Rande verläuft; es erscheinen daher die 3 vordern Wülste 
von 2 Rippen eingefasst, während der letzte nur an sei- 
nem vordern Rande von einer solchen begleitet wird. Jede 
Rippe spaltet sich an ihrem Ende in 2 gebogene Aeste, 
welche sich um den vordern Theil des äussern Endes des 
Wurzelgliedes anlegen. Dieses Gerüste ist das festeste Ge- 
bilde des ganzen Thieres und bleibt nach dem Eintrocknen 
desselben noch deutlich sichtbar, namentlich die Rippen, 
welche auch dunkler braun gefärbt erscheinen; wahrschein- 
lich bestehen sie aus Hornsubstanz. Sımon hat die Beschaf- 
fenneit dieser Theile nur ungenau angegeben, so wie über- 
haupt die Bildung der Füsse unrichtig beschrieben und 
abgebildet. In Beziehung auf letztere nimmt er zwar nit 
Recht an, dass sie aus drei Gliedern bestehen; rechnet 
aber den Wulst, den ich als erstes Glied betrachte, nicht 
dazu; ausser diesem letztern aber hat jeder Fuss nur noch 
zwei Glieder, wie ich mich diesen Augenblick noch an ei- 
nem schönen lebenden Exemplar, das unter meinem Scuiek- 
schen Instrumente liegt, mit Bestimmtheit überzeuge. Das 
zweite Fussglied ist breiter als lang, wenn wir nämlich die 
Dimension, die in der Axe des Fusses liegt als Länge be- 
trachten; es hat die Gestalt eines spitzwinklichen Drei- 
eckes, dessen Basis nach vorn, die abgerundete Spitze 
nach hinten gerichtet ist, die eine Seite ist an den Rand 
des ersten Gliedes angefügt, die andere ist grösstentheils 
frei, indem sie nur an ihrem hintern Ende mit dem drit- 
ten Gliede beweglich verbunden ist. Das dritte oder End- 
glied ist platt, spathenförmig und erinnert mich mit seiner 
unbeweglichen am Rande stehenden Klauen immer unwill- 
kührlich an eine Maulwurfstatze; es ist nur mit seinem 
schmälern Ende befestigt und in der Ruhe ganz nach vorn 
gerichtet und an. das zweite Glied angezogen; der Rand 
ist mit klauenartigen, wenig oder gar nicht gebogenen Fort- 
13 


194 


sätzen besetzt, und zwar finde ich deren constant an den 
beiden Hinterfüssen 5, wovon 2 kleinere den Seitenrän- 
dern, 3 stärkere dem wie abgeschnittenen breiten End- 
rande angehören; an den beiden Vorderfüssen dagegen be- 
merke ich nur 4 Klauen, nämlich nur 2 starke und ge- 
wöhnlich etwas zangenförmig zusammengebogene am End- 
rande. Bei der Bewegung entfernen sich diese Tatzen vom 
zweiten Gliede und werden wie Ruder nach auswärts und 
rückwärts abgezogen, während zugleich das zweite Glied 
sich mit seinem hintern Theile in das starke Wurzelglied 
einschiebt. Auf diese Weise kann sich das Thierchen vor- 
wärts schieben, was indessen nur mit der äussersten Lang- 
samkeit geschieht, so wie überhaupt dasselbe sich durch 
grosse Trägheit auszeichnet; am raschesten sah ich es an 
einem Haar fortkriechen, wobei es mit seinen Tatzen das 
Haar umklammerte. Am Wurzelgliede sah ich nie eine Be- 
wegung und man könnte daraus schliessen, dass es nicht 
eigentlich zum Fuss gehöre, wie es auch Sımox nicht dazu 
rechnet; allein dann hätte jeder Fuss bestimmt nur 2 Glie- 
der; übrigens sehe ich auch bei andern Milben, dass sich 
das grosse Wurzelglied in der Regel gar nicht oder doch 
nur sehr unmerklich bewegt. 

Die Mundtheile sind im Allgemeinen von Sımon richtig 
beschrieben worden; sie bestehen aus den beiden Palpen 
und einem zusammengesetzten Rüssel. Die Palpen sind 
verhältnissmässig gross und bestehen aus 2 Gliedern, aus 
einem hintern längern, auf welchem das vordere wie ein 
rundes Köpfchen aufsitzt; an letzterm befinden sich 2 nach 
abwärts gekrümmte Hacken und zuweilen liess sich noch 
ein dritter kleinerer bemerken. Die Palpen sind ziemlich 
beweglich, hauptsächlich ‘das vordere kleinere Glied des- 
selben, welches sich nach allen Seiten hin drehen kann. 
Zwischen den Palpen sitzt der Rüssel in Gestalt eines läng- 
lichen Kegels mit abgestumpfter Spitze; er ist in der Regel 


195 


kürzer als die Palpen und nur selten sah ich ihn von glei- 
cher Länge; niemals länger, wie ıhn Sımon fast überall 
zeichnet. Er besteht aus zwei dreieckigen übereinander 
verschiebbaren Mandibeln und aus einer myrthenblattför- 
migen Unterlippe: 

Von Augen oder Augenpunkten ıst keine Spur wahr- 
zunehmen. 

Der Hinterleib ist eine unmittelbare Fortsetzung 
des Vorderleibs und durch keine bestimmte Grenze von 
ihm geschieden; er ist gewöhnlich zwei bis drei Mal so 
lang als der Vorderleib und läuft, nach hinten allmählıg 
dünner werdend, in eine stumpfe Spitze zu: Er ist zu- 
weilen eylindrisch;, gewöhnlich aber mehr oder weniger 
abgeplattet und zwar auf verschiedene Weise; am gewöhn- 
lichsten erscheint er, in gleicher Weise wie der Vorder- 
leib, von oben nach unten zusammengedrückt; in einigen 
Fällen sah ich ihn seitlich zusammengedrückt, wo dann 
das Thierchen in Gestalt einer Kaulquappe ähnlich sah. 
Die Haut des Hinterleibs erscheint sehr fein geringelt, wenn 
nämlich derselbe abgeplattet ist; ist er aber eylindrisch 
und mehr aufgequollen, so erscheint die Haut ganz glatt; 
sie besteht daher nicht &ü3 wirklichen Ringen und erhält 
ihr geringeltes Ansehen, wie die Nematoiden, nur durch 
ringförmige Furchen. Die Länge des Hinterleibs variirt 
sehr, während die Grösse des Vorderleibs ziemlich con- 
stant dieselbe ist; eine so verkürzte Form, wie sie Simon 
fig. 4. abbildet, ist mir jedoch nie vorgekommen, ebenso 
wenig habe ich unter den zahlreichen Individuen, die ich 
untersucht habe, je eines mit nur 3 Fusspaaren angetrof- 
fen; es ist mir daher auch nicht wahrscheinlich, dass wir 
in den kürzern und längern Formen verschiedene Entwick- 
lungsstufen zu sehen haben, besonders da keine gleich- 
zeitigen Verschiedenheiten in andern Körpertheilen wahr- 
zunehmen sind. 


196 


Ueber die innere Organisation lässt sich nur wenig 
sagen, indem sich von eigentlichen Organen nichts erken- 
nen lässt. Vorder- und Hinterleib schliessen eine gemein- 
schaftliche ununterbrochene Höhle ein, deren Inhalt aus 
einer farblosen Flüssigkeit und aus Körnern besteht; die 
Körner sind punktförmig bis zu grössern, die wie Fettkü- 
gelchen aussehen, und bewegen sich nur, wenn die Füsse 
bewegt werden, wobei sie vorwärts und rückwärts fluctui- 
ren. Dieses Contentum geht ohne Unterbrechung aus dem 
Vorderleib in den Hinterleib über und erstreckt sich in 
letzterm bald bis zu seinem Ende, oft nur bis zur Mitte, 
wobei dann das Ende leer und glashell durchsichtig er- 
scheint. Dieser letztere Umstand deutet darauf hin, dass 
der ganze körnige Inhalt einen innern Zusammenhang hat, 
vielleicht von einer besondern Membran eingeschlossen ist. 
In der Regel, jedoch nicht immer, zeichnen sich in dem 
feinkörnigen Inhalt des Hinterleibs mehrere weisse oder 
farblose, kugelige oder eiförmige Massen aus, die vielleicht 
eine Beziehung zur Fortpflanzung haben, was sich nicht mit 
Gewissheit bestimmen lässt. Einige Mal sah ich an der 
Bauchseite dicht hinter dem letzten Fusspaare eine kurze 
Längsspalte, die ich für After oder Geschlechtsöffnung 
halten möchte; allein bei der weitaus grössern Zahl der 
untersuchten Exemplare konnte ich sie nicht wieder erken- 
nen und ich muss es daher unentschieden lassen, ob ich 
mich in jenen Fällen getäuscht habe, oder ob eine After- 
spalte wirklich existirt, aber bei vollkommener Schliessung 
sich dem Auge entzieht. 

Diese parasitische Milbe erscheint nach den bis jetzt 
angestellten Untersuchungen als ein sehr treuer Begleiter 
des Menschen. Gleich nachdem mir Hexre’s Entdeckung 
bekannt geworden, untersuchte ich die Haut des äussern 
Gehörgangs bei allen im Spital Verstorbenen, nach der 
von ihm angegebenen Methode, indem ich feine senkrechte 


197 


Abschnitte unter das Mikroscop brachte. Unter den 7 er- 
sten Leichen, welche ich auf diese Weise untersucht habe, 
vermisste ich den Parasiten nur bei einer einzigen. Auch 
später suchte ich ihn häufig gelegentlich auf und fast nie 
vergebens, besonders seitdem mir durch Sınon dessen An- 
wesenheit auch in der Haut der Nase bekannt geworden 
ist; finde ich ihn an dem einen Ort nicht, so kann ich 
fast sicher darauf zählen, dass er am andern vorhanden 
ist; meistens findet er sich an beiden zu gleicher Zeit. Er 
sitzt immer in den Haarbälgen den Vorderleib nach dem 
Grunde desselben hingerichtet, gewöhnlich, besonders im 
Ohre, so, dass das Ende des Hinterleibs in der Oeffnung 
des Haarbalgs liest und als ein kurzer stumpfer Stachel 
neben dem Haarschafi sichtbar wird. Am häufigsten fand 
ich nur einen in einem Haarbalge, zuweilen zwei, selten 
mehrere, Sımon sogar einmal 13 in einem und demselben, 
freilich krankhaft erweiterten Balge. Es ist nicht schwer, 
ihn auch aus lebenden Menschen zu erhalten, indem man 
mittelst des zugeschärften Endes eines Scalpelheftes den 
Inhalt der Haarbälge an den Seiten der Nasenflügel oder 
auch im Eingange des äussern Gehörganges herausdrückt. 
Auf den Haarbalg scheint die Milbe keinen nachtheiligen 
Einfluss auszuüben und wenn sie auch in den sogenannten 
CGomedonen angetroffen wird, so ist dieses keineswegs die 
Regel; ich habe sie im Gegentheil nur ausnahmsweise in 
wirklichen Comedonen gefunden, gewöhnlich in ganz ge- 
.sunden Haarbälgen. Ob sie auch an andern Körperstellen 
als gerade an der Nase und im Gehörgang vorkömmt, kann 
ich noch nicht entscheiden ; ich habe wiederholt die Haut 
von verschiedenen Körpergegenden, von sogenannten nack- 
ten und von stark behaarten untersucht, und zwar bei 
Leichen, bei denen ich den Parasiten im Ohr oder an der 


Nase aufgefunden hatte, ohne je denselben anzutreffen, 


198 


Sımox hat dem Thierchen vorläufig den Namen Acarus 
follieulorum gegeben, den es indessen nicht behalten kann; 
es gehört zwar ohne Zweifel in die Familie Acarina, aber 
keineswegs zum genus Acarus, wie es Nırzsch eingegränzt 
hat; überhaupt lässt es sich in keinem der bisher aufge- 
stellten gezera unterbringen; ich erlaube mir daher für das- 
selbe, in Berücksichtigung seiner hervorstechenden Eigen- 
thümlichkeiten, den Namen Macrogaster platypus vorzu- 
schlagen (Maxeos longus, vaoınp abdomen, zAarVs latus, 
zoÜs pes). ? 


D. 16. März. Herr Prof. Mieschrr, über eigen- 
thümliche Schläuche in den Muskeln einer 
Hausmaus. 

Bei der Untersuehung dieser Maus, welche in meiner 
Wohnung gefangen worden war, fiel mir gleich beim Ab- 
ziehen des Fells ein sonderbares gestreiftes Aussehen der 
Muskeln, die etwas blässer waren, als gewöhnlich, in die 
Augen. Dasselbe rührte von milchweissen ziemlich starken 
Fäden her, welche: in kleinern oder grössern, nicht regel- 
mässigen Zwischenräumen zwischen den Muskelbündeln ver- 
liefen. Sämmtliche Muskeln des Rumpfes, der Extremitä- 
ten, des Halses und Gesichtes, die Augenmuskeln so wie 
auch das Zwerchfell zeigten diese Beschaffenheit; die Mus- 
keln der Zunge dagegen, so wie diejenigen des Kehlkopfes 
und des Schlundes und alle unwillkührlichen Muskeln, näm- 
lich die des Herzens, der Speiseröhre und des Darmcanals 
verhielten sich normal. 

So viele Mäuse ich auch vorher schon zu verschiede- 
nen Zwecken secirt hatte, war mir doch nie etwas Aehn- 
liches vorgekommen und auch nachher suchte ich bei ei- 
ner grossen Anzahl vergebens darnach. Ich muss mich 
daher in dieser Mittheilung lediglich auf das beschränken, 
was mich die genauere Untersuchung dieses einzigen Falles 


199 


gelehrt hat; wobei ich zum Voraus bekenne, dass es mir 
nicht gelungen ist, die Natur der fraglichen Muskelkrank- 
heit vollkommen zu enträthseln. 

Die milchweissen Fäden, welche den Muskeln das ge- 
streifte Ansehen ertheilen, finden sich sowohl an der Ober- 
fläche, wie im Innern der Muskeln und laufen beständig 
den Muskelfasern parallel; an den Bauchwandungen bilden 
sie, indem sie sich in drei verschiedenen Richtungen kreu- 
zen, ein schönes Gitterwerk und zeigen sehr deutlich den 
Verlauf der Fasern in den drei platten Bauchmuskeln an. 
Auch ihre Länge wird bestimmt durch die Länge der Mus- 
kelfasern und ist daher sehr verschieden ; jeder einzelne 
Faden ist genau so lang als die Muskelparthie in welcher 
er liegt; niemals geht ein Faden von einem Muskel auf 
den andern über, und wo das Muskelfleisch durch inscrip= 
tiones tendine® in mehrere Bäuche getheilt wird, ist auch 
der Verlauf der weissen Fäden unterbrochen. 

Unter dem Mikroscop stellt sich nun jeder einzelne Fa- 
den als einen cylindrischen, an beiden Enden sich ver- 
schmächtigenden und in eine stumpfe Spitze zulaufenden 
Schlauch dar, welcher von einem körnigen Inhalt strotzend 
angefüllt ist nnd in seiner äussern Gestaltung am meisten 
an den Leib einer filaria erinnert, eine Aehnlichkeit, die 
noch dadurch vermehrt wird, dass der Schlauch in unre- 
gelmässigen Zwischenräumen leichte Einschnürungen zeigt 
und nicht so gestreckt verlauft wie die Muskelfasern, son- 
dern hier und da wellenförmige Biegungen beschreibt. Die 
Dieke der Schläuche beträgt ungefähr das 4—Ö6fache des 
Durchmessers der Muskelbündel; er variirt nämlich von 
4ı—Vs3 Par. Linie. Eine einfache durchaus structurlose 
Membran bildet die Wandungen der Schläuche; aus dicht- 
gedrängten und wie untereinander zusammengebackenen 
Körnern besteht der Inhalt derselben. Die Körner haben 
einen bestimmten eigenthümlichen Charakter und lassen 


200 


sich nicht leicht mit andern bekannten Gebilden verglei- 
chen ; weitaus die meisten sind länglich und nierenförmig 
gebogen ; ihre Länge beträgt 0,0034—0,0054 Par. bei 
einer Dicke von 0,0014—0,0024, und zwar ist dabei zu 
bemerken, dass je grösser die Länge eines Körperchens, 
um so geringer die Dicke desselben; andere in kleinerer 
Anzahl sind sphärisch und von ziemlich gleichbleibender 
Grösse; ihr Durchmesser variirt von 0,0027 —0,0031. Zwi- 
schen diesen beiden Formen finden sich die mannigfaltig- 
sten Uebergänge, welche nicht zweifeln lassen, dass die 
einen, nämlich die nierenförmigen, eine höhere Ausbildung 
der andern sind, Ueber die Natur dieser Körperchen lässt 
sich bei ihrer Kleinheit nicht viel erkennen; jedoch kann 
man sich mit Bestimmtheit überzeugen, dass sie keine ein- 
fachen Zellen sind; ihr Inneres besteht aus Körnchen oder 
ganz kleinen, nicht messbaren Bläschen, die warscheinlich 
von einer einfachen Membran umschlossen und zusammen 
gehalten werden. 

Was sind nun diese Schläuche, was die darin in so 
ungeheurer Anzahl vorhandenen eigenthümlich gestalteten 
Körperchen? Die Antwort auf diese Frage muss ich vor 
der Hand schuldig bleiben. Es bieten sich zwei mögliche: 
Erklärungen der beschriebenen Erscheinungen dar. Ent- 
weder nämlich haben wir darin einen eigenthümlichen 
Krankheitszustand der Muskeln zu erblicken, welcher sich 
nur auf einzelne Muskelbündel beschränkt und hauptsäch- 
lich darin besteht, dass statt der Muskelfibrillen sich jene 
Körperchen in der structurlosen Hülle des Muskelbündels 
erzeugen, sich anhäufen, die Hülle ausdehnen und in jene 
Schläuche umwandeln. Oder aber, was eine grössere Wahr- 
scheinlichkeit für sich hat, wir haben es mit einer eigen- 
thümlichen parasitischen Bildung zu thun, welche sich die 
Hülle der Muskelbündel zur Wohnstätte auserwählt und 
daraus die eigentliche Muskelsubstanz verdrängt. Hiefür 


201 


spricht namentlich das Verhalten der um die Schläuche an- 
liegenden Gewebe, welche in keiner Weise krankhaft ver- 
ändert erscheinen, wie es bei den uns bekannten patholo- 
gischen Processen sonst immer der Fall ist; während wir 
häufig zu sehen Gelegenheit haben, dass Parasiten in und 
zwischen den Geweben sich aufhalten, ohne irgend eine 
entzündliche Reaktion in denselben hervorzurufen. Dass 
die Membran der Schläuche identisch ist mit der Hülle der 
Primitiv-Muskelbündel, davon glaube ich mich bestimmt 
überzeugt zu haben, indem ich hier und da Schläuche 
fand, an deren einem Ende noch ein Stück eines unverän- 
derten Muskelbündels als unmittelbare Fortsetzung aufsass. 
Die in den Schläuchen angehäuften Körperchen wären so- 
mit der eigentliche Parasit; ob derselbe vegetabilischer 
oder thierischer Natur sei, darüber mögen fernere Unter- 
suchungen entscheiden. 

Zum Schlusse erlaube ich mir noch, an eine Beobach- 
tung von Bownmann zu erinnern, welche einiges Licht auf 
die beschriebene Beschaffenheit der Muskeln der Hausmaus 
werfen kann. Bowmann nämlich fand unter den Muskel. 
bündeln eines sonst gesunden Aales einen Primitivmuskel- 
bündel, der einer durchsichtigen Röhre glich, und eine 
Menge (über 100) kleinere, nach Art der Trichina spiralis 
zusammengerollter, schmarotzender Würmer enthielt. Die 
Scheide der primitiven Muskelbündel, welche diese Röhre 
bildete, war unversehrt, und liess in ihrem Innern auch 
keine Spur von primitiven Fasern erkennen, indem diese 
wahrscheinlich den Würmern zum Futter gedient hatten. 
Aus den nachher an beiden Enden angerissenen Röhren 
schlüpften mehrere Würmchen hervor und bewegten sich 
auf mannigfache Weise. Sie hatten eine Länge von Yas ”, 
waren an dem einen Ende stumpf abgerundet, an dem an- 
dern dagegen stark verschmächtigt. In ihrem Innern ent- 
hielten sie blasig-körnige Masse ohne irgend eine auffal- 


202 


lende Struktur; nirgends war an’ der Oberfläche der Thiere 
eine Oeffnung zu entdecken. Zwischen diesen Würmern 
befanden sich in jener Röhre ovale Körperchen, welche in 
Grösse den zusammengerollten Würmern gleichkamen; bei 
näherer Untersuchung stellten die ovalen,Körper eine Cyste 
vor, welche blasig-körnige Masse enthielt und unentwickelte 
Würmer darzustellen schien. Kein anderer Muskelbündel 
des Aals zeigte ein ähnliches Verhalten; freilich wurde aus 
Mangel an Zeit in dem Aale nicht ganz genau darnach ge- 
sucht, Diese Würmer erinnerten Bownmann zwar an Tri- 
china spiralis; doch unterscheiden sie sich von diesem 
Parasiten bestimmt dadurch, dass Trichina spiralis immer 
ausserhalb der Muskelbündel-Scheiden in einer Oyste für 
sich wohnt, während jene Würmer gesellig in einer röh- 
renförmigen Scheide leben. (cf. Bownann, or the minute 
structure and movement of voluntary muscle, in Philos. 
Transact. 1840. T. I p. 480, daraus im Auszug in Wıec- 
manx’s Archiv 1841. Jahresbericht p, 296). 


D. 31. März 1841. Herr Prof. VArentın aus Bern, 
als Gast anwesend, legt der Gesellschaft ein schönes Exem- 
plar von Siren lacertina vor und knüpft daran einige all- 
gemeine Bemerkungen über die Familie der Reptilien, wel- 


che den Uebergang zu den Fischen bilden. 


D. 10. Nov. 1841 zeigt Herr Seur ein Exemplar der 
hier selten vorkommenden Scutigera araneoides vor. 


203 


v1. ANTHROPOTOMIE, ZOOTOMIE 
UND PHYSIOLOGIE. 


D. 10. u. 24. Nov. 1841 gibt Herr Dr. E. Hıcensach 
eine nähere Beschreibung von einzelnen Organen des Cro= 
codilus lucius, wie sie ihm bald nach der Sektion des noch 
im frischen Zustande befindlichen Thieres von Herrn Prof. 
Mıec zur genauern Untersuchung überlassen wurden: näm- 
lich der Zunge, des Kehlkopfs, der Lungen, des Herzens 
und der Augen. 

Der Verfasser beginnt mit der Beschreibung der Zunge, 
welche sich als einen länglichten, plattgedrückten , nach 
vorn zugespitzten fleischigen Körper darbietet, der von al- 
len Seiten an den Boden des Mundes fest angedrückt ist. 
Sie ist vorn am dünnsten und nimmtgegen die Basis merk- 
lich an Dicke zu, wo sie einen konkav gestalteten Rand 
zeigt. An diesen Rand legt sich der hervorspringende 
obere Theil des Zungenbeins, welcher hier einigermassen 
die Stelle einer Epiglottis vertritt, Die Haut, womit die 
Zunge an den Boden der Mundhöhle befestigt ist, bietet 
eine rauhe, feilenartige Oberfläche dar, welche bei genaue- 
rer Untersuchung eine Menge von einzelnen, in linienarti- 
gen Reihen verlaufenden, harten Schüppchen zeigt, die mit 
einem fein ausgezackten Rande versehen sind. Da, wo sie 
den vordern Theil der Zunge überzieht, behält sie eben- 
falls diese rauhe Beschaffenheit, nur mit dem Unterschiede, 
dass hier keine Schüppchen mehr, sondern Körnchen zu 
bemerken sind, welche sich in spiralförmig gewundenen 
Linien um jede einzelne Geschmackswarze herumlegen. Gegen 
den hintern Theil der Mundhöhle geht der rauhe körnige 
Theil auf einmal, durch eine Queerlinie abgegrenzt, in den 


204 


schleimhäutigen Theil über, welcher nun auch den übri- 
gen Theil der Zunge überzieht. Deutliche Geschmacks- 
warzen konnte der Verfasser nur an dem vordern Theile 
der Zunge beobachten, an dem übrigen Theile bemerkte 
er nur einzelne kleinere Grübchen, welche ihm Ausmün- 
dungen von Schleimdrüschen zu seyn schienen. Die Sub- 
stanz der Zunge besteht grösstentheils aus einer fettarti- 
gen Masse, welche nach unten, wo sie unbedeckt da liegt, 
ein drüsenartiges Aussehen darbietet. Eine wirkliche Un- 
terkieferdrüse, wie sie Mayer in Bonn (Analekten für ver- 
gleichende Anatomie, erster Theil) annimmt und beschreibt, 
konnte der Verfasser nicht unterscheiden. 

Aus dem Mitgetheilten geht ziemlich einleuchtend her- 
vor, dass die Zunge des Krokodils nicht nur als Geschmacks- 
organ, sondern auch als Bewegungsorgan auf einer niedern 
Stufe steht. Die wichtigste Funktion scheint sie dem Ver- 
fasser als Schlingorgan zu verrichten, da sie bei gleichzei- 
tig gehobenem Zungenbeine die Speisen gegen den Rachen 
andrückt und somit das Hinuntergleiten derselben befördert. 

Hinter der Zunge befindet sich nun eine grosse rund- 
liche Vertiefung, welche in ihrem ganzen Umfang von ei- 
ner Schleimhaut, (die als die Fortsetzung der Mundschleim- 
haut zu betrachten ist) überzogen ist. Man könnte sie als 
den isthmus faucium bezeichnen. Sie wird nach vorn und 
zum Theil seitlich durch einen fast senkrecht in die Höhe 
stehenden, starken knorplichten Körper, welcher bei geöff- 
netem Rachen sogleich in die Augen fällt, nach hinten aber 
durch einen wulstartig hervorragenden Rand der Schleim- 
haut des Rachens gebildet, den man als ein Rudiment des 
velum palatinum betrachten könnte. Jener knorplichte 
Körper ist der obere freistehende Theil des sehr stark ent- 
wiekelten Zungenbeins, welcher hier als eine Art von Kehl- 
deckel zu funktioniren scheint. Aus der Mitte der genann- 


ten Vertiefung erhebt sich, ebenfalls von derselben Schleim- 


205 


haut bedeckt, als ein konvex gestalteter, sanft abgerunde- 
ter Körper der Kehlkopf, von welchem später die Rede 
seyn wird. 

Das Zungenbein, dessen Beschreibung sich am füg- 
lichsten an die der Zunge anschliessen lässt, zeigt bei’m 
Krokodil eine ganz eigenthümliche Bildung. Es stellt das- 
selbe einen grösstentheils aus Knorpelmasse bestehenden, 
von einer starken fibrösen Haut überzogenen Körper dar, 
dessen Gestalt am besten mit einem Wappenschilde vergli- 
chen wird. Es ist nämlich fast viereckig gestaltet, oben 
etwas breiter als unten und hat nach aussen eine gleich- 
mässig konvexe, nach innen eine konkave Fläche, und läuft 
nach oben in den schon früher erwähnten kehldeckelarti- 
gen Rand aus. Der untere Rand des Zungenbeins ist ein- 
wärts geschweift und läuft zu beiden Seiten in eine stum- 
pfeEcke aus. An den beiden Seitenrändern, wo der Knor- 
pel am dicksten und härtesten ist, indem er hier in wirk- 
liche Knochenmasse übergeht, befindet sich, ungefähr in 
der Mitte, ein rundlicher Einschnitt. Diesen füllt ein an- 
sehnlicher Knochenfortsatz, das sogenannte Zungenbeinhorn 
aus, welches daselbst nach Art eines Gelenkes beweglich 
eingefügt ist und durch ein besonderes fibröses Band fest- 
gehalten wird. Die Zungenbeinhörner bilden zwei längliche 
Schenkel, welche zuerst rundlich gestaltet sind, und dann, 
nachdem sie sich unter einem stuinpfen Winkel einwärts 
gebogen haben, in ein plattes fast dreieckig gestaltetes 
knorplichtes Ende auslaufen. An diese Hörner setzen sich 
die meisten Muskeln fest, welche zur Bewegung des Zun- 
genbeins dienen. Von der innern Fläche des Zungenbeins, 
den mittlern Raum einnehmend, erhebt sich der Kehlkopf, 
welcher durch bloses Zellgewebe an jene befestigt ist. 

Unter den beiden Muskeln, welche die Zunge. bewe- 
gen und sich mit der Substanz derselben vermengen, wo- 
von der eine der Vorwärtszieher, der andere der Rück- 


206 


wärtszieher genannt wird, verdient der letztere wegen: sei- 
ner eigenthümlichen Beschaffenheit eine besondere Berück- 
‚sichtigung. Es spaltet sich nämlich dieser ansehnliche, 
fleischige Muskel, den man als musc. hyoglossus oder ce- 
rato-glossus bezeichnet, bald nach seinem Ursprunge vom 
mittlern Theile des Zungenbeinhorns in S bis 9 einzelne 
Bündel, welche sich gegenseitig durchkreuzen, wodurch 
der ganze Muskel die Gestalt einer plattgedrückten Aehre 
annımmt. Die sich so durchflechtenden Faserbündel sen- 
ken sich in die Fettmasse der Zunge und erstrecken sich, 
diese durchdringend, theils an den seitlichen Rand, theils 
an die vorderste Spitze derselben, wo sie sich häufig mit 
den Fasern des Vorwärtsziehers der Zunge, oder dem 
musc. genioglossus vermengen. Was nun diesen letztern 
Muskel betriift, so. besteht er ganz vorn an der Spitze der 
Zunge, wo er an den innern Winkel des Unterkiefers be- 
festigt war, aus zwei starken Muskelbündeln. Diese wer- 
den bald nach ihrem Ursprunge allmählig dünner und lö- 
sen sich, so wie sie den beiden Seitenrändern der Zunge 
näher rücken in lang gezogene Fasern aus, welche fast pa- 
rallel aneinander gereiht, die Gestalt. einer Membran an- 
nehmen. 

Der Verfasser erwähnt noch eines zweiten, kleinern 
musc. genioglossus, den Becker und Cuvier beschreiben, 
den er selbst aber an seinem Exemplare nicht auffinden 
konnte. 

In die Beschreibung der übrigen ziemlich zahlreichen 
und zum Theil sehr ansehnlichen Muskeln des Zungenbeins 
kann der Verfasser nicht mit Genauigkeit eintreten, da die- 
selben von ihrem respektiven Ansatzpunkte abgeschnitten 
und somit nur vermuthungsweise definirt werden konnten. 

Der Kehlkopf nimmt, wie schon oben bemerkt wor- 
den, den mittlern konkaven Raum des Zungenbeins ein. 
Er ist äusserlich von derselben Schleimhaut bekleidet, welche 


207 


den obern Theil des Schlundes überzieht, doch hat die- 
selbe hier eine zärtere, fast sammtartige Beschaffenheit und 
ist faltenlos. In der Mitte öffnet sich als eine ungefähr 
einen Zoll lange Spalte die Stimmritze, welche zu beiden 
Seiten von einem stark aufgewulsteten Rande begrenzt ist. 
Er besteht aus zwei Knorpeln, einem Ringknorpel (carti- 
lago cricoidea) und einem paarig vorhandenen giesskannen- 
förmigen Knorpel (cartilago arytenoidea). Der Ringknor- 
pel, dessen hintere Fläche eine breite Wand bildet, wäh- 
rend die vordere um mehr als 2 Drittheile schmäler ist, 
scheint seiner Lage und Construction zufolge den Schild- 
knorpel zu ersetzen, welcher hier gänzlich fehlt. Die 
‚Giesskannenknorpel stellen zwei einzelne Bögen dar, des- 
sen beide Schenkel nach oben in einem fast spitzen Winkel 
zusammenlaufen. Der vordere dieser Bogenschenkel setzt 
sich mitten auf den vordern, der hintere mitten auf den 
hintern Rand des Schildknorpels fest. Der Zwischenraum 
zwischen beiden Schenkeln wird durch eine feine seröse 
Haut ausgefüllt. 

An diese beiden Knorpel sind nun äusserlich mehrere 
Muskeln befestigt, welche vorzüglich zur Erweiterung und 
Verengerung der Stimmritze dienen. Der Erweiterer der 
Stimmritze entspringt mit einem schmälern Theile vom 
‚Zungenbeine, mit einem breitern vom Seitenrande des Ring- 
knorpels und setzt sich an den wulstigen Rand der Stimm- -» 
ritze. Zieht sich der Muskel zusammen, so entfernt er 
die beiden Schenkel der Giesskannenknorpel, (welche auf 
ihrer Unterlage beweglich eingefügt sind), von einander 
und erweitert somit die Oeffnung der Stimmritze. Der 
andere Muskel, welcher die Stimmritze verengt, und zu- 
gleich geeignet ist, den Ringknorpel etwas zusammenzu- 
‚drücken, überzieht fast den ganzen Kehlkopf und setzt sich 
mit einer gemeinschaftlichen Sehne an die Giesskannen- 
'knorpel fest. Die Wirkung dieses Muskels wird noch durch 


208 


einen viel kleinern unterstüzt, welcher vom obern Rande 
des Ringknorpels entspringt und sich an den innern Rand 
des vordern Schenkels des Giesskannenknorpels ansetzt. 

Die Luftröhre stellt einen 14%, Zoll langen, von 
vorn nach hinten etwas zusammengedrückten Cylinder dar, 
der von oben nach unten allmählig schmäler zulaufend, 
sich in 2 Aeste theilt, wovon jeder in die Lunge der ent- 
sprechenden Seite (von hinten) eindringt. Von den 66 Knor- 
pelringen , welche die Luftröhre zusammensetzen, sind 53 
vollkommen geschlossen, die 13 obersten hingegen bieten 
nach vorn eine Lücke dar, welche durch die fibröse Haut 
ausgefüllt wird, die die Zwischenräume zwischen den ein- 
zelnen Knorpeln überzieht. Die Zahl dieser unterbroche- 
nen Knorpel scheint übrigens nicht konstant zu seyn, da 
HumsoLp ihrer nur 9, WGeorrroy St. Hıraıre 10, Duvernay 
16, und andere Schriftsteller noch mehr angeben. Der 
linke Luftröhrenast ist etwas länger als der rechte, der 
rechte dagegen etwas breiter und stärker als jener. Die 
einzelnen Knorpelringe zeigen hier nicht mehr die regel- 
mässige, gleichförmige Construktion wie an der Luftröhre; 
öfter sind zwei miteinander verwachsen. 

Die Lungen stellen zwei längliche, nach oben und un- 
ten etwas zugespitzte Säcke dar, welche im unaufgeblase- 
nen Zustande eine rundliche und faltige Oberfläche haben. 
Werden sie aufgeblasen, so nehmen sie bedeutend an Um- 
fang zu und es erhebt sich dann die ganze Oberfläche zu 
einer Menge dicht aneinander gereihter, grösserer oder 
kleinerer Bläschen. Die äussere Haut der Lungen, welche 
sehr zart und halb durchsichtig ist, wird in ihrem ganzen 
Umfange. von der pleura überzogen, und zwar so, dass 
die letztere überall durch Zellgewebe innig an dieselbe be- 
festigt ist. Es erfordert daher eine besondere Vorsicht, 
diese beiden Häute von einander zu trennen; nur allzu- 
leicht verletzt man bei dieser Arbeit die zarte Membran 


209 


des Lungensackes und verliert somit den Vortheil, die Lunge 
in ihrem ganzen Umfange aufzublasen. 

Bei einer sorgfältigern Untersuchung erkennt man bald, 
dass in jeder Lunge verschiedene von einander abgeson- 
derte Räume oder Höhlen vorhanden sind, welche durch 
ein eigenthümliches Geflecht von maschen- oder netzartig 
gebauten Faserbündeln gebildet werden, und in deren jede 
ein Theil der Luftröhre mit freier Oeffnung einmündet. 
Der Verfasser unterschied 4 grössere solcher Höhlen, wo- 
von 2 in dem obern, und 2 in dem untern Theile der 
Lunge sich ausbreiteten, und 4 bei weitem kleinere, wel- 
che den mittlern Theil derselben einnahmen. Bemerkens- 
werth ist es, dass in jeder der grössern Höhlen die be- 
zeichneten Maschen oder Netze (welche im Ganzen genom- 
men am besten mit den trabeculis carneis der Herzkam- 
mern verglichen werden können), auf eine besondere Weise 
angeordnet sind, wodurch sich jede, abgesehen von dem 
Umfang und der Form, merklich von der andern unter- 
scheidet. Der Verfasser glaubt übrigens, dass der Bau 
der, Krokodil- Lungen im Ganzen noch lange nicht hinläng- 
lich untersucht und bekannt sey. 

Als etwas Eigenthümliches muss endlich die Art und 
Weise bezeichnet werden, wie die Luftröhre sich in den 
einzelnen Lungenhöhlen endigt. Es geschieht diess näm- 
lich nicht auf die Weise, dass die den beiden Lungen ent- 
sprechenden Luftröhrenäste sich immer mehr verästeln und 
vertheilen, und in Verbindung mit den verschiedenen Lun- 
gengefässen sich allmählig in die Substanz dieses Organs 
gewissermassen auflösen, sondern die beiden Luftröhren- 
äste hören wie mit einem Male auf, indem sie in mehrere, 
theils grössere , theils kleinere Oeffnungen auslaufen, wel- 
che unmittelbar in die oben bezeichneten Höhlen einmün- 
den. Gewöhnlich zeigen die Ränder der grössern Aus- 
gänge mehrere hervorspringende Zacken oder Spitzen, an 


14 


210 


welche sich, ähnlich wie bei den Valveln des Herzens, die 
srössern Trabekein des Maschennetzes ansetzen, und in- 
dem sie an dieser Stelle eine viel solidere (fibrös -kartila- 
ginöse) Beschaffenheit annehmen, zum Stützpunkte dersel- 
ben dienen. 

Das Herz des Krokodils ist wie bei den Säugethieren 
in einen Herzbeutel eingeschlossen, doch besteht er nicht, 
wie bei jenen, aus einer serösen, sondern aus einer fi- 
brösen Membran, welche ein sehr starkes, fast lederar- 
üges Aussehen hat.. Es hängt diese Haut unmittelbar mit 
der Sehnenhaut des Zwerchmuskels zusammen, mit wel- 
cher sie in ihrer Consistenz und übrigen Beschaffenheit 
ziemlich übereinstimmt. 

Das Herz selbst besteht nach den genauesten und rich- 
ügsten Untersuchungen, wie bei den Säugethieren und Vö- 
geln aus 4 von einander vollständig abgegrenzten Höhlen, 
2 Vorkammern nämlich und 2 Herzkammern. Die Grösse 
desselben ist im Vergleiche mit derjenigen des ganzen Kör- 
pers keineswegs beträchtlich; es mag dasselbe ungefähr so 
gross seyn wie das Herz eines 6 oder Sjährigen Kindes. 
Die Form des eigentlichen Herzens oder der beiden Herz- 
kammern hat so ziemlich Aehnlichkeit mit dem menschli- 
chen Herzen, indem es ebenfalls konisch gestaltet ist. Als 
etwas Eigenthümliches muss bei der Beschreibung der äus- 
.sern Konformation des Herzens erwähnt werden, dass alle 
von den beiden Herzkammern abgehenden Gefässstämme 
in einen gemeinschaftlichen Sack von sehr ansehnlicher Aus- 
dehnung (cozus s. bulbus arteriosus) sich vereinigen. In 
ihn münden sich die beiden Haupt - Aortenstämme sowohl 
als die Lungenarterie, doch ist jedes dieser Gefässe durch 
eine Zwischenwand von dem andern getrennt. Bemerkens- 
werth ist noch, dass das Herz an seiner Spitze durch ei- 
nen starken, sehnichten Fortsatz an den Herzbeutel gehef- 
tet ist. Was nun die einzelnen Theile des Herzens betrifft, 


211 


so hebt der Verfasser folgende Punkte hervor. Die rech- 
teVorkammer ist sehr geräumig und besteht aus einem 
häutigen Sacke mit faltiger Oberfläche, welcher sich im 
Ganzen der dreieckigen Form annähert. Den nach innen 
befindlichen Vorsprung oder Anhang kann man als Herz- 
ohr bezeichnen. Es münden sich in dieselbe drei ganz 
dünnhäutige Venen, die ven& cav@, zwei obere, eine 
rechte und eine linke, und eine untere. Ehe diese Venen 
die Kammer erreichen, vereinigen sie sich in einem häuti- 
gen Sacke oder Sinus, der vollkommen gleich beschaffen 
ist wie die Venen selbst. Die Wände der Kammer sind 
mit einer dünnen Schicht von ästig verlaufenden Muskel- 
fasern (sogenannten trabeculis carneis) überzogen. 

Die rechte Vorkammer mündet mit einer ziemlich an- 
'sehnlichen Oeffnung in die rechteHerzkammer. Diese 
Oeffnung ist von zwei deutlichen Klappen oder Valveln be- 
grenzt, wovon die äussere stärkere muskulös, die innere 
aber nur häutig ist. Die Wände dieser Kammer sind ziem- 
lich dünne, doch erstrecken sich über dieselbe in verschie- 
dener Richtung ansehnliche Muskelbündel. Nach oben, un- 
gefähr da, wo im menschlichen Herzen die Vorkammer 
sich einmündet, befindet sich der Eingang in die linke her- 
absteigende Jorta und an dieser Stelle bemerkt man zwei 
starke halbmondförmige Klappen. Gleich hinter diesen 
Klappen, noch mehr nach oben und links befindet sich 
eine Art von Sinus, welcher sich in die für die Arteria 
pulmonalis bestimmte Abtheilung des conus arteriosus hin- 
ein erstreckt. Diese letztere Abtheilung, welche sich wei- 
terhin in zwei Hauptäste, einen rechten und einen linken 
Lungenast spaltet, nimmt unter den drei Hauptstämmen, 
welche den conus arteriosus zusammensetzen, bei weitem 
den grössten Raum ein. Wenn man die innere der vorhin 
erwähnten Klappen, welche den Eingang zur linken Aorta 
begrenzen, einschneidet, so stösst man auf einen ansehn- 


212 


liehen Knorpel von fast knöcherner Consistenz, welcher 
wahrscheinlich zum Stützpunkte der Klappen dient. In der 
Mitte desselben befindet sich eine rundliche Oeffnung, wel- 
che für die Bedeutung des Kreislaufs von besonderer Wich- 
tigkeit ist, (wie sich später zeigen wird). 

In die linke Vorkammer münden, ebenfalls durch 
Vermittlung eines besondern Sizus die beiden Yen pulmo= 
nales. Sie ist bei weitem (wohl um das Afache) kleiner als 
die rechte und hat eine unregelmässige, längliche Gestalt 
und zeigt an ihrer Oberfläche mehrere starke Einschnitte 
und Vertiefungen. ImInnern ist sie mit einem feinen, fast 
netzartigen Geflechte von Fleischfasern besetzt. Der Eingang 
in die linke Herzkammer ist durch zwei ansehnliche 
Klappen begrenzt, welche beide eine häutige Beschaffenheit 
haben. Die linke Herzkammer ist eiwas plattgedrückt und 
zeigt an ihrer Oberfläche deutliche Muskelfasern, welche 
von der Basis gegen die Spitze hin in concentrischen Krei- 
sen zusammenlaufen. Sie hat sehr dicke Wandungen, im 
Verhältniss noch dickere als bei’'m menschlichen Herzen, 
welche inwendig mit starken, vielfach sich durchkreuzen- 
den Fleischfasern besetzt sind. Demzufolge ist der innere 
Raum dieser Kammer sehr klein. Nach oben und etwas 
nach rechts vom oben bezeichneten Ostium venosum be- 
findet sich der Eingang in die rechte herabsteigende Jorta 
und in die für den Kopf und die obern Extremitäten be- 
stimmten Gefässe. Die erstere ist nur durch eine unvoll- 
ständige Scheidewand von der letztern getrennt. Diese 
bestehen aus zwei einzelnen Stämmen, einem schwächern, 
mehr nach rechts gelegenen, und einem stärkern mehr 
nach links laufenden Aste, welcher sich bald wieder in 
zwei Aeste theilt. Durch diese Gefässe werden der Kopf 
und Hals, so wie die obern Extremitäten mit Blut versorgt. 

Der Kreislauf ist nun, der angegebenen Beschreibung 
zufolge, bei’'m Krokodile folgender: Aus der rechten Vor- 


213 
kammer, welcher die ven® cava das Blut zugeführt haben, 
fliesst dasselbe in die rechte Herzkammer, aus dieser gleich- 
zeitig in die linke herabsteigende Aorta und in die Lun- 
genarterie; aus den Lungen ergiesst sich das gereinigte 
oxydirte Blut durch die Lungenvenen in die linke Vorkam- 
mer, aus dieser durch das ostium venosum in den linken 
Ventrikel, und von da aus theils in die rechte herabstei- 
gende Aorta, theils in die für den Kopf und die obern 
Extremitäten bestimmten Gefässe. So vollständig dieser 
Kreislauf (wenigstens im Vergleich mit den übrigen Fami- 
lien der Amphibien) auf den ersten Blick erscheint, so 
ergeben sich doch bei einer genauern Erwägung der Ver- 
hältnisse mehrere Unvollkommenheiten, die hier in Kurzem 
angeführt werden sollen. Erstens geht ein Haupt- Arterien- 
stamm, die linke herabsteigende Aorta (welche die Unter- 
leibseingeweide mit Blut versorgt) von der rechten Herz- 
kammer ab, und es bleibt somit das in diesem Arterien- 
stamme enthaltene Blut vom Kreislauf durch die Lungen 
ausgeschlossen, und enthält blos venöses Blut. Zweitens 
befindet sich an der Basis der beiden Aorten-Klappen eine 
schon oben erwähnte Oeffnung, wodurch die Räume des 
rechten und linken Aorten- Stammes mit einander kommu- 
niziren, und somit das gereinigle arterielle Blut des rech- 
ten Aorten- Stammes mit dem venösen des linken vermischt 
wird. Endlich drittens befindet sich ein Verbindungsgefäss 
zwischen den beiden herabsteigenden Aorten -Stämmen, wo- 
durch ebenfalls eine Vermischung beider Blutströme her- 
beigeführt wird. 

Der Verfasser bemerkt, dass seine eigenen Untersu- 
chungen mehr mit den Angaben Mecxer’s übereinstimmen 
als mit denjenigen Cuvıer’s, welcher bekanntlich die bei- 
den Herzkammern desKrokodils als eine gemeinschaftliche, 
aus drei Abtheilungen bestehende Herzkammer betrachtet. 
Uebrigens glaubt er, dass die Bildung und innere Einrich- 


214 


tung des Herzens je nach den einzelnen Species merkliche 
Abweichungen darbieten mag. Als eine sehr willkommene 
Anleitung benützte er die sehr gründliche Beschreibung 
des Herzens von Crocodilus lucius, welche Bıscuorr in 
Mürter’s Archiv (Jahrgang 36. p. 1. und folgende) mitge- 
theilt hat. 

Schliesslich theilt der Verfasser noch die wichtigsten 
Punkte über die Augen des Krokodils mit. Der Aug- 
apfel ist nicht rundlich wie bei’m Menschen und den mei- 
sten Säugethieren, sondern plattgedrückt und zwar in der 
Richtung von vorn nach hinten, so dass er mit einer Zwie- 
bel verglichen werden kann. Die Grösse desselben mag 
ungefähr derjenigen des Kalbsauges gleichkommen. Die 
vordere Fläche nimmt die Hornhaut ein, welche einen 
ovalen Umkreis bildet. Sie befindet sich, wenn man den 
Augapfel von vorn betrachtet, nicht ganz in dessen Mitte, 
sondern etwas über derselben. Die Sclerotica hat ıhrem Aeus- 
seren nach viele Aehnlichkeit mit derjenigen des Säugthier- 
Auges, indem sie ebenfalls, wie die meisten fibrösen Häute, 
ein matt silberglänzendes Aussehen darbietet; doch unter- 
scheidet sie sich von jenem wesentlich dadurch, dass sie 
in ihrem grössten Umfange eine knorplichte Konsistenz 
zeigt, so dass dadurch das innere Auge wie von einer 
Kapsel umschlossen wird. Die Choroidea ist von einem 
schwarzen Pigment überzogen und zeigt einen grossen 
Reichthum an deutlich sichtbaren Gefässen. Letztere sind 
in 5 oder 6 Bündeln an dem vordern Rande angehäuft, 
von wo.aus sie sich in divergirender Richtung über die 
ganze Oberfläche verbreiten. An der inneren Fläche die- 
ser Haut, welche die äussere Fläche der Netzhaut berührt, 
bemerkte der Verfasser eine weissliche, schwach silber- 
glänzende Masse, welche mit dem Messer als ein feuchtes, 
gleichsam kaleinirtes Pulver, abgetragen werden konnte. Ob 
hier eine Art von Tapetum, wie es im Auge vieler Säuge- 


215 


thiere so schön beobachtet wird, oder eine wirkliche, selbst- 
ständige Membran vorkomme, wagte derselbe, da das Auge 
schon viel von seiner Frische verloren hatte, nicht zu ent. 
scheiden. Was den Sehnerven betrifft (die Nervenhaut 
selbst konnte nicht mehr im unversehrten Zustande beobach- 
tet werden) so war derselbe in einer besonderen fibrösen 
Scheide eingeschlossen und verhältnissmässig sehr dünn: 
auch zeigte er sich nicht ganz rundlich, wie er bei den 
höheren Thieren zu sein pflegt, sondern etwas plattgedrückt. 
Unter den übrigen Gebilden des Auges boten die Iris und 
das corpus ceiliare nicht uninteressante Abweichungen dar. 
Die Iris stellt eine gelblich-grüne Membran dar, welche 
in der Mitte durch eine länglichoväle, vertical gestellte 
Spalte, die Pupille, unterbrochen wird. Sie hat ferner das 
Eigenthümliche, dass sie keine Faserbildung zeigt, sondern 
eher ein fein granulirtes, körnichtes Aussehen hat. Die 
vordere Fläche derselben zeichnet sich durch ein sonder- 
bares Konvolut von schwarzen Gefässen aus, welche in 
traubenförmigen Bündeln an dem Giliarrande befestigt sind, 
und sich von da gegen die Pupille hin in vielfachen Win- 
dungen herabschlängeln. An der hinteren Fläche haben 
diese Gefässe keine so deutliche Zeichnung, sondern bieten 
mehr den Anblick einer Menge schwarzer, in einzelnen 
Gruppen bei einander stehender Punkte dar. Welchem 
Systeme die genannten Gefässe angehören, lässt der Ver- 
fasser dahin gestellt, am meisten Aehnlichkeit scheinen sie 
ihm, ihrer ganzen Anordnung nach, mit Saugadern zu be- 
sitzen. Die Iris setzt sich, wie bei den höheren Thieren, 
an das corpus ciliare oder den Strahlenkörper fest. Die- 
ser ist hier verhältnissmässig sehr breit, wohl ebenso breit 
als bei’ m Ochsenauge und im Ganzen viek vollkommener 
ausgebildet als bei den meisten übrigen Amphibien. Unter 
den durchsichtigen Gebilden des Auges konnte der Ver- 
fasser blos die Krystallinse einer genaueren Untersuchung 


216 


unterwerfen, da das Auge nicht mehr frisch genug war, 
um den humor aqueus und den Glaskörper rücksichtlich 
seiner physikalischen Eigenschaften mit gehöriger Genauig- 
keit zu erforschen. Die Linse war ziemlich stark ent- 
wickelt, sphärisch gestaltet, doch an der vordern Fläche 
etwas abgeplattet. Sie mochte ungefähr so gross sein wie 
die Linse des Ochsenauges; im Inneren enthielt sie einen 
rundlichen, harten Kern, von der Grösse einer stärkern 
Erbse. Sie war in einer besondern, sehr zarten Haut ein- 
geschlossen, die man bekanntlich als membrana capsulo= 
lenticularis bezeichnet. Sehr deutlich erkannte der Ver- 
fasser die membrana ciliaris oder Zonula Zinnü, welche 
sich an die vordere Fläche der Linse rings um den äussern 
Band ansetzt, so wie es ihm auch gelang, den Petit’schen 
Kanal durch Aufblasen darzustellen. 

Der Verfasser erläutert seinen Vortrag durch eine 
Reihe von Abbildungen, welche die einzelnen Gegenstände 
in ihrer natürlichen Grösse darstellen. 


D. 22. Dec. 1841 trägt Herr Dr. u. Prosector Nusser 
eine Abhandlung über die Schädelbildung des Krocodils 
vor, unter Vorweisung von Präparaten und erläuternden 
Zeichnungen. Gegenstand dieser Abhandlung ist 

4° die von HerovoT, ArıstoteLes, Privivs und unter 
den Neuern von Vesar. und Georrror St. HıLaıre, von letz- 
term besonders gegen PerrAuLr und Dvverney vertheidigte 
Behauptung, dass das Krocodil seinen Oberkiefer auf der 
untern Kinnlade bewege, während diese ruhig bleibe. 

2° Deutung der auf beiden Seiten des Craniums hin- 
ter den Augenhöhlen. befindlichen Löcher. 

30 die Felsenbeine. 

4° die Bulle ossew. 

5% die choan«. 


217 


In der Einleitung wird gezeigt, dass das Os transver- 
sum Cuv. pars pterygoidea s. pyramidalis des Gaumen- 
beins sei. Dieses Knochenstück liegt zwischen Flügelbein, 
Oberkiefer und Gaumenbein. Guvier hält es für ein 
demembrement des Keilbeins, gleich denjenigen Stücken, 
welche er frontal anterieur und posterieur nennt. GEOFFROY 
St. Hıraıre erklärt es für einen Theil des Gaumenbeins, 
von dem er vermuthet, dass es sich aus zwei verticalen 
Knochenkernen entwickle, und nennt es adgustal. Vid. 
Annales des sciences naturelles Tom. III. 1824 pag. 491. 

In der zweiten Ausgabe von Cuyıer’s Anatomie com= 
parde findet man pag. 519 in einer Note Folgendes über 
dieses Knochenstück: | 

„Beim Lamantin und Dugong bleibt die pars pterygoidea 
des Gaumenbeins lange vom @Gaumentheil getrennt, und 
kann als Analogon des Os transversum betrachtet wer- 
den, wenn man nicht lieber einen neuen Knochen in dem- 
selben erblicken will.” 

Demnach entspricht dieses Os transversum der pars 
pyramidalis des Gaumenbeins beim Menschen, wo die- 
selbe den Ausschnitt zwischen den beiden Platten des 
Flügelfortsatzes ausfüllt. Die grosse Lücke zwischen die- 
sen Knochen, dem Oberkiefer und dem horizontalen Theil 
des Gaumenbeins entspräche sodann dem Canalis pterygo- 
palatinus anterior, oder eigentlich der ganzen Fossa pterygo= 
palatina. 


Mechanismus der Kinnladen. 


Gründe Georrroy St. Hıraıre’s für die Behauptung, 
dass der Oberschädel allein sich bewege, während der 
Unterkiefer fast gar keine oder nur sehr geringe Beweg- 
lichkeit besitze.*) Der Halstheil der Wirbelsäule ist aus 7 


1 
*) GeorrroY berichtigt die von Hzropor angegebene Thatsache 
dahin, dass nicht der Oberkiefer allein, sondern der ganze 


218 

Halswirbeln zusammengesetzt, welche zwar vollkommen ge- 
trennt, aber nicht untereinander beweglich sind. Die Fort- 
sätze dieser Wirbel sind dergestalt vervielfältigt, so lang 
und aneinander gerükt, dass das Thier seinen Hals nicht 
bewegen kann, und der Halstheil der Wirbelsäule in Be- 
ziehung auf seine Function als ein einziger Knochen be- 
trachtet werden kann. 

Die geraden und schiefen Kopfmuskeln, welche sich 
dort anheften, und ihren zweiten Insertionspunkt am Hin- 
terhauptsbein haben, erheben den Schädel über den Hals 
in ein:m Kreis von 45°. 

Die Haut ist hinter der Hinterhauptsschuppe dünn, und 
lässt folglich alle Bewegungen zu, die dem Schädel mitge- 
theilt werden. Der Unterkiefer stekt im Gegentheil in ei- 
ner hökerigen, wenig beweglichen Haut, wie in einer Scheide. 
Setzt man eine hinlänglich grosse Muskelkraft voraus, um 
denselben herabzuziehen, so wäre er durch seine Umhül- 
lung daran verhindert. Er ist ferner durch sein hinteres 
Ende gefesselt. Denn der lange Fortsatz, welcher hinter 
der Gelenkfläche sich befindet, nähert sich, indem er einen 
Bogen macht, gerade der Stelle der Haut, wo dieselbe mit 
einer langen Schaale bewaffnet ist. Diese leistet einen 
beinahe unüberwindlichen Widerstand beim Heben des 
Condylus und folglich auch beim Senken des Unterkiefers. 
Dennoch ist derselbe nicht ganz unbeweglich, indem 2 
lange dünne Muskeln demselben eine leichte Bewegung 
mitzutheilen im Stande sind. 

Da Georrroy von einem Nilkrocodil spricht, dessen 
Unterkiefer um ein Sechstel länger als der Schädel sein 


Hirnschädel auf dem Unterkiefer sich bewege. MARrMoLs 
Behauptung aber, dass der Unterkiefer desswegen unbeweg- 
lich sei, weil er mit dem Zungenbein verwachse, beruhe 
auf einem Irrthum. 


219 


soll, und wir einen Kaiman vor uns haben, so ist schwer 
hierüber zu entscheiden. Indessen ist der Beschreibung 
der Artikulation der Kinnladen und der übrigen Schädel- 
theile, so wie den Abbildungen nach zu urtheilen, keine so 
grosse Verschiedenheit in dem Bau des Schädels zwischen 
Alligator und Nilkrocodil, welche bei letzterm einen so 
eigenthümlichen Mechanismus der Maxillen bedingen könnte. 

Mein Hauptaugenmerk war bei der Section unseres 
Kaimans auf diesen Umstand gerichtet, und ich versichere, 
dass ich (den Unterkiefer ebenso beweglich wie bei andern 
Thieren gefunden habe. Auch lassen sich Georrrov’s Gründe 
für die Unbeweglichkeit des Unterkiefers leicht widerlegen. 
Was nämlich 1% die Unbeweglichkeit der Halswirbel, und 
die starken, den Schädel bewegenden Kopfmuskeln betrifft, 
so beweisen diese nur, dass überhaupt eine ziemlich grosse 
Kraft erforderlich sei, um den Kopf nach rückwärts zu 
ziehen. Auf keine Weise ist aber dadurch die Unbeweg- 
lihkeit des Unterkiefers bedingt. 

Dass 20 der Unterkiefer in einer hökerigen unbeweg- 
lichen Haut wie in einer Scheide feststecke, beruht offenbar 
auf einem Irrthum. Ich fand die Haut am Halse weder straf- 
fer noch dicker, vielmehr war sie hier gerade am lockersten. 
Es scheint zwar der Unterkiefer mit seinen hintern Enden 
in 2 dicken Wülsten festzustecken; aber diese letztern 
rühren von den hier unter der Haut liegenden ungeheuren 
Kaumuskeln her, welche gerade zu der kräftigsten Bewe- 
gung des Unterkiefers gegen den Oberkiefer bestimmt sind. 
Freilich soll der Unterkiefer durch seinen langen Fortsatz 
hinter der Gelenkfläche an seiner Beweglichkeit gehindert 
sein, indem er einen Bogen beschreibend, gegen eine lange 
Schaale im Rücken anstossen soll. Von der Unrichtigkeit 
dieser Behauptung kann man sich indessen leicht überzeu- 
gen. Je mehr man nämlich den Unterkiefer senkt, desto 
näher rücken die genannten Fortsätze ins Hinterhaupt; 


220 


sie gelangen also gerade an die Stelle des Nackens, dicht 
am Schädel, wo nach Georrroy die Dünne und Beweglichkeit 
der Haut die Bewegungen des Oberschädels begünstigen soll. 
Werfen wir noch einen Blick auf die Kieferbewegungen 
im Allgemeinen, so lehrt uns die Beobachtung folgendes: 
Der Unterkiefer bewegt sich allein, wenn sich der Mund 
nur mässig öffnet, soll er sich dagegen weit öffnen, so 
wird der Oberkiefer zugleich in die Höhe gehoben, d. h. 
der Kopf beugt sich leicht nach hinten gegen die Wirbel- 
säule. Doch sind die Bewegungen des Unterkiefers immer 
die ausgezeichnetsten, wenn nicht ein physisches Hinder- 
niss sein Herabziehen verhindert. Diese Bewegung wird 
durch die Contraction der Muskeln bewirkt. Der Unter- 
kiefer stellt hier einen Hebel der dritten Ordnung dar, 
dessen Kraft an der Insertionsstelle des Hebemuskels, der 
Stützpunkt im Gelenke des Unterkiefers mit dem Schläfen- 
bein, die Last aber in der Substanz, auf welche die Zähne 
wirken, befindlich ist. Die Grösse der Kraft der Kinn- 
muskeln wird nun von dem Winkel abhangen, welchen die- 
selben zu dem Unterkiefer bilden. Je mehr dieser Win- 
kel einem rechten sich nähert, desto grösser wird auch 
die Kraft der Muskeln sein, je spitzer dagegen derselbe 
ist, desto mehr wird von Muskelkraft verloren gehen. 

Je grösser nämlich der Körper ist, desto mehr muss 
der Mund geöffnet werden, in desto schieferer Richtung 
gelangen sodann die Kinnmuskeln in den Unterkiefer. Da- 
her geht der grösste Theil der Kraft, welche sie bei ihrer 
Zusammenziehung äussern, verloren. 

Wenden wir das oben Angeführte auf unser Krocodil 
an, so erklärt sich meines Erachtens hieraus die ungeheure 
Grösse der Kaumuskeln, welche in der That das Staunen 
eines jeden, der sie sah, erregten. Jeder dieser Muskel 
wog ein und drei Viertel Pfund. Seine Zirkumferenz be- 
trug ungefähr einen Fuss und sieben Zoll Pariser Maas. Der 


221 


Querdurchmesser betrug acht Zoll und seine Dicke näherte 
sich einer Halbkugel. 

- Betrachtet man einen Löwenschädel, so sieht man auf 
den ersten Blick, dass die Oberfläche, welche die Schläfen- 
grube, die Flügelgrube und die starke Aushöhlung am 
Unterkiefer für den Masseter mit eingerechnet, darbietet, 
kaum den halben Flügelmuskel des Krocodils aufnehmen 
könnte, obschon man zugeben wird, dass dem Krocodil ver- 
möge seiner Körpermasse verglichen mit der des Löwen, 
zu seiner Existenz keine grössere Kraft der Kaumuskeln 
als dem Löwen nöthig ist. Warum sind aber die Flügel- 
muskeln des Krocodils dennoch von so enormer Grösse? 
Diese Frage bedingt eine andere, nämlich die, warum ge- 
rade die Flügelmuskeln hier zu dieser bedeutenden Ent- 
wicklung gelangt seien, da doch bei den übrigen 'Thieren 
die Flügelmuskeln den andern Kaumuskeln, nämlich dem 
temporalis und masseter an Grösse bedeutend nachstehen. 
Die Lösung dieser Frage hat keine Schwierigkeit, wenn 
wir nur einen Blick auf das so sehr verengerte Cranium 
werfen, das einem hinlänglich starken termporalis keinen 
Insertionspunkt gewähren kann. Es füllt dieser Muskel 
nur das enge Loch oben auf dem Cranium aus. Ein 
masseter fehlt gänzlich, und zwar wohl einfach desswegen, 
weil an dem verkümmerten Jochbogen kein Insertionspunkt 
vorhanden ist; ferner, weil dasjenige, was man auf den 
ersten Blick für Jochbogen ansieht, nicht dieser ist, son- 
dern wie nachher gezeigt werden soll, eine andere Deu- 
tung erlangen muss. 

Um nun die genannten Muskeln (termporal. und masset.) 
zu ersetzen, mussten die Flügelmuskeln eine verhältniss- 
mässige. Stärke erlangen. Dass diese sich hiezu weniger 
eigneten, als temporal. und masset., geht aus ihrer schie- 
fen Richtung gegen. den Unterkiefer hervor, wodurch. bei 
der Wirkung ein grosser Theil ihrer Kraft verloren ‚gehen 


222 


muss. Was dieselben nun durch ihren ungünstigen Inser- 
tionspunkt an Kraft verlieren, musste an Masse ersetzt 
werden, und hieraus erklärt sich wohl genügend ihre un- 
geheure Grösse. 


Die auf beidenSeiten des erarniumshinter den 


Augenhöhlen befindlichen Löcher. 


Sie scheinen nach Cuvıer’s Beschreibungen von etlichen 
Alligatoren zu schliessen, nicht allen Unterarten zuzukom- 
men. Es beschreibt derselbe unter Ze caiman a paupieres 
osseuses (crocodilus palpebrosus) eine Unterart, von der 
er vermuthet, dass BrumengAch sie vor Augen gehabt habe, 
als er die Worte schrieb: „Lacerta crocodilus scuto su= 
praorbitali 05seo, testa calvari® integra.” Also eine Art 
mit knöchernen Augenliedern, oder vielmehr mit einem 
Knochen im obern Augenlied, aber ohne die genannten Löcher 
im Schädel. Von einer dieser obengenannten sehr ähnli- 
chen Art sagt Cuvırr folgendes: „die Schnauze ist um ein 
weniges kürzer als bei dem vorhergehenden, sie ist weni- 
ger zusammengedrückt; die Oberfläche ist ebenso wurm- 
stichig (vermicule); die Dicke des obern Augenlieds ist ganz 
ausgefüllt mit einer Knochenlamelle, die durch Suturen 
in 3 Stücke getheilt ist. Bei allen übrigen Kaiman und 
Crocodi!en findet man nur gegen den vordern Winkel ei- 
nen kleinen Knochenkern, das cranium ist gar nicht durch- 
löchert, man bemerkt in keinem Alter ein Loch.” 


Dagegen eitirt SchnEiper unter dem Namen Crocodilus 
trigonatus ein von Seba abgebildetes Crocodil von Ceylon, 
von dem Guvırr sogar glaubt, dass das Original von dem- 
selben in der Pariser Sammlung sich befinde; er behauptet 
aber, Scmneiper’s Bestimmung „foveam cranü_ ellipticam 
utringue carne musculari replelam reperiri” passe nicht 
auf dasselbe. 


223 

Da nun Cwvırr den beiden von ihm beschriebenen 
Exemplaren, so wie Scuneiver’s Orocodil die Löcher im 
cranium auf das bestimmteste abspricht, so musste angenom- 
men werden, dass demselben unser Kaiman unbekannt ge- 
wesen sei, und dass ferner die genannten Löcher nicht 
allen Unterarten zukommen. 

Cvvier ist hier in Beziehung auf die Angabe von Blu- 
menbach im Irrthum, wie aus des letztern Beschreibung in 
seinem Handbuch deutlich hervorgeht. 

„Le crocodile (du Nil), mandibules 'elliptigues, 
boucliers osseux au=dessus des orbites, töt du cräne entier.” 

„LeCaiman, mandibules elliptiques,tegument coriacd 
au-dessus des orbites, tet du. cräne bifenestre.” 

„On peut reconnaitre aisement les deux trous du 
cräne, caractere specifigue que je lui donne, et au quel 
M. le professeur Schneider m’a fait faire attention, non 
seulement au cräne nu, mais encore A toute la tete re- 
vetue möme de sa peau.” Blumenbach, manuel pag. 299.) 

Cuvier scheint später von seinem Irrthum zurückge- 
kommen zu sein, indem er nur dem Caiman &a paupieres 
osseuses diese Löcher im cranium abspricht. Vid. Annales 
du museum etc. Tom. XII. pag. 8. 

Georrrov erklärt diese Löcher für den wahren Joch- 
bogen, während er dem bis jetzt dafür gehaltenen eine 
ganz andere Deutung gibt. Er sagt vom frontal posterieur:. 
„Ich finde an demselben alle Eigenschaften des Jochbeins. 
Es trägt zur Bildung der Augenhöle bei; wir unterschei- 
den an demselben eine äussere Fläche, eine Schläfen- und 
Augenhöhlenfläche; es ist mit vier Fortsätzen versehen; 
mit einem Stirnfortsatz, einem Schläfenfortsatz, mit einem 
an den grossen Flügel des Keilbeins reichenden; endlich 


*) Auch Georrroy St. H. Abbildung ist nach einem Nilkrocodil 
gemacht, wo doch die Löcher deutlich vorhanden sind. 


224 


mit einem Fortsatz, der sich mit dem Oberkiefer verbindet.” 
Es scheint zuwider, den so deutlich vor uns liegenden 
Jochbogen nicht für diesen, sondern für etwas ganz ande- 
res erklärt zu sehen. Und man hat in der That Mühe, 
sich mit dieser Ansicht zu befreunden. Ehe ich derselben 
beitrete, sei mir eine Voruntersuchung, die Mehrzahl der 
Stirnbeine betreffend, erlaubt. Das Stirnbein ist nach 
Cuvier im einfachsten Zustand ein einfacher Knochen. Im 
vollkommensten besteht es aus 6 Stücken. Beim Krocodil 
werden 5 Stirnbeine angenommen. 


Worauf gründet sich aber die Annahme einer Mehr- 
zahl von Stirnbeinen ? Etwa auf die Entwicklungsgeschichte 
dieses Knochens bei den höhern Thieren? Diese lehrt 
uns, dass das Stirnbein sich aus 2 seitlichen Hälften nicht 
aber aus mehreren Stücken bilde. 


So wird wohl die Function dieser Stirnbeine entschei- 
den, mit welchem Recht man eine Mehrzahl derselben an- 
nehme. Allein auch in dieser Beziehung herrscht Willkühr 
und Unbestimmtheit. So wird bei den nackten Amphibien 
das frontale medium, von Cuvırr ethmoideum genannt, 
während den Amphibien das Siebbein wohl auch gänzlich 
abgesprochen wird. Und bei den Fischen werden in der 
Regel 6 Stirnbeine angenommen, wo jedoch von dem grossen 
f. medium ausgesagt wird, dass es zur Bildung des Schä- 


dels wenig beitrage. 


Meines Erachtens geht aus dem Angeführten deutlich 
hervor, dass man nur desswegen so viele Stirnbeine an- 
nimmt, weil man die vorgefundenen Stücke nicht anders 


zu deuten weiss. 


Georrroy setzt daher mit Fug und Recht die durch 
willkührliche Bestimmung ihrer Function und natürlichen 
Verbindung entfremdeten Knochenstücke wieder in ihre 


225 


Rechte ein.*) Was daher bei den Autoren für frontale 
anterius gilt, erklärt er für Siebbein. Dieses liegt. zwi- 
schen Thränen- und Stirnbein gerade wie die Papierplatte 
beim Menschen zwischen Thränenbein und Oberkiefer liegt. 
Dass dieser Knochen aus der Augenhöhle heraustritt, wird 
so wenig als im Thränenbein befremden, da ja bei meh- 
reren Säugethieren Jdasselbe Verhalten statt findet. 


Beim Menschen wird der äussere Augenhöhlenrand 
zum grössern Theile vom Jochbein gebildet; beim Krocodil 
geschieht diess durch das sogenannte frontale posterius. 
Muss diess nicht das Jochbein sein? Wenn aber frontale 
poster. eigentliches Jochbein ist, so kann der bis jetzt da- 
für gehaltene Jochbogen nur ein Theil des Oberkiefers 
sein. Aber, wird man einwenden, ein Oberkiefer, der bis 
ans Schläfenbein reicht, hat kein Aralogon in der Thier- 
reihe, lässt also auch keine Reduction zu. Es sind aber 
in der That 2 Arten von Säugthieren bekannt, wo der 
Oberkiefer nicht nur bis ans Schläfenbein reicht, sondern 
sogar mit dem Schuppentheil desselben verwachsen ist. 
Diess findet man nämlich bei Cavia porcellus, bei einer 
andern Art hat es Meczken beobachtet. GEoFrrrkoY nennt 
das sogenannte Jochbein beim Krocodil, ein Knochenstück, 
das nach vorn und innen an das Thränenbein, nach aussen 
an das Zahnstück des Oberkiefers, nach hinten an das 
Jugale spurium (cotyleal) grenzt, adorbital, welches er 
für einen Theil des Oberkiefers ansieht. Dass es vom 
Oberkiefer getrennt erscheint, kann theils als ein Stehen- 
bleiben auf einer frühern Entwicklungsstufe betrachtet wer- 
den, theils findet es sein Analogon bei den Vögeln, wo 
man diess am deutlichsten bei den Hühnerarten gewahr 
wird. Hier besteht z. B. beim Auerhahn der Oberkiefer 


/ 


*) Annales des sciences naturelles. Tom. LII. 1824. pag. 253. 
15 


226 


aus 2 gänzlich getrennten Stücken, aus dem Zwischen- 
kiefer und dem hintern Oberkieferbein. Letzteres stellt 
eine längliche dünne Platte dar, die aus 2 untereinander 
in einem stumpfen Winkel verbundenen Aesten, einem 
obern vordern, dem Nasenfortsatz, und einem hintern un- 
tern, dem Jochfortsatz, besteht. *) 

An einer Pfauenhenne fand ich noch ein drittes, etwa 
einen halben Zoll langes, schmales, an beiden Enden zuge- 
spitztes, völlig getrenntes Knochenstück, welches mit sei- 
nem hintern Ende an den Nasenfortsatz des Oberkiefers, 
mit seinem obern Rande an den untern Rand der Nasen- 
beine, mit seinem vordern Ende an den untern Ast des 
Zwischenkiefers grenzt. Bei Meleagris ist dieses Knochen- 
stück nur noch am Nasenfortsatz des Oberkiefers getrennt, 
in seinem übrigen Theil dagegen mit dem Nasenbein und 
dem Zwischenkiefer verwachsen. Es unterscheidet sich 
aber durch seine Durchsichtigkeit noch deutlich von den 
2 zuletzt genannten Knochen. Bei den Vögeln reicht nur 
der Oberkiefer bis ans jugale spurium, gerade wie beim 
Krocodil das adorbital an das jugale spurium (cotyleal 
Geoffr.) grenzt. Beim Auerhahn tritt noch das Jochbein 
hinzu, welches zwischen den beiden Knochenstücken wie 
eingeschiftet erscheint. Dieses Jochbein scheint dem Pfau 
und Putter gänzlich zu fehlen, und der Bogen durch Ober- 
kiefer und jugale spurium allein gebildet zu sein. Auch 
Bradypus hat blos Fortsätze im Oberkiefer und Schläfen- 
knochen, ohne ein Jochbein zu besitzen. Die Ueberein- 
stimmung zwischen dem sogenannten Jochbogen der Vögelund 
dem beim Krocodil könnte aber, wenigstens in Beziehung 
auf Stückzahl und Connexion der betreffenden Knochen- 
stücke untereinander, in der That nicht grösser sein, und 


der Umstand, dass beim Krocodil das jugale spurium 


*) Mexers. vergl. Anat. zweiter Theil, zweite Abtheilung. 


227 


(cotyleal Geoffroy) mit dem Quadratknochen verwächst, 
erklärt sich leicht aus der verschiedenen Bestimmung. 
Beim Krocodil ist Behufs der nöthigen Festigkeit des Kiefer- 
gerüstes das jugale spurium mit dem Quadratbein und 
dieses mit dem Schädel unbeweglich verbunden, und das 
Oberkieferstück (adorbital) von verhältnissmässiger Stärke. 
Beim Vogel sind die genannten Stücke artikulirt, weil die 
Function derselben auf die Bewegung des Oberschnabels 
berechnet ist. 

Nun werden wir das adorbitale des Krocodils nicht 
mehr, wie die Compendien, als Jochbein, und die durch 
die genannten Knochenstücke gebildete Brücke nicht mehr 
als Analogon des Jochbogens der Säugthiere deuten, weil 
beim Krocodil und Vogel keine Kaumuskeln sich hier an- 
heften und die Verbindung der einzelnen Knochen unter 
sich andere Verhältnisse als bei den Säugthieren darbietet. 

Suchen wir daher den Jochbogen, da wo derselbe 
den Kaumuskeln zum Insertionspunkt dient, wo ferner 
seine Bildung dem Gesetz der Connexion entspricht. 

Halten wir einen Vogelschädel gegen den eines Kro- 
eodils, so wird die Aehnlichkeit wirklich überraschen. Der 
eigentliche Jochbogen beim erstern liegt, wie beimKrocodil, 
oben am Schädel und wird durch eine Verbindung des 
Stirnbeins mit dem Schläfenbein gebildet. Ob die Ent- 
wicklungsgeschichte beim Vogel ein Rudiment eines geson- 
derten Jochbeins nachweist, müssen fernere Untersuchun- 
gen lehren. Indessen ist diess nicht einmal nothwendig, 
wie wir bei Bradypus gesehen haben, wo eine Jochbrücke 
ohne Jochbein vorkömmt. 

Bei Krocodil und Vogel ist der Jochbogen im Falle 
der Verkümmerung, daher die geringe Entwicklung des 
Temporalmuskels, das gänzliche Fehlen des Masseters. 
Dass beim Vogel das von mir als Jochbogen gedeutete 
Stück den untern Bogen nicht erreicht, wie beim Krocodil 


228 


das frontale posterius nach unten noch mit dem adorbi- 
tale sich verbindet, ist blosse Dimensionsverschiedenheit, 
obgleich beim Auerhahn beide Theile sich einander bedeu- 
tend näher rücken — es ändert an der Hauptsache nichts. 
Auf dieselbe Weise erreicht bei den Hühnervögeln das 
Thränenbein den untern Bogen nicht, während es bei an- 
dern Vögeln sehr stark entwickelt, mit demselben sich fest 
verbindet. *) 


Das knöcherne Gehörorgan. 


Georrror liefert in den Annales des siences naturelles 
1824 pag. 245, in einer Abhandlung über die Zusammen- 
setzung des Schädels bei Menschen und Thieren eine aus. 
führliche Beschreibung des Krocodilschädels. 

Um zu beweisen, dass dasjenige Stück, welches für 
rupeal erklärt, nicht ein Theil der pars squamosa des 
Hinterhauptsbeins sei, wofür es bis dahin genommen wor- 
den, führt er folgendes an. 

„Ich habe hier ausschliesslich das Prinzip der Connexion 
zu Rathe gezogen, um zu erfahren, was dasselbe über die 
Anordnung der knöchernen Elemente an der Basis cranii 
bestimmen würde. Es ergaben sich hieraus folgende Re- 
sultate: 

Das Hinterhauptsloch wird in seinem Umfang immer 
gebildet: oben durch die beiden obern Hinterhauptsbeine, 


*) Erst nachdem ich obiges niedergeschrieben hatte, habe ich 
Gelegenheit gehabt, den Schädel eines Papagei frisch zu unter- 
suchen. Und hier wird es bis zur Evidenz klar, dass dervon 
mir als Jochbogen gedeutete Theil wirklich dieser sei. Hier 
kommt nämlich ein sehr starker Masseter vor, welcher 
vom untern Rande des die Augenhöhle nach unten umgren- 
zenden Jochbeins entspringt. In dem durch das Jochbein 
und dem Schläfenfortsatz gebildeten Loche entsteht der 
Temporalis ganz auf dieselbe Weise wie bei den Hühner- 
vögeln. 


229 


(sur-oceipitaux), zur Seite durch die beiden äussern, (ex. 
oceipitaux), und unten durch das untere Hinterhauptsbein, 
(sous-occipital). Da nun auf jeder Seite ein äusseres und 
ein oberes Hinterhauptsbein vorkommt, so habe ich nur die 
Wahl zwischen der einen oder der andern der beiden fol- 


genden Propositionen. 


Entweder ist das obere verkümmert oder abortiv ge- 
worden und die äussern Hinterhauptsbeine sind sich bis zu ih- 
rer gegenseitigen Vereinigung entgegengewachsen. Oder jedes 
äussere hat sich frühzeitig mit dem angrenzenden obern 
vereinigt und ist mit ihm zu einem einzigen Stück ver- 
schmolzen. Ich nehme von den beiden genannten mögli- 
chen Fällen den letztern an, wozu mich das Verhalten der 
Muskeln bestimmte. Ich sah nämlich die 5 Paar Muskeln, 
welche von den Halswirbeln an die Hinterhauptsbeine gehen, 
und welche ihre Insertionspunkte zwischen den obern und 
äussern Hinterhauptsbeinen theilen, sich auf dieselbe Weise 
auf beiden Seiten vertheilen. Einer von diesen Muskeln 
setzte sich besonders an die obere Linie der Vereini- 


gung fest. 


Da ich durch meine Untersuchungen in Beziehung auf 
dieses Felsenbein zu Resultaten gelangt bin, welche von 
denjenigen Georrroy’s in mancher Beziehung abweichend 
sind, so sehe ich mich veranlasst, die Gründe, die er für 


seine Behauptung anführt, in Kürze vorauszuschicken. 


1° Das Felsenbein, welches er bald rupeal, bald ro- 
chet nennt, liegt als ein unpaares Knochenstück in der 
Mitte an der hintern Wand des Schädels. Es ist nach oben 
von dem ebenfalls unpaaren Scheitelbein, zur Seite oben 
von den Schlafbeinen, unten in der Mitte von den obern 
Hinterhauptsbeinen, und seitlich von diesen von den äussern 


Hinterhauptsbeinen begrenzt. 


230 


2° Einem einzigen Felsenbein entspricht eine einfache 
Paukenhöhle, welche in der Substanz des rupedal ausge- 
höhlt ist und von einem Trommelfell zum andern reicht. 

3° Die dritte Abtheilung des knöchernen Gehörorgans 
oder das Labyrinth fehlt dem Krocodil eben so wenig wie 
die beiden ersten Abtheilungen. Aber in ihrer Function 
von der Paukenhöhle verschieden, liegt dieses Labyrinth 
nicht in der Mittellinie. Unten auf beiden Seiten sieht man 
die breite Oeffnung, welche der Fusstritt des Steigbügels 
verschliesst. Der Raum ist in der Substanz der 3 Kno- 
chen, nämlich des Felsenbeins, des grossen Keilbeinflügels 
und des äussern Hinterhauptbeins ausgehöhlt. Die halb- 
zirkelförmigen Kanäle befinden sich aber im Innern des 
rupeal allein. Alles diess existirt auf der rechten wie auf 
der linken Seite. 

4° Die ganze äussere Fläche des rupedal ist eben so 
wenig zufällig wie das Felsenbein der andern Thiere, in- 
dem man in dem einfachen Felsenbein des Krocodils an 
seinem obern Winkel einen starken Vorsprung bemerkt, 
welcher dem processus mastoideus entspricht und ebenfalls 
Muskelinsertionspunkt ist.“ — Ich gestehe aufrichtig, dass 
mir Georrroy’s Darstellung, die er leicht durch eine Ab- 
bildung hätte anschaulicher machen können, unklar geblie- 
ben ist, und, da ich meine Untersuchungen über diesen 
Gegenstand nicht in der Ausdehnung anstellen konnte, wie 
diess hätte geschehen müssen, um hierüher entscheiden 
zu können, so werde ich in folgendem bloss wiedergeben, 
was ich in Beziehung auf das knöcherne Gehörorgan an 
einem einzigen Exemplar habe entdecken können. 

Durch das foramen magnum sieht man zu beiden 
Seiten 2 ovale Körper, die man wenigstens auf den ersten 
Blick für die beiden Felsenbeine ansehen könnte. Unter- 
sucht man sie aber genauer, so erscheinen sie als hohle, 
aus dünnen Knochenwänden bestehende Anschwellungen, 


231 


welche mit dem äussern Gehörgang in Verbindung stehen. 
Sie sind in der That nichts anders als die, auf höchst 
merkwürdige Weise in die. Schädelhöhle gelangten Pauken- 
blasen der Säugthiere. Georrroy seheint keine Kenntniss 
von denselben gehabt zu haben. Auch lässt seine Beschrei- 
bung der Paukenhöhle und des Labyrinths nicht vermuthen, 
dass er etwa irgend einen andern Theil von diesen in die 
obengenannten Bullae osseae verlegt habe. Auf welche 
Weise dieselben in die Schädelhöhle gelangt seien, davon 
nachher. 

Von einem Paukenring zum andern geht ein ziemlich 
geräumiger Gang durch die Substanz des rupeal ; Gsorrroy’s 
Paukenhöhle, seule chambre a air, seule caisse, auch fond 
de la caisse sans limites. Dieser Gang ist von der Schädel- 
höhle gänzlich abgeschlossen. Die hintere Wand desselben 
bildet eben das rupeal, nach vorn ist er begrenzt durch 
einen Vorsprung mit2 ovalen Oeffnungen, *) welche Georrrox 
wahrscheinlich für die halbzirkelförmigen Kanäle hält. Die 
beiden ebengenannten ovalen Oeffnungen halte ich für die 
fenestrae ovales des vestibulums der in der Mittellinie 
theilweise verschmolzenen Felsenbeine. Doch ist diess blose 
Vermuthung, welche, da der Schädel nicht zerstört werden 
durfte, auf folgendes gegründet ist: 

1° liegen diese ovalen Oeffnungen in einer Ebene mit 
dem Paukenfell, 

2° entspricht ihre Entfernung genau der Länge der 
Columella, welche je vom Paukenfell zum ovalen Loch 
sich erstreckt. 

30 endlich sind diese ovalen Oeffnungen der Pauken- 
höhle zugewandt, und stehen mit dieser in direkter Ver- 


”) Ich gelangte zu dieser Ansicht, indem ich in der Mitte des 
rupeal ein Loch bohrte. Eine zweite Oeffnung wurde oben 
in der Mitte des Scheitelbeins gemacht, um das nöthige Licht 
auf den Gegenstand fallen zu lassen. 


252 


bindung, was von den Bogengängen nicht gilt, wenn wir 
mit GEorrroy dieses ovale Loch für Zwischenraum ZWISEHEH: 
den Bogengängen betrachten wollten. 

Anlangend das einfache rupdal an der hintern Wand 
des Schädels, so betrachte ich dasselbe als die zwei ver- 
schmolzenen Warzentheile des Schläfenbeins beider Seiten: 
denn erstens sind die Muskelinsertionspunkte für den sterno- 
cleidomastrideus nicht einfach, wie Georrroy angibt, son- 
dern doppelt. Zweitens lässt sich der oft berührte Gang 
von einem Paukenring zum andern, welcher von GEoFFRoY 
als Paukenhöhle betrachtet wird, einfach als die zu einem 
einfachen Kamal vereinigten Zellen der beiden Warzentheile 
deuten. Dennoch erscheint das ganze Verhalten dieses 
knöchernen Gehörorganes als eine, den Krocodilschädel vor 
allen übrigen Thieren auszeichnende Anomalie. 

Da es aber die Aufgahe der vergleichenden Anatomie 
ist, die vom regelmässigen Typus abweichenden Fälle auf 
normale Bildung zu reduziren, so sei es mir gestattet, 
durch Nachfolgendes zur Lösung dieser Aufgabe das Mei- 
nige beizutragen. 

Betrachtet man den Krocodilschädel im Allgemeinen, 
so ist leicht einzusehen, dass die Natur alle zu Gebot ste- 
henden Mittel angewendet hat, um den Kinnladen die dem 
Thiere zu seinef Existenz nöthige Stärke zu gewähren. 
Der Quadratknochen, welcher übrigens noch fast ganz nach 
dem Typus der übrigen Eierleger gebildet ist, bei diesen 
aber beweglich erscheint, ist mit dem Hirnschädel fest ver- 
wachsen. Das jugale spurium vermehrt durch seine feste 
Verbindung mit dem Quadratknochen die Stärke desselben. 
Dem nämlichen Zweck entspricht die verhältnissmässige 
Stärke des Adorbitalknochens, der ansehnlichen Gaumen- 
beine und des os Zrans versum zwischen dem Oberkie- 
fer und dem ebenfalls sehr stark entwickelten Flügelbein. 
Und es ist allerdings nicht zu läugnen, dass. das Krocodil 


233 


durch das angegebene Verhalten der genannten Theile sich 
eben so weit von den übrigen Eierlegern entfernt, als es 
sich in dieser Beziehung der Bildung bei den Säugthieren 
annähert. 

Andererseits ist es aber nicht zu verkennen, wie das- 
selbe durch die Kleinheit des Hirnschädels den beiden 
untersten Klassen um eben so viel wieder näher gerückt 
erscheint. Entsprechend nämlich der verhältnissmässig ge- 
ringen Entwicklung des Gehirns zum Rückenmark, wodurch 
die beiden untern Klassen ausgezeichnet sind, erscheint 
auch der Behälter des nur ein Ganglion darstellenden Ge- 
hirns des Krocodils von ausnehmend geringem Umfang, 
so dass sein cranium zwischen den mächtig entwickelten 
Kinnladen gleichsam versteckt, von den ältern Beobachtern 
wohl gänzlich übersehen wurde. 

Hier verdient es aber besonders unsere Aufmerksam- 
keit, wie entschieden die Natur den, durch die ganze grosse 
Abtheilung der Wirbelthiere waltenden Typus, festzuhalten 
strebte, indem sie bei dem Aufbau des so auffallend klei- 
nen Craniums dennoch dieselbe Zahl, ja sogar dieselbe 
Verbindung der bei den höhern Wirbelthieren den Hirn- 
schädel constituirenden Elemente in Anwendung zu brin- 
gen wusste. 

Eine natürliche unausweichliche Folge dieses Festhal- 
tens an dem allgemeinen Typus ist wohl unstreitig die, 
dass bei der Vertheilung der acht Schädelknochen auf ei- 
nen so äusserst kleinen Raum, mancher von diesen, theils 
nur geringen Umfang erlangen konnte, theils von dem An- 
theil an der Bildung des Craniums theilweise ausgeschlos. 
sen, oder endlich ganz aus seiner Lage verdrängt werden 
musste. So erscheint das Scheitelbein, obgleich in seiner 
genesis paarig, als ein einfaches ganz schmales Knochen- 
stück, wodurch die angrenzenden Schlafschuppen weiter 
nach oben gerücktund einander hedeutend genähert werden. 


234 


Auf dieselbe Weise zeigt sich das obere Hinterhaupts- 
bein, welches das foramen magnum nach oben begrenzt, 
durch das rupedal an seiner Entwicklung gehindert, fast 
abortiv. 

Vom Antheil an der Bildung des Craniums ausge- 
schlossen erscheinen die Schläfenbeine. Thränenbein und 
Siebbein treten aus der Augenhöhle heraus. Am meisten 
ins Gedränge kommen jedoch die Felsenbeine, welche in 
Folge der gegenseitigen Annäherung der Schläfenbeine bis 
zu theilweiser Verschmelzung aneinander gerückt sind. 
Finden wir nun, dass die einzelnen Schädelknochen, so wie 
die einzelnen Abtheilungen eines und desselben Knochens 
in derselben Ordnung einander begrenzen, welche die Na- 
tur bei den bis jetzt untersuchten Wirbelthieren beobach- 
tet, so ist meines Erachtens auch leicht einzusehen, wie 
die bullae osseae, auf den ersten Blick wenigstens so ganz 
gegen die Ordnung der Dinge in der thierischen Oecono- 
mie, in die Schädelhöhle hineingelangt sind. Sie konnten, 
zwischen Gehörgang und Felsenbein befindlich, bei der 
hohen Lage der Schläfenbeine am Schädel und bei der be- 
deutenden gegenseitigen Annäherung derselben nur in der 


Schädelhöhle selbst Platz greifen. 


Die elhealhar 


Die ungewöhnliche Lage derselben in dem Keilbein 
brachte mich anfangs auf den Gedanken, dass dieselben so 
weit nach hinten gerückt seien, um von dem Kehldeckel— 
oder was ich damals für diesen ansah — verschlossen wer- 
den zu können. Der Lage nach entsprechen sie vollkom- 
men einander, so, dass wenn man unten die Zunge an ih- 
rer Wurzel nur etwas in die Höhe schob, die Rachenenge 
mit den choanis zugleich gänzlich verschlossen zu werden 
schien. Dieses könne im Leben — so vermuthete ich — 
durch die Heber des Zungenbeins geschehen. Doch war 


235 


das Verschliessen der cAoan® nicht nöthig, um die Aus- 
sage glaubwürdiger Beobachter aus dem’ Mechanismus die- 
ser Theile zu erklären. Ist nämlich die Beobachtung, dass 
die Krocodile um zu athmen, nur die Spitze der Schnauze 
über dem Wasser zu halten brauchen, richtig, so ist es 
hinreichend, dass nur auf irgend eine Weise das Wasser 
abgehalten werde, in den Rachen zu fliessen. Diesen Zweck 
erfüllte der Kehldeckel (Zungenbeinkörper) dadurch, dass 
er bei dem Mangel beweglicher Lippen den Rachen genau 
verschloss, so, dass mir derselbe hauptsächlich diesem 
Dienste gewidmet erschien, da er durch seine Stellung so- 
wohl als durch seine verhältnissmässige Grösse zum Kehl- 
kopf selbst, zur Verschliessung dieses letztern nicht ge- 
eignet schien. 

Damit war aber das ungewöhnliche Verhalten der 
choan® nicht erklärt. Sie sind verhältnissmässig klein, 
und befinden sich in dem Körper des Keilbeins, statt 
dass sie, wie beim Menschen und den übrigen Säugthie- 
ren, zur Seite und oben durch die Flügelfortsätze und dem 
Keilbeinkörper, nach unten durch die horyzontalen Theile 
der Gaumenbeine begrenzt sind, Sie sind ferner durch 
eine knöcherne Scheidewand in 2 Hälften getheilt; aber 
diese wird nicht, wie bei jenen, durch die Pflugschaar 
gebildet. 

Die Autoren geben hierüber keinen Aufschluss. GEorrroy 
führt bloss an, dass das Keilbein hohl sei, um, behufs des 
längern Aufenthalts unter dem Wasser, 2 grosse Luftbe- 
hälter zu bilden, welche zur Verlängerung der Nasenhöhle 
‘dienten, Cüuvıer beschreibt diese Höhlen ausführlich, ohne 
die Oeffnungen derselben zu deuten. 

Unter allen Schädeln, die ich in dieser Beziehung ver- 
glich, schien mir der menschliche, wegen der aufrechten 
Stellung der Flügelfortsätze, noch am ehesten geeignet, die- 


ses Räthsel zu lösen. Ich dachte mir die processus ptery= 


236 


goidei statt in senkrechter Stellung in einer vollkommen 
wagrechten, die innern Platten der Flügelbeine in dem 
Maas vergrössert wie beim Krocodil. Auf diese Weise ka- 
men die Flügelgruben statt nach hinten nach oben zu ste- 
hen. Oberkiefer und Gaumenbeine mussten, um mit den 
Flügelfortsätzen in natürlicher Verbindung zu bleiben, sich 
senken, und somit mussten die choane® sich schliessen, 
oder vielmehr ganz verschwinden, indem nämlich der hin- 
tere Rand der Gaumenbeine auf die untere Fläche des 
Keilbeinkörpers zu liegen kam. Um mir diess alles recht 
zu vergegenwärtigen, nahm ich die Flügelfortsätze mit den 
Oberkiefern ganz hinweg, und ich war überrascht, in den 
Oeffnungen der Keilbeinhöhlen des Menschen die analoga 
der choan® beim Krocodil zu erblicken. Der Unter- 
schied, dass die Keilbeinhöhlen beim Menschen von der 
Nasenhöhle getrennt erscheinen, da diese beim Krocodil 
ohne Unterbrechung durch den Keilbeinkörper bis zu den 
beiden Oeffnungen (choane) sich erstreckt, fällt ganz 
weg, so bald man sich an die Bildung der Keilbeinhöhlen 
beim Menschen erinnert. Diese werden nämlich durch die 
cornua sphenoidalia von der Nasenhöhle abgeschieden. 
Ohne die Keilbeinhörner bildete die Nasenhöhle mit den 
Keilbeinhöhlen einen ununterbrochenen Gang, gerade wie 
beim Krocodil. Denkt man sich daher die cornua sphe= 
noidalia beim Menschen weiter nach unten gerückt, so 
bleiben die Keilbein-Höhlen mit der Nasenhöhle in direkter 
Verbindung, und die Oeffnungen kommen sodann wie beim 
Krocodil an die untere Fläche des Keilbeinkörpers zu lie- 
gen, ohne dass das Gesetz der Gonnexion die geringste 


Störung erleidet. 


D. 20. Jan. 1841 trägt Herr Prof. Mırscher seine 
Untersuchungen über den Bau der Carinaria mediterranea 
vor. Der Verfasser hatte während seines Aufenthaltes in 


237 


Nizza Gelegenheit, diesen in. mehrfacher Beziehung so inte- 
ressanten und nur mangelhaft bekannten Mollusken lebend 
zu beobachten und frisch zu seciren, und zugleich in hin- 
reichender Anzahl zu sammeln, um später die Anatomie 
desselben zu vervollständigen. Da die sehr in’s Einzelne 
eingehenden und über alle Systeme sich verbreitenden Un- 
tersuchungen nicht wohl im Auszuge gegeben werden kön- 
nen und ohne Abbildungen kaum verständlich sein dürften, 
so zieht es der Verfasser vor, hier auf eine in Bälde ander- 
wärts zu veröffentlichende Mittheilung derselben zu verweisen. 


D. 2. Dec. 1840. Mittheilungen von Herrn Prof. Jung 
über die von ihm näher untersuchten Orang-Outang-Schä- 
del des Wiesbadener Museum’s, an welchen er wesentliche 
Verschiedenheiten, namentlich im Zahnbau und in der Be- 
schaffenheit der eriste gefunden hat, so dass er vermuthet, 
dieselben gehören wenigstens 2 verschiedenen Arten an. 


D. 6. Jan. 1841 hält Herr Prof. Jung einen Vortrag 
über die Bildung des Schädels bei Idioten. Derselbe schickt 
vorerst eine allgemeine Uebersicht der hauptsächlichsten 
Deformitäten des Schädels voraus und bezeichnet deren 
Einfluss auf die Seelenthätigkeiten; er stellt sodann zwei 
verschiedene Hauptformen von Schädelmissbildung auf, wel- 
che mit Unterdrückungen der Seelenthätigkeiten oder mit 
Blödsinn verbunden sind, und giebt eine nähere Beschrei- 
hung derselben. Bei der ersten Form liegt der Fehler 
ursprünglich im Gehirn oder dessen Häuten; dasselbe ist 
desorganisirt oder mit Wasser übergossen und. der Schä- 
del wird secundär ausgedehnt. Oder aber die Ursache 
liegt zunächst in der Schaale des Gehirns, die zu früh ver- 
knöhert, zu dick wird und das Gehirn gleichsam erdrückt. 
Diese letztere Form wird als die die eigentliche Idiotie 
charakterisirende bezeichnet und vorzüglich darauf aufmerk- 


238 


sam gemacht, dass bei derselben ein auffallendes thierisches 
Zurückweichen des Hinterhauptsloches stattfindet. Der Vor- 
trag wird durch Vorzeigung einer Anzahl charakteristischer 
Schädel aus dem anatomischen Museum erläutert. 


Sitzung den 7. Dez. 1841. Hr. Prof. Fıscner über 
die unwillkührliche, fliegende Bewegung der 
Blendungsbilder der Sonne. 

Das Phänomen zeigt sich am schönsten, wenn man 
bei sehr dunstiger Atmosphäre einige volle, feste Blicke in 
die gedämpfte Sonne thut. Dann fliegen, wohin man blickt, 
ganze Schwärme verschieden gefärbter Sonnenkugeln auf, 
welche mit gehaltener, dem Blick entfliehender Bewegung 
bald aufwärts steigen, bald niedersinken, bald nach dieser 
bald nach jener Richtung das Gesichtsfeld durchziehen. 
Sind sie aus dem Gesichtsfeld verschwunden, oder ist das 
Auge müde geworden sie zu verfolgen und blickt anders- 
wohin, so fliegt der gleiche Schwarm wieder auf, nur etwa 
mit veränderter Farbe, und durchzieht das Gesichtsfeld 
wieder in der gleichen Richtung und mit der gleichen Ge- 
schwindigkeit und fährt fort bis zu seinem Verlöschen. 

Diese unwillkührliche, dem Blick entfliehende Bewe- 
gung sieht so täuschend einem objektiven, von dem Blick 
unabhängigen Fliegen gleich, dass ungebildete Beobachter 
diese Sonnenkugeln unfehlbar für ein wirkliches Meteor 
nehmen müssen. In dem Rheinthal, dessen duftige Son- 
nenuntergänge besonders günstige Gelegenheit zur Erzeu- 
gung der Erscheinung bieten, geschieht es daher von Zeit 
zu Zeit, dass das Volk darauf aufmerksam wird und dann 
schaarenweise zu dem eben so wunderbaren, als prächtigen 
Schauspiel zusammenströmt. In früheren Zeiten erregte 
die Erscheinung noch ungleich grösseres Aufsehen. Ihrer 
erwähnt unter Andern J. J. ScHEucHzEr in seiner Natur- 
geschichte des Schweitzerlandes, herausgegeben von J. G. 


239 


Surzer, Zürich 1746. IH. Thl. p. 338 f. als ungewöhnlicher, 
in der Schweiz 1719 im Heumonat aus der Luft gefallener 
bulle oder Bläschen. Es ist diess, fügt Schzuchzer bei, 
völlig die gleiche Luftgeschichte, die Anno 1553 den 21. 
Brachmonat zu Sculs im Engadin ist bemerkt und in unse- 
rer Meteorologia Helvetica p. 96 ist beschrieben worden. 
Derselbe giebt p. 340 f. fernere Nachricht von Luftbläs- 
chen oder vielfarbigen Kugeln, welche vom 1.— 20. Heu- 
monat 1721 im Züricher Gebiet vom Himmel gefallen. In- 
dessen hatte SchEucHzer die Subjektivität der Erscheinung 
gleich vermuthet und sich bei einer eigenen Beobachtung 
den 11. Heumonat 1722 gänzlich davon überzeugt; wäh- 
rend noch im Jahr 1816 ein Schwedischer Naturforscher, 
Acnarıus, das freilich nicht selbst beobachtete Phänomen 
fliegender Sonnenkugeln, das in dem Dorfe Biscopsberga 
vorgekommen, in Girserrs Annalen 52, 235 als wirkliche 
Meteore beschrieb, worüber er jedoch von Herrn P. Merıan 
von Göttingen aus unterm 7. Mai 1816 in GiLzerts Annal. 
52, 342 zurecht gewiesen wurde. 

Dass die Erscheinung eine subjektive ist, davon kann 
man sich sogleich überzeugen, wenn man nur hin und 
her blickt oder sich umdreht, indem die Sonnenkugeln im 
Allgemeinen dem Blicke folgen, sonach im Auge und nicht 
draussen in der Wirklichkeit sind. Allein innerhalb dieser 
allgemeinen Abhängigkeit von dem Blick benehmen sie sich 
wieder mit einer merkwürdigen Unabhängigkeit der Bewe- 
gung, indem sie sich beständig dem Blicke entziehen und 
ihm, wenn er sie verfolgt, mit einer stätigen, gleichförmi- 
gen Bewegung voraneilen; worin nun eben ihre unwill- 
kührliche fliegende Bewegung besteht. Der Grund dieser 
Bewegung ergiebt sich aus. folgender Beobachtung: dass 
wenn man den Blick an irgend einem gegenständlichen 
. Punkte fixirt, die Sonnenkugeln sofort ebenfalls zum Ste- 
hen kommen, sich aber immer seitwärts ausserhalb des 


240 


Blickes halten und zwar immer nach der Richtung, nach 
der sie fliegen. Es erhellt hieraus: dass das durch die 
Sonne geblendete Auge die Blendungsstelle nicht mehr zum 
Fixiren braucht, sondern durch eine unwillkührliche Wen- 
dung eine andere frische Stelle der Netzhaut hervorkehrt. 
Natürlich müssen bei dieser Wendung die der geblendeten 
Netzhautstellen entsprechenden Sonnenkugeln in der ent- 
gegengesetzten Richtung aus dem Blick entweichen. Im 
Entweichen aber verfolgt man sie mit dem Blick, d.h. man 
bringt sie oder die ihnen entsprechende Blendungsstelle 
der Netzhaut wieder in die Augen etc., das aber geht nicht 
an, und das Auge macht daher wieder die unwillkühr- 
liche, die Sonnenkugeln zum Entweichen bringende, Wen- 
dung u. s. £. 

Aus dem gleichen Grunde erklärt sich dann auch die 
Entstehung einer Mehrheit von Sonnenkugeln, indem das 
Auge, so wie eine Netzhautstelle geblendet ist, eine zweite, 
dritte der Sonne zukehrt, und eben damit so viele Blen- 
dungsbilder erzeugt, als es während des auf die Sonne 


gerichteten Blickes Wendungen macht. 


Sitzung vom-5. Jan. 1842. Prof. Fr. Fıscuer über 
die chromatischen Erscheinungen der Blen- 
dungsbilder. 

In Beziehung auf die subjektiven Farberscheinungen 
der Blendungsbilder werden 2 Klassen unterschieden: die 
Farbenbilder und die Glanzbilder, wovon jene an 
matten Farben, diese an glänzenden Lichtern erzeugt wer- 
den. Es sind diess 2 wesentlich verschiedene Arten von 
Blendungen, indem sie folgende 4 Unterschiede zeigen: 

1. Die Farbenbilder haben subjektiv oder im dunkeln 
Auge die entgegengesetzte, die Glanzbilder die gleiche Farbe 
mit dem blendenden Gegenstande. 

2. Blickt man dagegen auf einen "hellen objektiven 


241 
Grund, so nehmen die Glanzbilder ‘die. entgegengesetzte 
Farbe an, während das subjektive Farbenbild sich gleich 
bleibt. i 

3. Die Glanzbilder zeigen den Farbenwechsel, den 
man seit Görse Abklingen nennt, während die Farben- 
bilder sich bis zu ihrem Verlöschen gleich bleiben. 

4. Nur bei den Glanzbildern zeigt sich die Verdre- 
hung des Auges, welche bei den Sonnenbildern als Fliegen 
erscheint, während die Farbenbilder ihren Ort im Ge- 
sichtsfelde nicht verändern. 

Aus diesen Unterschieden wird im Gegensatz zu den 
bisherigen Annahmen geschlossen: dass das verkehrte Far- 
benbild der geringere Grad der Blendung ist, als das di- 
rekte Glanzbild. — Zu den Farbenbildern gehören, ausser 
den Nachbildern der eigentlichen Farben, auch die Nach- 
bilder von Schwarz und Weiss, die sich bei der Biendung 
ganz wie Farben und nicht wie Hell und Dunkel verhal- 
ten. Zu den Glanzbildern hingegen rechnet der Vortra- 
gende folgende Erscheinungen. Schon bei den Farben, 
wie bei Schwarz und Weiss mischt sich, wenn sie glänzen 
und intensiverer Beleuchtung ausgesetzt werden, neben dem 
Farbenbild ein Glanzbild ein. Als ein Glanzbild verhält 
sich ferner das Nachbild von Hell, z. B. von hellen Fenster- 
scheiben. Eigenthümliche Glanzbilder endlich sind die Nach- 
bilder von Kerzen- und Lampenlicht, so wie die Sonnen- 
bilder, wobei aber wieder das Bild des reinen Sonnenlichts 
sich anders verhält, als das des gefärbten. 


D. 18. Nov. 1840 trägt Herr Dr. C. Vocr, als Gast 
anwesend, die Hauptresultate seiner in Gemeinschaft mit 
Herrn Acassız angestellten Untersuchungen über die Ent- 
wicklung der Fische, in’s Besondere der Forellen mit. 
Vergleiche das seitdem über diesen Gegenstand im Druck 
erschienene Werk: Histoire nat. des poissons d’eau douce 


16 


242 


de U’Europe centrale par L. AgassizT. I. Embryologie 

des Salmones par C. Vogt. Neuchätel 1342. 
Derselbe theilt ferner seine Beobachtungen über 

die färbende Ursache des Schnees mit (Cf. Bibliotheque 


universelle.) 


D. 31. März 1841 theilt Herr Prof. Scuönsgzın aus ei- 
nem Briefe des Herrn Prof. Jäscer in Stuttgardt eine Be- 
obachtung von auffallenden Electrieitäts-Erscheinungen bei 
einem Menschen mit. Bei demselben sollen sich nämlich, 
z. B. wenn er die Strümpfe auszieht, nicht bloss deutliche 
electerische Funken entwickeln, es sollen sogar ziemlich 
starke Erschütterungen, electrischen Schlägen ähnlich, be- 
sonders bei Kopfweh und nach unterdrückter Hautausdün- 
stung eintreffen und sich nicht allein dem Kranken, son- 


dern auch dem Arzte, z. B. beim Pulsfühlen, fühlbar 
machen. 


243 


VI. MEDICIN 


D. 17. Febr. 1841 hält Herr Dr. Brenner einen Vor- 
tragüber dasVerhältniss der somatischen oder 
vegetativen Krankheiten zu den Seelenstö- 
rungen. 

Der Verfasser führt zuerst an, dass sich zwei Theo- 
rien über das Wesen und die nächste Ursache der Seelen- 
störungen schroff gegenüberstehen, deren eine jene in der 
Seele selbst, die andere aber nur in dem Körper finden 
will; er deutet dann die wichtigsten einzelnen Ansichten 
kurz an und erwähnt der Vermittlungsversuche zwischen 
diesen Theorien. Hierauf setzt er das zeitliche Verhalten 
vegetativer Krankheiten zu den Seelenstörungen auseinan- 
der und weist unter Anderm nach: 

1. Dass Störungen der leiblichen Gesundheit dem 
Wahnsinne oft vorausgehen, immer mit seinem Eintreten 
vorhanden seien; dass im weitern Verlaufe oft dieser ohne 
jene bestehe und dass beide sehr oft gleichzeitig auf- 
hören. 

2. Dass bei Untersuchung der Leichen Wahnsinniger 
gewöhnlich Anomalien in den Gentralorganen des Nerven- 
systems aufgefunden werden; dass diese oft der Art seien, 
dass sie keinen Einfluss auf das leibliche Befinden haben 
können und dass alle bei Irren aufgefundenen Desorgani- 
sationen auch ohne von Wahnsinn begleitet zu werden 
vorkommen. 

In Beziehung auf die Entstehung der Seelenstörungen 
bemerkt er, dass alle krankmachenden Ursachen überhaupt 
auch zu Ursachen des Wahnsinns werden können, dass 


kein Unterschied zwischen psychischen und somatischen 


24A 


Schädlichkeiten gemacht werden könne, dass die Gelegen- 
heitsursachen des Wahnsinns sowohl, als die vorbereiten- 
den, oder Anlage bedingenden Verhältnisse auf den ganzen 
Menschen wirken, und ebensowohl somatische Krankheit 
mit Seelenstörung zu erzeugen vermögen. 

Auf diese Angaben sich stützend, widerlegt der Ver- 
fasser die Ansicht, nach welchen die somatischen Krank- 
heiten bei Irren zufällig oder Wirkung des Wahnsinnes 
sein sollen; er erklärt sich aber auch nicht mit den Soma- 
tikern einverstanden, nach welchen die Seele im Wahn- 
sinne gesund sein solle, und hält auch die gemachten Ver- 
mittlungsversuche für verunglückt. 

Nach seiner Ansicht muss hei dem Studium der See- 
lenstörung, von der Seele, insofern diese als letzter Grund 
des Seelenlebens gedacht wird, abstrahirt und nur das 
empirisch zu erforschende Seelenleben und sein Verhalten 
untersucht werden. Das Seelenleben besteht in Thätigkei- 
ten, nämlich dem Erkennen (Wahrnehmen und Denken) 
und dem Wirken (Handeln und Sprechen), und diese 
sind bei Seelenstörung entweder getrennt oder qualitativ 
verändert. Hemmung der psychischen Functionen liegt dem 
Blödsinn und den ihm verwandten Formen zu Grunde und 
ist die Folge von meist gröbern materiellen Veränderungen 
im Nervensysteme. Bei der Verrücktheit bestehen wahre 
psychische Krankheitsprocesse, die der Verfasser als Irrwahr- 
nehmen, Irrdenken und Irrhandeln bezeichnet. Diese müs- 
sen nothwendig, wie jeder Krankheitsprocess überhaupt, 
mit materiellen Veränderungen verknüpft sein. Die bis 
jetzt aufgefundenen Entartungen im Nervensysteme gehö- 
ren aber nicht den psychischen Krankheitsvorgängen selbst 
an, sondern erzeugen nur die diesen angehörigen Meta- 
morphosen, und sind, wie überhaupt die mit dem Irresein 
auftretenden negativen Krankheiten, als entfernte Ursachen 
der Verrücktheit zu betrachten. 


245 


Schliesslich wird noch erwähnt, dass die Vegetations- 
krankheiten überdiess je nach ihrem Sitze und ihrer Natur 
oft das Thema des Wahns darbieten, oder die Irren zu 
gewissen Handlungen bestimmen und endlich die Stimmung‘ 
derselben bedingen. 


D. AS. August und 16. Sept. 1840. Vortrag von Hrn. 
Dr. C. STRECcKEISEn über die Anwendung des kalten Was- 
sers als Heilmittel überhaupt und über die Kaltwasserheil- 


anstalt in Gräfenberg insbesondere. 


AUSZUG 


aus dem Berichte des medizinischen Vereins 


I) 


über das Verhältniss des Cretinismus im 
Kanton Basel-Stadttheil. 


Die schweizerische naturforschende Gesellschaft fasste. 
bei ihrer Versammlung in Freiburg im Jahr 1840 den Be- 
schluss, eine Statistik des Gretinismus in der Schweiz auf- 
zunehmen, und beauftragte hiemit zunächst die einzelnen 
Kantonalgesellschaften, welchen sie zu diesem Behufe ein 
Verzeichniss von 145 verschiedenen Fragen mittheilte, die 
bei der vorzunehmenden Untersuchung herücksichtigt wer- 
den sollten. Die hiesige naturforschende Gesellschaft über- 
wies diese Arbeit an den medizinischen Verein, welcher 
sich ihr in der Weise unterzog, dass jedes einzelne Mit- 
glied die Untersuchung eines bestimmten Quartiers: über- 
nahm ; die hiebei gewonnenen Resultate wurden sonach zu- 
sammengetragen und zur besseren Uebersicht mit Berück- 
sichtigung der vorgelegten Fragen, in eine Tabelle verei- 
nigt. Wir entnehmen daraus folgende Hauptergebnisse, zu 


246 


deren richtigem Verständniss wir bemerken, dass zwischen 
den niederern und höheren Graden von Blödsinn, oder zwi- 
schen Blödsinn und eigentlichem Cretinismus nicht unter- 
schieden worden ist, weil dieses der Natur der Sache nach 
für unausführbar gehalten wurde. 

Die Bevölkerung des Kantons Basel-Stadttheil beträgt 
ungefähr 24,000 Seelen, wovon 22,000 auf die Stadt und 
die übrigen 2000 auf die 3, auf dem rechten Rheinufer 
liegenden Landgemeinden fallen. Die Bevölkerung der Stadt 
hat besonders in den letzten 10 Jahren beträchtlich zuge- 
nommen, was jedoch nicht dem Ueberwiegen der Gebur- 
ten über die Sterbefälle, sondern der vermehrten Einwan- 
derung zuzuschreiben ist, wie aus einer Vergleichung der 
Tauf- und Sterberegister hervorgeht. Die 6 letzten Jahre 
geben folgendes Verhältniss: 

Im Jahr 1835 wurden geboren 528; starben 461. 

I SIE N aa 

SIR SS N 

Ra 1938 a % 569; 5 547. 

3) % 5 563; 5 593. 

ES ee: 

330255 00, Ad 
Also im Laufe von 6 Jahren 46 mehr gestorben als geboren. 

Unter der Gesammtbevölkerung von 24,000 Seelen 
fanden sich 64 Blödsinnige von verschiedenen Graden, näm- 
lich 35 männliche und 29 weibliche, also auf 375 Einwoh- 
ner 1 Blödsinniger oder etwas über Y,%. Hievon kommen 
allein auf die Gemeinde Kleinhüningen mit 465 Einwohnern 
24 Blödsinnige, 14 männliche und 10 weibliche, also etwas 
mehr als 5%. Es bleiben daher für die übrigen 23,535 
Bewohner nur 40 Blödsinnige oder ungefähr % %. Diese 
Angaben mögen wohl um ein ziemliches unter der wahren 
Wirklichkeit stehen, indem anzunehmen ist, dass manche 


Blödsinnige von geringerem Grade, namentlich Kinder, bei 


247 


denen der Blödsinn noch nicht deutlich ausgesprochen war, 
der Aufmerksamkeit entgangen sind. 

In Beziehung auf. das Alter zeigen sich folgende 
Verhältnisse: 


Zwischen dem 1. u. 5. Jahr finden wir 1 Blödsinnigen. 


5 5 5 AO 3 ie 5: 
x suv3102 ,u5r165 08, M seu.5 = 
5 5 RD a 28 % 
2 50120. MUR AN Ss REN: Zr 
5 51.340: an60:0% B, zenta “ 


Es ist hiebei besonders auffallend, dass unsere Tabel- 
ien nur 4 Blödsinnige unter dem 10ten Jahr aufweisen; es 
wäre jedoch nicht nur gewagt, sondern ganz sicher unwahr, 
wenn man daraus schliessen wollte, dass bei uns der Blöd- 
sinn gewöhnlich erst in den späteren Jahren sich entwickle; 
jenes Resultat darf vielmehr als einen Beweis betrachtet 
werden, dass die meisten jüngeren Blödsinnigen, bei denen 
das Uebel noch nicht vollständig ausgebildet und daher 
weniger offenkundig war, bei der Aufnahme übergangen 
worden sind. 

Ueber die Lebensperiode, in welcher der Blöd- 
sinn aufgetreten ist, so wie über die muthmasslichen ur- 
sächlichen Momente sind die Angaben nur unvollstän- 
dig. Fünf waren von Jugend auf blödsinnig; einer vom 
dritten Monate an in Folge von Gehirnleiden; bei einem 
wurde der Blödsinn im zweiten Jahr bemerkt, bei eilfen 
trat er in der Zahnperiode auf; bei einem im sechsten 
Lebensjahr in Folge eines Falles; bei einem im dreizehnten 
Jahr und endlich bei einem erst im zweiündzwanzigsten. 
Erbliche Anlage zeigt sich nur in 24 Fällen; in sechs 
Familien sind zwei Geschwister blödsinnig, in zweien sind 
es drei und bei einer Familie dehnt sich das Uebel sogar 
auf vier Geschwister aus; hiezu kömmt noch ein Fall, wo 
die Mutter und ihr unehliches Kind als blödsinnig aufge- 


248 


zählt werden, deren Tante, Oheim und Grossvater, letz- 
terer nur in leiehtem Grade, ebenfalls mit dem Uebel be- 
haftet waren. 

Der Grad, den der Blödsinn erreicht hat, ist sehr 
verschieden und im Allgemeinen schwer zu bestimmen; 
von den 64 aufgezählten Fällen sind nur 25 als vollständig 
blödsinnig zu bezeichnen; bei 38 ist Schwerhörigkeit in 
höherem oder geringerem Grade vorhanden, 52 leiden an 
Sprachschwierigkeit, nur 4 sind eigentlich taubstumm. 

In Beziehung auf die Verbindung des Blödsinns mit 
anderweitigen krankhaften Affeetionen, weisen die Tabellen 
nach, dass von den 64 Blödsinnigen, 21 mehr oder weni- 
ger mit Kröpfen behaftet sind; 4 mit anderen Anschwel- 
lungen, 6 mit Atrophie, 8 mit Lähmung, 5 mit Fallsucht, 
6 mit Convulsionen ohne nähere Bezeichnung ihres Cha- 
racters, 6 mit Rhachitis, 15 mit Scrofeln, 1 mit Geschwü- 
ren, 1 mit Flechten, 2 mit Grind. 

Im Allgemeinen geht aus dieser. Untersuchung hervor, 
dass der Blödsinn bei uns nicht eigentlich mit endemi- 
schem Character auftritt und dass der wahre Cretinismus, 
wie er in den hohen Alpenthälern vorkömmt, bei uns 
nicht, oder wenigstens nur bei sehr. wenigen Individuen 
zu finden ist. Der wahre Cretinismus pflegt sich schon in 
frühester Kindheit in seiner ganz bestimmten Form auszu- 
sprechen, während in der Regel sich der Blödsinn bei uns 
nur ganz allmählig: entwickelt, erst als blosse körperliche 
und geistige Schwäche erscheint und nur nach und nach 
einen höhern Grad gewinnt, welcher sich als ein Zurück- 
bleiben und eine allgemeine Unvollständigkeit der geistigen 
und körperlichen Entwicklung charakterisirt und womit 
sich allerdings, wie beim Cretinismus, Kropf, Taubstumm- 
heit etc. etc. verbinden können. 

Nur in der Gemeinde Kleinhüningen gestaltet sich das 
Verhältniss anders. Obgleich dort ebenfalls eigentliche 


249 


Cretins, ‘wie sie z. B. im Kanton Wallis angetroffen wer- 
den, nicht vorkommen, so ist doch die Zahl der in ver- 
schiedenem Grade an Blödsinn Leidenden (24), verglichen 
mit der Einwohnerzahl (465), sehr auffallend und die An- 
nahme, dass in dieser Gemeinde eine locale Disposition 
zum Blödsinn vorwalte, gewiss nicht ungegründet Klein: 
hüningen ist der am tiefsten gelegene Ort der Schweiz, 
liegt übrigens frei im offenen Thalbecken des Rheins, in 
der Nähe einiger sumpfiger Arme des Rheins. Die Be- 
wohner nähren sich von Ackerbau und Fischfang und sind 
im Ganzen eher wohlhabend, aber mit einer auffallenden 
Anlage zur Krüppelhaftigkeit behaftet; die Weiber zeich- 
nen sich durch Hässlichkeit und Kröpfe aus, welche letz- 
tern auch den Männern nicht abgehen; die Männer sind 
öfter plump und schwerfällig an Körper und Geist. 

In den übrigen Landgemeinden, so wie in der Stadt 
lässt sich eine solche Prädisposition zum Blödsinn nicht 
eigentlich wahrnehmen. Die Lage ‘der Stadt ist frei und den 
Winden ausgesetzt, der Boden trocken, das Wasser gut und 
im Ueberfluss ; unter den Bewohnern herrscht im Durchschnitt 
grosser Wohlstand ; die Entblössung, die Noth der grossen 
Städte, besonders der grossen Fabrickstädte, kennt man 
hier nicht. Die Nahrung ist verhältnissmässig gut und 
reichlich, der Fleischverkauf, im Vergleiche mit andern 
Städten des Continents, stark, ungefähr 14 Loth täglich 
auf den Kopf. Die Wohnungen sind mehrentheils, nament- 
lich bei den Bemittelteren, geräumig und in der Regel sehr 
reinlich.. Trotz dieser günstigen Verhältnisse kann man 
nicht sagen, dass die Bevölkerung zu den gesunderen und 
kräftigeren zu zählen wäre. - Wenige Familien sind von 
den Scropheln in einer ihrer vielfältigen Formen verschont; 
die höheren und mittleren Stände bleiben durch anhaltende 
Sorge und grosse Pflege von ihren ärgsten Ausbreitungen, 
so wie auch vom Uebel des Blödsinnes, das so einig damit 


250 


verbunden ist, grösstentheils verschont; ihre meisten Opfer 
sind in der ärmeren Klasse zu suchen. Ein grosser Theil 
der dieser letzten Classe angehörigen Bewohner beschäftigt 
sich mit Fabrickarbeiten und ist, wenn auch im geringerem 
Grade als gewöhnlich, mit allen Uebeln und Krankheiten 
des Standes der Fabrickarbeiter behaftet. Meistens schwäch- 
lich heirathen sie oft sehr jung und leben kümmerlich und 
unordentlich ; die Kinder werden schlecht genährt und ver- 
pflegt, bringen ihre ersten Jahre meistens in dumpfer Stu- 
benluft, in Federbetten zu; Kaffee und Kartoffeln sind ihre 
geisti- 
gen und körperlichen Kräfte fehlt; daher so wenige Kin- 


Hauptnahrung, Bewegung, frische Luft, Uebung der 


der, die blühend, gesund und kräftig aussehen, so viele, 
die geistig und körperlich zurückbleiben. Hier sind unsere 
meisten Blödsinnigen zu finden. 

Für die Erziehung der Kinder geschieht im Allgemei- 
nen Vieles; d. h. die Kinder werden frühzeitig zur Schule 
gehalten ; Kleinkinderschulen nehmen sie schon im frühsten 
Alter auf. 

Ob das Uebel im Zunehmen oder Abnehmen begriffen 
sei, darüber lässt sich vor der Hand nichts bestimmen, da 
aus früheren Zeiten keine statistischen Angaben hierüber 
vorhanden sind; für die Gemeinde von Kleinhüningen be- 
merkt jedoch der dortige Pfarrer, dass eher eine Abnahme 
desselben wahrzunehmen sei, und schreibt dieses einer 
Verbesserung der Lebensweise der Bewohner zu. 


YIII. VERSCHIEDENES. 


D. 18. Nov. und 2. Dec. 1840 Herr Rathsherr Prrer 
Merıan, Nachrichten über die naturhistorischen 
Museen in den rheinischen Städten. Der Referent 
beschreibt die naturhistorischen Sammlungen in Strass- 
burg, Mannheim, Mainz, Wisbaden, Bonn, Neu- 
wied,Frankfurt,Darmstadt,Heidelberg,Karls- 
ruhe und Freiburg im Breisgau, die er auf einer Rhein- 
reise im Oktober d. J. besucht hat, mit Benutzung ge- 
druckter Nachrichten über Entstehung und Umfang der 
einzelnen Museeen, wo er solche sich hat verschaffen kön- 


nen. Die Mittheilungen eignen sich zu keinem Auszug. 


D. 3. Febr. 1841. Herr Rathsherr Prrer Merıan be- 
richtet über den Fortgang unserer naturwissenschaftlichen 
Sammlungen im Laufe des Jahrs 1840. Der Bericht über 
das Jahr 1841 ist in der Geschichte der Gesellschaft zur 
Beförderung des Guten und Gemeinnützigen 1841 S. 139 
abgedruckt. 


D. 2. Febr. 1842. Herr Pfarrer Ueserın, Mittheilung 
über Farbenbildung an gefrornen Fensterscheiben. 


252 


ÖFFENTLICHE VORTRÄGE. 


Auf Veranstaltung der naturforschenden Gesellschaft 
wurden in den drei verflossenen Wintern öffentliche Vor- 
träge für ein gemischtes Publikum veranstaltet, die sehr 
zahlreich besucht worden sind. Es sind folgende: 


Im Winter 1839 auf 1840. 


Hr. Rathsherr P. Merian, über die Erhebung der Gebirge. 
» Prof. Schöngem, über Electricität und Galvanismus. 


» Prof. Meısner, über Pflanzengeographie. 


Im Winter 13540 auf 1841. 


Hr. Prof. Mıescher, über Infusorien. 
» Prof. Rup. Merıan, über die Entfernung der Fixsterne. 
» Dr. L. Inuorr, über die Sitten der Ameisen. 


Im Winter 1841 auf 1842. 


Hr. Prof. F. Fıscuer, über den Unterricht der Taubstummen. 
» Prof. Scuöngem, über die galvanische Eisensäule und 


über Electricität als bewegende Kraft. 


f 253 


VERZEICHNISS DER MITGLIEDER 
der 
naturforschenden Gesellschaft 


ın BASEL. 


EHRENMITGLIEDER. 


Herr Dr. BuckLann in Oxford (aufgenommen 1839.) 


Danıerr, Prof. in London (1839.) 

Joun Wırnıam Herscntr, Baronet in Slough (1839.) 
Frıepricun MerıAn, Pfarrer in Basel (1833.) 
Rıc#arp Puıuıpps, Prof. in London (1839.) 
Waratstone, Prof. in London (1839.) 


ORDENTLICHE uno FREIE MITGLIEDER. 


Herr Curıstor BernouLnı, Prof. (1817.) 


— 


— 


Franz Bernourzı, Med. Dr. (1840.) 

J. J. Bersovrer, Phil. Dr. (1826.) 

L. Bernovrrı-Bär (1840.) 

Meıcnior Berrı, Architekt (1834.) 

Acmırzes Bıscuorr (1840.) 

Bıscnorr -Enınger (1841.) = 
Bıscuorr -Iserın (1840.) 

J. J. Bıscuorr - Kestner (1830.) 

Hıer. Bıscuorr -Respinger, Stadtrath (1838.) 
Börcer, Sohn (1839.) 

Friepricn Brenner, Med. Dr. (1830.) 
Acnınues Burcksarpr (1840.) 

Aıgrecht BurckuArpr, Rathsherr (1839.) 
Aucust Burckuarpr, Med. Dr. (1834.) 


154 


Herr Curistor Buncruanor, Med. Dr. (1834.) 


J. J. Burernanpr, Stadtrath (1838.) 
Hieronymus BurckmAaRrDT (1538.) 

Ruvorr Burernarpr, Med. Dr. (1839.) 
Wirnerm Burcrmarnor -Forcarr (1840.) 
Bexeoicr Carıst (1840.) 

Eckrın, Mechaniker (1841.) 

Frieprıcn Fıscher, Prof. (1834.) 
Heinrich Frey, S. M. C., Rector (1834.) 
J. G. Fünstengerger-DesAry (1839.) 
EovArn Geiey (1843.) 

WirHELM GEiGY, Öberst. 

Ent. GENGENBAcH, S. M. C. (1839.) 
Envann Haas (1827.) 

C. F. Hacengacn, Vater; Prof: (1817.) 
Eovarn Hacensach, Med. Dr. (1832.) 
Friepricn HacensAcn, Apotheker (1829.) 


Lupwıg HAnDMann (1839.) 


Micnaen HÄMMERLIN (1840.) 

Jar. Heinuicner, Architekt (1834.) 
AnpreAs Hevster, Rathsherr (1830.) 
Friepricn Hevster (1817.) 

Franz Hınpervann (1842.) 

Lupw. Innorr,, Med. Dr. (1826.) 
Apramam Iserin-Iserin, Stadtrath (1837.) 
Isaac Iserın-Burckuanpr (1817.) 
Heınr. Iseriv, Med. Dr. (1833,) 

C. G. June, Prof. (1825.) 

EvcnAar. Kinoie , Pfarrer (1842.) 

J. Kürstemwer, Conrector (1835.) 
Anpr. La Rocne (1840.) 

German La Roche , Deputat (1817.) 
Arsert Lorz (1841 ) 

Ruoporr Maas, Med. Dr. (1838.) 


155 


Herr Frıieor. Meisner, Prof. (1828.) 


EmAnverL Meran, Apotheker (1839.) 
H. Merıan - VonperMönzz (1843.) 
J. J. Meran - BureruAnpr (1822.) 
NıcorAus Merıan (1835.) 

Perer Merian, Rathsherr (1819.) 
Ruvorr Merian, Prof. (1324.) 
Sımuen Merıan (1840.) 

J. J. Misc, Prof. (1819.) 

Lupw. Mırsc, Med. Dr. (1834.) 
Frıeor. Miescher, Prof. (1837.) 
Sau. Minper, Rathsherr (1830.) 
Curistıan Münch, Pfarrer (1835.) 
J. M. Nusser , Med. Dr. (1830.) 
WirueLm Oser (1838$.) 

OswAro -Horrmann (1839.) 

Eman. PAssavant, Sohn (1841.) 
Run. Preiswerk, Cand. (1833.) 
Eman. Raırzanp, Med. Dr. (1830.) 
Auc. RıccensAcuh (1842.) 

Eman. Roscner, Med. Dr. (1817.) 
Wırs. Runpr, Cand. (1834.) 
Ferix Sarasın, Rathsherr (1826.) 
J. J. Scummorın (1840.) 

Cu. F. Scuönsem, Prof. (1828.) 
von SEckEnporrr, Baron (1838.) 
Franz Seun (1838.) 

Curistor Socın, Cand. (1833.) 
Carr. von Speyr, J. U. D. (1840.) 
Curistor StArnenın, Sohn (1830.) 
Ben. Srarueuın -Bıscuorr (1836.) 
BALrtH. STAERELIN - Curısr (1839.) 
Aug. STAERELIN - Vıscurr (1837.) 
J. J. Staeuetin, Prof. (1830.) 


256 


Herr 


Herr 


Enır SrtacueLın, Med. Dr. (1841.) 

J. J. Stentin, Architekt (1838.) 

J. Sreınnann (1838.) 

SuLgrr -Heuster (1840.) 

Run. Surger (1842.) 

Eu Tuvurneısen (1840.) 

GOTTLIEB TuuRnEiısen (1839.) 

Dr. Trırer (1842.) 

J. J. Urseum, Pfarrer (1835.) 

CArı, VıscHEr-Merıan (1843.) 

Wiruerm Vischer, Prof. (1838.) 

Von Brunn, Pfarrer (1842 ) 

ANDREAS WERTHEMANN - VonperMüntt (1834.) 
Curistoru Weiss, Cand. (1343.) 

W. M. L. pe Werte, Prof. .(1838.) 

L. de Werte, Med. Dr. (1838.) 

Hıer. WıerLann, Alt-Dreierherr (1838.) 
J. Wysert, Med. Dr. (1838.) 

Carr Zımmeruin (1839.) 


CORRESPONDIRENDE MITGLIEDER. 


Lovis Acassız, Prof. in Neufchatel (1836.) 
Bıper, Med. Dr. in Langenbruck (1839.) 


DucrorTAy DE Bramviree, Prof. am Jardin des plantes 


in Paris (1838.) 


Kırı Lupwıc Brume, Dr. Med., Director des Reichs- 


herbariums in Leyden (1842.) 


Cnartes Bover, in Fleurier, Kant. Neufchatel (1840.) 
ALEXANDER Braun, Prof. der Naturgeschichte in Carls- 


ruhe (1836.) 
BrAyzev in London (1839.) 
Brescher, Prof. der Med. in Paris: (1837.) 


257 
Herr An. Broncnsart, Prof.am Jardin des plantes in Paris 
(1836.) 
— Barunner, Prof. der Chemie in Bern (1835.) 
— Hekınr. Burr, Prof. der Chemie in Giessen (1330.) 
— Tuonmas Cooper, Esq. in London (1839.) 
— NicorAus Dazusuın in Efringen (1838.) 
— Auc. De 1A Rıve, Prof. der Physik in Genf (1836.) 
— Aporese De Lesserr in Paris (1839.) 
— Derrwirter, Med. Dr. in Hellertown in. Pensylvanıen 
(1836.) 
— Ferıx Dvnar, Prof. der Botanik in Montpellier (1836.) 
— Jos# ErızaLpe, Med. Dr. in Cadix (1833.) 
— Tomas Everır, Esq. in London (1839.) 
— Micu. Faravar, Prof. der Chemie in London (1836.) 
— Fr. Frey-Herose, Oberst in Aarau (1835.) 
— Gassıor, Esq. in London (1839.) 
— Gowpins-Bırp, Dr. in London (1839.) 
— Tomas Grauam, Prof. der Chemie in Glasgow (1836.) 
— Grove in London (1839.) 
— C.F. Gurt, Prof. an der k. Thierarzneischule in 
Berlin (1838.) 
— Rup. Hansarr, Pfarrer in Gachnang (1818.) 
— JAEGER, Prof. in Stuttgart (1839.) 
— E. In Tuurn, Dr. in Schaffhausen (1837.) 
— Jon. Kerticer, Schulinspektor in Liestal (1837.) 
— NH. Kunze, Dr. Prof. der Botanik in Leipzig (1838.) 
— Lorwısc, Dr. Prof. in Zürich (1838.) 
— C.F. Pu. von MArrıus, Prof. der Botanik in München 
(1838.) 
— J. J. Mitt, Dr. in Bubendorf (1839.) 
— J. B. Meıson, Dr. in Birmingham (1839.) 
— Ernst Meyer, Prof. der Botanik in Königsberg (1838.) 
— Em. Meyer, Dr. Med. in Batavia (1841:) 
— Piunrr Meyer, Dr. in Batavia (1841.) 
17 


Herr Mırser, Prof. am Jardin des Plantes in Paris- (1836,) 


— 


Huco Mour, Prof. der Botanik in Tübingen (1836.) 
Mour, Dr. in Coblenz (1839.) 

Movceor, Dr. in Bruyeres (1838.) 

MowArt, Dr. Med. in England (1830 ) 

Müter, Dr. Prof. in Leyden (1842.) 

Prienincer, Dr. Prof. in Stuttgart (1838.) 

C.'G. C. ReımwArpt, Dr. Med. Prof. in Leyden (1842.) 

Rırs, Missionär an der afrikanisch. Goldküste (1840.) 

Rısso, Dr. Prof. in Nizza (1839.) 

J. Roerrer, Prof. der Botanik in Rostock (1826.) 

Frıepr. Ryumer, Med. Dr. in Amerika (1830.) 

Dan. Schenker, Th. Lic. Pfarrer in Schaffhausen (1839.) 

Ruo. Scumz, Prof. der Naturgeschichte in Zürich (1835.) 

von SCHLECHTENDAL, Prof. der Botanik in Halle (1838.) 

ScHLEGEL, Dr. CGonservator am k. niederl. Museum in 
Leyden (1842.) 

J. L. ScnorxL£in, Prof. in Berlin (1839.) 

P. F. von SıesoLp, Prof. in Leyden (1842.) 

J. R. SuurtrLewortu in Bern (1836.) 

KArı STREcKEISEN, Dr. Med. in Batavia (1837.) 
EpvArD STRECKEISEN, in Meiringen (1839.) 

BernuArn Studer, Prof. in Bern (1835.) 

Tennminegx, Prof. Director am k. niederl. Museum in 
Leyden (1842.) 

An. Tscuupy, Dr. von Glarus (1839.) 

Frieor. A. WaArchxer, Prof. der Chemie in Carlsruhe 
(1836.) 

Warkıns in London (1839.) 

Ben. WörrrLın, schweizer. Consul in Mexiko (1840.) 
Heınr. Wyprer, Med. Dr. in Bern (1830.) 


259 
--BEAMTETE 
für die Jahre 1842 bis 1844. 


Präsident: Herr Rathsherr P. MerıAn. 
Vicepräsident: — Prof. Frıeor. Fischer. 
Sekretär: — Dr. Innorr. 


Vicesekretär: — Dr. Iseuım. 


260 


GESCHENKE 


an das naturwissenschaftliche Museum, 


während der Jahre 1841 und 1842. 


l. Geldbeiträge. 


Von löbl. gemeinnützigen Gesellschaft Jahresbeiträge 
Tur’4s1und 2a RB Fr. 400. — 
- ebenderselben, ausserordentl. Beitrag für 1842 - 200. — 
- d.Leidhausev.Hrn.Ben. Burckhardt-Bernoullisel. = 450. — 

- Herrn Rathsherr Peter Merian zur Verwendung 
für die Bibliothek für 1841 und 4242 ._____ - 400. — 


Fr. 1150. — 


2. Geschenke für die zoologische Sammlung. 


Von den Herren Rathsherrn Peter Merian u. Prof. Rudolf Merian: 
Simia Satyrus. 

Von Hrn. Prof. J. J. Mieg: 

Crocodilus Lucius , Skelett und Haut. 

Von Hrn. Ben. Wölfflin, schweiz. Consul in Mexiko: 
Didelphis Opossum, g', 2 und Junges; 25 St. Vögel; Co-= 
libris, mit Nestern und Eiern; einige Süsswasser Conchy- 
lien u. A. m., sämmtlich aus Mexiko. 

Von Hrn. Baumann: 

24 St. Colibris ; 25 andere Vögel-aus Brasilien; Papagai aus 
Neu-Holland; eine Sammlung von Insekten und Conchylien 
aus Brasilien. 

Von Hrn. Missionar Riis: 

60 Vögel von der afrikanischen Goldküste; eine Anzahl Con- 
chylien von St. Thomas in Westindien. 

Von Hrn. Prof. J. Röper in Rostock: 

Eine beträchtliche Anzahl Vögel, namentlich Wasservögel 
von der Küste der Ostsee. 

Von Hrn. Franz Seul: 

Verschiedene Meeresconchylien und Landconchylien aus der 
Umgegend von Basel. 


261 


Von Hrn. Rathsherr Albrecht Burckhardt: 
Eine Sammlung von Unionen und Anodonten aus dem Kan- 
ton Bern. 
Von Hrn. Eman. Meyer, Med. Dr.: 
2 Larus bei Coblenz geschossen; eine japanische Ente; Vo- 
gel aus Brasilien. 
Von Hrn. Imhoff-Forcart: 
Colymbus stellatus, bei Basel geschossen. 
Von Hrn. J. Steinmann: 
Icrochordus javanicus Lacep. 
Von Hrn. Rathsherr Sam. Minder: 
Drei ganz junge Pfauen; junger Wachtelkönig; ein Perlhahn. 
Von Hrn. Minder-Zäslin: 
Ausgezeichnetes Exemplar eines männlichen Pfauen. 
Von Hrn. Deputat G. Laroche: 
Mumie einer Katze. 
Von Hrn. Prof. Miram in Wilna: 
Nest von Parus pendulinus. 
Von Hrn. Dr. Ludwig Mieg: 
Grosses Horn von Rähinoceros indicus ; einige Conchylien. 
Von löbl. Missionshaus: 
Manis macrura Esxl., grosse Eidechse, Schmetterlinge 
aus Guinea; verschiedene Insekten von Aquapim an der 
Goldküste. 
Von Hrn. Cand. C. R. Preiswerk: 
Halirhoe aus dem rothen Meer; Helix haemastoma. 
Von Hrn. Dr. Christoph Burckhardt: 
Picus minor d‘; 19 St. Conchylien aus Brasilien. 
Von Hrn. Rudolf Birrmann, Sohn: 
7 St. brasilian. Landconchylien. 
Von Hrn. Rathsherr Peter Merian: 
7 Vögel aus Ostindien; 33 St. Landconchylien von den Phi- 
lippinen. 
Von Hrn. T. R. Ingalls aus Nordamerika. 
16 Arten in 85 Exemplaren Süsswasserconchylien aus Nord- 
amerika. 
Von Hrn. Prof. Meisner: 
16 Arten europäischer Landconchylien. 
- Von Hrn. Shuttleworth in Bern: 
Einige exotische Landconchylien. 


262 


Von Hrn. Prof. Miescher: 

Einige Mollusken aus dem Mittelmeer. 

Von Hrn. Dr. Carl Streckeisen: 

37 Arten in 78 Exempl. Vögel aus Java; einige Conchylien 
aus Holland. 

Von Hrn. Eduard Bolli in Fernambuck: 

Schlangen und Früchte in Weingeist aus Fernambuck. 
Von Hrn. Carl Respinger in Havannah: 
Gorgonien und Schwämme aus den westindischen Meeren; 
Rhinoceroshorn. 
Von Hrn. Eduard Burckhardät-Schrickel: 
Ein junger männlicher Dammhirsch. 
Von Hrn. Hofstetter in Neudorf: 
Aquila brachydactyla bei Neudorf geschossen. 
Von Hrn. J. v. Charpentier, Salinendirector in Bex: 
26 Arten europäischer Landconchylien: 

Vond. Herren Dr. Christoph Burckhardt u. Rathsherr Peter Merian. 
42 Arten in 170 Exempl. Land- und Süsswasserconchylien 
aus Corsika. 

Von Hrn. Cand. Friedrich Oser: 

Eine Schlange von Neu-Orleans. 

Von d. Herren Rathsh. Peter Merian u. Rathsh. Albrecht Burckhardt. 
180 Arten und Abarten europäischer und exotischer Helices 
in mehr als 300 Exemplaren. 

Von Hrn. Sebastian Böhrlin: 

Falco palumbarius S. 

Von Hrn. Prof. Eckert: 

Tetrao Lagopus im Uebergangskleide. 

Von Hrn. Debary-Sarasin: 

Colymbus glacialis bei Basel geschossen. 

Von Hrn. Präparator Andreas Schneider: 4 
Falco apivorus, jung; ein Hamburger Zwerghahn; Oedic= 
nemus crepitans und Gallinula chloropus aus dem Ei. 

Von Hrn. Heinr. Leuba: 

Ein ausgestopftes Hündchen. 

Von Hrn. Walliser, Schreiner: 
Mus musculus, weiss. 

Von Hrn. Pfarrer Uebelin: 

Mus musculus, weiss gefleckt. 


263 


3. Für die Mineralien- und Petrefacten- 
Sammlung. 


Von Hrn. Franz Zäslin: 
Ein Fischabdruck in buntem Sandstein von Dägerfelden bei 
Basel, und einige andere Versteinerungen. 
Von Hrn. Prof. J. Röper in Rostock: 
Petrefacten von Sternberg in Mecklenburg. 
Von Ern. v. Alberti, Salinendirector in Rottweil: 
19 St. Petrefacten aus dem Würtembergischen Muschelkalk. 
Von Hrn. P. Vischer-Passavant: 
Stufe von gediegen Silber aus Mexiko. 
Von Ern. Dr. Christoph Burckhardt: 
Verschiedene Versteinerungen aus der Gegend von Basel. 
Von Hrn. Franz Seul: 
Petrefacten aus der Gegend von Basel. 
Von Hrn. August Risgenbach: 
Verschiedene Petrefacten aus der Gegend von Basel und 
Neuchatel. 
Von Hrn. Oswald-Hoffmann: 
Rippe eines /Vofhosaurus in Muschelkalk vom Rothen Haus; 
Versteinerungen aus den Appenzeller Alpen. 
Von Hrn. Dr. Eman. Meyer: 
Bruchstück eines Wallfischknochens zu Neudorf bei Basel 
gefunden. 
Von Hrn. Rathsherr Peter Merian: 
20 Arten Petrefacten von St. Cassian in Tyrol; einige Ver- 
steinerungen aus dem Kanton Appenzell; 106 St. Versteine- 
rungen aus der Kreide und dem Uebergangsgebirge von Sach- 
sen, Böhmen und Schlesien; Versteinerungen von Pruntrut; 
eine Folge von Tertiär Petrefacten aus dem Mainzer Becken. 
Von Hrn. Dr. C. Streckeisen: 
Eine Sammlung von Gebirgsarten aus Böhmen. 
Von Hrn. Dr. Ludwig Mieg: 
Versteinerungen aus der Gegend von Basel. 
Von Hrn. Dr. Bieder in Langenbruck: 
Petrefacten aus der Umgegend von Langenbruck. 
Von Hrn. Bischoff-Kestner: 
Versteinerungen aus dem blauen /Veocomien Mergel von 
Neuchatel. 


264 


Von Hrn. Niel. Däublin in Efringen: 
Ein 8 Fuss langer Stosszahn des Mammuth Elephanten, bei 
Istein gefunden. 

Von Hrn. Pagnard, Professeur a lecole normale in Pruntrut, 
Sammlung von Petrefacten aus dem Portlandkalk der Umge- 
gend von Pruntrut. 


A Für die naturhistorische Bibliothek. 


Von Hrn. Dr. Mougeot, Vater in Bruyeres: 
-Innales de la societe d’ Emulation du Dep. des Vosges. 
IE NG 
Von dem Mannheimer Verein für Naturkunde: 
7r. und Sr. Jahresbericht des Vereins. 
Von Hrn. Dr. C. Streckeisen: 
Zeichnungen von Infusorien nach Ehrenberg in stark ver- 
grössertem Massstabe, 8 Blätter. 
Drei Ansichten und geognost. Karten von Gegenden Böhmens. 
Reuss, die Umgebungen von Teplitz und Bilin. 1840. 
Von Frau Thurneysen -Fäsch: 
Stedmann voyage a Surinam. 3 Thle. 
Von der industriellen Gesellschaft in Mülhausen: 
Bulletin de la societe industrielle de Mulhouse. NP.66—76 
Von Hrn. Dr. Stiebel in Frankfurt a. M.: 
Stiebel, die Grundformen der Infusorien in den Heilquellen. 
Von Hrn. Dr. Buckland in Oxford: 
Adress at the anniversary meeting of the geological 
Society at London. 1840. 
Von Hrn. Dr. Jaquot in Plombieres: 
Jaquot dissertation sur les eaux minerales de Plom- 
bieres. 1835. 
Von Hrn. Prof. Schönbein: 
Schönbein Beobachtungen über die elektrischen Wirkungen 
des Zitteraals. 4841. 
Von Hrn. Prof. Röper in Rostock: 
v. Blücher Untersuchung der Soolquellen bei Sulz. 1829. 
Von Hrn. Prof. Miescher: 
Treutler Observationes ad Helminthologiam humanı 
corporis. 1793. 
Von Hrn. Prof. Chavannes in Lausanne: 
Notice historigue sur le Musee cantonal du Canton de 
Faud. 1841. 


265 


Von Hrn. Fiscal R. Burckhardt: 
Ladeveze sur les eaux minerales de Saint- Galmier. 1838. 
Von löbl. Staats - Kanzlei: 
Abhandlungen aus der Naturlehre der K. Schwedischen Aka- 
demie der Wissenschaften. 41 Bde. 1749—83. 
A4nnuaire du Dep. du Haut-.Rhin pour 1812. 
Von Hrn. Cand. C. Rud. Preiswerk: 
Milne- Edwards, Elemens de Zoologie. 4 vol. 1840—42. 
Leonhard, Lehrbuch der Geognosie und Geologie. 1835. 
Cuvdier regme animal, accomp. de planches. Reptiles par 
Duvernoy. 
Von Hrn. Appellationsgerichtschreiber L. A. Burckhardt, J.U.D.: 
L. A. Burckhardt, der Kanton Basel, 1841. 
Von Hrn. Prof. Jäger in Stuttgardt: 
G. Jäger, über den Werth der Naturwissenschaften für die 
formelle Bildung der Jugend. 1841. 
Von Hrn. Rathsherr Peter Merian: 
Viollet artesische Brunnen, übersetzt v. Bruckmann. 1842. 
Rolland du Roguan, Description des coquilles fossiles 
de la famille des Rudistes. 1841. 
Leonhard, Geologie oder Naturgeschichte der Erde. Är. Bd. 
Hericart de Thury , Catacombes de Paris. 1815. 
Leop. v. Buch über Productus und Leptaena. 1842 
und eine Anzahl kleiner naturhistorischer Schriften. 
Von Hrn. Ulr. Schnell- Christ: 
Redi experimenta circa generationem Insectorum. 1671. 
Von Hrn. Prof. Leuckart in Freiburg im Br.: 
Leuckart observationes de zoophytis corallis. 1841. 
Von Hrn. Dr. R. H. Rohatzsch in München: 
Hope,Abhandlung über die Schlagadergeschwulstd.Aorta.1841. 
Sicherste Methode die Anwesenheit des Arseniks auszumit- 
. teln. 1842. 
Von Hrn. Prof. Eman. Linder: 
Beckmann, physikalisch-ökonomische Bibliothek. 20 Bde. 
Von der Societe Yaudoise des sciences natur elles : 
Bulletin de la Societe Vaudoise. N. 1—3. 


266 


DIE 


VERLEGUNG DES BOTANISCHEN GARTENS. 


Bei der Erbauung des neuen Spitals im Areal des ehemaligen 
markgräflichen Pallastes wurde der Wunsch rege auch den an- 
stossenden botanischen Garten mit der neuen Anstalt vereinigen 
zu können. In Folge desselben kam zwischen der Erziehungs- 
behörde und dem Stadtrath ein Vertrag über die Verlegung der 
botanischen Anstalt zu Stande, welcher den 7. August 1838 die 
Genehmigung des Grossen Raths erhielt. Aus dem von der Com- 
mission für den botanischen Garten im Dez. 1842 erstatteten 
Schlussbericht über die geschehene Verlegung entheben wir 
nachstehende Notizen. 

Gegen die Uebergabe des alten botanischen Gartens mit 
sämmtlichen zugehörigen Gebäulichkeiten, worüber unser erster 
Bericht S. S6 einige Angaben enthält, wurde von ]. Spitalpfleg- 
amt das Schneider’sche Gut, unmittelbar vor dem Aeschenthor 
angekauft. Es besitzt einen Flächeninhalt von 3 Juchart, 247 
Ruthen, 90 Fuss Schw. Mss. Derselbe wurde durch 1. akademi- 
sche Gesellschaft um 1, Juchart oder 133 Ruthen, 33 Fuss ver- 
mehrt, welche sie von einem anstossenden Gute um den Preis 
von 1000 Schw.Fr. erkaufte. Das ganze Areal der neuen Anstalt 
beträgt also 3 Juch. 351 R. oder fast 4 Juchart Schw. Mss. 

Zur Einfassung des Raumes wurden längs den beiden Seiten 
Mauern aufgeführt. Ein eisernes Gitter schliesst den Garten 
längs der vordern der Strasse zugekehrten Seite ab, ein blosser 
Haag den vorspringenden hintern Theil. Ein bereits vorhande- 
nes kleines Gebäude in der rechten Ecke der Vorderseite wurde 
zur Gärtnerswohnung, ein anderes zur Linken zu einem Wasch- 
haus und Holzschopf eingerichtet. Im mittlern Raum zwischen 


267 


beiden, doch in einigem Abstande von der Strasse wurde die 
Amtswohnung für den Professor der Botanik neu aufgeführt. 
Es umfasst dieselbe nebst einem gewöhnlichen Keller, einen 
sehr geräumigen Keller zur Aufbewahrung von Pflanzen; im 
Erdgeschoss nebstKüche und kleinem Esszimmer drei geräumige 
Zimmer für das Auditorium, die botanische Bibliothek und 
die Pflanzensammlungen; im ersten Stock sechs Wohnzimmer 
und ein Kabinet. Es ist ein freundliches wohnliches Gebäude, 
von gefälligem äussern Ansehen. In der Mitte des Gartens be- 
findet sich ein vom Abwasser des Brunnens genährtes Wasser- 
bassin, mit Wassergräben zu beiden Seiten, zur Aufbewahrung 
von Sumpfpflanzen. Diese sämmtlichen Bauten und Einrichtun- 
gen wurden vertragsgemäss durch 1. Pflegamt des Spitals ausge- 
führt. Dasselbe hatte ferner eine Summe von Fr. 5000 für die 
eigentliche Garteneinrichtung ausgesetzt. Man reichte jedoch 
mit derselben nicht aus, weil das Erdreich eine gründlichere 
Umarbeitung erforderte, als nach dem ersten Ueberschlag war 
angenommen worden. Die zu diesem Zwecke noch ferrer er- 
forderlichen Fr. 2500, wurden zur Hälfte aus dem Universitäts- 
fond, zur Hälfte durch die h. Regierung gedeckt. 

Ferner wurde in Folge des abgeschlossenen Vertrags durch 
1. Stadtrath ein laufender Brunnen mit einem Helbling Wasser 
und Brunnirog von Solothurner Stein aufgeführt. Dieselbe Be- 
hörde hat alsBeitrag an die Unterhaltung des Gartens eine Sum- 
me von Fr. 600 jährlich ausgesetzt. 

Endlich wurde ein geräumiges aus drei Abtheilungen Kalt- 
haus, Temperierthaus und Warmhaus bestehendes Gewächshaus 
erbaut, dessen Einrichtung sehr befriedigend ausgefallen ist. 
Zu den Kosten desselben hatte die h. Regierung einen Beitrag 
von Fr. 4000, 1. Stadtrath Fr. 2000, 1. gemeinnützige Gesellschaft 
ebenfalls Fr. 2000 ausgesetzt, und bei einer veranstalteten Sub- 
scription wurden zu diesem Zwecke eine Summe von Fr. 5865 
unterzeichnet, so dass für die Ausführung eine Summe von 
Fr. 13865 zu Gebote stand. 

Bereits im Spätjahr 1838 konnte der hintere Theil des alten 
Gartens der Spitalbehörde eingeräumt werden. Im Frühjahr 1839 
wurde das alte Areal vollständig geräumt und definitiv abgetre- 
ten. Zu Ende desselben Jahrs konnte das neue Gewächshaus 
bezogen werden. Im Juli 1840 fand der Einzug des Directors, 
der Bibliothek und der Sammlungen in das neue Local statt. 


268 


Die sämmtlichen Einrichtungen wurden im Jahr 1844 und theil- 
weise erst im Laufe des Jahrs 1842 vollendet. 

Wir dürfen unsere Befriedigung ausdrücken über die Art und 
Weise, wie bei dieser Gelegenheit durch vielseitige Mitwirkung 
von Behörden und Partikularen die Verjüngung und Erweiterung 
einer wissenschaftlichen Anstalt zu Stande gekommen ist, für 
welche in den Jahren 1777—80 die Regierung und der sel. LACHENAL 
so bedeutende Anstrengungen gemacht haben. Als einer andern 
schönen Unternehmung unserer Zeit die Verlegung unserer An- 
stalt nothwendig wurde, geht sie in vervollkommneter Gestalt 
auf die Nachkommen über, und gibt ihnen erfreuliche Kunde 
von der Ächtung für das was die Vorfahren zum Frommen der 
Wissenschaft gegründet haben. 


269 


BEITRÄGE 


für das Gewächshaus ım neuen botanischen 


Garten. 
Von Eh. Regierung v2... u net Fr. 4000. — 
Vomlohl. Staderacthr 2ER er »s 2000. — 
Von löbl. gemeinnützigen Gesellschaft _--- = 2000. — 


Fr. 8000. — 


Ferner von folgenden Partikularen: 


Herr Stadtrath Bischoff-Respinger -------- Fr. 240. — 
— Rathsherr Peter Merian ___--------- - 200. — 
— Oberst Vischer-Preiswerk ______-_.--_ : 200. — 
— Bqduard Merian... 2 22 re ER - 100. — 
— D. Forcart- Merian. 2.2.0, 0 E - 440. — 
— Borcart- Iselint sm = 1409 
— Rathsherr Felix Sarasin _--.-.-------- = 460. — 
—Balth> Thurneysen 1 Um el ... 41800. — 
— 7 Bischoff Bischoff - 2.2.0222 222222 » 4160. — 

Jete.Emilie kinder 220 N = 200. — 

Herr Rathsherr Elias Burckhardt __-______ - 400. — 
— Stadtrathspräsident Heussler ___.--__ . 70. — 
— Daniel Heussler ____:_:_--_-_-.... - 4140. — 
—  Vischer - Valentin2.2 2.2 mr m 2 Ser -e 400. — 
—ı(Staehelin- Christ" 222 an Dana De na ze 400. — 
—Keller-Paravicini_- 2.2.2.2... mn: = 283. — 
— Sam. Merian-Merian -----_----___. - 140. — 
—=Mben (Christ a Un a . 70. — 

Frau Burckhardt-Hoffmann ___.---------- = 4140. — 
— Rosine Burckhardt _-_-----__-----_- . In — 
Herr Bischoff-Kestner ______-___--__---_. = 40. — 
— Merian Forecast wu. ak - 100. — 
==) SBern om IE DENE NEE RE - 35. — 
— Pfarrer Friedr. Merian ------------- - 100. — 


Uebertrag Fr. 2859. — 


270° 


Uebertrag Fr 

Herr Vondermühll-Burckhardt ______--_--- = 
— Dreierherr Burckhardt _______--.-_._ z 

— »Huber» Apotheker 22 222.2 en 2 

= Sisiber- Bischoff - 222. ZP IRA M 2 z 

— Dr. Iebernoulli +... 2227-2722 = 

= nPrarrer Kraus pen. 22 ueL227, = 

—INGeIgy/-Preiswerkzen er er 2 2 

—uIselin-Porcartz.. 2 Nr mrmnl, 1 _ z 

ZW Iselin- Christ. 22 IE N z 

—: Peter Bischoff-Buxtorf___-_______-_ = 
— Leonh. Heussler- Thurneysen______-__- z 

—iUB.Obermeyer: 2.2... se z 

— Gedeon Burckhardt ------_____._____ - 

— Oberst-Lieutenant W. Bischoff ____-__ z 

— Apotheker Hagenbach ___-.--__--.--_ z 

— Rathsherr Burckhardt- Imhof __.--__.. = 

-——..Iselin- Burckhardt #ı 9a 1U a2 Tara e 

—  Wielandt-Rottmann.-.---.--_-22_-____._ z 

—  H. Gemuseus--Respinger --___---__--. z 

-S=JlohusRissenbach 222 2 En 2772 r 

= Iselin- Wettstein?= 27r 8 2 PIE z 

—  Vondermühll- Hoffmann ___.-_-----.-- 2 

Ze Bischoff-Iselin222.2. FI EIER ITIET ” 

Frau Vischer-Borcartı 22222. 2 BEN IF aT SEE = 
Jsiz=Bsther ‚Korean et . 
Herr .J. .J- Burckhardt Rrey2l 2 2 Ira 2272287 E 
—+ Apotheker Wettstein=. (er zur 22272 - 

—» Jen aMerian- Burckhardt Er ar Seine z 

Frau Streckeisen-Gaesar -__-____-_-_-____ - 
Unsenanntazl.n 22222 02R 28 22 z 
Herr Stadtrath Christ-Bischoff ____-_.--.-__ - 
—: J Preiswerk-Burckhardt::________-_ > 

— Dr.-Hagenbach , Vater222_._2_2r 827 _ = 

—* Dr. -Raillard- =... 2 ei EL 22] z 

— Christoph Merian-Burckhardt__--.___ z 

— E. Thurneysen-Paravicini _-__------ z 

—  Mieg-Hoseha- en na dt 3 


Christoph de J. J. Burckhardt : z 


Uebertrag Fr. 


. 2859. 
140. 
160. 


W m MC MD 
oo m 0 DD 5 


. 50 


271, 


Uebertrag Fr. 4308. 50 


Frau Thurneysen-Faesch __-_-______- NIE 702 
Herr Cand. Preiswerk - Fürstenberger______ 16. — 
-—— (Rectomsbarochesı er Zu a an ne 8... de 
— Rathsherr Andr. Heussler __--____._ 050, 
Jsfr. Salome Vischer) 2. 22 2 wma 222 =. 400. — 
Frau Preiswerk-Iselin -_.___-_----.-... £ 50. — 
Herr Fürstenberger -Debary _-_---------- > 16. — 
— Bürgermeister C. Burckhardt ___.---_- -. 4140. — 
— ‚Sulger-iStaehelin u - ni. 22222202 .1% , A 
— : D. Burckhardt-Forcart __--_-__--_. . 414. — 
— #5 Burckhardt Korcart  2........2.22. - 414. — 
enProtaWWischerz u. au Bulle £ 14. — 
—-, sDrABudw. De Wette... 22 2e ı 2 un! - 35. — 
— Prof. De Wette ____.--. LEARN ER » 80. — 
—Prot=-ARud.2 Meran - 420. — 
— Ben. Burckhardt-Bernouli_.-__----.-_ = 100. — 
= Dr>,Christoph“Burckhardt 2. 2.0 222 .- 1. — 
—ı BriedesHeussier a Se ee = 35. — 
— Tseln SRaroches 3 en x 16. — 
— Paravicini-Preiswerk -------------- z 16. — 
u lselinDebaryız una. nee rer s 16. — 
u Nbesiselin-Iselin. al ea ra z 16. — 
— Werthemann-Vondermühll_-.__--_-.. = 10. — 
— Carl Zimmerlin Sa 02 So ME - 14. — 
= Helix? Sarasın), Vater zu re s 35. — 
— #Ronus- Gemuseust A Zur 2 22 gen ar 2 1A. — 
— Nic. Bernoulli- Obermeyer BERNER IRRE = 16. — 
— Prof Briedr. Rischer - .. um. s 14. — 
— Passavant-Streckeisen-------------. = 35. — 
m oser-Kallmer\ .._\... 12 \ - 14. — 
2 1Socin-Krey, sun... 2. al z 14. — 
— Obersthelfer Linder________-____.--- = 44. — 
— Wilh. Burckhardt-Forcart ___-----_-- = 40. — 
— Je. Gone. Rapp a min - 35. — 
— dC. Burckhardt-Vischer _-- ---------- = 16. — 
= Vischer& Passayana a 2,2 Neusnı = 4100. — 
— B. Staehelin-Merian _____---------- = 14. — 
— DB. Werthemann-Burckhardt -------- z 21. — 


Uebertrag Fr. 5728. 50 


272 
Uebertrag Fr. 5728. 50 


Ungenannt:+ Mur... HIER Bam .- 1. — 
Herr Vondermühll-Bischoff_____---_---__ . U 
— Ben. Staehelin-Bischoff _-__-_-_... . 21. — 
— Antistes®I.2Burckhardt.. sea: E 7.— 
— Pfarren sWiollebr 22: . ey 2 IN 2er » 7. — 
—-sNic-ABruderlinv- Zee. HI EEE 5 7. — 
— Aug. Laroche-Burckhardt _-------.- ee 1.— 
— Christ. Buxtorf-Preiswerk __-------- = 7. — 
— Oberst-Lieutenant Andr. Werthemann = 17. 50 

Fr. 5865. — 


Ausserdem wurden unterzeichnet für ein einfaches Denkmal 
zu Ehren LAcHENAL’s, von 


Hrn. Rathsherr Felix Sarasin _--___-_-____ Fr. 40. 
— Vondermühll-Burckhardt _-___-__-_--- = 24. 
—. Je, @. Dhurneysenner 2 _ ee >18- 


Fr. 72.